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Termin: 23.10.2016

Café

Sonntag, 23.10.2016, Einlass: 20:00 Uhr, Beginn: 21:15 Uhr

ALL DIESE GEWALT (Staatsakt)

Soloprojekt von Max Rieger
(Die Nerven)

Ozeanische Klanggischt umbraust unsere Ohren, Vögel zwitschern in Wipfeln, ein Wind weht Geräusche heran und davon; eine Kirchenorgel füllt gläubig brummend einen gewaltigen Raum; in der Gischt und unter dem Brummen kündet eine junge, hoffnungsvoll melancholische Stimme davon, dass es mehr gibt als wir uns vorstellen mögen: „Ich kann es spüren / hinter den Dingen / unter der Struktur“. Die Stimme kündet von der vergehenden Zeit und dem verheißungsvollen Schimmern des kommenden Tages – „morgen alles anders / morgen alles neu“ – sie lobpreist das reine Werden und den endlosen Wandel, die Schönheit der unaufhörlichen Transformation. Und so werdend und transformierend bewegt sich auch die Musik unter der singenden Stimme; sie bewegt sich unaufhörlich voran und dreht sich wieder in sich zurück, kreist und kreißt: Scheinbar stehende Töne beginnen allmählich nervös zu erzittern, um dann eine funkelnde Melodie freizulassen; aus klitzekleinen repetitiven Gitarrenfiguren entsteht ein episch sich sehnender Krach; pälaolithisches Keyboardpluckern und Spinettgeschepper verbinden sich zu einem fabelhaft flirrenden Fehlfarbengemälde.

So klingt die zeitlos gegenwärtigste Musik, die wir derzeit besitzen: Es ist die Musik von Max Rieger. Mit seiner Gruppe Die Nerven spielt der Universalgelehrte aus Stuttgart den schroffsten und tollsten, wundesten und zärtlichsten Noiserock des Landes; das Album FUN von 2014 ist ohne Frage ein Hauptwerk der deutschsprachigen Popmusik in diesem Jahrzehnt. Unter dem Namen All diese Gewalt hat Max Rieger nun sein zweites Soloalbum aufgenommen: Es heißt Welt in Klammern und ist ein dunkelbunt funkelnder Strauß aus Geräuschen, Drones, Vogelgezwitscher und wundervollen Melodien, die sich sogleich im Gehör zu verhaken beginnen. Es geht um das Wegfliegen und Loslassenkönnen, um Angst vor der Leichtigkeit und vor dem Verlust, aber auch um das Vertrauen in die heilenden Kräfte der Ambivalenz. Jeder Traum eine Falle heißt das dritte Stück – aber in die Traumfallen, die Max Rieger für uns aufgestellt hat, tapsen wir nur allzu gerne hinein.

All diese Gewalt bewegt sich entlang der musikalischen Linien, die man auch von Die Nerven kennt. Doch sind die schroffen Klänge und die splittrigen Abstraktionen des Postpunk in weiche, fließende Formen geflochten; nicht der Break, der überraschende Wechsel ist hier das Leitmotiv der Dramaturgie, sondern der unmerklich organische Wandel, an dessen Ende man sich fragt, wie man eigentlich in diesen Klang, in diese musikalische Sphäre gelangen konnte. Die Songs sind eigentlich keine Songs, sondern Kräftefelder – Geflechte aus Intensitäten, flirrende Muster: Klangbilder, die erst nachträglich sich in die Zeit zu erstrecken begonnen haben.

