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Aktuelles Heft

INHALT #268

Titelbild
Editorial
• das erste: Die beste Sonntagsbeschäftigung
Sophia Kennedy
Flying Wheels Skateworkshop: Frauen- und Mädchen-Empowerment
»The Great Connewitz Swindle« oder wie der Mythos nach Connewitz kam
• interview: »Die Fettnäpfchen sind uns egal. Nur wenn man die Dinge diskutiert, kommt man zum Kern.«
• review-corner buch: Historischer Materialismus der Computerspiele
• review-corner event: „Allein unter Briten“ – Lesung mit Tuvia Tenenbom
• position: »Das ist kein Antisemitismus...« – Warum #FreeGazaFromHamas immer noch heißen muss, auch die deutsch-iranischen Wirtschaftsbeziehungen zu kritisieren
• doku: Redebeitrag des Bündnis gegen Antisemitismus
Antisemitismus im Postkolonialismus
Gedichte von Hilde Domin
»Antizionismus ist Antisemitismus, und die Welt kann diese Tatsache nicht ignorieren«

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»Die Fettnäpfchen sind uns egal. Nur wenn man die Dinge diskutiert, kommt man zum Kern.«

Im Mai dieses Jahres trafen sich zwei Leute aus dem Umfeld des Conne Island mit drei Vertretern des Roten Salon zu dem hier gekürzt dokumentierten Gespräch. Das Interview in Gänze erscheint auf der Webseite des Roten Salons. Den Text »The Great Connewitz Swindle« stellt der Rote Salon am 28.09.2021, 19 Uhr, im Conne Island zur Diskussion.

Frage: Im Dezember 2020 habt ihr die Broschüre The Great Connewitz Swindle veröffentlicht,(1) und dort die Mythenbildung um Connewitz hinterfragt. Konntet ihr eine linke Diskussion im Viertel anregen? Oder seid ihr einfach raus aus der Szene?

Antwort: Wahrscheinlich sind wir ganz schön raus. Viele sehen den Roten Salon nicht mehr als Teil der radikalen Linken und finden es daher unerheblich, was wir schreiben. Es ist allerdings heute gar nicht so einfach, eine Diskussion zu führen. Natürlich ist die Frage: Was ist der Maßstab für eine »große Diskussion«? Für unsere Verhältnisse gab es eigentlich recht viele Reaktionen. Wir hatten schon weniger Feedback, etwa auf unsere Kritik am Anti-Heimat-Abend von Thomas Ebermann und Torsten Mense.(2) Zum Great Connewitz Swindle gab es Statements auf der Mailingliste des Roten Stern, es gab Rückmeldungen auf Social Media. Leute aus unserem sozialen und politischen Umfeld haben reagiert. Und beim Verteilen der Broschüre vorm »Schwan« wurde uns gesagt, dass so etwas da nichts verloren habe.

F: Wird der Rote Salon bewusst aus dem Diskursraum der radikalen Linken ausgeschlossen?

A: Wir würden nicht von der radikalen Linken, sondern eher von Szene sprechen. In dieser Szene hatten wir mal ein gutes Standing. Da kamen 250 Leute zu unseren Veranstaltungen ins Conne Island. Aber je mehr wir uns kritisch mit Themen der Linken beschäftigt haben, umso mehr sank das Interesse. Als Wendepunkt mag der Text zu den G-20-Protesten in Hamburg im Jahr 2017 stehen. Im Vorfeld hatten wir die martialische Rhetorik der Mobilisierung kritisiert, was für Viele das Fass zum Überlaufen brachte.(3) An Beispielen wie diesen wird klar, dass wir Positionen vertreten, die nicht gut ankommen und deshalb als unwichtig abgetan werden. Daher sind wir schon unzufrieden, dass es keine qualifizierten Reaktionen auf The Great Connewitz Swindle gab. Es macht sich kaum jemand die Mühe, den Text, an dem sich offensichtlich viele reiben, mal auseinanderzunehmen. Das ist schon ein bisschen tragisch und zeigt den Diskursverfall in der Szene.

F: Hat das mal besser geklappt? Oder gibt es gerade allgemein wenige derartige Diskussionen?

