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#219, Dezember 2014

Aktuelles Heft

INHALT #210

Titelbild
Editorial
• das erste: Nicht ohne Verluste
Skindred + special guests
Lesung aus „Gedenken abschaffen!“ zum Diskurs um den 13. Februar
Defeater, Caspian, Landscapes, Goodtime Boys
Kylesa, Sierra, Jagged Vision
Ja, Panik
No Bragging Rights, Light Your Anchor, To The Wind
Klub: Electric island. DJs: Kim Brown, Falke, Elin
Caféshow: Die Nerven + Support
Filmriss Filmquiz
The Ocean, Der Weg einer Freiheit
Benefizdisco
Ugly Heroes (Apollo Brown, Verbal Kent, Red Pill)
Dritte Wahl, Diva­ kollektiv, Auf Bewährung
FAQ: Conne Island
• inside out: Zur Auseinandersetzung mit der Band „Thy Art Is Murder“
• interview: ...mit der Band „Thy Art Is Murder“
• position: Über die Arbeit in Sexarbeit
• doku: German Abstiegsangst.
• doku: Die alternativlose Universität
• doku: Lampedusa – über die öffentliche Diskussion zur europäischen Flüchtlingspolitik
Anzeigen
• das letzte: Faschismus!!!

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Über die Arbeit in Sexarbeit

von Marianne Pabst

Ende 2013 befassten sich linke Gesellschaftskritikerinnen in Konkret, Jungle World und anderen Kanälen mit dem Thema Prostitution und Sexarbeit. Auslöser war die von Alice Schwarzer lancierte Kampagne zu ihrem jüngsten Buch „Prostitution – ein deutscher Skandal“. Alice Schwarzer geht es in einem Bündnis mit Promis und der CSU darum, Prostitution abzuschaffen. Im Zentrum steht für Schwarzer der Begriff der Freiwilligkeit, der von den Berufsverbänden und Hurenorganisationen bemüht wird, um sich gegen die Stigmatisierung der Sexarbeiterinnen als Opfer zu wehren und ihre Autonomie gegenüber moralisierenden und paternalistischen Diskussionen zu verteidigen. Schwarzer hält freiwillige Prostitution für eine Lüge. Die Emma-Kampagne richtet sich auch gegen die Reform des Prostitutionsgesetzes von 2002, die Deutschland zu einem der liberalsten Rechtsräume für dieses Gewerbe machte, und von Schwarzer für die Zunahme von Menschenhandel und Ausbeutung verantwortlich gemacht wird.
Ein wichtiges Standbein der Kritik an Schwarzer ist, dass sie keine aussagekräftigen Daten über Prostitution vorweisen könne und deshalb gar keine Aussagen über den Zusammenhang von Zwang, Drogensucht, Kriminalität und Prostitution treffen könne. Die Genossinnen von der Radiosendung Tipkin haben im Dezember 2013 zum Thema eine hervorragende Sendung produziert, in der spannende Interviews mit Sexarbeiterinnen zu hören sind (für den Link zur Sendung sollte man sich bei Tipkin melden, ich habe sie im Audioarchiv nicht mehr gefunden). Außerdem kommt Rebecca Pates von der Uni Leipzig zu Wort, die eine gendertheoretische Studie zum Diskurs über Prostitution(1) betrieben hat. Die Schwierigkeit, eine empirische Erhebung über den Zustand der Frauen, die in diesem Gewerbe arbeiten, zu machen, wird in der Tipkin-Radiosendung wie auch vielen anderen Beiträgen betont. Alle Schwarzer-Gegnerinnen sind sich aber darin einig, dass Prostituierte vor allem Arbeits- und Rechtsschutz brauchen, eine Anerkennung ihres Berufes und eine Interessenvertretung, nicht aber den Schutz ihrer Moral(2).
Rebecca Pates wirft Alice Schwarzer vor, sie sei eine moralische Unternehmerin, also eine Person, die aus moralisierender Anklage Marketing macht. Das hört Frau Schwarzer derzeit auch von vielen Sexarbeiterinnen, vor allem von denen, die in Berufsverbänden und Netzwerken organisiert sind. Die moralisierende Haltung der Schwarzer im Namen des Feminismus bedrohe die Frauen in der geregelten Ausübung ihres Berufes, dränge sie an den Rand der Gesellschaft, isoliere sie von Arbeitskämpfen und liefert sie damit noch stärker Rassismus und Armut aus – damit ziehe Schwarzer mit der Kirche gleich. So die Vorwürfe, denen Schwarzer natürlich durch die Diffamierung der Prostituiertenorganisation Hydra e.V. als Lobby des Gewerbes Vorschub leistet.(3)
Tatsächlich ist Schwarzers moralisierende Haltung nicht hilfreich und ziemlich anmaßend. Denn nimmt man an, Prostitution werde es im Kapitalismus immer geben, dann drängt die Forderung, sie abzuschaffen, das Gewerbe lediglich in die Unsichtbarkeit und die Illegalität – das bedeutet auch, fehlender Arbeits-, Versicherungs- und Rechtschutz für die Frauen im Namen der bürgerlichen Moral.
Jenny Künkel schreibt dazu in der Konkret: „Not in my backyard heißt heute: der ganze Menschenhandel muss hier weg.“(4) Schwarzer störe sich nicht am Elend, sondern nur an der Sichtbarkeit des Elends.
Wie sieht es aber nun aus, wenn wir uns das tatsächliche Elend ansehen wollen? Offenbar fehlen zuverlässige Daten und Fakten über das Gewerbe – nicht aber O-Töne. Die Diskrepanz zwischen dem, was Prostituierte über ihren Beruf berichten, und dem, was Schwarzer zu wissen behauptet, ist groß. Aber Sexarbeiterinnen, die in der Debatte zu Wort kommen und über sich und ihr Umfeld sprechen, sind meist organisiert, gebildet und sozial und rechtlich abgesichert. Natürlich verteidigen diese sich dagegen, entmündigt zu werden, als Opfer oder psychisch geschädigt hingestellt zu werden. Aber die Frage, wer in der Lage ist, für die Mehrheit der geschätzt 400.000 Prostituierten, die in Deutschland arbeiten, zu sprechen, ist damit nicht beantwortet – dass Klassen- und Bildungsschranken in diesem Gewerbe überwunden sind, glaube ich nicht. Es geht mir aber gar nicht darum, eine Aussage über das Verhältnis von Zwang, Prostitution, Drogen, Kriminalität oder Missbrauch zu treffen, Kausalbeziehungen herzustellen. Ich versuche stattdessen, Prostitution als Arbeit zu betrachten und damit dass Unbehagen auszuformulieren, dass ich fühle, wenn Gesellschaftskritikerinnen Sexarbeit unter eine allgemeine Kapitalismuskritik subsumieren.

