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Aktuelles Heft

INHALT #266

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Distanzierung
• das erste: Die islamistische Rechte. Teil 2: Türkische Massenbewegungen und Staatsislamismus
• inside out: Presserat spricht Missbilligung gegen Leipziger Volkszeitung Online aus
• interview: Interview mit CopWatch Leipzig zur Waffenverbotszone und zur Polizei
• review-corner buch: Frauenzwangsarbeit in Markkleeberg
• kulturreport: Frech frech frech.
• position: Das ewige Rauschen wird zum Dröhnen
• position: Mivtza Shlomo – Operation Salomon
• doku: Waffenarsenal in Nordsachsen
• das letzte: Gegendarstellung

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Mivtza Shlomo – Operation Salomon

Fluchthilfe per Flugzeug für tausende äthiopische Jüd:innen vor 30 Jahren

Zwischen dem 23. und 25. Mai 1991 wurden in der »Operation Salomon« 14.325 äthiopische Jüd:innen mit israelischen Transport- und Passagierflugzeugen nach Israel geflogen und ihnen so die Flucht vor miserablen Lebensbedingungen und die Einwanderung nach Israel ermöglicht.

Die Story ist nur komplett mit ihrer Vorgeschichte: Bereits 1984 wurden in der vom Mossad koordinierten Geheimoperation »Moses« etwa 8.000 äthiopische Jüd:innen aus Flüchtlingscamps im Sudan evakuiert. Zwischen 1983 und 1985 war Äthiopien von der schlimmsten Hungersnot seiner Geschichte betroffen, die zwischen einer halben und einer Million Menschen das Leben kostete – es gibt dazu bezeichnenderweise keine genauen Zahlen. Zudem war das Land ohnehin von verschiedenen ethnischen Konflikten, Machtkämpfen und der Instabilität unter der Provisorischen Militär-Junta (DERG) und dem Diktator Mengistu geprägt. Tausende Anhänger:innen der jüdischen Gemeinde flohen in den Sudan, wo sie in Flüchtlingslagern – sogenannten Hungerlagern – untergebracht wurden.

Die äthiopische jüdische Gemeinschaft – auch Beta Israel oder Falascha genannt (vom altäthiopischen Wort für Ausgewanderte, Heimatlose, Fremde) – stellte durch ihre Abgeschiedenheit eine Besonderheit dar, da sie ein frühes Judentum vor der Entstehung des Talmud praktizierten und etwa Purim und Chanukka nicht feierten. Verschiedenen Theorien zufolge sind die äthiopischen Jüd:innen zwischen dem 10. Jahrhundert v. Chr. und 70 n. Chr. von Israel aus nach Äthiopien eingewandert – letzteres ist die offizielle israelische Version, der zufolge sie dem Stamm Dans, einem der zehn »verlorenen Stämme« Israels angehören. 1975 wurden sie offiziell vom israelischen Oberrabbinat als Teil des Judentums anerkannt, was 2003 auch auf alle zwangschristianisierten äthiopischen Jüd:innen (Falaschamura) ausgeweitet wurde.

Vermutlich auch durch zunehmenden Druck von Teilen der weltweiten jüdischen Gemeinde, entschied Anfang der 80er Jahre die israelische Regierung unter Menachem Begin, die Gruppe aufzunehmen und beauftragte den Mossad mit der Evakuierungsmission. Da der Sudan ein arabisches Land ist, das keine diplomatischen Beziehungen mit Israel hatte, war dies nur als Geheim-Operation möglich.

Also zogen getarnte Mossad-Agent:innen ein vermeintliches Tauchresort im sudanesischen Arousa am Roten Meer auf, von wo die Flüchtlinge ausgeschifft wurden. Dabei kam auch Geheimdiplomatie zum Einsatz und neben vielen anderen Akteur:innen wurde der sudanesische Präsident bestochen, damit die Mission stattfinden konnte. Auf ihrer Odyssee in den Sudan gaben die jüdischen Flüchtlinge zum Eigenschutz teilweise vor, christliche Bürgerkriegsflüchtlinge zu sein. Per LKW wurden sie nachts in das Tauch-Resort am Roten Meer gebracht und von dort per Boot weiter nach Israel. Auf Druck amerikanischer Politiker:innen hin wurde die Mission beschleunigt und nachdem der belgische Unternehmer George Gutelman einige Flugzeuge seiner Fluggesellschaft TEA zur Verfügung stellte, konnte die Aktion auf abgelegenen Pisten per Luftbrücke abgewickelt werden. Circa 8.000 jüdische Menschen wurden so innerhalb von sieben Wochen evakuiert. Anfang Januar 1985 flog die Aktion während einer Pressekonferenz auf und wurde auf Druck der arabischen Staaten hin durch den Sudan unterbunden, indem der belgischen Fluggesellschaft die Landerechte entzogen wurden.

Viele der Falascha wurden von der Hoffnung geeint, einst wieder Jerusalem und das Heilige Land betreten zu können und für viele bedeutete die Operation wohl die Rettung vor dem Tod. Aufgrund von Hunger und Schwäche schafften viele die Flucht nicht, sodass fast alle äthiopischen Olim (Einwanderer:innen) von verlorenen Angehörigen berichten können.

