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Aktuelles Heft

INHALT #181

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Fear and loathing im Moseltal
Runes, Hang the Bastard, Coldburn
65daysofstatic
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Shrinebuilder
Pantéon Rococó
Blood Red Shoes
„Trilingual Dance Sexperience“
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Casper
Rise and Fall, Nails, Harms Way
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• kulturreport: Campy Panzerluft und antisemitischer Kitsch
• ABC: G wie Gewalt
• review-corner film: Jud Süß – Ein Film ohne Anspruch
Linker Irrtum, schwerer Irrtum
Konzentriertes Ressentiment
Das ist doch alles nicht so einfach...
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Jud Süß – Ein Film ohne Anspruch

Filmplakat Über den aktuellen Kinofilm
„Jud Süß – Film ohne Gewissen“,
Regie: Oskar Roehler

Wer sich vor dem Kinobesuch einige Rezensionen über den Film „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ durchgelesen hatte, konnte ahnen, dass dies kein guter Film sein würde – nicht nur, weil es ein deutscher Film ist, sondern weil schon die Rezensionen nichts über den Film aussagen konnten. So bestätigte sich auch meine Vorahnung – man ärgert sich nach der Vorstellung schlicht über die Zeit- und Geldverschwendung, denn es bleibt völlig unklar, was der Film vermitteln will.
In „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ geht es um die Entstehung des gleichnamigen NS-Propagandafilms „Jud Süß“ aus dem Jahr 1940. Jener wurde leicht abgewandelt nach dem Buch „Jud Süß“ von Lion Feuchtwanger(1) gedreht und sollte die antisemitische Hetze im Deutschen Reich weiter anstacheln. Den Soldaten an der Front, den Wärtern in den KZs und den Mädels vom BDM an der Heimatfront sollte die Verfolgung und der Mord am europäischen Judentum durch den Propagandafilm „Jud Süß“ erleichtert werden. Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Film verboten und darf auch heute nur kommentiert gezeigt werden. Vom Lieblingsprojekt des Propagandaministers Joseph Goebbels bekommt das Publikum des aktuellen Kinofilms jedoch gar nichts Authentisches mit, weil in „Jud Süß – ein Film ohne Gewissen“ sämtliche Szenen des Originalfilms nachgespielt wurden. Dadurch wird der komplette Film enthistorisiert, was insofern passend ist, da das gesamte „Setting“ des Nationalsozialismus ohnehin beliebig wirkt. Die gesamte Handlung könnte auch zu Zeiten Barbarossas oder in der Weimarer Republik spielen – eben wie in einem ganz normalen Film über einen ganz normalen Teil der deutschen Geschichte. Somit entledigt sich der Film auch der Aufgabe, moralische oder politische Botschaften zu vermitteln. Genau das müsste er jedoch, da es eben ein deutscher Film über den Nationalsozialismus ist. An der Abwesenheit dieses Selbstverständnisses kann recht gut eine Variante des heutigen Umgangs mit dem NS in Deutschland abgelesen werden: Es ist genau die scheinbare Beliebigkeit des Nationalsozialismus und die bewusst unmoralische Haltung gegenüber der teilweise erschütternden Handlung des Originalfilms „Jud Süß“ von Veit Harlan, die nach Phasen des Revanchismus, dem anschließenden Schuldeingeständnis und der aktiven Aufarbeitung im Umgang mit dem NS folgt.

Um das Publikum ins Kino zu locken, treten sehr viele bekannte deutsche Schauspieler auf, die man aus allen möglichen deutschen Produktionen kennt. Man verbindet mit diesen Gesichtern Unterhaltungsfilmchen wie „Der Baader-Meinhof-Komplex“, „Sonnenallee“ oder auch „Der bewegte Mann“. Da die Schauspieler allesamt – und dies völlig zu Recht – niemals international Karriere gemacht haben, spielen sie auch hier die Rollen, die sie immer spielen: sich selbst. Und weil man sie so gut kennt, fühlt man sich auch ein bisschen heimelig. Dadurch geht ein Stück Distanz verloren, die bei einem Film über den Nationalsozialismus durchaus angebracht wäre. Zudem wirken die Rollen wie auf einer Theaterbühne inszeniert, wodurch der Film irreal wirkt und beim Zuschauen die Gewissheit relativiert, dass wir es hier mit einer realen Begebenheit zu tun haben. Der historische Originalfilm „Jud Süß“ wurde aber wirklich gedreht, fand über 20 Millionen Zuschauer und vermittelte durch seine offen antisemitische Fratzenhaftigkeit den Deutschen, was das scheinbar einzig Richtige gewesen sei: die Ermordung des europäischen Judentums.

