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#261, März 2020
#262, August 2020

Aktuelles Heft

INHALT #262

Titelbild
Editorial
• das erste: Die Wiederentdeckung des revolutionären Subjekts Arbeiterklasse als Ausdruck linksidentitärer Sehnsucht
• inside out: Jahresbericht 2019
• sport: Wenn Skateboarding zum Sport wird.
• leserInnenbrief: Bedenke was du trinkst, mein Kind
• position: Freie Zeit mit Corona
• doku: Konzerte in Zeiten von Corona: Livebranche am Abgrund
• doku: Corona und die Ernte
• doku: Corona und der kommende Aufschwung
• doku: Antisexistische Selbstjustiz: Der Richter bist du!
• das letzte: Alleinstellungsmerkmal Herkunft

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Corona und die Ernte

Ob Studierende oder Asylsuchende, in der Corona-Krise fehlte es nicht an Vorschlägen der Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), Spargelstecher/innen aus volkswirtschaftlich für wenig produktiv geltenden Personenkreisen zu rekrutieren. Doch Antimilitarist/innen verpassten trotz der unablässig verkündeten, allgemeinen Unterstützungsbereitschaft der Verteidigungsministerin die Chance, deutsche Landser ihr Sturmgewehr gegen ein Stecheisen tauschen zu lassen (»Schwerter zu Pflugscharen«). Ruprecht Hammerschmidt, Pressesprecher der Gewerkschaft IG BAU, wies Mitte Mai darauf hin, dass die ausländischen »Erntehelfer« aufgrund der geltenden Quarantäneverordnungen »in der Praxis [...] dem Good-will des Arbeitgebers ausgeliefert« seien – etwas, dass »sämtlichen arbeitsrechtlichen Standards in Deutschland und in der EU« zuwiderliefe. Der folgende, für unser Heft leicht überarbeitete Text erschien bereits am 5. April dieses Jahres auf der Website der Gruppen gegen Kapital und Nation (https://gegen-kapital-und-nation.org) und schildert, weshalb es doch noch gelang, der deutschen liebste Beilage zum Tönnies-Schnitzel zu retten.