Sexarbeit ist Arbeit – aber keine Arbeit wie jede andere

„ Aber was, wenn verschiedenste Geschlechter in allen möglichen Berufen unter ortsüblich miesen Arbeitsbedingungen leiden – (…) Dann gehört der Kapitalismus abgeschafft.“ So Künkel in der Konkret. Ich stimme der Forderung, den Kapitalismus abzuschaffen, natürlich zu. Aber ich sehe ein Problem darin, dass ökonomiekritische Gegnerinnen Schwarzers die Prostitution wie jeden anderen Beruf auffassen und damit den Begriff des Zwangs analog zur Unfreiheit der Lohnarbeiterin im Allgemeinen definieren. Kurz: die Sexarbeiterin ist genauso frei oder unfrei wie jede Arbeiterin im Kapitalismus. Oder umgekehrt: Wir prostituieren uns doch eigentlich alle irgendwie auf dem Arbeitsmarkt.
Alice Schwarzer hat kürzlich eine Analogie zwischen Prostitution und Pädophilie hergestellt(5), – diese Analogie lässt sich so interpretieren, dass Frauen ebenso auf Schutz vor männlicher Sexualität angewiesen wären wie Kinder. Schwarzer wird dies als eine antifeministische Haltung ausgelegt, die den erkämpften Status quo der sexuellen Selbstbestimmung von Frauen unterwandert. Tatsächlich ist es absurd, Frauen mit Kindern gleichzusetzen. Was Schwarzer aber mit diesem Vergleich – meiner Auffassung nach – deutlich machen will, ist, dass es ein Machtgefälle gibt, das sowohl im Diskurs über Pädophilie in der Bundesrepublik der 1970er Jahre als auch heute in der Diskussion um Sexarbeit verschleiert wird. Konkret meint Schwarzer: wir leben im Patriarchat und in jedem Fall ist der Mann der mächtigere Part.
Damit hat sie Recht. Man muss nicht ihrer Analogie folgen – beide Themen, Pädophilie und Prostitution verdienen eine eigenständige Bearbeitung – dennoch gilt es, einen Blick auf dieses Machtgefälle zu werfen, und das Wort Patriarchat zu benutzen, wenn wir über Sexarbeit als Arbeit sprechen.
Theodora Becker, Sexarbeiterin und Autorin, beschreibt in ihrem sehr lesenwerten Vortrag „Leib ohne Trieb“ die Sachlichkeit einer sexuellen Dienstleistung: „Geld spielt hier die Rolle des distanzierten und neutralen Mediums, es schafft die Distanz zwischen den Beteiligten, die die leibliche Nähe zwischen ihnen ermöglicht.An die Stelle des Tausches von gegenseitiger Attraktivität auf dem Beziehungsmarkt zwischen zwei gleichermaßen marktförmig zugerichteten Personen tritt hier der nüchterne Tausch von Sex gegen Geld.“(6) Damit vertritt sie die linke Kritik an Schwarzers Moralismus und anderen Agitationen gegen Prostitution, die vor dem Ausverkauf der weiblichen Seele oder des ebenso schützenswerten weiblichen Körpers warnen. Durch die geldförmige Verwertung der Dienstleistung komme, so interpretiere ich Becker, positive Seite der kapitalistischen Entfremdung im Tauschverhältnis zum Tragen: Versachlichung und Distanz. Unter dieser Bedingung kann die Frau gar nicht ihren Körper oder ihre Seele verkaufen.
Sexarbeit ist folglich eine Lohnarbeit wie jede andere, und damit ebenso angenehm oder unangenehm wie Lohnarbeit unter verschiedenen Bedingungen eben sein kann – Sexarbeiterin, Kassiererin, Call Center Agent, Putzfrau oder Journalistin leiden im Prinzip unter den selben Umständen.
Ich denke aber, dass wir hierüber diskutieren müssen. Die marxistische Ökonomiekritik, mit der die kapitalistische Entfremdung beschrieben wird, hat Schwächen: einerseits, wenn es um Dienstleistung geht, andererseits, wenn es um Frauenarbeit geht. Michael Heinrich behauptet kurz und knapp: Auch eine Dienstleistung sei eine Ware und meint damit, das ganze Problem behandelt zu haben.(7) Warenförmigkeit ist ein gesellschaftliches Verhältnis, das heißt, im Hinblick auf die Wertbildung, es ist egal, ob ich ein Auto kaufe oder eine Massage. Mit Blick auf Dienstleistungen von Frauen bzw. Frauenarbeit müssen wir genau diese Behauptung in Frage stellen. Denn ein großer Bereich bezahlter Dienstleistungen kann auch unbezahlt stattfinden. Das firmiert unter unproduktiver Arbeit oder Reproduktionsarbeit: Hausarbeit, Sex, Fürsorge, Pflege, Erziehung. Das ist strukturell und global zum größten Teil Frauenarbeit, die durch Ehe und Familie sichergestellt wird.