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#261, März 2020
#262, August 2020

Aktuelles Heft

INHALT #262

Titelbild
Editorial
• das erste: Die Wiederentdeckung des revolutionären Subjekts Arbeiterklasse als Ausdruck linksidentitärer Sehnsucht
• inside out: Jahresbericht 2019
• sport: Wenn Skateboarding zum Sport wird.
• leserInnenbrief: Bedenke was du trinkst, mein Kind
• position: Freie Zeit mit Corona
• doku: Konzerte in Zeiten von Corona: Livebranche am Abgrund
• doku: Corona und die Ernte
• doku: Corona und der kommende Aufschwung
• doku: Antisexistische Selbstjustiz: Der Richter bist du!
• das letzte: Alleinstellungsmerkmal Herkunft

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Freie Zeit mit Corona

Die Freizeit ist für Viele das Ziel ihrer Bemühungen auf der Arbeit. Je mehr sie sich anstrengen, desto mehr ›erarbeiten‹ sie sich, um es in der Freizeit zu genießen. Eine Lohnerhöhung kann den nächsten Sommerurlaub noch spektakulärer machen oder dank der angesammelten Überstunden wird mal ein Wochenende etwas länger. So wundert es nicht, dass die Zeit kürzlich herausfand, dass ihre LeserInnen um etwa 10 bis 20% glücklicher sind, seitdem in Deutschland einschneidende Maßnahmen gegen das Coronavirus ergriffen wurden.(1) Diese Aussage beruht auf einer täglichen Umfrage in ihrer Online-Ausgabe, die seit 2017 stattfindet. Im Begleitartikel wird die Vermutung gehegt, dass lästige Pflichten weggefallen seien, wie soziale Kontakte aufrecht zu erhalten und früh morgens zur Arbeit zu gehen, was sich positiv auf die Stimmung der LeserInnen auswirke. Anders gesagt, sie haben mehr Freizeit, in der sie weniger äußeren Zwängen folgen müssen.
Vielen anderen geht es vermutlich nicht so. Sie haben zwar im Moment auch weniger Verpflichtungen durch ihre Arbeit, gleichzeitig fehlt ihnen ohne Arbeit das Geld, um die grundlegenden Bedürfnisse ihres Lebens zu befriedigen - an Freizeit genießen ist dabei noch gar nicht zu denken. Wieder andere haben zwar keine Existenzängste, können jedoch durch die strengen Maßnahmen die viele Freizeit kaum nutzen.
In Zeiten der Krise treten gesellschaftliche Verhältnisse und Gesetzmäßigkeiten häufig deutlicher hervor. Dies gilt auch für das Verhältnis von Freizeit und Arbeit, besonders in der aktuellen Situation. Dafür zunächst ein kleiner Überblick zu diesem.