A: Für die Broschüre hat das sicher auch mit Corona zu tun. Wir haben oft ein Thema unter uns diskutiert, manchmal auch etwas dazu geschrieben, meist aber eine Veranstaltung gemacht. Das war mal interessanter, mal weniger, und im Fall der Broschüre hat das Schema nicht funktioniert. Wir haben sie Mitte Dezember 2020 veröffentlicht und hätten sie gern kurz vor Silvester im Conne Island vorgestellt. Das hat der Lockdown verhindert.

F: Aber stilisiert ihr euch mit der These nicht zu Märtyrern, eure Positionen seien in der Linken nicht mehr willkommen?

A: Naja, Märtyrer sind Leute, die sterben für eine Position, von der sie absolut überzeugt sind. Wir sind eher notorische Zweifler und Schlechtmacher. Die heldenhafte Position des Märtyrers steht uns nicht gut. Wir würden uns nicht erschießen lassen; eher weglaufen … oder lügen, bevor uns jemand wehtut. Wir sind Realisten. Und realistisch sein heißt: Wenn wir etwa der Jungle World einen Text anbieten, kriegen wir die Rückmeldung: Es gibt Kritik, wir wissen nicht, ob wir das bringen können. Seit dem G-20-Text werden unsere Artikel nicht mehr mit Freude angenommen, sondern die Feuilleton-Redaktion muss die durchkämpfen. Aber das ist natürlich keine inhaltlich fundierte Kritik. Genauso wenig, wie wenn uns in Bezug auf die Connewitz-Broschüre entgegengehalten wird, dass wir nicht hierhergehören. Es ist bloß das Signal: Wir sind nicht mehr »szenezugehörig«. Das nehmen wir zur Kenntnis, inhaltlich ist es aber hohl.

F: Was wurde an dem G-20-Text als problematisch bewertet?

A: Im Prinzip ging es um linksradikale Militanz. Welchen Sinn es hat, wenn man beim G-20-Gipfel in Hamburg auf die Straße geht und die Stadt brennen lässt? Und das war eingebettet in eine Auseinandersetzung mit der Mobilisierung, die darauf hinauslief, dass es diesen Krawall geben wird. Zugleich war aber ersichtlich, dass die dort formulierte Kritik an Kapitalismus, Deutschland oder Globalisierung nicht weiterbringt. Unterm Strich war unsere These, das dortige Spektakel diene eher einer linksradikalen Selbstbestätigung und deswegen brauchte es die Militanz. Denn viele Elemente der inhaltlichen Kritik an Globalisierung oder aktuellen Auswirkungen des Kapitalismus werden eigentlich in der Gesellschaft schon von anderen Akteuren vertreten – von Parteien, von NGOs. Es gibt etwa eine große Offenheit, was die ökologische Krise betrifft.
Wir sind dann verschiedenen Spuren gefolgt, etwa einer bestimmten Hooliganmanier: Es kursierten Mobilisierungsvideos im Hip-Hop-Style, in denen das Verprügeln von Polizisten ausagiert wurde. Das hatte viel mit subkultureller Gangbildung zu tun, aber wenig mit inhaltlicher Kritik. Es hat zu dem anarchistischen bzw. insurrektionalistischen Hype gepasst, den es um den Gipfel gab. Und das kam nicht gut an.

F: Linke Politik macht sich aber nicht nur an Nachhaltigkeit und Ökologie fest. Verlangen nicht Themen wie überbordender Finanzmarktkapitalismus nach einer linken Kritik? Oder die Übertragung von neoliberalem Wettbewerbs- und Konkurrenzdenken in das Subjekt hinein?