(8) Mt dieser Ausbeutungsform hat sich Marx fast nicht auseinandergesetzt, obwohl sie die Basis der Kapitalentwicklung bildet. Silvia Federici, Mariarosa Dalla Costa, Frigga Haug und andere Feministinnen greifen seit den 1970ern diesen blinden Fleck in der Ökonomiekritik an. Sie stellten fest, dass Frauenarbeit im Reproduktionsbereich, unter den ich Sexarbeit zählen möchte, durch informelle, unsichere Verhältnisse und Unsichtbarkeit auszeichnet. Die Unsichtbarkeit kommt daher, dass diese Arbeit im Privaten stattfindet, und, obwohl sie mehrwertschöpfend ist – sie stellt immer wieder die Arbeitskraft von anderen Menschen her – nicht entlohnt wird. Das hat Auswirkungen auf die Wertbildung der selben Arbeiten, die entlohnt werden – der ganze Bereich ist gesellschaftlich abgewertet, Frauenarbeit, ob bezahlt oder nicht, ist immer weniger Wert als Männerarbeit. Und: die Versachlichung am Arbeitsplatz der Sexarbeiterin nicht die selbe wie die im Büro oder in der Fabrik – möglicherweise muss aus der genauen Betrachtung von Frauenarbeitsverhältnissen die Annahme einer gesamtgesellschaftlichen geschlechtslosen Entfremdung hinterfragt werden. Die positive Seite der Entfremdung, das Vertragsverhältnis und die Abstraktion der Arbeit im Wert, ist so einfach für Sexarbeit nicht zu behaupten. Das heißt natürlich nicht, dass Sexarbeiterinnen grundsätzlich Willkür ausgeliefert wären oder es keine Schranken mehr gäbe, mit denen sie sich vor dem Zugriff auf ihre „Seelen“ schützen könnten. Aber es heißt, dass es nicht ganz so leicht ist, eine fundamentale Kritik an Sexarbeit mit Hilfe von ökonomiekritischen Begriffen abzutun, die die informelle Ökonomie, in der weltweit Frauen an den untersten Rändern des Lohngefälles tätig sind, nicht beschreiben können. Und es heißt vor Allem: nein, wir prostituieren uns nicht alle gleichermaßen auf dem Arbeitsmarkt – ein Bürojob stellt nicht dasselbe mit mir an wie der Job als Sexarbeiterin.
Kapitalismus und Patriarchat halten eine Menge Möglichkeiten bereit, um weltweit Frauenarbeit auszubeuten. Die Spitze des Eisbergs ist der ungleiche Lohn in scheinbar gleichberechtigten Arbeitsverhältnissen. Aber eine der lukrativsten und stabilisierendsten Bewegungen des Kapitals ist es, dass Frauenarbeit gesellschaftlich abgewertet wird – weil sie von Frauen geleistet wird – während Frauen gleichzeitig in abgewertete Arbeitsbereiche gedrängt werden. Die Globalisierung übt großen Druck auf Frauen aus, und Arbeitsbedingungen für Frauen verschlechtern sich weltweit. Mit dem zunehmenden Rückzug staatlicher Fürsorge aus dem sozialen Sektor nimmt zudem unbezahlte Dienstleistung von Frauen wieder zu.
Wir haben es also mit einem Machtgefälle zu tun, dass die kostenlose oder kostengünstige Ausbeutung von Frauenarbeit und die Unterbewertung der Arbeitskraft von Frauen ermöglicht. Der Preis der Ware/Arbeit Sex und damit der Aufwand, den die Arbeiterin betreiben muss, um sich durch ihre Arbeit am Leben erhalten oder etwas leisten zu können, wird nicht nur über das marktwirtschaftliche mehr oder weniger staatlich organisierte Konkurrenzverhältnis vermittelt, sondern auch über den informell bestimmten Wert von Frauenarbeit, der lokal unterschiedlich hoch ist. Der Wert von Frauenarbeit ist direkt an den gesellschaftlichen Wert von Frauen geknüpft. Und nirgendwo auf der Welt gilt eine Frau als eben soviel Wert wie ein Mann. Das heißt, der scheinbar nüchterne Tausch Sex gegen Geld verschleiert immer ein patriarchales Machtverhältnis. Das gilt für fast jede Frauenerwerbsarbeit – aber in diesem Fall ist weibliche Sexualität wesentlich für die Ausübung des Berufs, und diese hat einen besonderen Stellenwert in der Aufrechterhaltung der patriarchalen und kapitalistischen Ordnung.(9) Sexarbeit muss also als eine spezifische Frauenarbeit verstanden und gewürdigt werden.(10) Die Auswirkungen dieser Arbeitsform auf Frauen verschlechtern sich eklatant, wenn Frauen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus, ohne Ausbildung und mit niedrigem Bildungsgrad und ohne Versicherungsschutz immer mehr arbeiten müssen, um sich vom Lohn am Leben erhalten zu können und sich – aus den genannten Gründen – nicht gegen Kriminalität und Übergriffe wehren können.