Dass der Beruf Landwirt*in prinzipiell eine prekäre und mühselige Angelegenheit ist, davon haben die Bauernproteste im letzten Jahr ein Zeugnis abgelegt. Als Rohstofflieferanten für die Lebensmittelindustrie, die in Form einer kapitalistischen Produktion wiederum gute Geschäfte macht, müssen Landwirt*innen horrende Summen investieren. Im Gegensatz zur Lebensmittelindustrie zahlen sich die Produktivkraftfortschritte bei ihnen aber nie so richtig aus. Das Einkommen hebt sich nicht richtig von dem eines Durchschnittsverdienstes ab und die Arbeitszeit der Landwirt*innen liegt deutlich über derjenigen einer*s Lohnarbeiter*in. Und nicht einmal das reicht eigentlich zum bescheidenen Leben aus: Die Landwirtschaft überlebt im Kapitalismus nur mit großen Staatssubventionen. Irgendwie will die direkte Bearbeitung der Natur hinsichtlich der damit erzielbaren geldmäßigen Erträge nicht so recht aufgehen. Auf jeden Fall wird in den Fällen, wo in der Landwirtschaft auf extrem billige Tagelöhner*innen zurückgegriffen wird deutlich: hier findet nicht einfach die übliche Gewinnrechnung von Unternehmen statt, nach dem Motto: Wenn die Arbeitskräfte billig zu haben sind, umso besser für den Gewinn. Nein, die Landwirtschaft überlebt als Branche im Kapitalismus mehr schlecht als recht nur mit billigen Arbeitskräften:
»2016 arbeiteten hierzulande 286.300 Saisonarbeitskräfte in landwirtschaftlichen Betrieben. Rund 95 Prozent davon waren nichtdeutscher Herkunft, stammten aus Rumänien, Polen und anderen osteuropäischen Staaten wie Bulgarien oder dem Baltikum.«(1)
Landwirtschaft bringt in der Marktwirtschaft nicht viel ein und die Branche ist deshalb auch auf besonders knappe Löhne geradezu angewiesen. Zum Glück können die deutschen Landwirt*innen aber auf die vom Realsozialismus befreiten Menschen zurückgreifen, die massenhaft im Westen für schlechte Löhne arbeiten wollen (das gilt auch im Pflegebereich), weil die Alternativen zu Hause noch beschissener sind. Und diesem Glück drohte Ende März dieses Jahres wegen der Corona-Pandemie eine Pause.
Die Bundesregierung hatte für die üblichen Saisonarbeitskräfte aus Osteuropa am 25. März die Grenzen dicht gemacht. Während im deutschen Inland nach wie vor galt, dass man die Wohnung für die Arbeit verlassen darf und muss, wenn es via Home-Office nicht anders geht, hieß es für Ausländer*innen: Ihr dürft nicht zur Arbeit fahren. Das brachte (und bringt nach wie vor) viele Landwirt*innen in der Spargel-, Erdbeer-, Gurken- und vielen anderen Branche in Nöte. Es fehlte einfach an Arbeitskräften.
Gegen die Grenzschließung wurde seitens des Deutschen Bauernverbandes protestiert und Ausnahmen gefordert. Da wollte die Politik bis zum 2. April erstmal nicht mitmachen und begründete das angesichts von Corona mit einem weiteren Stück Normalität in Deutschland:
»Die Schwierigkeit: Erntehelfer aus dem Ausland kommen zwar mit Polen oder Rumänien nicht aus Risikogebieten, wohnen aber in der Saison oft in Gemeinschaftsunterkünften, das heißt in Mehrbettzimmern, fahren in Bussen von Feld zu Feld und arbeiten dicht beieinander an Ernte- und Sortiermaschinen.«(2)
Dass man sich die Löcher, die hier Unterkünfte genannt werden, gefallen lässt, unterstellt wiederum besondere miese Alternativen in Osteuropa. Der Lohn ist dort einfach so schlecht, dass Heerscharen von Osteuropäern diese Behandlung in Sachen Unterkünfte hier in Kauf nehmen. Direkt sprechen das die Landwirtschaftsinteressenverbände nicht an, wenn sie erklären, dass es »vor allem beim Spargelstechen (..) etwas Übung« brauche. Jedoch wird schon klar, was gemeint ist, wenn
»Verbandsvertreter beklagen, dass viele einheimische Kräfte zu schnell aufgeben würden. Laut dem ostdeutschen Spargelverband seien das erfahrungsgemäß neun von zehn.« (ebd.)
Der*Die Erntehelfer*in als solche wird hier glatt das Prädikat Fachkraft zugesprochen, die nicht so einfach auszutauschen ist. Geduld, besonders schlechte Arbeitsbedingungen auszuhalten, scheint hier eine qualifizierte Arbeiter*in auszuzeichnen.
Die Landwirtschaftsministerin Klöckner war zunächst optimistisch, dass man eine schnelle Alternative finden kann:
»Versorgungsengpässe werde es nicht geben, so beteuerte Klöckner. Geprüft werde nun, wie der Ausfall durch Arbeitskraftpotenziale in Deutschland kompensiert werden könne, möglicherweise durch Asylbewerber oder durch Arbeitnehmer in Kurzarbeit.« (ebd.)
Das ist genial: Wo finden sich in Deutschland Menschen, die ähnlich schlechte Perspektiven haben, wie die normale Lohnarbeiter*in in Osteuropa? Klar, hier in Deutschland in Form von Geflüchteten, die erstens bewiesen haben, dass sie sich trotz Festung Europa nach Deutschland durchschlagen konnten (Qualitäten: Ausdauer, Härten aushalten können) und zweitens von der Regierung in eine besonders miese rechtliche Position in der Gesellschaft verfrachtet wurden. Weiter traut sie dem Kurzarbeitergeld auch einiges an mieser Lebensqualität zu, so dass auch hier glatt ein Fachkräftepotential für die Landwirtschaft gefunden werden kann – und da täuscht sie sich nicht.
Am 2. April ist sich die Landwirtschaftsministerin mit dem Innenminister aber einig geworden, dass diese Alternative nicht ausreicht. Geflüchtete, Kurzarbeiter*innen, Arbeitslose sind zusammen mit Studierenden weiterhin eingeplant, aber eine »begrenzte Einreise von Saisonarbeitskräften unter strengen Auflagen« sollte dann doch stattfinden.
»Ziel ist es, die derzeit notwendigen strengen Vorgaben des Infektionsschutzes mit den Erfordernissen in der Landwirtschaft in Einklang zu bringen.«(3)


Also: Miese Löhne, harte Arbeit mit 1,5 Meter Abstand halten, Gesundheitschecks, »faktische Quarantäne bei gleichzeitiger Arbeitsmöglichkeit« der Ausländer*innen, genug Seife in den schlechten Unterkünften, die aber nur »mit maximal halber Kapazität« belegt werden dürfen. So fällt die Spargelsaison dann doch nicht aus.

von Gruppen gegen Kapital und Nation

Anmerkungen

(1) https://www.bauernverband.de/topartikel/anteil-der-saisonarbeitskraefte-in-der-landwirtschaft

(2) https://www.deutschlandfunk.de/einreiseverbot-fuer-saisonarbeiter-wenn-die-erntehelfer-in.1766.de.html?dram:article_id=473362

(3) https://www.bmel.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/2020/062-corona-saisonarbeitskraefte-einreise-konzept.html

03.08.2020
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