A: Die Frage klingt ein bisschen, als würden wir jeden Ansatzpunkt infrage stellen, an dem linke Kritik ansetzt. Unser Selbstverständnis ist: Wir schauen unsere Umgebung an, so etwas wie die G-20-Proteste, sehen, die Mobilisierung geht in eine falsche Richtung, und dann kritisieren wir das. Oder: Wir gucken uns den Umgang mit dem Mythos Connewitz an, sehen, wie sich der Kiez und das Straßenbild verändert haben, wie Demonstrationen laufen. Da zeigt sich eine gewisse Retraditionalisierung: Warum gibt es diese Rückentwicklung gemessen am Maßstab der späten 1990er oder frühen 2000er Jahre? Was etwa das Äußere, die linke Ästhetik, die Parolen, die Begründung der Militanz betrifft. Und warum kritisiert das niemand? Warum sagt das Conne Island nichts? Kriegen wir das nur nicht mit? Und wir diskutieren das dann. Wir sitzen nicht im Plenum und sagen: Was haben wir denn jetzt an linken Ideen noch nicht kritisiert?
Trotzdem sprichst du einen interessanten Punkt an: Die Integration von Marktlogiken in das Individuum. Das wurde m. E. eine Zeitlang breit diskutiert; gerade eher weniger. Derzeit fragen wir uns: Passen bestimmte Themen, die in der Gesellschaft diskutiert werden und die gemeinhin als links gelten – etwa ökologisches Bewusstsein, Antidiskriminierung – nicht ganz hervorragend mit den genannten kapitalkonformen Subjektivierungsweisen zusammen? Nehmen wir als Beispiel die Konsumkritik. Da geht es darum, das richtige Essen zu essen, den richtigen Sport zu treiben, sich richtig anzuziehen. Ist das nicht eine Form von Subjektivierung, die sich in bestimmten sozialen Feldern und auf bestimmten Märkten besonders gut verkaufen lässt?
Muss man dann nicht die Linke dafür kritisieren, dass sie an diesem Punkt eine Avantgarderolle einnimmt, ohne es zu merken, und dazu beiträgt, dass bestimmte thematische Felder von der breiten Politik übernommen werden? Weil es eben die CDU ist, die die Atomkraft abschaltet. Das machen ja nicht die Grünen, sondern eine Bundeskanzlerin Angela Merkel. Weil die CDU die Wehrpflicht abschafft. Nicht eine linke Regierung, sondern eine der Mitte. Muss man das nicht kritisch beleuchten?
Um das noch mal an den Connewitz-Text anzubinden: Warum werden diese Positionen so militant behauptet? Wo doch die Militanz keine Erfolge erzielt. Denn: Was ist der konkrete Erfolg ständiger Krawalle für den Kiez? Welcher Freiraum wird errungen, welches Haus wird nicht gebaut, weil man die Gentrifizierungslogik angreift? Was ist der Nutzen? Unsere These: Es gibt keinen! Was man damit erreicht ist: Die eigene, unverwechselbare Subjektivität zu präsentieren. Dann hast du so etwas wie einen Marker für deine eigene Position.
Und du machst das in einer Situation, wo um dich herum eigentlich nur Zustimmung existiert. Weil nämlich der Bürgermeister, die regierenden Parteien der Stadt im Großen und Ganzen mit dir übereinstimmen. Die wollen einen alternativen Kiez, die wollen, dass es sozialen Wohnungsbau gibt, die wollen nicht, dass es nur Gentrifizierungsgewinner gibt, die alle anderen verdrängen. Denn sie wollen, dass die alternative Kultur bleibt. Was machst du also, wenn du hier demonstrierst und es krachen lässt? Du hast so etwas wie ein symbolisches Alleinstellungsmerkmal.

F: Zugleich gibt es ja die Versuche, sich so weit wie möglich von der Stadt, vom Oberbürgermeister, von jeglichen staatlichen Akteuren abzugrenzen. Wenn man zum Beispiel an das Stadtteilgespräch denkt, dass es im Frühjahr 2020 geben sollte, nach den Silvesterkrawallen. Da sagten viele Gruppen ab: Braucht man diese Zurückweisung, um das eigene rebellische Verhalten zu rechtfertigen?

A: Na klar. Das ist die alte Frage von Reform oder Revolution. Wenn dich der OB einlädt, bist du auf dem Reformflügel angekommen. Und da könnte es passieren, dass du tatsächlich konkrete Forderungen stellen musst, die irgendwie umsetzbar sind. Es könnte sogar passieren, dass der OB sagt: Wir bilden irgendeinen Ausschuss, und da laden wir euch ein. Und dann kommt eben Kritik von denen, die eigentlich lieber Krawall machen wollen und am Kreuz die Steine ausbuddeln: Du sitzt genau mit denen zusammen, gegen die wir doch auf die Straße gehen!
Vielleicht hat man aber gar keine Forderungen mehr. Sonst würde man doch so ein Gespräch nutzen, um sie vorzutragen. Man könnte versuchen, diesen Aushandlungsprozess unter möglichst »radikalen Bedingungen« zu gestalten, Maximalforderungen formulieren. Aber einfach abzusagen, zeigt nur, dass man gar nichts will. Man findet Gentrifizierung scheiße – und das ist sie auch –, aber man hat überhaupt keine Idee, was man dem entgegensetzen will. Denn trotz Gentrifizierung kriegt man zum Beispiel den Fußballplatz für den linksradikalen Sportverein. Und man bekommt auch das nächste Kulturzentrum – auf dem ehemaligen Gelände des Black Triangle –, und die Stadt bezahlt es. Da ist es schwierig, für Freiräume zu kämpfen, denn man bekommt die Freiräume ja, die sind gewachsen und nicht geschrumpft in den letzten Jahren.