Darin spiegelt sich auch der Kontrast zu Max Riegers Musik mit Die Nerven. Deren Songs entstehen aus der hitzig-gemeinsamen Arbeit einer Band. Bei All diese Gewalt macht Rieger alles allein, mit kühler Ruhe und doch einem enormen Output; er schichtet Ideen und Sounds übereinander und lässt die Lieder in ihrer eigenen Geschwindigkeit wachsen. Über 160 Songs sind den letzten Jahren auf diese Weise entstanden, zwischen 2013 und Anfang 2016, in den Leerräumen zwischen Studioaufnahmen und Tourneen mit Die Nerven. Zehn von ihnen sind nun auf Welt in Klammern zu hören. Zwei- bis dreihundert Spuren finden sich in jedem Stück, jede von ihnen hat Max Rieger selbst eingespielt. Das Hauptarbeitsgerät war der Laptop in seinem Heimstudio; es sind aber auch Gitarre und Schlagzeug zu hören und viele Field Recordings: murmelnde Menschen, Tierstimmen, die Klänge von Städten, schließlich kleine minimalistische Muster, die sich rhythmisch langsam verschieben wie in der Musik von Steve Reich, den Rieger als zentrale Inspirationsquelle benennt.

Vor allem hört man Drones: tiefe, hohe, brummende, fiepende, vibrierende, mit sich selber rückkoppelnde Sounds. Für jedes einzelne Stück, sagt Rieger, hat er sich einen Drone zum Ausgangspunkt genommen, einen schwebenden, stehenden, verwehenden Ton. Dann hat er die Melodien dort hinein verflochten und die Rhythmen und schließlich die Texte. Um den „Klang an sich“, sagt Max Rieger, sei es ihm ebenso gegangen wie darum, „Popsongs zu erschaffen, die keine Wünsche mehr übrig lassen – aber das klappt in der Regel ja doch nicht“. Vielleicht könnte man sagen, dass Welt in Klammern ein avantgardistisches Drone-Album ist, das sich als unmittelbar eingängiges Popalbum tarnt. Oder umgekehrt: Jedenfalls ist dies die schönste und bewegendste, bestrickendste und klügste Platte, die man in diesem Jahr zu hören bekommen wird. Ich wüsste beim besten Willen nicht, welcher Wunsch da noch übrig bliebe.

– Jens Balzer


siehe auch: https://alldiesegewalt.bandcamp.com
All Diese Gewalt

Funfact (wie ihr dämlichen Kinder des Weltnetzes doch immer schreibt): ich verwechselte die Band GEWALT mit der Band All diese Gewalt, allein nur deshalb bot ich mich meinem CEE-IEH-Kontaktmann als Schreibkraft an. Als ich meinen Irrtum feststellte, war es längst zu spät. All diese Gewalt kannte ich bis dato nur von einem nebenbei gehörten Remix eines Drangsal-Lieds, benutzte also Google beim Aufspüren von Informationen. Auf den einschlägigen Seiten war von düsteren Klangteppichen, Darkpop und wiederkäuend von dem kaum noch erklärbaren Wave die Rede. Dazwischen immer wieder Post, Post, Post-irgendwas. Schnarch, Schnauze, solche Erklärungen sind Abfall für mich. Was immer geschieht: nie will ich so tief sinken, mich an diesem Wortschrott, der kennzeichnend für die Musikjournaille ist, zu bedienen. Wenn es doch soweit kommen sollte, schlagt mich einfach tot. Genug gelesen, reingehört: der erste (eigentlich zweite, siehe oben) Eindruck erinnerte mich ein wenig an die von mir verehrte Band Die Erde um Herojunkie Tobias Gruben (tot). Ich überlegte kurz, ob der Vergleich irgendwie passt oder ich einfach ein Musiktrottel bin, entschied mich für Ersteres. Ja ja, das passt schon. Irgendwie Pop, irgendwie interessant arrangiert, starkes Stimmchen von diesem Max Rieger (auch: Die Nerven). Ich beschloss, vorerst zwei Bands mit dem schönen Wort "Gewalt" im Namen zu verfolgen. Noch etwas: Ende September erscheint auf dem Plattenlabel "Staatsakt" ein All diese Gewalt-Album. Ist zum Zeitpunkt des Konzerts also fast einen Monat alt. Dass ich mich darauf freue, kann ich nicht behaupten, ich werde es aber durchhören, mehrmals, in einer Wohnung in der Stuttgarter Katharinenstraße, dabei knutschen und rauchen, und am 23.10.2016 angefixt oder -widert das Konzert besuchen.

[Markus Koller]



[aus dem CEE IEH #235]

17.10.2016
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