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#267, August 2021

Aktuelles Heft

INHALT #267

Titelbild
Editorial
• das erste: Die islamistische Rechte. Teil 3. Die Ülkücü-Bewegung: Von der völkischen zur islamistischen Rechten
• kulturreport: »Vom Anderen. Zur Möglichkeit und Unmöglichkeit von Utopien im 21. Jahrhundert«
• interview: Abschiebung heißt …?
• review-corner buch: Postmoderner Kapitalismus: How dare you – Über den Verlust des Nichtidentischen
• review-corner event: AFBL-Brunch
• review-corner buch: Machbarkeitsideologie als Naturbeherrschung
• review-corner buch: »Vorwiegend autoritäre Charaktere«
• position: Being a woman is not just a feeling
• doku: Skateboards sind wichtiger als Grimma
• doku: Rede am offenen Mikrofon zum Thema »Wie sehen unsere und eure Kämpfe gegen sexualisierte Gewalt aus?«
• doku: Dokumentation des Redebeitrags des AFBL bei der Tag der Jugend-Demonstration am 1. Juni 2021
• das letzte: Hausmittel gegen Bauchschmerzen

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Rede am offenen Mikrofon zum Thema »Wie sehen unsere und eure Kämpfe gegen sexualisierte Gewalt aus?«

Die Rede wurde am 10.03.2021 nach dem Bühnengespräch zum Thema »Wie sehen unsere und eure Kämpfe gegen sexualisierte Gewalt aus?« am offenen Mikro vorgetragen.

Die Rede betreffend noch kurz:

Ich verwende in meiner Rede den Begriff »Cis-Männer« und den Begriff »Frauen« bzw. auch Worte wie Freundinnen oder Genossinnen. Ich habe mich aus mehreren Gründen dagegen entschieden den Umbrella-Term »FLINTA-Personen« in dieser Rede zu benutzen. Zum einen war es mir als Trans-Frau ein emotionales Bedürfnis, mich selbst in meiner Rede als Frau anzusprechen und mich gleichzeitig als solche auch auf andere Frauen zu beziehen. Zum anderen ist mir der Begriff »FLINTA-Personen« zu unscharf, da ich denke, dass es signifikante Unterschiede in der Betroffenheit von sexueller Gewalt durch Cis-Männer in den verschiedenen Gruppen gibt, die der Umbrella-Term »FLINTA-personen« umfasst. Vor diesem Hintergrund habe ich es bevorzugt, nur von Frauen zu sprechen. Das ist keine so richtig zufriedenstellende Tatsache und es tut mir leid, dass einige Menschen in meiner Rede keine Sichtbarkeit durch Sprache erfahren, obwohl das Thema sie ebenso sehr betrifft wie Frauen. Seid aber bitte versichert, dass das Anliegen meiner Rede diese Personen trotzdem mit einschließen soll.