F: Wir möchten nochmal auf Gewalt und Militanz zurückkommen: Ihr könnt uns gern korrigieren, aber: Standet ihr, als ihr noch jünger wart, nicht häufiger in der ersten Reihe, wenn es um das handgreifliche Durchsetzen politischer Ziele ging? Ist die Kritik dann auch das Hadern mit der eigenen Vergangenheit und der Wunsch, dass es die nächste Generation mal besser macht als man selbst?

A: Allzu sehr aufladen würden wir das gar nicht. Aber ja, man kann bestimmte Aspekte aus eigener Erfahrung herleiten. Wenn man sich etwa das zweite Beispiel in der Broschüre anschaut – die Krawalle am Kreuz 1998–2003: Man kann aus heutiger Sicht keine politischen Forderungen oder Ziele rekonstruieren, die nachvollziehbar vertreten wurden. Weil gesamtgesellschaftliche Veränderungen eintraten, die die radikale Linke zum Umdenken zwangen. Und diese gewandelten Rahmenbedingungen wurden im Krawall sozusagen verdeckt. Tatsächlich waren einige von uns dort dabei, und im Abstand von 20 Jahren muss man sagen: Das war großer Quatsch! Ähnliches gilt für die rituellen Gewaltausbrüche, die sich in den letzten Jahren zyklisch wiederholen. Wenn man die hinterfragt, bleibt am Ende nicht viel mehr übrig als platter Symbolismus.

F: Könnte man sich dann nicht ganz entspannt zurücklehnen? Denn bei den Akteuren handelt es sich ja größtenteils um junge Männer zwischen 18 und 30, und in weiteren 20 Jahren werden die genauso denken wie ihr.

A: Ja, es geht dort auch um junge Männer, die Banden bilden. Deshalb geht das mit bestimmten Aspekten der Ultrakultur so gut zusammen. Man teilt ein bestimmtes Hobby … Aber es ist ja nicht so, dass es keine Frauen gibt, die das gut finden und diese Praxis vertreten. Und es ist zu einfach zu sagen, das verläuft sich im Alter. Denn es gibt auch den Fall, dass diese Praxis nicht geändert wird, sondern weiterhin theoretisiert und affirmiert wird und dann als Mythos verteidigt und gepflegt wird. Dann braucht und kann man keine guten Gründe anführen, sondern es reicht zu sagen: In Connewitz hat es immer geknallt! Das kann dir auch eine 60-Jährige radikale Linke aus Westdeutschland sagen, die meint, dass Militanz eben dazugehört. Und deswegen ist es schon gut, nicht den Lauf des Generationenwechsels abzuwarten, sondern nachzufragen: Was sind die Gründe, warum dieser Krawall gut ist? Aber tatsächlich haben wir es in dem Text versäumt, zu formulieren, dass wir ein Teil davon waren. Ja, wir waren in den 1990er Jahren diejenigen, die das mit angefangen haben, wir reden da auch über uns und das war auch unsere Idee. Wir waren Teil einer großen Unsinnsproduktion oder der Produktion linker Ideologie.

F: Ihr sagt, Militanz war und ist Selbstzweck und hat keine wirklichen Ziele. Es gibt aber Kontexte – gerade auf dem Land, wo Militanz notwendig war und ist, weil es die Bedrohung durch Nazis gab und gibt.

A: Klar, da hast du Recht. Das haben wir selbst so erlebt, sei es in Leipzig oder anderswo im Osten. Auf Angriffe von Nazis und die Verteidigung dagegen kann man das Selbstzweckargument nicht anwenden. Aber die Beispiele in der Broschüre gehören schlicht in eine andere Kategorie. Ans Kreuz zu gehen, zu Silvester oder zu bestimmten festen Terminen wie am 13. Dezember, und dort die Auseinandersetzung zu suchen, nicht weil man bedroht wird, sondern ganz offensiv, um einem Ritual zu folgen.

