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review-corner, 2.7k

Indymedia oder Phase 2

Die linke Medienpraxis, sei es der Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten oder ein Freies Radio, taz oder radikal, Indymedia oder Phase 2, kommt, gemessen an den diversen Medientheorien, die Gottfried Oy in seinem Buch „Die Gemeinschaft der Lüge“ referiert, nicht gut weg. Das liegt daran, daß die Konzepte der sogenannten Gegenöffentlichkeit einem bürgerlichen Verständnis verhaftet bleiben. Was besser zu machen wäre, kann Oy aber auch nicht sagen.
Cover, 14.0k

Gottfried Oy:

Die Gemeinschaft der Lüge

Medien- und Öffentlichkeitskritik sozialer Bewegungen in der Bundesrepublik

(Kritische Theorie und Kulturforschung, Band 4), westfälisches Dampfboot: 2001, ISBN: 3-89691-704-8, 292 S.

, 0.0k

de.indymedia.org

    „seit dem ende des kalten krieges ist es zu einer nie dagewesenen zusammenballung etablierter medien-macht gekommen; medienkonzerne verbreiten über unzählige kanäle ihre vielfach durch politische u./o. wirtschaftliche interessen gefärbten informationen und konstruieren somit kraft ihrer definitionsmacht ein bild der realität, das teilweise in krassem gegensatz zu einer von vielen menschen ganz anders erlebten wirklichkeit steht.“
    (aus der Selbstdarstellung „was ist indymedia“, http://de.indymedia.org/static/ms.html)
Sehen wir mal von der apokalyptischen Beschreibung ab, dass die Medienmacht sich gegen uns, die „Menschen“, verschworen hat – und das angeblich schlimmer als je zuvor. Die Wirklichkeit, die viele Menschen ganz anders erleben, erleben wir nun jeden Tag auf indymedia. Und das ist krass. Vor die Entscheidung gestellt, auf eine einsame Insel die F.A.Z. oder einen Computer mit Zugang nur zu den indymedia-Seiten mitnehmen zu dürfen, fiele nicht schwer. Obwohl ich die billige Masche von konkret-Autoren verabscheue, den politischen Gegner manchmal nur auf dem sprachlichen (orthographischen oder grammatikalischen) Gebiet schlagen zu wollen, schlägt das Geschreibe in indymedia in dieser Hinsicht alles bis dato gesehene. In indymedia tummeln sich alle jene, die politisch nicht viel zu sagen haben, ihre Vorurteile zu ihrem Beruf gemacht haben und ihre Verschwörungstheorien stammelnd dem Rest der Welt glauben mitteilen zu müssen.
Die MacherInnen von indymedia sind da nicht unschuldig dran. indymedia ist als offenes Forum konzipiert, in dem alle, die über einen Internetzugang verfügen, ihre Texte, Fotos und Videos ablegen können. Die Kommentarfunktion zu schon geposteten Beiträgen provoziert die skurrilsten Debatten unter den LeserInnen. Indymedia Deutschland hat sich im Gegensatz zu allen anderen indymedias für eine Moderationspolitik entschieden, d.h. mensch greift zensierend in die Veröffentlichungspraxis ein. Begründet wird dies mit der Angst vor rassistischen und faschistischen Beiträgen, die in der BRD eher zu befürchten wären als in anderen Ländern. Fraglich ist allerdings, warum es dann trotzdem antisemitische Beiträge auf die Seite 1, die von den Moderationsteams zusammengestellt wird, schaffen. Würde es sich die Moderation zur Aufgabe machen, alle dümmlichen und nichtssagenden Texte zu löschen, bliebe vom Textwust auf indymedia vielleicht 1% übrig.
Auf den ersten Blick überrascht auch die populistische Rubrikenaufteilung. Atom und Ökologie sind zwei eigenständige Rubriken, ebenso Globalisierung und Weltweit – oder Medien und Netactivism. Trotz dieser Dopplung sind diese Rubriken zum Teil randvoll. Die Rubrik Gender dagegen wurde erst Monate nach der Gründung von indymedia und auf Kritik hin reingeschoben. In dieser Rubrik fristen drei Beiträge ihr tristes Dasein (zwei davon zum CSD).
Das Ziel von indymedia, „raum für diskussionen sowie hintergrundinformationen“ zu bieten, wird an keiner Stelle gewährleistet. Krawallverliebte und bilderfixierte Halbstarke können sich allerdings stündlich daran aufgeilen, in welcher Ecke der Welt es gerade knallt und kracht und wie der Schweinestaat unerbitterlich zurückschlägt. Inwieweit das zweite grosse Ziel, der liberalen Öffentlichkeit und bürgerlichen Presse wahre und authentische Informationen unterzujubeln, erfolgreich ist, vermag ich im Moment nicht einzuschätzen. Es dürfte aber eher so sein, dass die bürgerlichen Medien im Zusammenhang von Anti-Globalisierungs- oder -Castor-Protesten reißerisch über indymedia berichten anstatt sich der Informationen von indymedia zu bedienen. Zumal die Hemmschwelle, sich durch Müll zu wühlen, um eine Perle zu finden (die z.B. unter www.nadir.org offensichtlicher präsentiert wird), bei JournalistInnen höher sein dürfte als bei mir.

