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Aktuelles Heft

INHALT #250

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No content without consensus
• das erste: Das Ende der Fahnenstange
Vergessene Flüchtlinge.
Vereinte Nationen gegen Israel
Modern Life Is War
Identitätskrise
Punk Matinee Bowlette
Identitätskrise
Boysetsfire
• doku: Zur Kritik des islamischen Antisemitismus und seiner Bagatellisierung
• doku: Warum die imperiale Lebensweise die Klassenfrage ausblenden muss
• doku: Antifa: »Gib mir irgendwas, das bleibt.«
• das letzte: Meinung – Freiheit - Wahn

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Das Ende der Fahnenstange

Hinter der Fassade vermeintlicher Ideologiekritik und angeblicher Israelsolidarität

Eigentlich schien alles so zu sein wie immer: Das Bündnis »70 Jahre Israel« hatte seine Veranstaltungsreihe mit den üblichen Verdächtigen geplant, u.a. Stephan Grigat, Alex Feuerherdt, Sebastian Voigt und dem offenbar unverzichtbaren Thomas Maul. Keine größeren Überraschungen hierbei, bloß die übliche Melange aus Ideologiekritiker*innen und Bahamit*innen(1). Im Vorfeld sorgte diese Auswahl auch für keinerlei Anstoß, verschiedene Projekte in Leipzig entschieden sich, die Veranstaltungsreihe zu unterstützen. So waren die ersten Veranstaltungen gut besucht und es gab wenig (oder keinen) Anlass zu Kritik.
Dies änderte sich schlagartig am frühen Morgen des 9ten Mai, als Thomas Maul auf Facebook folgenden Beitrag postete: »Immer wieder erscheint die AFD objektiv als EINZIGE Stimme der Restvernunft im Deutschen Bundestag, zuweilen gar als parlamentarischer Arm materialistischer Ideologiekritik, wofür die inzwischen einigermaßen bekannte Rede Gaulands zur Gründung Israels ja nur ein Beispiel von vielen ist. Wem das missfällt, wer die Wahrhaftigkeit der Rechtspopulisten bezweifelt und von bloß erfolgreichen Selbstinszenierungen ausgeht, der müsste wenigstens die zur Schau gestellte Unvernunft des herrschenden Linkskartells als Bedingung der Möglichkeit dieses Erfolges anprangern, statt mit Dämonisierung der AFD dem allgemeinen Wahn weiter zuzuarbeiten. Dass den Hysteriker schon simpelste Einsichten überfordern, ist allerdings auch nichts Neues…«(2) (Der Fairness halber hier ein Vollzitat, auch wenn viele Leser*innen diesen Kommentar sicherlich bereits kennen.)
Auf den ersten Blick erscheint diese Äußerung wie eine positive Bezugnahme auf die AfD-Fraktion im deutschen Bundestag, auf den zweiten und dritten Blick ebenfalls – erst nach vielen Hirnverrenkungen und einigen Hinweisen aus Maul-nahen Kreisen wurde dem Autor dieses Textes auch die Interpretationsmöglichkeit nahegelegt, dass es in dieser Äußerung primär gar nicht um die AfD, sondern um die anderen Bundestagsfraktionen ginge. Auch mit Blick auf spätere Äußerungen Mauls zur AfD lässt sich festhalten, dass er vermutlich kein AfD-Fan ist, die Partei und Fraktion jedoch für weniger schlimm erachtet als die anderen. Diese Feststellung lässt der Autor erst einmal kommentarlos so stehen.
Eine andere populäre Deutung der Lage bezieht sich auf Möglichkeiten von Polemik, also der Deutung, dass Maul diesen Beitrag nur geschrieben hätte, um der sogenannten »radikalen Linken« den Schaum vor den Mund zu treiben und sie zu dümmlichen Shitstorms zu animieren. Eine Trollerei also, die sich Maul oftmals auch gerne finanziell vergolden lässt. (Sonst würde er doch mit Freuden auf sein Vortragshonorar verzichten.) Dass nun sein stattgefundener Vortrag hauptsächlich eine Fortsetzung dieser Trollerei war, ist nur die traurige Endnote dieser Geschichte.