Linke Cis-Männer tun nichts, ununterbrochen zu wenig oder das Falsche gegen die allgegenwärtige sexuelle Gewalt, denen Frauen in der linken und feministischen Szene ausgesetzt sind. Seit Jahrzehnten ist das jetzt so… oder eigentlich schon seit immer. Ich spreche mit Freundinnen relativ viel über sexuelle Gewalt durch Cis-Männer und darüber, wie wir Frauen uns schützen können. Aber auch über die Frage, wie die längst überfällige kritische Auseinandersetzung von Cis-Männern mit ihrer gewaltförmigen und viel zu oft zutiefst misogynen Sexualität und ihrer Subjekt- bzw. Mannwerdung eingefordert werden kann. Und wo ich dann gedanklich immer lande und was ich gleichzeitig in unseren Szenediskursen viel zu wenig wahrnehme, sind zwei Dinge: zum einen das ernsthafte In-Erwägung-ziehen vorläufiger konsequenter Ausschlüsse aller Cis-Männer aus unseren politischen Zusammenhängen und unseren »Privatleben«. Zum anderen das offene Sprechen und Nachdenken über unsere Beziehungen zu Cis-Männern, was für Bedürfnisse und Sehnsüchte sich in eben jenen wiederfinden und wie wir diese stattdessen möglicherweise in Beziehungen zu Freundinnen oder Genossinnen aufgreifen und verhandeln können. Ich denke, dass wir zunächst einmal sicherere Räume und Kontexte für uns herstellen, wenn wir nicht mehr mit Cis-Männern zusammen wohnen, sie nicht mehr in unseren Polit-Inis und auf unseren Demos dulden und sie nicht auf unsere Partys lassen. Eine solche Vorgehensweise würde auch endlich mal viel größeren Druck und spürbare Konsequenzen für sie bedeuten, voll gut oder? Cis-Männer bekämen dann keine Emo-Fürsorge mehr, keine für sie erledigte Repro-Arbeit, keinen Sex und keine Intimität. Es gäbe keine politische Zusammenarbeit mit ihnen und kein Ohr für ihre Theoriemonologe. Zumindest all das nicht mehr von oder durch Frauen. Ob es Cis-Männern dann gelingen würde beispielsweise gesunde und emanzipatorische Emo-Fürsorge oder intime Momente unter sich zu organisieren, müssten sie dann halt schauen. vielleicht wollt ihr das ja einfach mal ausprobieren, liebe Cis-Männer?!

Ich denke, es braucht diese weitgehende, radikale Abgrenzung von Cis-Männern und ergänzend dazu das Festhalten an der altbekannten Forderung, dass sie sich gemeinsam mit anderen Cis-Männern in persönliche, biografische und therapeutisch begleitete Reflexionsprozesse begeben, innerhalb derer die kritische Auseinandersetzung mit Männlichkeit, männlicher Sexualität, Weiblichkeitsabwehr usw. an erster Stelle stehen muss. Andernfalls wird sich nichts an dem Elend der sexuellen Gewalt in unserer Szene verändern, fürchte ich. Natürlich bedeutet die Vorstellung eines vorläufig konsequenten Ausschlusses von Cis-Männern aus unseren Leben für fast alle von uns massive Umbrüche und Veränderungen, die alles andere als leicht umzusetzen wären. Das ist mir bewusst. An dieser Stelle möchte ich deswegen den gerade genannten zentralen Gedanken von mir nochmal wiederholen: »Das ernsthafte In-Erwägung-Ziehen vorläufiger konsequenter Ausschlüsse aller Cis-Männer aus unseren politischen Zusammenhängen und unseren ›Privatleben‹.« Mir war es wichtig das so zu schreiben und vorzutragen, weil ich das tatsächlich erstmal so denke! Ich weiß aber natürlich, dass wir nicht mal eben schnell unsere Wohnverhältnisse über den Haufen werfen und die Cis-Männer auf die Straße setzen können. Und denke auch nicht, dass wir einfach mal eben schnell eine enge freundschaftliche oder romantische Beziehung beenden sollten, wenn diese uns Halt gibt oder Gefühle von Sicherheit oder Geborgenheit beinhaltet. Insbesondere heterosexuelle und hetero-romantische Frauen verspüren sicherlich eine gewisse Verwiesenheit auf oder Abhängigkeit von Cis-Männern. Wenigstens in mancherlei Hinsicht. Das möchte ich nicht einfach vom Tisch fegen. Aber auch in Fällen, in denen es aus unterschiedlichen Gründen (emotionale Gründe, soziale, finanzielle, familiäre etc.) schwierig oder unmöglich ist, konkrete Cis-Männer auszuschließen, sollten wir mit unseren Freundinnen und Genossinnen darüber nachdenken, wie wir genannte Auseinandersetzungen bei ihnen einfordern und diesen Forderungen Nachdruck verleihen können. Darüber hinaus denke ich, dass es auch total Sinn macht über unsere derzeitigen und bisherigen Beziehungen zu Cis-Männern nachzudenken. Ziel davon sollte sein, konkret benennen zu können, was wir von diesen Beziehungen bekommen bzw. bekommen haben und welche Bedürfnisse und Sehnsüchte sich in ihnen bewusst oder unbewusst verhandeln. Wenn wir das auf dem Schirm haben, können wir auch darüber sprechen, ob und wie es uns gelingen kann, beispielsweise den Bedürfnissen anders gerecht zu werden, die bisher nur in Beziehungen zu Cis-Männern Befriedigung gefunden haben. Wir können und sollten uns auch gegenseitig dabei unterstützen, tatsächliche oder vermeintliche Abhängigkeiten zu Cis-Männern abzubauen und gleichzeitig Beziehungen zu anderen Frauen zu stärken und solidarische Netzwerke mit ihnen zu entwickeln.