www.phase-zwei.org
    „Für uns bedeutet dieses Zeitungsprojekt einen neuen Anfang für bundesweite Diskussion, Aktion und hoffentlich bald auch wieder Organisation“
    (aus dem Editorial der Phase 2.01)
Der Phase 2, das Zeitungsprojekt, welches aus den Organisierungsversuchen linker und antifaschistischer Gruppen hervorgegangen ist, wird eine kürzere Lebensdauer als indymedia beschert sein. Das ist schade: Denn was Internetpräsenz (angenehm unaktuell), Layout, Rechtschreibung, Themensetzung und analytische Tiefe betrifft, hat sie die Nase vorn. Die ihr vorgeworfene Arroganz (u.a. in der BSZ: http://www.ruhr-uni-bochum.de/bsz/527/artikel.html) ist ihre Stärke, immerhin wird der Versuch unternommen, zu Themen dezidiert Stellung zu nehmen. Dass mensch sich damit in einer diskussionsunwilligen Linken auf Glatteis begibt, liegt auf der Hand. Das aber genau ist das Problem der Phase 2. Das Versprechen, ein Diskussionsforum zu sein, wird sie nicht einhalten können. Zu wenig Gruppen haben überhaupt ein Interesse an einer politischen Auseinandersetzung. Die akademisch und journalistisch angehauchten Einzelpersonen haben längst Unterschlupf in den diversen linken Zeitschriften wie konkret, jungle World, Arranca!, analyse und kritik, alaska oder Bahamas gefunden. In der Phase 2 werden bis zur Frustrationsgrenze die beteiligten Städtegruppen eine Weile schreiben, was versprengte Jugendliche, die noch nicht auf eins der oben genannten Produkte festgelegt sind, lesen werden. Die Texte sind nicht schlecht, aber auch nicht bahnbrechend – wer die anderen Zeitschriften kennt, wird sich früher oder später langweilen. Dass sich zur Zeit zum Thema Feminismus nicht viel sagen lässt, macht sich auch in der Phase 2 bemerkbar. So wurde zwar eine Rubrik namens gender jungle (das aufdringliche Layout und die modern sein sollenden Rubrikenbezeichnungen nerven ein wenig) eingerichtet, aufgefüllt wird sie – im Gegensatz zu den anderen Rubriken – mit belanglosen Ankündigungen kulturpolitischer Art.

war.alles-schon-mal.da
    „richtige informationen sind für uns unerläßliche produktionsmittel und schlagkräftige waffen im klassenkampf. (...) nachrichten kommen vom volk und kehren zum volk zurück“
    (aus der ID-Hausmitteilung vom 14.10.1973, http://www.nadir.org/nadir/archiv/Medien/Broschueren/projekt-gedaechtnis)