Do Not Feed The Trolls


Leider hat Mauls Trollerei gewirkt und so kam es, wie es kommen musste: Es gründeten sich gleich zwei Initiativen gegen verschiedene Sorten von Antideutschen, die Falken und die Naturfreunde-Jugend Berlin sagten ihre Vorträge im Rahmen der 70-Jahre-Israel-Reihe ab, die Gedenkstätte für Zwangsarbeit entzog der Maul-Veranstaltung ihre Unterstützung, der Stura versagte dem Vortrag die Räumlichkeiten und die finanzielle Unterstützung und gar die junge Welt ließ sich dazu herab, einen Artikel über dieses Trauerspiel zu verfassen. Positive Bezugnahme zu Maul kam (nahezu) ausschließlich aus dem 70-Jahre-Bündnis und seinen Bahamas-Freund*innen.
Solche Abfolgen von Ereignissen innerhalb der selbsternannten »radikalen Linken« geschieht weder zum ersten Male, noch gab es bei den Reaktionen und Gegen-Reaktionen neue Erkenntnisse oder Wendungen, meist wurden bloß die alten Reflexe bedient. Angesichts der Diskussionsunfähigkeit in der Szene bleiben jetzt wohl viele mit einer Menge Wut im Bauch zurück, die sich wohl häufig in Textform oder bei Gesprächen am Küchentisch oder bei der nächsten Küfa in der Liwi entladen wird. Wäre die Welt richtig eingerichtet, ließe sich dieser Unsinn auch schnell vergessen. Es bliebe nur eine Frage offen: Warum wurde eine Person wie Thomas Maul überhaupt als Referent eingeladen?
Grundsätzlich ist es das gute Recht eines jeden Bündnisses, einer jeden Organisation, ihre eigenen Veranstaltungsreihen so zu organisieren wie diese das wollen. Dass das 70-Jahre-Bündnis einen Autor wie Thomas Maul einladen würde, ist nach der Lektüre des Ankündigungstextes der Veranstaltungsreihe bloß folgerichtig. Maul, der den »politischen Islam« klar als Feindbild für sich etabliert hat, passt gut zu einer Reihe, in der die Forderung »Die erste praktische Konsequenz, die aus dem weltweit grassierenden Antisemitismus zu ziehen wäre, ist daher, eine Kampfansage gegen den erbittertsten Feind Israels auszusprechen, an die größte antisemitische Bewegung der Gegenwart, den politischen Islam.«(3) Teil des Ankündigungstextes ist. Damit soll hier auch gar nichts über Richtigkeit dieser Aussagen gesagt werden, nur sollte die Nähe zwischen Bündnis und Autor*innen wie Maul offensichtlich sein.
Trotzdem beantwortet das nicht die Frage, ob Maul auch ein guter Referent zum Thema ist. Sicher hat er das eine oder andere Buch zum Themenkomplex geschrieben und sich auch auf den Seiten der Bahamas öfter entsprechend geäußert. Doch auch Hamed Abdel-Samad könnte so einiges Interessantes über islamischen Antisemitismus (das Thema, zu dem Maul referieren sollte) erzählen. Sama Maani sicher auch – und der ist sogar noch Psychoanalytiker. Allerdings lassen sich beide nicht zu so polemisch-provokanten Aussagen hinreißen wie Maul, der sich dann schnell hinter die Schutzbehauptung zurückziehen kann, er wollte doch nur entlarvende Reaktionen provozieren. Aber ein Troll, der nur provozieren will, ist mit Sicherheit kein guter Referent und wer Trollereien lesen (oder hören) will, findet in den Abgründen von Facebook-Diskussionen und Youtube-Videos mehr als genug.