Die Situation

Wir erleben zur Zeit eine der größten Krisen der jüngeren Vergangenheit. Auslöser davon ist ein neuartiges Coronavirus – SARS-CoV-2. Es zwingt die Aktienmärkte in die Knie, drängt Regierungen zu drastischen Maßnahmen und die Menschen zum Horten von Klopapier.
Klar ist mittlerweile, dass sich diese Krankheit ohne Gegenmaßnahmen in hoher Geschwindigkeit verbreitet und die Kapazitäten der nationalen Gesundheitswesen in kürzester Zeit überlastet. Das Virus lässt sich nur in Koordination möglichst aller Mitglieder der Gesellschaft bekämpfen. Dies ist keine Stärke des Kapitalismus, der darauf beruht, dass alle in Konkurrenz zu einander stehen. Er braucht dafür eine regelnde Instanz, den Staat.
Der Staat wird seiner Verantwortung gerecht und hat Maßnahmen ergriffen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Betroffen davon sind fast alle Bereiche der Gesellschaft. Menschen sollen so wenig wie möglich aufeinander treffen, damit sie sich nicht gegenseitig anstecken können. Dies führt auch zu ungekannten Einschränkungen der Wirtschaft.
So müssen wirtschaftliche Interessen tatsächlich einmal hinter die Gesundheit der Menschen treten. Um die Ausbreitung von SARS-CoV-2 zu verhindern, werden drastische Maßnahmen (wie das Schließen von Geschäften, Hotels und Restaurants oder das Verbieten von Großveranstaltungen wie Messen oder Fußballspielen) ergriffen, die den Absatz von Waren einschränken und Einkommensausfälle in aktuell schwer schätzbarer Größe verursachen. Besonders werden die Wirtschaftszweige eingeschränkt, deren Geschäftsgrundlage die Freizeit der Menschen ist, wie z.B. Shoppingcenter, Tourismus, Kultur oder Sportveranstaltungen. Hier besteht kaum Kontrolle über das Verhalten und Zusammentreffen der Menschen, da sie ihre Freizeit genießen und ihre Freiheit ausleben wollen. Warum das aktuell besser unterlassen werden sollte, zeigt das populäre Beispiel der Après-Ski-Party in Ischgl, von der vermutlich die unkontrollierte Ausbreitung in Deutschland und anderen europäischen Ländern ausging.
Die Produktion hingegen lässt sich vergleichsweise leicht kontrollieren, da der Zutritt in den Betrieben nur Berechtigten gewährt wird und das Kapital bereits die Infrastruktur besitzt, um seine ArbeiterInnen zu kontrollieren, so dass es deutlich leichter fällt, die Ausbreitung des Virus zu verhindern oder im Zweifel nachzuvollziehen. Daher müssen die Maßnahmen hier weniger umfassend sein. Das zeigte sich an den ersten Covid-19-Fällen in Deutschland, beim Unternehmen Webasto. Hier konnten alle Infizierten in kurzer Zeit isoliert werden, da genau nachvollziehbar war, wer zu wem wann Kontakt hatte.
Interessant ist bei alledem, dass vor alledem die Produktion von Waren eingestellt wird, deren Produktion mit der (unproduktiven) Konsumtion der EndverbraucherInnen zusammenfällt (Dienstleistungen). Gleichzeitig wird die Produktion von Waren, die erst zu einem späteren Zeitpunkt verkauft werden können, versucht zu schonen. Ein Grund könnte darin liegen, dass die Industrieproduktion eher in internationaler Konkurrenz steht und damit ein Produktionstop eine größere Auswirkung auf Marktanteile, den Standort und die innerkapitalistische Staatenkonkurrenz hätte.
Die einschränkenden Maßnahmen treffen die einzelnen Menschen doppelt, bei der Arbeit und in der Freizeit. Einerseits droht vielen Lohneinbuße oder -verlust durch die einbrechende Wirtschaft, anderseits reduziert sich das Freizeitangebot drastisch. Sie werden massiv in ihrer Bedürfnisbefriedigung eingeschränkt. Materiell durch mangelnde Möglichkeiten (z.B. geschlossene Freizeitparks, Kinos, Konzerthallen, Bars etc.) und sozial durch den vorgeschriebenen Verzicht auf »nicht notwendige soziale Kontakte«. Dabei ist es kein Zufall, dass Arbeit und Freizeit gleichzeitig betroffen sind, vielmehr hängt beides zusammen.


Was bedeutet überhaupt Freizeit?