    „Es scheint uns dringend notwendig, über das Mittel eines zentralen Informationsträgers das Netz der Verbindungen unter den Linken enger zu knüpfen, über Aktionen und Kämpfe (...), die auf die Einschränkung der staatlich-kapitalistischen Macht gerichtet sind und die eine neue Gesellschaftsform anstreben, zu berichten sowie die Diskussion über alle wichtige Fragen (...) zu führen“
    (internes Papier zur Gründung der radikal, 1976, zitiert nach: Oy, S. 150)
Die Ideen, die hinter indymedia und Phase 2 stehen, sind nicht neu. Vor 30 Jahren hieß indymedia ID – Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten, war die einzige überregionale Wochenzeitung der linken Bewegung und funktionierte wie indymedia: Unkommentierte, „authentische“ Berichte sollten den „Betroffenen“ ihre Stimme wiedergeben und sowohl der Szene dienen als auch Grundlage für eine linke Presseagentur sein. Der euphorisch geführte Klassenkampf damals hat sich in die heutige Zeit als Protest gegen die Globalisierung gerettet.
Phase 2 dagegen hieß vor 25 Jahren radikal, was mensch schon daran erkennt, dass die Bastelanleitungen für Zeitzünder (um z.B. Knäste real zu sprengen) Schnittmustern zum Bau symbolischer Knäste weichen mussten – so ändern sich halt die Zeiten. Die Konzepte der Gegenöffentlichkeit haben sich allerdings in den letzten Jahrzehnten kaum geändert, das Alte wird immer wieder neu aufgegossen, obwohl das Scheitern offensichtlich ist und es genügend kritische Auseinandersetzungen darüber gibt.
Diese in einem Buch zusammenzufassen, ist der Verdienst von Gottfried Oy, selbst linker Medien-Aktivist (links, com.une.farce). Im ersten Teil von „Die Gemeinschaft der Lüge“ beschäftigt er sich mit linken Medientheorien – von Marx, Brecht, Enzensberger, Negt, Adorno, Horkheimer und Habermas über Eco und Hall bis hin zu Foucault, Deleuze und Guattari. Diese drei Gruppierungen stehen für verschiedene Theorieansätze, die sich grob gliedern lassen in: 1) Medien als Manipulationsinstrumente einer auf Repression ausgerichteten herrschenden Klasse 2) Medien als Poduzenten eines gesellschaftlichen Konsens, der jedoch von den KonsumentInnen angenommen oder abgelehnt werden kann 3) Medien als „Wahrheit“ produzierende Systeme. Im zweiten Teil analysiert er Konzepte der Gegenöffentlichkeit, angefangen bei den Reeducations-Programmen der Alliierten nach dem 2. Weltkrieg. Exemplarisch werden verschiedene soziale Bewegungen, wie Friedensbewegung der 50er Jahre, StudentInnenbewegung (inkl. der „Enteignet Springer“-Kampagne, die sogar von Spiegel und Stern unterstützt wurde) und SituationistInnen (die sich schon damals darüber stritten, ob der „Verblendungszusammenhang“ revolutionäre Umwälzungen verhindere) der 60er Jahre, Autonome der 80er, Grüne und Greenpeace in den 90ern und NetzaktivistInnen der 00er sowie deren Medienprodukte, wie die taz, radikal, ID, Freie Radios und com.une.farce, unter die Lupe genommen.
Bei dieser Fülle der Themen verwundert es nicht, dass es dem Autor nur gelingt, die jeweiligen Themen anzureißen und die wichtigsten Thesen der genannten MedientheoretikerInnen zu referieren. Das Buch liefert damit einen fundierten Überblick über den Stand der Diskussion – wer mehr wissen will, muss allerdings zu den Originalen greifen, die über das Literaturverzeichnis erschlossen sind. Das Buch liefert mit dem historischen Abriss nicht nur einen Überblick über die Medientheorien, sondern allgemeiner auch über verschiedene linke Theorieschulen sowie die Geschichte der sozialen Bewegungen der BRD. Mit eigenen Wertungen hält sich der Autor allerdings sehr zurück, was aufgrund der eigenen Involviertheit verwundert. Mensch merkt dem Buch deutlich an, dass es ein Ergebnis der akademischen Wissensproduktion ist.
Ausgangspunkt der Analyse von Oy ist, dass die Alternativmedien immer ein Widerpart zur bürgerlichen Öffentlichkeit sein wollten, in Wirklichkeit aber immer nur Ergänzung und Bereicherung. Die Forderungen alternativer Medientheorie sind wahr geworden, allerdings nicht die damit verknüpften Träume. Die zwei Hauptthesen der Gegenöffentlichkeit (es gäbe unterdrückte Nachrichten, die wir bekannt machen und die dann ihre aufklärerische Wirkung entfalten; der Dualismus zwischen Sender und Empfänger müsse aufgebrochen werden, alle sollen die Möglichkeit erhalten, ihre Erfahrungen einzubringen) haben sich inzwischen überholt. Alle können alles sagen, es gibt nicht ein zu wenig an Informationen, sondern eine permanente Berieselung mit authentischen und zutiefst widerlichem Gequatsche aus Talkshows, Nachrichtensendungen und Meinungsumfragen. Die von der Linken favorisierten Konzepte der Informationsproduktion fanden längst Eingang in den Mainstream und entfalteten dort ihre reaktionäre Wirkung. „Entgegen meiner utopie-angeleiteten Annahme, Empathie und Fürsorge würden im Öffentlichen eine Ethik politischer Verantwortlichkeit erzeugen, scheint die Realität einer personalisierten und intimisierten politischen Öffentlichkeit eher auf Repressivität und Kontrolle zu verweisen. Was im Privaten im positiven Sinne Bindungen erzeugt, erzeugt offensichtlich, transportiert frau es entkonextualisiert ins Öffentlichte, Herrschaft anstelle von Bindung“ (Holland-Cunz über das feministische Konzept Das-Private-ist-politisch, zit. nach Oy, S. 44)
Es stimmt nicht, dass richtige Informationen das richtige bewirken. Ganz im Gegenteil: Sie sind ein bunter Mosaikstein und dienen als Beweis für den Pluralismus der Gesellschaft. Ein Einbeziehen größerer gesellschaftlicher Schichten in den Kommunikationsprozess bewirkt keine Demokratisierung, wie sich das viele Linke erhoffen. Da KonsumentInnen und ProduzentInnen teil des gleichen gesellschaftlichen Konsens sind – so Horkheimer und Adorno – würde ein Wechsel der Rollen keinen gesellschaftlichen Wandel nach sich ziehen. Allerdings verklären die beiden mit ihren Kulturindustrie-Thesen die Vergangenheit. Das Gerede von der gesellschaftlichen Totalität verschleiert die Tatsache, dass sich zwar die Herrschaftsformen geändert haben, nicht jedoch grundlegende Prinzipien der Herrschaft (inkl. der Möglichkeit, dies zu erkennen und dagegen zu rebellieren).
Linke Medienkritik schwankte oft zwischen zwei Extremen. Am Beispiel neuer Technologien (früher Radio und Fernsehen, heute Internet) lässt sich dies gut nachzeichnen. Während die einen, technologiebegeistert, den emanzipatorischen Charakter des neuen Mediums betonten, verteufelten andere die noch perfidere Manipulationsmethode. Eine sachliche Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen Kommunikationsmitteln, die anerkennt, dass es mehr auf die Inhalte als auf die Technik ankommt, fand kaum statt.
Ähnlich polarisiert ist die Auseinandersetzung über der Frage, ob der „Sessel des Fernsehdirektors“ (um besser oder nicht zu manipulieren) zu besetzen sei oder „alle Sessel der Fernsehzuschauer“ (Eco, Hall etc.) – so richtig die Feststellung ist, dass es nicht nur auf die gesendte Information ankommt, sondern auch auf den Kontext, in dem die ZuschauerInnen die Informationen verarbeiten, dies also auch ein dissidenter Akt sein kann, so abwegig ist es gleichzeitig, durch aktives Fernsehen die Welt zu ändern. (siehe dazu auch CEE IEH #68, Besprechung zum Cultural Studies-Sammelband)