Abgründe des maulschen Antifeminismus


Schön wäre es, wenn der Text hier enden könnte und die Feststellung, dass Maul bloß ein mittelprächtig begabter Bahamas-Troll ist, von dem aber keine weiteren Erkenntnisse zu welchem Thema auch immer zu erwarten sind, allen offenbar wäre. Wer jedoch seine Facebook-Timeline über das kontroverse Posting hinaus scrollt, findet auch noch andere Aussagen, die die meisten Leute, die auch nur ein My progressives Gedankengut in sich tragen, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen lässt. Thomas Maul ist nämlich nicht nur ein mittelmäßiger Troll, er ist auch noch ein reaktionärer Idiot, dem vor allem aus diesen Gründen keine Bühne geboten werden muss, auch wenn er sich zu ganz anderen Themen äußern will.
Aktuell befasst sich Maul viel mit dem (netz-)feministischen Hashtag #metoo. Dies tut er in einer grundsätzlich herablassenden und sexistischen Weise, selbst wenn mensch die Polemik weglässt. Dass es mögliche und auch gerechtfertigte Kritikpunkte an dieser Form des Netzaktivismus geben kann, soll hier gar nicht in Abrede gestellt werden, aber Maul bedient vor allem seine eigenen Phantasmen und Ressentiments, wenn er darüber schreibt. Polemik oder nicht, Menschen als »deformiert«, »Rotzgören« oder »Frauenflüsterer« zu bezeichnen, weist eher auf eigene Defizite hin als auf die der Anderen. Inhaltliche Kritik kommt nicht, auch wenn viel von einer »barbarischen Regression« die Rede ist, die die Grenzen eines jeden Rechts angeblich sprengen würde.
Der Gipfel dieser maulschen Regression ist aber der Text, den er zusammen mit David Schneider für die aktuelle Ausgabe der Bahamas verfasst hat und der den Titel »Asexuelle Belästigung« trägt. In seiner vollen Länge nicht einmal ansatzweise lesenswert, verfallen die beiden Penisträger (Achtung, Polemik!) schnell in sexistische Wahnvorstellungen, die in Aussagen über das Strafrecht münden, denen nur noch mit Abscheu und Verachtung zu begegnen ist: »Die heutzutage als veraltet geltenden Sexualstrafrechtsmodelle fußten auf der qualitativen Unterscheidung zwischen erheblichen und daher strafwürdigen Verletzungen des sexuellen Selbstbestimmungsrechts und Bagatellvergehen, wobei die sexuelle Handlung kontextbezogen bewertet wurde. Unterstellt war, dass sich Frauen als bürgerliche Subjekte eines unerwünschten Busengrabschers in einer Kneipe etwa mittels einer Ohrfeige und/oder unter Zuhilfenahme anderer Staatsbürger erwehren können, und dass die Prävention solch ungebührlichen und oft asozialen Verhaltens eher eine Frage der Erziehung als der strafrechtlichen Verfolgung und Markierung des Übeltäters als Sexualverbrecher zu sein hat.«(4) Ob für die Betroffenen so ein »Grabscher« auch bloß eine Bagatelle ist, deren Verhinderung Sache der Erziehung ist und nicht der Strafrechts, fragen sich die beiden Autoren nicht.
Maul und Schneider stellen sich hier in eine reaktionäre Rechtstradition, die sich auch 1997 zeigte, als die Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt werden sollte und es vor allem Konservative waren, die dies unterbinden wollten. Aus welcher Ecke die größte Kritik an der aktuellen Sexualstrafrechtsreform kam, muss hier wohl nicht noch erläutert werden. Wieso solche Personen im Conne Island einen Vortrag halten sollen, lässt sich nicht nach solchen Äußerungen nicht mehr begründen. Aber vielleicht ist das auch nur die schleichende politische Anpassung im Angesicht einer möglichen AfD-Regierung in Sachsen. (Achtung, Polemik!) Für weitere Voträge im Herbst sind nun jetzt auch schon Henryk M. Broder und Vera Lengsfeld als Redner*innen angefragt. (Achtung, Satire!)
Ob es Maul und Schneider wohl auch angemessen fänden, wenn proletarische »Ordnungschellen«, die ein paar Reaktionären verpasst werden würden, auch nur als »Bagatellen« behandelt werden sollten, deren Verhinderung Sache einer strengen Erziehung und nicht der Strafrechts sein sollte, werden wir alle wohl nicht erfahren.