Zugleich Drama und Farce

Im Mittelpunkt des aktuellen Machwerks „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ aber steht lediglich die Entstehung des Originals mitsamt der vielen kleinen Tragödien und Erfolgsgeschichten, die damit in Verbindung gebracht werden. Fernab dessen, dass die Erzählstränge des Films nur schlecht miteinander verbunden sind, tauchen auch einige Figuren auf, deren Bedeutung unklar bleibt, so zum Beispiel die Tochter des Hauptdarstellers in „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ Ferdinand Marian. Die-se Tochter wird in der Schule mit antisemitischer Propaganda indoktriniert und trägt diese mit ins Elternhaus, dennoch wird sie hartnäckig als kleiner, unschuldiger Engel inszeniert. Ab der Mitte des Films taucht sie schlicht nicht mehr auf und es bleibt offen, warum sie überhaupt eingeführt wurde. Andere Figuren hingegen bleiben dem Zuschauer den ganzen Film über erhalten und erscheinen mit einer derart hohen Frequenz, dass sie fast schon wie ein Running Gag wirken. Eine Portion historisch unterfütterter Dramatik wird nur mit der erfundenen Figur des jüdischen Schauspielers Adolf Deutscher eingeführt, weil an seiner Person die Entrechtung, Deportation und Haft von Millionen von Juden exemplarisch gezeigt wird – dennoch verkommt die grausame Vernichtungspolitik der Nazis hier zu einer lediglich unschönen Nebensächlichkeit. Das Ghetto, in das Deutscher gebracht wird, erscheint vergleichsweise human und als er am Ende aus dem KZ kommt, sind er und seine Leidensgenossen zwar leicht frustriert, aber doch wohlgenährt. Deutscher soll wohl das schlechte Gewissen des Hauptakteurs Marian darstellen. Der Film pocht jedoch implizit immer wieder darauf, dass Marian – „objektiv“ betrachtet – kein Fehlverhalten vorgeworfen werden kann. Goebbels drängt ihm die Rolle für den Propagandafilm „Jud Süß“ immer wieder auf, worauf er zuerst entschieden ablehnt. Er hält zu seiner Ehefrau, die aufgrund ihrer jüdischen Großmutter nicht mehr als Schauspielerin auftreten darf, obwohl er am Ende wegen ihr erpressbar wird und die Rolle in „Jud Süß“ doch annimmt. Er versteckt seinen Schauspielkollegen Deutscher und rettet ihn anfangs vor dem Ghetto. Und er versucht, aus seiner Rolle als Josef Süß Oppenheimer das Menschlichste herauszuholen. Trotz all dieser dramaturgischen Schachzüge, die seine Mitschuld relativieren sollen, bleibt Marian doch ein egozentrischer, unsensibler Typ, der seine Frau betrügt und sich darum sorgt, ob er nun für immer den Juden spielen muss. Dennoch fällt es dem Zuschauer schwer einzuschätzen, ob er ein Täter oder ein Opfer des NS ist.(2) Genau dies scheint mit dem Film unterschwellig beabsichtig zu werden: Man kann kein klares Urteil über das Schicksal und Handeln einzelner Deutscher fällen. Die zuschauende Person kann sich ihr eigenes Urteil über die Rollen im Film bilden und diese frei interpretieren. Manch einer wird es lustig finde, wenn Moritz Bleibtreu alias Joseph Goebbels seine Reden schreit, andere finden es vielleicht beschämend, weil der Inhalt so ehrlich und grausam ist. Aber mit den Rollen wird kein Urteil über die historischen Personen gefällt. Die Beurteilung obliegt dem Kinopublikum – den Einwand, dass einem deutschen Publikum ohnehin meist nicht über den Weg zu trauen ist, muss man an dieser Stelle eigentlich gar nicht mehr äußern, so selbstverständlich ist er.