Mit Freizeit ist die Zeit gemeint, die nicht durch Lohnarbeit gefüllt ist. Es ist die Zeit, in der die ArbeiterInnen und Angestellten halbwegs eigenständig über ihr Leben bestimmen können. In ihr muss nicht mehr den Befehlen des Kapitals gehorcht werden und es kann der wohlverdiente Lohn nach eigenem Gutdünken ausgegeben werden. Für die meisten Menschen ist die Freiheit in der Freizeit der ganze Zweck, für den sie die Mühen der Lohnarbeit auf sich nehmen. Tatsächlich ist es jedoch genau andersherum: Die Hauptaufgabe der Freizeit ist es, die Arbeitskraft zu reproduzieren, also lebensnotwendige Bedürfnisse zu stillen, da dies während der Arbeitszeit nicht erfolgen kann. Der Zweck der Freizeit ist es also, die Arbeitskraft für die Lohnarbeit wiederherzustellen.
Die Voraussetzung für Freizeit ist die Lohnarbeit. Diese zeichnet sich als besondere Form der Arbeit dadurch aus, dass sie Wert produziert. Für den Anwender der Lohnarbeit ist ihr Zweck die Produktion von Mehrwert. Dieser kommt dadurch zustande, dass die LohnarbeiterInnen ihre Arbeitskraft für einen bestimmten Zeitraum an einen Eigentümer von Produktionsmitteln verkaufen. In dieser Zeit produzieren sie mehr Wert als ihnen zur eigenen Reproduktion (in Form des gezahlten Lohns) zur Verfügung steht. Kurz, der Lohn für den vereinbarten Zeitraum ist geringer als der in derselben Zeit mittels ihrer Arbeit produzierte Wert. Mit dem Kauf der Arbeitskraft können die neuen Eigentümer (die Eigentümer von Produktionsmitteln) sie für den vereinbarten Zeitraum nach Belieben anwenden. Das heißt, die Verkäufer der Arbeitskraft (ArbeiterInnen) haben während der Arbeitszeit keine Verfügung über ihre eigene Tätigkeit und das durch ihre Arbeit produzierte Produkt. Auch außerhalb der Arbeitszeit unterliegen sie indirekt diesen Zwängen, denn sie müssen dafür sorgen, dass sie auch am nächsten Tag ihre Arbeitskraft in vollem Umfang zur Verfügung stellen können.
Der Grund, weswegen sie sich in dieses Zwangsverhältnis begeben, liegt darin, dass sie nicht selber die benötigten Lebensmittel herstellen können, weil sie nicht über Möglichkeiten zur Produktion (die Produktionsmittel) verfügen. Stattdessen müssen sie die benötigten Lebensmittel kaufen. Dafür brauchen sie Geld. Dieses erhalten sie nur, im Tausch gegen etwas anderes. Das Einzige was ihnen dafür zur Verfügung steht, ist ihre Arbeitskraft.
Erst das Lohnarbeitsverhältnis führt zu einer Teilung des Lebens der ArbeiterInnen in Arbeitszeit und Freizeit. In der Arbeitszeit gehen sie weder einer Tätigkeit nach, die aus ihrem eigenem Bedürfnis entspringt, noch stellen sie ein Produkt her, dessen sie bedürfen – die Arbeit dient nicht unmittelbar der Verwirklichung ihrer eigenen Bedürfnisse (sieht man vom mittelbaren Bedürfnis nach einem Einkommen bzw. Geld ab). Daher benötigen sie die Freizeit, in der sie ihre Bedürfnisse befriedigen können, um von neuem einen Arbeitstag zu beginnen.
Dabei ist die Freizeit schon in ›normalen‹ Zeiten streng reglementiert. So gelten auch in ihr die Gesetze des Staates und die ausgeübten Tätigkeiten dürfen nicht die Arbeitsfähigkeit für den nächsten Arbeitstag schwächen. Weiter begrenzt ist sie durch die Höhe des verfügbaren Einkommens (i.d.R. des Lohns), die verbleibende körperliche und mentale Kraft nach der Lohnarbeit, überhaupt durch die Ausrichtung des Lebens auf die konkrete Tätigkeit während der Lohnarbeit (z.B. das Studium oder erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten). Frust und Langeweile muss am Wochenende weggesoffen werden und nach einem langen Arbeitstag reicht die verbleibende Kraft nur für die mehr oder weniger spannende Serie. Mit gutem Grund schreibt Adorno, dass die Freizeit »an ihren Gegensatz gekettet«(2) ist.
Selbst, wenn es gelungen ist, die Erschöpfung durch den Job gering zu halten und der Lohn über die reine Lebenserhaltung hinausreicht, ist es fragwürdig, ob diese Zeit zur freien Entfaltung dienen kann. Oftmals trügt der Schein der freien Entfaltung. Einerseits gilt es Beschäftigungen zu vermeiden, die zu sehr der Arbeit ähneln, andererseits hat der Beruf schon so vereinnahmt, dass kaum eine Idee nicht durch ihn gefärbt ist. Am schwerwiegendsten sind wahrscheinlich die begrenzten Betätigungsmöglichkeiten durch die Trennung von Produktionsmitteln und ArbeiterInnen. So können nur die Produkte konsumiert werden, die der Markt zur Verfügung stellt.
Gerade der letzte Aspekt wirkt sich besonders stark in dieser Krise aus, da die Freizeitindustrie beschränkt wurde.