www.ausblick.de
    „Das Konzept Gegenöffentlichkeit steht in der Tradition einer Theorie der bürgerlichen Öffentlichkeit, die den rationalen Austausch von Argumenten jenseits von Machtstrukturen in den Mittelpunkt stellt. In Ermangelung einer solchen Öffentlichkeit und angesichts der vorherrschenden massenmedialen Öffentlichkeitsformen (...) besteht das politische Konzept darin, sich gegen die faktisch undemokratische Ausgestaltung der vermachteten öffentlichen Räume zu stellen und eine Einlösung der emanzipativen und demokratisierenden Pontenziale der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihrer Medien zu fordern. Das Konzept Gegenöffentlichkeit versteht sich folglich als praktische Verwirklichung einer ‘demokratischeren’ Öffentlichkeit“
    (Oy, S. 192 f.)
Aus dem ID wurde die taz wurde die Regierungszeitung, aus der radikal wurde teils taz teils eine „kriminelle Vereinigung“ nach 129 StGB – dieser Teil wurde eingestellt. Mal sehen, wie es mit indymedia und Phase 2 weitergeht...
Was empfiehlt uns Oy? Am Ende seines Buches betont er, dass es nicht darauf ankommt, die richtige Medien zu machen, sondern die richtigen Aktionen, Revolutionen etc – Medien können nur Beiwerk dafür sein, nicht mehr. Tröstlich. Tröstlich auch, dass die Frage, ob ich lieber Phase 2 oder F.A.Z. auf die Insel mitnehme, sich zugunsten der Phase 2 beantworten lässt. Und das nicht nur, weil ich so gern bastle!

Paula


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last modified: 28.3.2007