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Aktuelles Heft

INHALT #232

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• das erste: Ästhetik des Eigensinns – Goth zwischen bürgerlichem Befreiungsideal und Duldung der Barbarei
"Yo, Fatoni" - Tour 2016
The Hotelier + Support
Rotten Sound | Abigail Williams | Cult Leader
Nonkeen / Andrea Belfi
Mine - "Das Ziel ist im Weg" Tour 2016
TRAPPED UNDER ICE, NO TURNING BACK, STRENGTH APPROACH, WORLD EATER, REDEMPTION DENIED
• leserInnenbrief: Die Sache mit der Gewalt ist immer so 'ne Sache.
• doku: Flugschrift
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Die Sache mit der Gewalt ist immer so 'ne Sache.

Der folgende Text ist eine Replik auf den im CEE IEH #231 veröffentlichten Debattenbeitrag von Lou Anton und wurde uns zugesendet.

Nur damit eins klar ist: Das hier soll kein akademischer Abriss werden und ich will hiermit auch explizit alle Menschen ermutigen, die sich vielleicht sonst nicht trauen Texte zu schreiben. Macht mal, is nich so schwer!
Nun zum Thema: Beim Lesen des Textes von Lou Anton sind mir einige Punkte aufgefallen, die ich im Folgenden gern kritisieren möchte. Mich beschlich nämlich beim Lesen das Gefühl, dass der Autor bzw. Teile der Leipziger Linksradikalen es gerne allen möglichen Leuten Recht machen würden. „Wenn wir uns nur nicht so verhalten wie Chaoten, wenn wir nur nicht so aussehen wie Zecken, dann werden die Stadtoberen und die netten Muttis und Vatis aus der Südvorstadt unser Anliegen schon Ernst nehmen“.(1) Das sieht man auch schön an der aktuellen Debatte um das Social Center.
Ich persönlich möchte diese Leute nicht auf „unsere Seite gegen die Nazis“ bekommen. Da kann ich mich ja gleich zum gemütlichen Bockwurstessen gegen Nazis beim DGB treffen! Das ändert auch nichts an den sächsischen Zuständen. Macht euch nichts vor: Die sächsische/deutsche Mehrheitsgesellschaft ist Teil des Problems! Da gibt es niemanden den „wir“ überzeugen könnten! „Du wirst sehen, die Leute werden aus den Fenstern schauen und Beifall klatschen.“(2) Wer das nicht erkennt, der hat aus der deutschen Geschichte nichts gelernt. Wenn ich gegen Faschisten vorgehe, dann ist mir reichlich egal was die ach so tolle Stadtgesellschaft und die aufrechten Demokraten von der SPD und den GRÜNEN und deren Wähler_innen in der Südvorstadt dazu denken. Dann mache ich das nicht des Events wegen oder weil es so lustig ist auf Demonstrationen zu gehen, sondern weil ich es nicht ertragen kann, wenn solche Menschenfeinde ihre ekelhafte Ideologie zur Schau stellen oder mal wieder einen anderen Menschen schlagen oder einschüchtern!(3) Ich bin jedenfalls auch nicht um das Image der Linksradikalen oder von Connewitz besorgt, das war schon immer mies.
Ich verstehe ja den Punkt: Natürlich macht es einen Unterschied, ob es zivilgesellschaftliche Akteur_innen gibt oder nicht. Das zeigt schon die sächsische Provinz, aber auch von ihnen muss gefordert werden solidarisch zu sein und sich nicht von vermeintlichen „Gewalttäter_innen“ zu distanzieren und auf die Extremismustheorie zu setzen.