Eine weitere Komponente der Entschuldungsstrategien des Films ist zudem dessen Frauenbild: Außer der Ehefrau von Marian sind alle Frauen machtsüchtige, intrigante Personen, die mit jedem politisch wichtigen Mann ins Bett steigen. Sie sind es auch, die in dem Film offen antisemitisch handeln: Es ist die Hausangestellte von Marian, die Deutscher denunziert und sich später in den besetzten Gebieten das Eigentum der deportierten Juden unter den Nagel reißt. Es ist die Frau irgendeines Ghettokommandanten, die Marian verführt. Sie lässt ihm beim Sex den Text der Vergewaltigungsszene aus dem 1940 gedrehten „Jud Süß“ aufsagen. Anscheinend soll hier der Antisemitismus als psychologisches Phänomen begründet werden, weil Nazis – besonders die Frauen – mit den Juden Sex haben oder an deren angeblich ausgeprägten perversen Sexualität(3) teilhaben wollten. Die Szene wird jedoch so lächerlich und fremdbeschämend dargestellt, dass man über einen möglichen tieferen Gehalt nicht nachdenken mag. Ähnlich irritierend ist die Inszenierung der Behinderung Goebbels – fast immer wird er mit seinem Gehfehler gezeigt. Soll hier etwa vermittelt werden, dass die Nazis doch gar nicht ernst zu nehmen sind, wenn sie Behinderte umbringen, aber eigentlich ja selbst Behinderte in ihren Reihen dulden?

„ … ohne moralische Belehrung und Zeigefinger.“

Der Film „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ ist zwar kein bewusst inszeniertes geschichtsrevisionistisches Machwerk, aber es wird an dem Film deutlich, wie heute mit der deutschen Geschichte, dem Nationalsozialismus umgegangen wird. Der NS wurde zu einem beliebigen und normalen Teil der Geschichte; es bedarf keiner besonderen Erzählweise, keiner moralischen Wertung mehr, ab jetzt darf auch mal gelacht werden.(4) Anscheinend sind alle traurigen, erschütternden Geschichten erzählt und so widmet sich die deutsche Filmindustrie fortan den banalen Geschichten und Biographien, und dies noch nicht einmal besonders gut.
Die moralische Uneindeutigkeit der Personen, insbesondere des Hauptdarstellers Marian, eröffnet wiederholt die Thematisierung nach Schuld und Unschuld der deutschen Persönlichkeiten im NS. Dass Marian nicht eindeutig als Täter identifiziert wird, ist gewollt, weil der Film keine politischen moralischen Urteile abgibt. Und genau das ist das schwierige an dem Film, dass er zwar den NS als Bühne benutzt, aber nicht gewillt ist, über das Thema etwas aussagen zu wollen oder zu müssen. Im Gegenteil, einige Dimensionen des NS werden zwar erwähnt, aber gleichzeitig in den Hintergrund gerückt. Mit der Uneindeutigkeit der Figuren könnten man leben (oder aber es wäre schön, wenn das Publikum zumindest angeregt würde, sich eine eigene Meinung zu bilden), aber das Setting und die Darstellung erlauben keine angebrachte moralische Einordnung der Personen und der Handlung.

Zurecht wurde der Film auf der Berlinale ausgebuht, aber es finden sich auch positive Bewertungen zum Film.(5) Die Dresdner Neuste Nachrichten schreiben bspw.: „Ein Melodram mit sanften satirischen Anstrich ohne moralische Belehrung und Zeigefinder“. Prinzipiell kann es natürlich sehr gut sein, über die Nazis zu lachen, aber dieser Film erlaubt einem noch nicht einmal ein Schmunzeln, zudem versucht der Film eben auch grausame Realität darzustellen und die Art und Weise des Versuchs lässt einem jedes Lachen im Halse stecken bleiben. Die Tatsache, dass die Abwesenheit jeglicher moralischer Belehrung in einem Land, das sich seit 60 Jahren von der „moralischen Keule Auschwitz“ drangsaliert fühlt, gleichbedeutend ist mit der Abwesenheit jeglicher moralischer Bewertung und darüber hinaus der Umstand, dass dies Freude und Erleichterung auslöst, sagt alles über den Film aus.
Es gab auf der anderen Seite auch viele negative Stimmen zum Film, die gleich von Geschichtsrevisionismus gesprochen haben. Damit wird es sich aber zu einfach gemacht und man wird auch dem Film nicht gerecht. Ein guter und angemessener Umgang mit dem Film wäre, wenn einfach niemand drüber reden würde, weil er einfach nur schlecht ist – aber revisionistisch ist er nicht.