Was passiert in der Corona-Krise mit der Lohnarbeit?

Die Auswirkungen der Krise auf die Arbeit lassen sich grob in vier Gruppen unterteilen:
Erstens gibt es eine höhere Arbeitsbelastung in den systemrelevanten Berufen – sie sind einem erhöhten Ansteckungsrisiko ausgesetzt und müssen entweder länger oder intensiver arbeiten. Die zweite Gruppe arbeitet unter veränderten Bedingungen (Homeoffice) weiter, häufig jedoch mit geringerer Auslastung. Hier muss sich in der Arbeitsbelastung nicht unbedingt etwas ändern, allerdings entfällt der Arbeitsweg und die direkte Kontrolle der Arbeitenden wird etwas schwieriger, da viele Unternehmen kurzfristig umstellen mussten und noch keine entsprechenden Kontrollmechanismen eingerichtet hatten oder ihnen zur Verfügung standen. In die dritte Gruppe fallen die, die in Kurzarbeit gehen mussten. Sie müssen weniger oder gar nicht arbeiten, bekommen daher jedoch auch weniger Lohn oder Lohnersatzleistungen. Gäbe es in Deutschland nicht die Regelung der Kurzarbeit, wären vermutlich große Teile der Beschäftigten entlassen worden. Die vierte Gruppe ist am Härtesten betroffen. Sie haben ihren Job verloren und sind auf Arbeitslosengeld, Erspartes oder die staatliche Grundsicherung angewiesen.
Wenn man von der ersten Gruppe absieht, lässt sich sagen, dass alle weniger (Lohn)arbeiten müssen als zuvor, oder zumindest weniger der Kontrolle durch Vorgesetzte unterliegen. Das heißt, die Zeit verringert sich, in der sie direkt von anderen kommandiert werden. Für die Gruppen drei und vier nehmen jedoch gleichzeitig die ökonomischen Zwänge zu, da das verfügbare Einkommen schwindet.


Was bedeutet das für die Bedürfnisbefriedigung?