F: Läuft man da nicht Gefahr, dass man aus der links-akademischen Wohlfühloase Leipzig-Süd heraus die Situation falsch einschätzt? Vielleicht seid ihr bloß nicht mehr in dem Maße von Nazis bedroht. Aber man hört immer noch fast täglich von solchen Übergriffen.

A: Stimmt. Die Frage ist, in welchem Kontext man diese Informationen interpretiert. Das eine ist, zu sagen, dass man auch in ländlichen Gebieten die Bedrohung durch Nazis zurückdrängt. Das wäre ein zivilisatorischer Fortschritt. Dieses Ziel teilt die Antifa aber heute mit der CDU. Und weil Antifaschismus so eine Art Identitätsmarker der radikalen Linken ist, neigt sie dazu, die Gefahr des Rechtsextremismus oder des Nazismus zu übertreiben. Konkret sieht man das an der Rede von der »Faschisierung der Gesellschaft«, wie im Aufruf der Sozialen Kampfbaustelle Connewitz von 2019. Was versteht man denn unter Faschismus? Wenn Faschismus die Kraft der Jugend, Antimodernität oder starke Kritik an der modernen Gesellschaft, das Loblied auf männliche und militärische Stärke, auf Führer und Gefolgschaft ist ‒ wo sieht man das? Bei der AfD, wo die Vize-Bundestagsfraktionsvorsitzende mit einer Frau aus Sri Lanka in einer eheähnlichen Beziehung lebt und zwei Kinder großzieht? Ist das der Faschismus? Das ist Rechtspopulismus, und der ist widerwärtig, aber es ist nicht Faschismus. Höcke ist Faschist, sogar Nationalsozialist, aber der ist doch nicht die treibende Kraft, der tatsächlich die Gesellschaft vor sich hertreibt, sondern es ist so, dass die AfD von allen Seiten Feuer kriegt und niemand mit ihr koalieren will. Das mag sich ändern in vier, fünf Jahren, dessen muss man sich gewahr sein, das muss man ernst nehmen.
Aber es gibt keine Faschisierung. Was es gibt ist ein Rückgang von rechtsextremen Einstellungen in der Bevölkerung seit 2002. Zu dieser Zeit wurden die Mitte-Studien aufgenommen, die zeigen, dass die Zahlen zurückgehen, verglichen mit den 1990er Jahren. Sicher gibt es weiterhin rechtsradikale Gewalt und Gewalt gegen Flüchtlinge, es gibt im Vergleich zu früher aber auch eine sofortige Skandalisierung. Und den Versuch, das rechtsstaatlich zu bekämpfen. Das hat sicher Ecken und Kanten, aber seit dem NSU-Skandal gibt es eine neue Aufmerksamkeit. Neonazismus ist ein No-Go, zumindest bei den Eliten und auch den relevanten Kräften in der Öffentlichkeit. Das ist ein riesengroßer Unterschied zu einer »Faschisierung der Gesellschaft«.
Was es im Gegenteil gibt, ist eine gesellschaftliche Liberalisierung und alles was die Linke jetzt skandalisiert, hat damit zu tun, dass alle sensibler geworden sind für diese Themen. Die Aufmerksamkeit führt dazu, dass mittlerweile auch das kleinste Anzeichen einer rechten Chatgruppe wahrgenommen wird. Jetzt bringen es die sozialen Medien ans Licht.

F: Relativiert diese Position nicht, was an autoritären Einstellungen sehr wohl da ist? Man darf nicht vergessen, dass staatliche Behörden erst seit dem NSU genauer hinschauen. Erst seitdem werden regelmäßig Chatgruppen aufgedeckt. Und was ist mit dem Mord an Walter Lübcke, NSU 2.0, Hanau und Halle? Da kann man sich doch nicht zurückzulehnen mit dem Argument, Deutschland wird gerade liberaler. Und da haben wir über die AfD-Wahlergebnisse im Osten noch gar nicht gesprochen!