Ich verstehe es schon: die Scheiben einer Bank einzuwerfen ist kein revolutionärer Akt, sondern ein Ausdruck falscher Kapitalismuskritik. Dieser möchtegern-revolutionäre Gestus ist mir genauso fremd wie Lou Anton, an dieser Stelle gebe ich ihm Recht. Aber einen hohen Sachschaden an sich zu generieren, daran ist nichts auszusetzen. Im Gegenteil, das gehört zum linksradikalen Standardrepertoire, es ist schlicht ein Druckmittel. Die Ereignisse am 12.12. waren deshalb wichtig und richtig! Der Ausgang war von Anfang an für ALLE Beteiligten klar: Wenn die Faschos laufen, dann wird Sachschaden folgen. Die Kosten für Rassismus und falsch verstandene Meinungsfreiheit richtig hoch treiben und das Image vom tausendjährigen Hypezig in den Dreck ziehen, das waren einige der Ziele und die wurden erreicht.
Aber wer sich wie Lou Anton in den städtischen Diskurs à la Jung und Kudla begibt und von einer Gewaltspirale fantasiert, kann sich gleich ans Rathaus stellen und „Keine Gewalt von Niemandem“ zusammen mit den Stadtoberen fordern. Wir leben in einer gewaltförmigen Gesellschaft, auch wenn einige der Leipziger Linken das beim Kuchenessen schnell mal vergessen. Dieser Staat übt Gewalt gegen die Menschen die in ihm Leben aus, sei es durch kapitalistische Vergesellschaftung, durch Hartz 4, Abschiebungen oder Knäste. Von den Faschos will ich hier lieber gar nicht erst anfangen. Wenn sich also Leute dagegen wehren, dann ist das eine Spirale der Gewalt?
Was sollten die radikalen Elemente also tun? Bücher lesen und sich dann wehren und nicht im stillen Kämmerchen alleine Kuchen essen und drauf hoffen, dass sich schon was verändern wird!(4)
Der 12.12. muss auch als Zugeständnis an die eigene Ohnmacht gesehen werden. Freital, Heidenau und Dresden (etc. pp.) lassen niemanden kalt. Auch wenn man dort war und alles miterlebt hat, fühlt man sich ohnmächtig angesichts sächsischer Verhältnisse.
Ich bin kein Mensch der gerne Gewalt ausübt, im Gegenteil. Ich frage mich dabei immer ob die Gewalt, die ich ausübe das richtige Ziel hat, ob ich sie verantworten kann. Dabei sehe ich brennende Mülltonnen nicht als Gewalt an, Tränengas in eine friedliche Kundgebung schießen und Menschen halb totschlagen schon.
Des Weiteren ist die Tatsache, dass ein Großteil der Faschos am 11.1. von den Cops festgenommen wurde, mitnichten durch ein „Danke Polizei!“ zu beantworten so wie es auch Spiegel TV wohl gerne hätte.(5) Es ist doch reiner Zufall bzw. einer gehörigen Portion Kadavergehorsam gepaart mit Planlosigkeit auf Seiten der Faschos geschuldet, dass diese sich von zahlenmäßig unterlegenen Cops haben festnehmen lassen. Dass der antifaschistische Selbstschutz erst 15 Minuten später vor Ort war, ist erstens dem Treiben in der Innenstadt und zweitens der Zeit geschuldet die es braucht um sich die Schuhe anzuziehen und loszufahren. Ich möchte jetzt nicht wie der/die Altautonome am Tresen klingen, der/die ich nicht bin. Ich prangere lediglich die Geschichtsvergessenheit (und wir reden hier mal grade von den letzten 25 Jahren) einiger Zeitgenoss_innen an. In den 90ern war sowas fast an der Tagesordnung und es glaubt doch wirklich niemand ernsthaft, dass die Volkspolizisten damals irgendwelche Faschos verjagt hätten? Wie ist Connewitz wohl zu so einem recht lebenswerten Ort in Mitten von Sachsen Mordor geworden?