Um Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich hier noch kurz ein paar Sachen ausbuchstabieren: mein Anliegen ist nicht, dass Cis-Männer ohne Aussicht auf Rückkehr aus unseren Leben ausgeschlossen werden. Mir geht es darum, auf diese Weise mehr Schutz vor sexueller Gewalt für uns herzustellen und dann gemeinsam besser auf die Entstehung von solidarischen Netzwerken zwischen Frauen hinarbeiten zu können. Darüber hinaus geht es mir um eine Vergrößerung des Drucks durch von uns strikt vollzogene Konsequenzen als Resultat der Unfähigkeit, dem Unwillen und der Ohnmacht von Cis-Männern, sich bis heute gegen sexuelle Gewalt zu organisieren.

Weil ich fest mit Gegenwind rechne und auch damit, dass es nicht nur Cis-Männer sein werden, denen meine hier vorgetragenen Positionen widerstreben, möchte ich auch noch Folgendes loswerden: sexuelle Gewalt ist in unserer Szene allgegenwärtig. Das habe ich ganz zu Beginn bereits gesagt. diese Allgegenwärtigkeit hat bei uns allen Ohnmacht, Überforderung, Angst, Depressionen, Traumata, Hass, Verzweiflung und noch vieles mehr ausgelöst und wird das auch weiterhin tun! Die Lage ist extrem beschissen und das nicht erst seit 14 Monaten(1). Und ich find’s richtig belastend, dass es nötig ist, über konsequente Ausschlüsse von Cis-Männern aus unseren Leben nachzudenken, aber genau das ist es leider: nötig!

Natürlich müssen wir noch über ganz viel reden und ganz viel klären, wenn wir sowas Ähnliches, wie dieser Text hier vorschlägt, in Angriff nehmen wollen. Denn das hier ist kein fertig umsetzbares Konzept. es ist erst mal nur sowas wie ein Appell oder ein dringender Wunsch unter anderem darüber in Austausch zu kommen, wie wir den Druck auf Cis-Männer massiv erhöhen können. Es kann echt nicht so bleiben, dass die Szene-Männer alles tun, außer mit den immer wieder durch Feministinnen an sie herangetragenen Forderungen ernsthaft und langfristig in Auseinandersetzung treten.

Also ihr linken Cis-Männer… wenn ich merke, dass genannte Auseinandersetzungen in euren Leben keine herausragende Rolle spielen und keinen gewichtigen Anteil eures politischen Aktivismus ausmachen, dann tschüss ey! Und danke für nichts…

Vielleicht wäre auch schon mit einer solchen Haltung gegenüber Cis-Männern einiges gewonnen. Lasst uns bitte über all das mal reden.

Danke, das war’s!

Anmerkungen

(1) Die 14 Monate nehmen Bezug auf das Bekanntwerden der vielfachen sexuellen Gewalt auf dem Festival Monis Rache, wo heimliche / versteckte Videoaufnahmen auf den Festivaltoiletten gemacht wurden.

30.08.2021
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