Als kleine Randgeschichte aus dem wahren Leben, die den Umgang mit der deutschen Geschichte ganz gut beschreibt, sei noch erwähnt, dass der Schauspieler Robert Stadlober, der im Film einen jungen SS-Mann spielt und in der Rolle den jüdischen Schauspieler Deutscher aus seinem Versteck verhaftet, sich im engen Kreise Goebbels bewegt und groß Karriere in den besetzten Gebieten machen will, vor wenigen Wochen gemeinsam mit Thomas Ebermann im Conne Island aus den Tagebüchern Mihail Sebastians gelesen hat. Robert Stadlober spielt bei einem vielleicht etwas kruden, aber mindestens schlechten Film über den NS mit, der keinerlei Aussage hat und deshalb lieber nie produziert worden wäre, und gleichzeitig liest er aus den Tagebüchern eines jüdischen Intellektuellen, die so erschreckend ehrlich die brutale Realität in den 30er und 40er Jahren in Europa beschreiben. Robert Stadlober wollte bestimmt nur seinen Teil zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte beitragen, aber an dieser Stelle wird die Beliebigkeit mit dem Thema deutlich. Das hat der Robert bestimmt auch nicht böse gemeint, sondern ist Resultat der letzten 60 Jahre Geschichtsaufarbeitung, welche am Ende aus den Deutschen Täter und Opfer zugleich gemacht hat. Wenn man allein die Dimension des Holocaust betrachtet, kann dies nicht so stehen bleiben. Die Deutschen wollten die Vernichtung des europäischen Judentums, sie haben gejubelt, sie haben profitiert und sie haben geschossen, nicht nur die SS und die Gestapo, sondern auch Erwin und Trude Müller von nebenan. Aber dieser Teil wurde beim ständigen Sprechen über die deutschen Opfer auch wieder vergessen und ein Robert Stadlober stolpert noch nicht einmal über seine vermeintliche „Ausgewogenheit“. Dies ist der eigentliche Skandal und nicht der neue Film „Jud Süß – Film ohne Gewissen“, welcher gerne der meistdiskutierteste Film des Jahres geworden wäre.

Mandy Mercedes

Anmerkungen

(1) Lion Feuchtwanger war Theaterkritiker und Schriftsteller. Seine Bücher wurden von den Nazis verboten. Er konnte sich vor den Nazis nach Jahren der Verfolgung nach Amerika retten. Sein bekanntestes Werk ist der Roman „Jud Süß“ aus dem Jahre 1925. In dem Buch geht es um den jüdischen Kaufmann Josef Süß Oppenheimer, der unter Herzog Karl Alexander zum mächtigsten Mann Württembergs wird. Oppenheimer stellt der Tochter des Herzogs nach und treibt sie so in den Selbstmord. Er will daraufhin dem Herzog zu Fall bringen und zieht so den Zorn des Volkes auf sich, welches ihn öffentlich hängt.

(2) „Tobias Moretti spielt diese Grandwanderung glänzend“ FAZ

(3) http://www.antisemitismus.net/geschichte/bergmann.htm oder http://zukunft-braucht-erinnerung.de/holocaust/antisemitismus/47.html

(4) „ ... saftiges, pralles, rückhaltloses unterhaltsames Kino.“ Münchner Abendblatt

(5) „Intensives, empfehlenswertes Berlinale-Kino“ ARD Brisant

25.10.2010
Conne Island, Koburger Str. 3, 04277 Leipzig
Tel.: 0341-3013028, Fax: 0341-3026503
info@conne-island.de, tickets@conne-island.de