A: Zurücklehnen als symbolische Praxis scheint uns gerechtfertigt, wenn es um einen Alarmismus geht, der in erster Linie der Identitätsstiftung dient. Die Antifa muss übertreiben, damit sie in einer Gesellschaft, die hochgradig sensibel für Neonazis ist, noch eine Existenzberechtigung hat. Sie beschwört unablässig den Faschismus. Eine neonazistischste Partei wie der »Der Dritte Weg«, hat vielleicht 500 oder 600 Mitglieder, d. h. jeder Kleingartenverein hat mehr. Um uns nicht falsch zu verstehen: Diese Typen sind gefährlich, greifen zur Not zur Waffe. Sie sollten vom Staat beobachtet werden, und wenn sie auf die Fresse kriegen von Antifas würde wohl keiner von uns trauern. Die Frage ist doch aber, wie man es politisch einschätzt, wenn die eine Demo machen: Droht dann die Faschisierung? Es geht nicht darum, sich zurückzulehnen, sondern analytisch zu schauen, welche Aufmerksamkeit gibt es für dieses Phänomen, was sagt die Gesamtgesellschaft dazu, was haben die Nazis für eine politische Relevanz. Und klar müsste man über die AfD nochmal gesondert diskutieren.

F: Ihr sagt zwar, dass es Entwicklungen gibt, die man ernst nehmen muss. Und trotzdem sind sie für euch kein Gegenstand der Kritik. Ihr kritisiert fast ausschließlich die Linke. Warum? Ist das wie bei den Demonstranten am Kreuz, die den Krawall zur Selbstvergewisserung anzetteln, und der Rote Salon baucht die Provokation der Linken?

A: Naja, aber mit einer klaren Perspektive: Wenn es keine rituellen Krawalle mehr gibt, müssen wir das nicht mehr kritisieren.

F: Wäre das erstrebenswert?

A: Na sicher, dann könnten wir uns interessanteren Fragen widmen. Nimm dagegen die Leute, die zum Krawall ans Kreuz gehen: Was ist deren Ziel? Das zeigt sich an der üblichen Begründung für Spontis in Connewitz, die momentan ja meist auf »die« Repression abheben. Das hat seinen Ursprung derzeit in der Festnahme von Lina, aber dann läuft eine Feedbackschleife: Es gibt eine Demo gegen Repression, auf dieser Demo macht man irgendwas, sagen wir: Bengalos auf Balkone werfen oder mal wieder in der Biedermannstraße die Scheiben der Polizeiwache zerkloppen. Dann wird das strafverfolgt, und dann kann man wieder gegen Repression demonstrieren. Und dieses Spiel hört nicht auf, während wir sagen würden, wenn am Kreuz nichts mehr passiert zu Silvester, dann haben wir Zeit, uns mit etwas anderem zu beschäftigen.

F: Was ist denn euer politisches Ziel?

A: Schwierige Frage, weil es innerhalb des Salons unterschiedliche Positionen gibt. Einigkeit besteht darin, dass man Missstände in der Linken kritisieren muss. Das ist wenig und sicher keine konkrete Perspektive und wird oft als Krittelei wahrgenommen. Aber so ist es eben.
Im Hintergrund stehen Kategorien der Kritik aus der Sozialisation als Linke und der Beschäftigung mit linker, sei es marxistischer, sei es kritischer Theorie. Von außen erscheint das dann als »rechtsantideutsch.« Die Agenda ist, Irrwege linker Kritik aufzuzeigen und Argumente dafür vorzubringen, dass die Leute überdenken, was sie tun. Auch weil das weiterhin unseren Alltag bestimmt. Wir wohnen hier, wir kennen die Leute, wir sind damit konfrontiert und wir interessieren uns dafür. Darauf können wir uns in der Gruppe einigen. Ansonsten gibt es Leute, die haben noch eine kommunistische Utopie und welche, die eher sagen: Antikapitalismus oder Kommunismus, das funktioniert nicht. Versuche hat es historisch gegeben, aber die Linke hat’s vergeigt.

F: Wir möchten noch ein anderes Thema anschneiden, das man an der Linken momentan sehr gut kritisieren kann, nämlich Identitätspolitik. Ist das euch zu Mainstream, weil es inzwischen die FAZ, die Welt und der MDR machen oder drohen da Fettnäpfchen?

A: Die Fettnäpfchen sind uns egal. Nur wenn man die Dinge diskutiert, kommt man zum Kern. Aber das Thema ufert so aus, dass man kaum hinterherkommt. Wir haben das immer mal diskutiert, nach der Wahl von Donald Trump etwa. Und auf unserer Veranstaltung »Notwehr oder Rassismus?« haben wir mit Philip Manow und Silke van Dyk über das Thema gesprochen.(4) Silke van Dyk hat ihren rebellischen Universalismus verteidigt, der sich sehr positiv auf Identitätspolitik bezieht und sagt, dass wir ihr bestimmte historische Errungenschaften verdanken. Und dass dies nur möglich war, weil Individuen und bestimmte Gruppen Diskriminierungserfahrungen haben und daher bestimmte widerständige Selbstverständnisse entwickelten. Dem gegenüber meinte Philip Manow, der wahrlich kein Marxist ist, diese Sicht sei recht unmaterialistisch. Man sollte sich mehr um ökonomische Fragen kümmern, was er etwa an der Sozialstaatlichkeit festgemacht hat. Die Debatte ist lang, sie geht weiter und es ist schwierig, dort noch neue Positionen zu finden.

