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review-corner, 2.7k

Mit einem Bankraub ins Jahr 2001

doch nicht nur Geld, auch Bücher und Plakate machen glücklich...

HKS 13 (Hrsg.):

hoch die kampf dem.

20 Jahre Plakate autonomer Bewegungen.

VLA: 1999, 240 Seiten

Cover, 25.4k

Klaus Schönberger (Hrsg.):

Va banque.

Bankraub, Theorie, Praxis, Geschichte.

VLA: 2000, 325 Seiten
www.niatu.net/bankraub/

Cover, 7.1k

 
Wir schreiben nun das Jahr 2001 und eigentlich sollte die Menschheit dem traditionellen Buch schon längst den Rücken gekehrt haben. Vertreibt sich nicht heute der moderne Mensch seine Zeit mit dem Internet und CD-ROMs, die nach Eingabe eines Suchbegriffs und anschließendem Knopfdruck die wichtigsten Informationen ausspucken? Wer macht sich heute noch die Mühe und kämpft sich durch unzählige Seiten umweltfreundlichen Papiers, um sich zu bilden oder zu vergnügen? Eigentlich fallen mir da nur die Kollegen der Review Corner ein, die sich Monat für Monat abrackern, die wichtigsten, witzigsten und wasserdichtesten Bücher für Euch zu lesen, damit Ihr weiter „The age of empire“ zocken und trotzdem mitreden könnt, wenn’s um Bücher geht. Daß Lesen aber genauso spannend sein kann wie Computerspiele, beweisen zwei Titel, die unsere interne Jury zu den besten Büchern des Jahres 2000 kürte. Die Bewertungskriterien waren diesmal nicht so umfassend wie im letzten Heft. So wurden die Titel diesmal nicht auf Wasserfestigkeit und dem Verhältnis von der Masse zum Preis geprüft, sondern es ging lediglich nach Inhalt, Layout, Preis und Kompatibilität für den Computer. Wie sich vielleicht einige von Euch erinnern, gab es im letzten Jahr eine beträchtliche Anzahl guter Bücher, die wir ja auch versuchten, Euch schmackhaft zu machen. Leider hatten die meisten, sei ihr Inhalt noch so entzückend gewesen, einen Makel: sie sahen einfach Scheiße aus. Ganz anders unsere Gewinner: informativ, aufregendes Layout, verspielte Illustrationen und vor allem mit virtuellen Anwendungsmöglichkeiten! Jetzt wollen wir Euch aber nicht länger auf die Folter spannen: die Bücher des Jahres 2000 sind „Hoch die Kampf dem: 20 Jahre Plakate autonomer Bewegungen“ (leider für alle, die es sich noch ins Regal stellen wollen, im Moment nicht mehr zu haben) und „Va banque: Bankraub. Theorie. Praxis. Geschichte“ (im Handel noch erhältlich, wäre ein schönes Weihnachtsgeschenk für EureN besteN FreundIn gewesen, leider jetzt zu spät!). Aber immer schön der Reihe nach. Kommen wir also erstmal zum erstgenannten, weil es schon länger auf dem Markt ist und wir von der Review Corner es abgöttisch lieben. Das liegt natürlich nicht an dem Hochglanzpapier, sondern an der beigefügten CD-ROM, die das perfekte Heimkino für alle Fans und Freaks autonomer Politik, Kultur und Kunst bietet. 3000 Plakate von den Autonomen der letzten 30 Jahre auf einer kleinen Scheibe – da lästere nochmal jemand über das Zeitalter der modernen Technik! Aber eigentlich ist die CD-ROM ja erst am Ende des Buches beigelegt, sozusagen als Entschuldigung dafür, daß das Buch nur 240 Seiten hat. Also, warum nun ist das Buch so schön? Erstmal muß mensch wenig lesen, denn zwei Drittel einer Seite sind zum größten Teil farbige Abbildungen politischer Plakate. Dabei haben sich die MacherInnen für eine thematische Ordnung entschieden. Das hat zum einen den Vorteil, daß sich jedeR zuerst die Plakate ansehen kann, die ihren/seinen Neigungen am meisten entsprechen (also gehöre ich eher zu den Anti-Imps, den Antimilitaristen, den Anti-AKWs oder den Antifas, dann schaue ich mir natürlich die Plakate zuerst an, die meiner Gruppenzugehörigkeit entsprechen, um dann über die anderen zu lästern), auf der anderen Seite kann sich eine Person, die noch keiner festen Gruppe angehört anhand der Plakate entscheiden, welche politischen Aktivitäten sie in Zukunft bevorzugt. Wer sich aber weniger für die politische Arbeit interessiert, sondern mehr für die künstlerische, kann sehr schön die technische Entwicklung des Layouts der letzten 30 Jahre nachvollziehen. Das Buch deckt so also vielseitige Interessen ab und informiert uns darüberhinaus noch über die Geschichte der autonomen Linken, ohne uns pseudo-intellektuell zu kommen. Wir finden, daß das Buch auf jeden Fall seine 39,80 DM wert ist (auch weil’s ja noch die CD-ROM dazu gibt). Also, falls es eine Nachauflage gibt, unbedingt anschaffen!
Das zweite Highlight im vergangenen Jahr steht dem ersten in keinster Weise nach. Auch „Va banque“, herausgegeben von Klaus Schönberger (www.klaus-schoenberger.de), erschien beim VLA/Verlag der Buchläden Schwarze Risse-Rote Straße und ist 5,80 DM billiger und noch käuflich zu erwerben. Nicht nur die autonome Öffentlichkeit interessierte sich für die Geldräuber, sondern sogar die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte eine Rezension zu diesem Werk (siehe SZ vom 20.4.2000), was aber für unsere Auswahl natürlich keine Rolle spielte. Das Buch unternimmt abwechlungsreiche Ausflüge in die Welt des Bankraubs und läßt uns das erleben, wovon wir immer geträumt haben – einmal Robin Hood zu sein. Auch wenn die AutorInnen im Vorwort betonen, kein Handbuch für Banküberfälle haben schreiben zu wollen, kribbelt es doch manchmal in den Fingern und mensch wünschte sich, doch nur einmal dabei sein zu dürfen. Eingebettet in theoretische, psychologische und historische Abrisse der Bankräuberei werden ihre Akteure biographisch, in den meisten Fällen mit Abbildungen, vorgestellt. Und alle genossen sie die Sympathie ihrer Zeitgenossen und auch derjenigen, die erst heute etwas über sie erfahren. Vielleicht liegt es daran, daß Bankräuber für eine Art sozialer Rebellion stehen, die die gesellschaftliche Norm angreift und zusätzlich die Erfüllung von Träumen möglich macht. Die Sehnsucht nach einem Ausbruch aus den gesellschaftlichen Konventionen ist eine kollektive Phantasie, und so träumt fast jedeR von einem neuen Anfang und dem großen Coup. „Übrigens glaube ich, daß jeder Akt gegen die Gesellschaft ein politischer ist. Allen voran das Stehlen. Ich rede nicht vom gemeinen Diebstahl, der, legal oder nicht, darin besteht, arme Leute zu überfallen, sondern vom STEHLEN, einst erbliche Tugend und traditionelle Kunst ... und überragende Hoffnung des Menschen, sein Ziel mit seinen eigenen Mitteln zu erreichen. Die anderen Möglichkeiten heißen: Pferderennen und Lotto.“ (Albert Spaggiari, 1976) Solche und ähnliche Bekenntnisse von Bankräubern aller coleur zitieren die insgesamt 39 Autoren des Buches besonders gern, denn im Sinne von Bertolt Brechts „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ können sie ihre Sympathien für einen clever ausgeklügelten Bruch kaum verbergen.