Ideologiekritische Nazi-Zombies


Und leider ist der Text an dieser Stelle immernoch nicht zu Ende, weil die Probleme tiefer liegen und im Endeffekt Maul auch nur ein Symptom einer reaktionären Wende ehemaliger Antideutscher zu Neokonservativen ist (Achtung, Pol... ihr wisst schon). Doch Thomas Maul war schon früher ein kreativer Autor und so soll nun noch einmal ein Blick auf die Abwege geworfen werden, die sich im Text von Witzmann und Maul über »Critical Whiteness« finden. Und diese Abwege führen direkt in den Wahnsinn.
»Critical Whiteness« ist ein umstrittenes Konzept, was hier nicht erläutert werden soll und kann, und einige essentialisierende Auslegungen lassen sich auch nicht anders als regressiv bezeichnen. Die Diskussion über eigene Positionierungen innerhalb einer rassistisch verfassten Gesellschaft kann fruchtbare Züge tragen und die Reflexion über eigene Privilegien, die zu deren Verallgemeinerung statt zu deren Abbau beitragen soll, ist zumindest einen weiteren Gedanken wert. Wie zu erwarten wird allerdings nichts davon in dem Text, der den kontextlosen Titel »Plebejische Globalperspektive« und den dummen Untertitel »Critical Whiteness als postmoderner Nazi-Zombie« trägt, diskutiert.
Der Text, der mit einem durchaus interessanten Exkurs über arabisch-islamischen Sklavenhandel beginnt, versteigt sich recht schnell zu folgender Äußerung, die vielleicht Polemik sein mag, aber – und hier fehlen einfach die Worte dafür, daher direkt das Zitat: »Die Stichwortgeber des weltweiten antirassistischen Aufstands der Subalternen heißen denn auch nicht zufällig Mussolini und Hitler. Auf diesen Zusammenhang hinzuweisen, ist keine Übertreibung, sondern eine Notwendigkeit, [...]«.(5) Sprachlosigkeit ist angesichts eines solchen Satzes tatsächlich angemessen, aber das ist ja bloß der Anfang des Textes. So werden Hitler und Mussolini kurzerhand zu zwei Relativisten erklärt, die offenbar keine absoluten Kategorien vertraten und keine Wahrheiten (und somit auch keine Falschheiten) kannten.
Abgesehen davon, dass solche Aussagen einfach inhaltlich falsch sind und nur mit sehr elaboriertem ›quote mining‹ überhaupt aufzuspüren sind, erscheinen sie im Angesicht der nationalsozialistischen Verbrechen und des deutschen Vernichtungsantisemitismus, der alles andere als »relativistisch« war, nicht nur als unpassende Polemik, sondern bald schon als Relativierung oder Verharmlosung dieser Ideologien. Dass auch bei aller Ablehnung von »Critical Whiteness« oder anderer postmodernen Theorien diese jeweils selbstverständlich nichts mit den Ideologien von Hitler und Mussolini zu tun haben, ist wohl eine der evidentesten Sachen, die es auf diesem Planeten gibt. Den Autor dieses Textes erschreckt es eher, dass dazu überhaupt was geschrieben werden muss. (Ganz ernsthaft: Polemik oder nicht, solche Aussagen sind wahnsinnig.)
Diskussionen darüber zu führen, welche antirassistischen Politiken richtig und notwendig sind, was im Angesicht einer erstarkenden rassistischen (Massen-)Bewegung in Europa getan werden muss, um diese einzudämmen und ob essentialistische Kulturidentitäten die richtigen Antworten sind, ist kein Problem und eine gute Sache. Dieses Thema aber zu einer Projektionsfläche für die eigene, absurd-dumme Polemik zu machen, was nur dazu führen kann, dass die eigenen Texte ausschließlich in der »ideologiekritischen« Filterblase wirksam werden, ist nichts weiter als eine Form einer pseudo-politischen Performance, die mehr mit Aktionskunst als mit Politik zu tun hat. Und auch dies lässt die Frage offen: »Wieso eigentlich solche Personen als Referent*innen einladen?«
Eine Antwort ist dieser Artikel selbst nun schon lange schuldig, also kommt sie an dieser Stelle: Es gibt keinen Grund – abseits einer identitären Selbstbeweihräucherung – diese Personen einzuladen. Da weder inhaltliche Erkenntnisse noch spannende Vorträge oder Diskussionen zu erwarten sind, ließe sich die Zeit auch mit einem Eistee oder einem guten Buch wesentlich besser verbringen. Die eigenen identitären Gelüste zu befriedigen ist nunmal kein ausreichender Grund, politische Veranstaltungen durchführen zu dürfen. Dass dies auch noch von denjenigen kommt, die sich am vehementesten gegen etwas, was sie »Identitätspolitik« nennen, aussprechen und doch selber ohne Ausnahme solche betreiben, ist ziemlich traurig.