F: Man könnte aber den Bogen zum Anfang spannen und sagen, dass die Linke diese Debatten vorbereitet hat. Auf einem Vernetzungstreffen verschiedener Clubs vor fünf, sechs Jahren, nachdem es im Conne Island Übergriffe vonseiten Geflüchteter gab, stand am letzten Tag eine Frau auf und meinte, wir sollen mal unsere Privilegien checken. Heute ist das Thema in Welt, MDR und LVZ angekommen. Ähnlich andere Fragen: Einführung der Homoehe, Abschaffung der Atomkraft oder jetzt bei der Klimafrage. Die Linke hat diese Themen vorbereitet.

A: So wie du das sagst, klingt es positiv. Die Linke ist die Avantgarde und am Ende kommt eine bessere Gesellschaft heraus. Bis zu einem gewissen Punkt ist das richtig: Es ist gut, dass es die gleichgeschlechtliche Ehe und Errungenschaften der Geschlechtergerechtigkeit gibt. Aber das ist ein Erfolg von Kämpfen der Schwulenbewegung und des Feminismus, nicht unbedingt der radikalen Linken. Die hat das am Anfang nicht interessiert.
Verblüffend ist aber, wie sehr diese Entwicklung mit dem Wandel des Kapitalismus einherging und mit der Verinnerlichung marktkonformen Handelns. Welchen Stellenwert hatten diese Debatten dabei? Eine Folge dieser Wandlungen ist, dass bestimmte soziale Schichten, die vor 10, 20 Jahren noch ganz gut dastanden, jetzt sozial absteigen. Und das betrifft nahezu ein Drittel der Gesellschaft. Die erfahren weniger kulturelle Anerkennung, müssen Lohneinbußen hinnehmen. Die Frage ist: Wird deren Lebensperspektive auch angemessen repräsentiert?
Das Eintreten für Diversity, für Feminismus, für verschiedene geschlechtliche Selbstverständnisse vernebelt mitunter den Charakter des Kapitalismus. Denn die Befürworter, die treibenden Kräfte dieser Debatten sind Akademiker, denen es relativ gut geht. Die gehören zu dem Drittel, das gesellschaftlich aufsteigt, weil sie qua Ausbildung die besseren Jobs kriegen, in der Wissensökonomie, in der gehobenen Dienstleistung, wo Intellektualität und akademische Skills zählen. Die finden aber bestimmte Probleme nicht so wichtig. Weniger Jobs in der Industrie etwa, wenn in der Lausitz Leute arbeitslos werden oder wenn Putzfrauen sich totschuften. Das ist nicht deren Perspektive. Und trotzdem können sie progressive Positionen haben zu Sprachgerechtigkeit und Diversity.
Und die radikale Linke ist selbst Teil dieses sozialen Segments mit den akademischen Ausbildungen und den entsprechenden Jobs. Im Diskurs der Identitätspolitik hat der Mainstreamproletarier nichts mehr zu sagen, er gehört nicht, mit Andreas Reckwitz gesprochen, zur Gesellschaft der Singularitäten.(5) Da zählen der besondere Konsum, das richtige politische, ökologische und Diversity-Bewusstsein. Der Bratwurstproll hat kaum noch eine politische Vertretung, schon gar nicht in der radikalen Linken, und das ist eine Schattenseite der Identitätspolitik.

F: Danke für das Gespräch.

A: Danke für eure Fragen.

Anmerkungen

(1) https://roter-salon.conne-island.de/the-great-connewitz-swindle.
(2) https://roter-salon.conne-island.de/eine-besichtigung-des-grauens.
(3) https://jungle.world/artikel/2017/26/hoelle-hoelle-hoelle-der-vorschein-des-schlimmeren.
(4) Das Gespräch ist in gekürzter Form nachlesbar in: Phase 2, 58/2021, 15–20.
(5) Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin 2017.

20.09.2021
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