Plakat, 29.3k Demo, 22.1k

Während 1961 in Neustadt die BürgerInnen gegen Schundliteratur – das waren in ihren Augen Kriminalgeschichten, die für die Zunahme von Banküberfällen verantwortlich gemacht wurden – demonstrierten, organisierten die Autonomen Jahre später eine Kriminellenkongreß, auf dem Banküberfälle propagiert wurden. Wahrlich überraschendeZusammenhänge, die sich erst nach dem aufmerksamen Studium beider Bücher offenbaren...

Natürlich wird auch nicht verschwiegen, daß es im Verlaufe der Jahrhunderte, also mit der fortschreitenden Technisierung der Gesellschaft immer schwieriger wurde, einen erfolgreichen Überfall zu inszenieren. So büßte der motorisierte Bankräuber beispielsweise im Zuge der Automobilisierung der Gesellschaft seinen Vorsprung bei der Flucht bald ein. Die heutige Kontrollgesellschaft läßt für stilvolle, kreative räuberische Aktivitäten kaum noch Spielraum. Heute muß mensch angesichts Online-Banking und Kreditkarten nur noch geschickt am PC manövrieren, um zu Reichtum zu kommen. Vorbei also die Zeiten der Knarren und Schneidbrenner. Wem das Buch noch nicht genügt, kann sich mit Hilfe der im Text angegebenen zahlreichen Internetadressen weitere Informationen verschaffen. Es ist wirklich nicht nur ein inhaltlich interessantes Buch geworden, sondern es ist darüber hinaus spannend geschrieben und fabelhaft gestaltet. Das Autorenkollektiv bietet zusätzlich eine multimediale Veranstaltung durch die Welt des Bankraubs an. Leider sind momentan keine Termine mehr zu bekommen. Wäre ja auch für Euch mal eine willkommene Abwechslung gewesen, den drögen Buchrezensionen zu entfliehen. Aber macht euch keine falschen Hoffnungen. Wir werden Euch natürlich auch in diesem Jahr weiterhin in jedem Heft mit den Büchern nerven, die die Welt (nicht) braucht ...

Anne


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last modified: 28.3.2007