Reaktionäre Ideologie – jetzt auch ganz ohne Polemik erhältlich


Exkurse gab es jetzt eigentlich bereits genug, aber um das Phänomen der ideologiekritischen Identitätspolitik zu verstehen, seien hier noch zwei weitere Beispiel angeführt und in den Kontext gesetzt. Denn Thomas Maul und seine Kamerad*innen (Achtung, Polemik!) der Bahamas-Redaktion sind nicht die Einzigen, die dieses Spiel beherrschen – selbstverständlich nicht, ohne auch ein potentiell reaktionäres Publikum zu bedienen.
Als in Frankfurt Maul und Schneider aufgrund ihres unsäglichen Textes ausgeladen wurden, erbrach die einladende Gruppe Thunder in Paradise einen längeren Antworttext(6) darüber, wie regressiv die „linke Szene“ in Frankfurt doch geworden wäre. In diesem Text wird einer in dem Schneider-Maul-Artikel angegriffenen Autorin vorgeworfen, sie sei ein »Schneeflöckchen« und wäre „getriggert“ worden. Beide Wortwendungen stammen aus den reaktionärsten Teilen des englischsprachigen Internets (›snowflake‹ und ›triggered‹) und wurden vor allem von den Neofaschist*innen und Sexist*innen genutzt, die zunächst GamerGate(7) und später einen Teil der sogenannten »Alt-Right« bildeten. Diese Begrifflichkeiten sind auch aktuell immer noch Standard-Vokabular von antifeministischen »Männerechtlern«, Netzfaschos oder all denjenigen, die sich gegen »politische Korrektheit« wehren und ihrem Idol Donald Trump zujubeln.
Warum eine »ideologiekritische« Gruppe ein zweifellos reaktionäres Vokabular nutzen muss, ist nur mit Polemik nicht zu erklären, da vielen Leser*innen die Bedeutungen und Ursprünge der Begriffe wohl unbekannt bleiben. Gleichwohl sind potentiell reaktionären Leser*innen diese Begriffe wahrscheinlich bekannter und diese könnten sich dadurch angesprochen fühlen. Ein solches Publikum bedient auch das Wörtchen »Linkskartell« aus Mauls Facebook-Posting, welches direkt aus einer Trollanleitung von Reconquista Germanica stammen könnte. (Achtung, Polemik!) Polemik funktioniert aber auch problemlos ohne reaktionäre Referenzen.
Vor einiger Zeit begab es sich in unmittelbarer Nähe zur Messestadt, in Halle, dass sich einige Aktivist*innen zu einer Demo gegen das Identitärenzentrum versammelten. Auch die Ag No Tears For Krauts war vor Ort, um Flugblätter zu verteilen, die mit dem Titel »Für den Feminismus« überschrieben waren. Abgesehen vom überheblichen und herablassenden Ton, der sich durch das gesamte Flugblatt zieht, entschieden sich die Tears zu folgender Aussage: »Die Identitären haben sicherlich ein traditionelles Frauenbild. Aber das ist weder dezidiert sexistisch, noch unterscheidet sich das wesentlich von anderen Milieus wie den Fans vom Halleschen Fußballclub, den Ammendorfer Sportkeglern oder dem Frauenyogakurs im Iris-Regenbogenzentrum.«(8) Wenn hier ein Einwand gestattet wäre: Doch, so ein Frauenbild ist dezidiert sexistisch und die Identitären sind durchaus qualitativ von einem Frauenyogakurs zu unterscheiden.
Aus nicht näher bekannten Gründen entschieden sich die Tears dazu, auf einer Demo gegen die Identitären Flyer zu verteilen, in denen die Demoteilnehmer*innen als dumme Heuchler*innen beschimpft wurden, die sich nicht an den harmlosen Identitären abarbeiten sollten, sondern an der viel größeren Gefahr für das Abendland: Die Islamisierung! (Achtung, Polemik! Wobei... tatsächlich ist das keine sinnentstellende Darstellung des Flugblattes.) Gäbe es nicht die unterschiedlichen Bewertungen der deutschen Geschichte, so könnten die Tears sicher bei der nächsten „Merkel-muss-weg“-Demo, sofern sie ihren Weg nach Halle findet, einen Redebeitrag halten. (Achtung, jetzt aber wirklich Polemik! Haha!)