Streik statt Abschaffung

Anstatt also entweder die Abschaffung von Prostitution zu fordern oder lediglich Alice Schwarzer zu bashen, muss der Arbeitskampf aller Prostituierten für ihre Freiheit und Gleichheit unterstützt werden, und zu einem spezifischen Teil des Frauenarbeitskampfes werden. Der Blick auf die Situation von Frauen, die im Patriarchat Sex verkaufen, darf gerade nicht durch scheinbare Gleichheit der Berufe verschleiert werden – die Mehrzahl der Sexarbeiterinnen ist nicht organisiert, unsichtbar, vom Arbeitskampf ausgeschlossen, weil sie Sexarbeiterinnen sind. Bei aller Gegenwehr gegen die Stigmatisierung der Prostituierten als Opfer darf die materielle Realität der Sexarbeit nicht übersehen werden, und dazu braucht es gar keine empirische Datenerhebung. Wer behauptet, die Mehrzahl der Prostituierten würde ihren Beruf gern ausüben, läuft Gefahr, bestehende Zustände zu verherrlichen – Zustände, unter denen Frauen weltweit in abgewerteten Berufen arbeiten müssen, um ihre Existenz und die ihrer Angehörigen zu sichern. Zustände, unter denen Frauen und ihre Sexualität abgewertet werden. Es braucht trotz Alice Schwarzers Kampagne weiterhin eine spezifisch materialistisch-feministische Kritik an den Bedingungen, die zu Prostitution führen und den Arbeitsverhältnissen, unter denen Sexarbeiterinnen tätig sind. Nicht zur Ächtung der Prostitution sollte aufgerufen werden, sondern zum Generalstreik – ein Streik, dem sich Hausfrauen, Pflegerinnen, Putzfrauen und Call Center Agents, Kassiererinnen und alle anderen, die unter ihren Arbeitsbedingungen, bezahlt, unterbezahlt oder unbezahlt, leiden anschließen sollten. In dieser Hinsicht ist Prostitution Arbeit wie jeder andere – Arbeit, um deren Verbesserung universell gekämpft werden muss.