Ich frage mich auch: Wie oft möchte sich der Autor noch von total friedlichen Polizisten von einer Blockade knüppeln lassen? Wir sind hier nicht in, sagen wir mal, Mainz!(6) Habe ich schon erwähnt, dass Leipzig in Mordor liegt? Wir haben es hier mit der sächsischen Polizei zu tun! Ich finde es nicht gut, wenn Leute darüber politisiert werden, weil sie von Cops verprügelt werden. Sowas sollte Keine_r durchstehen müssen! Vielleicht sollte die radikale Linke wieder mehr Krav Maga-Kurse anbieten.
Antifaschistischer Selbstschutz ist möglich und weiterhin wichtig. Dieser darf dabei allerdings nicht in ekelhaftes Mackergehabe und revolutionären Gestus verfallen(7) und sich nicht nur auf Connewitz beschränken. Wir dürfen jetzt nicht zur Normalität zurückkehren, wir müssen uns längerfristig Gedanken machen, wie wir unsere erkämpften Freiräume gegen den Staat und Faschos auch in Zukunft schützen können und zwar gemeinsam. Ein bisschen Alarmismus nach dem 11.1. reicht da nicht aus! Dann sitzen beim nächsten Angriff wieder alle ganz zerknautscht am nächstbesten Kneipentresen und fragen sich, was das denn jetzt war und wieso es uns getroffen hat. Es hätte gar keinen besseren Ort treffen können als das ach so rote Connewitz! Hier gibt es Menschen, für die Solidarität keine hohle Phrase ist, das sieht man alleine an den tausenden Euro Spendengeldern. Dieses Privileg haben die Menschen auf dem braunen Land nicht. Es ist also wichtig aus der Leipziger Blase herauszutreten und die radikalen Elemente auf dem Land zu unterstützen, wie auch schon mehrmals auf Diskussionsveranstaltungen festgestellt wurde.
Und wir alle müssen langsam (besser schnell) lernen, dass die deutsche Biedermeier-Zeit vorbei ist und jetzt die Brandstifter da sind. Deswegen ist es wichtig, die Vernetzung zwischen den radikalen Elementen auch in den einzelnen Stadtteilen voranzutreiben, miteinander zu reden (dabei trotzdem zu schauen mit wem man redet) und dadurch den Selbstschutz zu organisieren. Die radikale Linke ist nicht in einer hegemonialen Stellung, aber wir können zumindest die Orte verteidigen die uns wichtig sind und den Menschen auf dem Land unsere Solidarität entgegenbringen, um nicht zu verzweifeln und die Hoffnung zu verlieren, in diesem unwirklichen Staat in diesem unmenschlichen Europa, angesichts der mordenden Horden des faschistischen IS, einfach um unsere eigene Menschlichkeit nicht zu verlieren.

[Die Kuchenkritiker_in]

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Nicht Mainz, aber Köln: »Die Polizei, Dein Freund und Helfer — auf dem Fahrradparcours der Polizei Köln konnten sich alle Kinder und Jugendliche auf ihre Hilfe verlassen.“ (Quelle: www.tag-der-verkehrssicherheit.de)

Anmerkungen

(1) Lou Anton, Antifaschistischer Selbstschutz und die Gewaltfrage. CEE IEH #231

(2) Eine Anwohnerin von Rostock-Lichtenhagen kurz vor dem Pogrom 1992 in der Ostseezeitung.

(3) Das Selbe gilt auch bei Sexisten, Rassisten, homophobe Idioten und für Islamisten. Dreckspack!

(4) Werdet Mitglied bei den Kuchenkritiker_innen!

(5) Spiegel-TV Doku über „Linksextreme in Leipzig – Radikale Szene in Connewitz“ vom 29.02.2016

(6) Nicht, dass die Polizei in Mainz besser oder netter wäre. Ich hoffe ihr wisst, was ich meine.

(7) Siehe das sehr geistreiche Transparent „Nazis Töten“ am 12.12. von der noch geistreicheren Gurkentruppe „New Kids Antifa Leipzig“

19.04.2016
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