Endloses Elend


Tatsächlich existiert keine Querfront zwischen der ideologiekritischen und der neofaschistischen bzw. völkisch-islamfeindlichen Szene. Da kann Martin Sellner noch zehnmal mehr die Bahamas lesen und Thomas Maul auch noch hundertmal die AfD als „antisemitismuskritisch“ bezeichnen, eine Vernetzung oder gar nur punktuelle Zusammenarbeit findet nicht statt. Dass aber eine inhaltliche Annäherung in einem bestimmten Themenfeld feststellbar ist, lässt sich kaum noch abstreiten. Ob das gemeinsame Feindbild Islam in Zukunft auch zu direkter Zusammenarbeit oder zumindest heimlichen Treffen führt, ist eher unwahrscheinlich. Dass dies aber nicht mehr als Unmöglichkeit erscheint, sollte zumindest die ideologiekritische Seite zu einem Aufschrei bewegen und dazu bringen, die eigenen Positionen zu überdenken.
Traurigerweise wird das Elend mit der gelaufenen Vortragsveranstaltung nicht enden. Auf dem Island-Plenum wird es sicher ordentlich krachen, Distanzierungen werden eingefordert werden, Gruppen werden mehr und mehr Texte schreiben und einige werden dabei auch in neue Dimensionen der Blödheit vorstoßen. Dieser Artikel ist aber inzwischen lang genug und hoffentlich ist dabei klar geworden, dass reaktionären Autor*innen, zu denen zweifelsohne auch Thomas Maul gehört, in progressiven Räumen keine Bühne geboten werden muss. Hätten sich alle Leute früher darauf besonnen, hätte es auch keinen Ausfall auf Facebook dafür gebraucht, dann wäre uns dieses ganze Elend erspart geblieben. Und das wäre wirklich die beste Entscheidung für alle Beteiligten gewesen.

P.S.: Auf die vielfältigen Texte, die mit mehr oder minder guter Qualität zum Maul-Skandal erschienen sind, wurde in diesem Artikel nicht eingegangen. Mit Blick auf das, was da noch kommen mag, behält sich der Autor dieses Artikel allerdings vor, sich erneut zu äußern und die anderen Reaktionen genauer unter die Lupe zu nehmen. Freizeit wäre aber besser.

von Leauthier

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Anmerkungen

(1) Auch wenn an dieser Stelle und im folgenden immer entsprechend gegendert wird, soll hier durchaus erwähnt sein, dass es sich bei den Hauptakteur*innen mehrheitlich um Männer handelt.

(2) Thomas Maul am 9. Mai: https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=2406724599353319&id=664646443561152

(3) Ankündigungstexte zur Veranstaltungsreihe »70 Jahre Israel – Zum weltweiten Antisemitismus und dem Objekt seiner Begierde«: http://gegen-antizionismus.de/texte/70-jahre-israel/

(4) Maul, Schneider: Asexuelle Belästigung, Warum #MeToo ein großangelegter Übergriff auf die Residuen bürgerlicher Zivilisation ist (online unter: http://redaktion-bahamas.org/artikel/2018/78-asexuelle-belaestigung/)

(5) Maul, Witzmann: Plebejische Globalperspektive, Critical Whiteness als postmoderner Nazi-Zombie (online unter: http://redaktion-bahamas.org/auswahl/web67-1.html)

(6) Gruppe Thunder in Paradise: Ein Safe Space für Bockenheim (online unter: https://thunderinparadise.org/2018/03/25/ein-safe-space-fuer-bockenheim/)

(7) GamerGate war ein reaktionärer Internetmob, der sich im Sommer 2014 formierte und in der folgenden Zeit versuchte, Frauen in Videospieljournalismus und -entwicklung zu mobben und sich gegen ›diversity‹ und progressive Politiken aussprach. GamerGate ist dabei durchaus als Vorgänger des Trump-Internetmobs zu bezeichnen und einige Akteur*innen gingen auch unmittelbar in der »Alt-Right« auf.

(8) AG No Tears for Krauts Halle: Für den Feminismus. (online unter: http://nokrauts.org/2018/04/fuer-den-feminismus/)

10.06.2018
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