Als erstes könnte der Gedanke aufkommen, weniger Arbeitszeit bedeutet mehr Freizeit, also mehr Zeit für die Bedürfnisbefriedigung. Das trifft allerdings nicht unbedingt zu. Denn damit Bedürfnisse befriedigt werden können, werden entsprechende Mittel benötigt. Zum Beispiel wird zum Feiern ein Club benötigt, zum Essen-gehen ein Restaurant oder zum Verreisen eine Unterkunft und für die Vergnügung im Freien müssen Parks und öffentliche Plätze zur Verfügung stehen. Dies alles ist aufgrund der politischen Maßnahmen nicht verfügbar. Sie reduzieren die Mittel, die zur Bedürfnisbefriedigung bereitstehen auf das jeweilige Privateigentum. Dadurch wirkt sich Armut noch stärker aus als zuvor. Allerdings sind in Bezug auf die Freizeitgestaltung auch die Gutverdienenden stark betroffen, da auch für sie weniger Mittel zur Verfügung stehen.
Mit der Aufhebung der Maßnahmen könnten sich die Unterschiede jedoch noch mehr Verstärken. Der Grund dafür ist, dass Einkommensschwache die Einnahmeausfälle schlechter kompensieren können. Verschärfend könnte hinzukommen, dass viele Freizeitunternehmen den Umsatzeinbruch nicht überstehen und sich damit das Angebot verknappt, was höhere Preise zur Folge hätte.
Ein weiterer Aspekt ist das Bedürfnis nach sozialen Kontakten. Bundeskanzlerin Angela Merkel höchst persönlich hat dazu aufgerufen, diese auf die unbedingt notwendigen zu reduzieren. Notwendig heißt in diesem Fall, sie sind unverzichtbar, wenn es darum geht die bestehende Ordnung aufrechtzuerhalten. So gelten Kontakte als notwendig, wenn sie für die Lohnarbeit (nachrangig ist dabei, welchen gesellschaftlichen Zweck sie erfüllt) nötig sind, außerdem ist der Kontakt zu den Mitbewohnern gestattet (sollte aber im besten Fall auch reduziert werden) bzw. zu der Kernfamilie als notwendiges Reproduktionsorgan der Arbeitskraft. Diese Kontakte sind nicht in jedem Fall auch die Kontakte, die für die jeweiligen Individuen als notwendig empfunden werden. Notwendig sind dabei wohl eher Menschen, mit denen sich über die Unsicherheiten und Ängste ausgetauscht werden kann. Auch körperlicher Kontakt ist wahrscheinlich für viele Menschen ein notwendiges Bedürfnis, um dauerhaft bei psychischer Gesundheit zu bleiben. Für diejenigen, die alleine Wohnen oder kein besonders enges Verhältnis zu ihren MitbewohnerInnen haben, werden diese Kontakte schwieriger. Bleiben die sozialen Kontakte wochenlang auf die Familie beschränkt, steigt die Gefahr von Gewalt. Betroffen sind dabei vor allem Frauen und Kinder.
Gerade Familien unterliegen in dieser Zeit noch einer weiteren Belastung, da die gesellschaftlich organisierte Betreuung und Bildung der Kinder wenig bis gar nicht mehr vorhanden ist. Diese Arbeit lastet nun auch auf den Eltern, in den meisten Fällen auf den Müttern.
Für die Menschen, die sonst jede Möglichkeit nutzen müssen, um ihre Karriere weiter zu bringen, ist dies eine relativ entspannte Zeit, da sie nun nicht mehr ihre Freizeit für Selbstoptimierung nutzen können. Sie müssen sich auch keine Sorgen machen, dass sie gegenüber ihrer Konkurrenz zurückfallen, da diese den gleichen Bedingungen unterliegt und können sich tatsächlich mal entspannen. Dies könnte auf die Zeit-LeserInnen zutreffen und somit die gestiegene Zufriedenheit erklären. Auch diejenigen, die zu Hause genügend Platz haben (vielleicht sogar einen Garten) können sich darüber freuen, endlich mal Zeit für die Familie zu haben. Die Frage ist jedoch, wie lange die Bedürfnisbefriedigung sich darauf beschränken lässt.
Es bleibt abzuwarten, wie sich die Freizeitmöglichkeiten in nächster Zeit entwickeln werden. Die Entwicklung wird davon abhängen, wie lange politische Maßnahmen noch aufrechterhalten werden, welche in Elementen vielleicht sogar dauerhaft erhalten bleiben, und wie die Freizeitindustrie die Wirtschaftskrise überstehen wird. Klar ist allerdings jetzt schon, dass für viele, die vorher schon am Limit arbeiten und wirtschaften mussten und deren Ausgleich in der Freizeit ohnehin schon beschränkt war, äußere Zwänge noch weiter zunehmen werden. Unabhängig von den kommenden Veränderungen gilt jedoch auch ohne Pandemie: die Freizeit hat den Zweck die Arbeitskraft für die Lohnarbeit wiederherzustellen und ist somit Voraussetzung und Bestandteil dieses Zwangs- und Ausbeutungsverhältnisses. Um die Zwänge der Freizeit aufzuheben, genügt es daher nicht, einschränkende Maßnahmen zu beseitigen oder den Anteil der Freizeit zu erhöhen, es muss dafür das Lohnarbeitsverhältnis abgeschafft werden.

von Mayer

Anmerkungen

(1) https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-04/wie-geht-es-ihnen-heute-warum-besser

(2) Adorno, Theodor W.: Freizeit. In: Tidemann, Rolf [Hrsg.]: Gesammelte Schriften 10.2. Frankfurt am Main: 1997. S.645

03.08.2020
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