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Anmerkungen

(1) Rebecca Pates und Daniel Schmidt: Die Verwaltung der Prostitution. Eine vergleichende Studie am Beispiel polnischer, deutscher und tschechischer Kommunen. Leipzig 2009.
(2) Völlig absurd wird die Kampagne der CSU „Nein zur Zwangsprostitution“, mit der Schwarzer verbündet ist. Als Logo hat sich die vom CSU-Frauenverband beauftrage Werbeagentur eine aus Fleischstücken zusammengesetzte Frauensilhouette in aufreizender Pose ausgedacht und damit alles über ihr Klischee von Prostituierten ausgesagt.
(3) Eine sehr interessante Gegendarstellung der Frauen von Hydra e.V. zum Auftritt von Schwarzer in der Sendung „Menschen bei Maischberger: Ob Billigsex oder Edelpuff: Schafft Prostitution ab!“ ist hier zu lesen: www.hydra-berlin.de/fileadmin/users/main/pdf/Offener_Brief_zur_Sendung_Maischberger.pdf
(4) Jenny Künkel: „Schwarzer(rs) Allianzen.“ In Konkret 12/2013, S. 43.
(5) Alice Schwarzer: Die Parallele zwischen Prostitution und Pädophilie. In: Zeit Nr. 49, 28.11.2013.
(6) Theodora Becker im Vortrag „Leib ohne Trieb – Von der Prostitution zur Sexarbeit“. Vortrag mit Theodora Becker (Hydra e. V.) und Magnus Klaue am 19. November 2013 in Halle, nach zuhören im Audioarchiv.
(7) Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung. Stuttgart 2005, S. 41.
(8) Hierzu bietet Silvia Federici einen sehr guten Überblick: „Aufstand aus der Küche. Kitchen Politics. Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution.“ Auch Frigga Haug lohnt sich zu lesen.
(9) Auf diesen Aspekt kann ich gerade aus Platzgründen und weil ich mich damit nicht auskenne nicht weiter eingehen, empfehle aber unbedingt, den Vortrag von Theodora Becker im Audioarchiv nachzuhören.
(10) Auch historisch betrachtet ist sie keine Arbeit wie jede andere. Obwohl das Gewerbe uralt ist, müssen Frauen, die es ausüben, immer um ihr Ansehen kämpfen – weil sie in dieser Arbeit die ihnen vorgeschriebene Rolle in der patriarchalen Gesellschaft verlassen indem sie ihre Liebesdienste, die den Männern unentgeltlich oder durch ein Eheverhältnis zustehen sollte, zu Geld machen. Die Berufe in der westlich-bürgerlichen Gesellschaft haben sich seit dem Mittelalter durch Gilden, Zünfte und Innungen organisiert, Codices entwickelt und verbindliche Vertragsgrundlagen für das Kundinnenverhältnis etabliert, und ein gesellschaftliches Ansehen eingefordert. Diese Entwicklung wurde aufgrund des Ausschlusses von Frauen aus der Berufswelt (vor Allem des Handwerks) von Männern vorangetrieben. Durch ihren Einfluss konnten sie den Arbeitsethos ihrer Gesellschaft prägen – welche Arbeit als gesellschaftlich wertvoll gilt, wurde so definiert. Hinter vielen Berufen und Dienstleistungen steht eine jahrhundertealte institutionalisierte Interessenpolitik. Prostituierte waren zwar seit dem Mittelalter durchaus auch in Verbänden organisiert und in irgendeiner Form häufig institutionalisiert beschäftigt – jedoch wurden diese Institutionen immer durch Interventionen von Seiten der Kirche bedroht, die Arbeiterinnen waren häufig Leibeigene und unterstanden immer einer patriarchalen Aufsicht und Kontrolle. Einfluss auf die Prägung der gesellschaftlichen Vorstellungen von Anstand und Arbeit hatten höchstens Einzelne. Der heutigen Prostitution sind die jahrhundertealten Arbeits- und Anerkennungskämpfe von Frauen gegenüber der Kirche und der patriarchalen Gesellschaft eingeschrieben.

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