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Termin: 01.07.2010

Café

Donnerstag, 01.07.2010, Einlass: 20:00 Uhr

Haare auf Krawall

Diskussionsveranstaltung mit
Connie Mareth (Mitherausgeberin »Haare auf Krawall - Jugendsubkultur in Leipzig 1980-91«)
Bernd Stracke (ehemaliger Sänger von »Wutanfall« und »L'Attentat«)
und Uli Schuster (Moderation)

siehe auch: cvb.de/Verlag/regionalia.html#haare
Haare auf Krawall

Warum ist es heute interessant, sich mit subversiven Jugendsubkulturen in der DDR zu beschäftigen? Wohl nicht deshalb, weil es sich um ein bisher völlig ungeschriebenes Kapitel der Geschichte des gescheiterten Staatssozialismus handelt. Im Gegenteil: Über Ost-Punk zwischen Rostock und Suhl ist Vieles und oft erzählt wurden. Mit Filmen, Büchern, Ausstellungen und ZeitzeugInnengesprächen in der Schule erinnern ehemalige ProtagonistInnen an die subversiven Kulturszenen in der DDR. Das Thema ist eher präsent als unterdrückt und findet nicht zuletzt in der Bundeszentrale für politische Bildung eine Multiplikatorin.

Offensichtlich gibt es zur privaten Motivation der Aktiven von damals, ihre Geschichte zu erzählen, auch ein staatliches Bedürfnis, den subkulturellen Widerstand gegen die DDR im kollektiven Gedächtnis zu behalten. Dabei dient Ostpunk und Vergleichbares der offiziellen Geschichtspolitik als Anschauung, um den Unrechtscharakter der DDR im Bewusstsein zu erhalten. Darüber hinaus füllt die Erinnerung an widerständige Subkulturen im Osten gemeinsam mit der historischen Überhöhung der kirchlichen Bürgerrechtsbewegung eine Leerstelle, die vom Mythos der »friedlichen Revolution« produziert wird. Das dissidente Verhalten der Wenigen wird für eine Erzählung instrumentalisiert, nach der aus einem Massenbewusstsein politischer Entmündigung die demokratische Wende im Sinne einer gesellschaftlichen Politisierung erfolgte. Am Ende steht die geschichtspolitische Lektion, dass Kapitalismus und Demokratie die unabänderlichen Konsequenzen der Überwindung der »zweiten deutschen Diktatur« sind.

Steht die Lehre des offiziellen Anti-Totalitarismus im Vordergrund, wird die Geschichte der Subversion im Osten schnell zum bloßen Material. Was nicht in den einfachen Interpretationsrahmen passt, fällt dabei unter den Tisch. Wer will heute noch wissen, dass sich Teile der DDR-Opposition an einem linken, anarchistischen Radikalismus orientierten? Doch für nicht Wenige richtete sich die Subversion gegen den Widerspruch zwischen emanzipatorischen Anspruch und der tristen Wirklichkeit von Arbeits- und Militärzwang, Alltagsnormierung und individueller Bevormundung im Sozialismus. Dies bedeutete auch, über einen authentischen Antifaschismus jenseits der verlogenen und verkürzten Staatsideologie nachzudenken.

Diese häufig weniger thematisierten Aspekte der DDR-Opposition zeigen, dass die Beschäftigung mit ihr vor allem jenseits der fest verankerten Wahrnehmungsmuster von Stasi-Repression und aushaltbarem, ja individuell spannenden Nischendasein erst interessant wird. Die Existenz der subversiven Subkultur im Osten sollte demzufolge zunächst Anlass sein, Fragen über die Herrschafts- und Unterdrückungspraxis im Staatssozialismus zu stellen.

Befragt man die Rebellion in der DDR auf ihre Entstehungsbedingungen, ihre Ziele und ihr Scheitern, müssen auch der autoritäre und damit der deutsche Charakter des Staatssozialismus zur Sprache kommen. Die DDR war nicht einfach nur eine »Diktatur«, sondern ebenso ein Gesellschaftsprojekt an dem Viele, von Ex-Nazis bis hin zu überzeugten AntifaschistInnen beteiligt waren. Punk im Osten, das ist nicht ausschliesslich die Geschichte staatlicher Verfolgung, sondern auch eine über groteske Alltagsnormierung und nationales Traditionsbewusstsein. Gerade vor diesem Hintergrund erschließt sich, warum der Wunsch nach anderer Musik und die Lust auf eine Inszenierung von Identität über subkulturellen Konsum überhaupt zum Politikum werden konnten und warum jenes bis in die Wendezeit hinein weitgehend isoliert blieb.

Der Herbst 89 brachte den linken Subversiven nicht die Verwirklichung ihrer Träume, vielmehr schien für einen kurzen Zeitraum der Albtraum eines »Vierten Reiches« auf. Der größere Bereich privater, kultureller und politischer Freiheit erlaubte nicht nur eine antifaschistische Selbstorganisation, sondern bedeutete ebenso das Ende einer mehr oder weniger vom Staat aufgedrückten Politisierung des Lebensentwurfs. So bietet auch das Ende der Ostpunks kritische Perspektiven: Sowohl auf das herkömmliche Bild über mustergültige DemokratInnen von 1989ff. als auch auf die Begrenztheit des Subversionsmodells »Subkultur« und das daran gekoppelte Verlangen, sein Leben selbst bestimmen zu können.

Im jetzt in dritter Auflage erscheinenden Buch »Haare auf Krawall. Jugendsubkultur in Leipzig zwischen 1980 bis 1991« sind in 27 Einzelberichten Aspekte des Widerstandes und kultureller Unangepasstheit in der DDR versammelt. Anlässlich der Neuauflage stellen sich die Mitherausgeberin Cornelia Mareth und das einstige Mitglied der Punkbands »Wutanfall« und »L' Attentat«, Bernd Stracke, in einem moderierten Gespräch den hier skizzierten Fragenkomplexen über Lebensalltag, Herrschaftssystem und Rebellion während der letzten zehn Zonenjahre und in den Anfangsjahren des sich wiedervereinigenden Deutschlands.



[aus dem CEE IEH #177]

12.05.2010
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