Die Rettungsmission ist Stoff zahlreicher Bücher und sehenswerter Dokumentationen geworden. Zuletzt wurde die Geschichte auch 2019 im Netflix-Film The Red Sea Diving Resort verarbeitet, der sich am Buch Mossad Exodus von Gad Shimron orientiert, jedoch hauptsächlich schlechte Kritiken als stereotyper weißer Heldenkitsch bekommen hat.

Die Mission blieb jedenfalls unabgeschlossen, fand jedoch ihre Fortsetzung in der nicht minder filmreifen Operation Salomon, die vor allem durch Druck von der American Association for Ethiopian Jews forciert wurde, im Jahr 1991: Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus kam es ausgehend von Rebellionen durch die tigrayische und die eritreische Ethnie zu einem Bürgerkrieg in Äthiopien, vor dem auch die verbliebene jüdische Minderheit floh. Diktator Mengistu suchte nach dem Fall der Sowjetunion 1991 über Israel Kontakt zu den USA, um diplomatische Beziehungen aufzubauen. Deshalb ließ er sich auf Verhandlungen über die Ausreise der Falascha ein, verlangte zunächst Waffen, konnte dann aber mit einer Summe von 35 oder 40 Millionen Dollar befriedigt werden. Doch noch bevor die Luftbrücke zustande kam, musste Mengistu nach Simbabwe fliehen. Die Operation konnte trotz fraglicher Umstände doch noch gelingen. Tausende Flüchtlinge gelangten – teilweise zu Fuß – nach Addis Abbeba, wo sie, beginnend am Shabbat des 23. Mai 1991, innerhalb von 36 Stunden unter den Augen der äthiopischen Armee von 35 israelischen Flugzeugen, denen die Sitze entfernt wurden, um mehr Menschen transportieren zu können, ausgeflogen wurden. Dabei wurde sogar der Weltrekord von 1.086 Menschen bei einem Flug aufgestellt (bei Ankunft 1.088, da zwei Kinder geboren wurden).

Gerade angesichts des aktuell wieder grassierenden und sich gewaltsam entladenden Antisemitismus, der den Staat Israel wie jüdische Menschen gleichermaßen zur Zielscheibe hat, ist eine Erinnerung an diese Ereignisse von einiger Relevanz. Es ist fraglich, wie es ins Bild vom Apartheitsstaat passt, von dem die Israelfeind:innen in zu erwartender Weise wieder einmal faseln, dass Menschen ungeachtet ihrer Hautfarbe in einer aufwändigen Rettungsaktion und unter beträchtlichen Kosten aktiv vor Hunger, Krieg und Instabilität gerettet wurden, um sie anschließend ins eigene staatliche Kollektiv einzubürgern.

Doch das ist nur ein Teil ihrer Geschichte. Der andere beginnt mit ihrer Einbürgerung und Integration in die israelische Gesellschaft, von der man wohl sagen kann, dass sie nicht so glatt verlaufen ist, wie ihre Immigration. Die Neuankömmlinge verbrachten zunächst zwischen sechs Monaten und zwei Jahren in Auffangzentren, in denen sie Hebräisch lernten. Ihre Situation war seither von Schwierigkeiten, auch von Ungleichbehandlung geprägt. So war ihre Gruppe z.B. lange von hoher Arbeitslosigkeit betroffen und auf staatliche Hilfen angewiesen. Jedoch existieren auch Gegenbeispiele, wie die stellv. Bürgermeisterin von Tel Aviv, Mehereta Baruch-Ron, die im Alter von zehn Jahren nach Israel kam und erst dort lesen und schreiben lernte.

Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Operation Moses hat das Museum des Jüdischen Volkes Beit Hatfutsot eine Ausstellung gezeigt, in der vor allem die Immigrant:innen aus Äthiopien selbst zu Wort kommen sollten. In dem sehenswerten Film zur Ausstellung (Operation Moses – 30 Years After), sprechen die Eingewanderten und ihre Kinder auch über ihre Schwierigkeiten: Diskriminierung, Rassismus, Identitätskonflikte. Nichtsdestotrotz steht für die allermeisten ihr Platz in Israel und ihre Zugehörigkeit außer Frage.

2015 kam es erstmals zu größeren Protesten, bei denen vor allem junge Israelis die bestehenden Ungleichheiten und den strukturellen Rassismus nicht nur in Bezug auf die äthiopischen Einwanderer:innen angeprangert haben. Es war wohl vor allem jene erste Generation der Nachkommen der äthiopischen Olim, die in Israel geboren wurden, aber noch wie gerade frisch Eingewanderte behandelt worden sind, die sich selbstbewusst genug gefühlt haben, jene Ungerechtigkeiten anzuklagen und Gleichbehandlung zu fordern, wie auch einer der im oben erwähnten Film interviewten jungen Protagonisten zu Protokoll gibt.

Seit 2016 gibt es spürbare Verbesserungen, so hat etwa die Arbeitslosigkeit unter dieser Gruppe deutlich abgenommen. Den Feind:innen Israels taugt dieser Teil der Geschichte freilich zur Delegitimierung des jüdischen Staates und seiner angeblich rassistischen Politik. Doch so falsch wie es ist, diesen Teil der Geschichte entweder zu leugnen oder andererseits zu Israels Dämonisierung heranzuziehen, so falsch ist es, die Rettung und Einbürgerung der äthiopischen Jüd:innen zum Objekt einer romantischen Verklärung zu machen oder zum Beweis des moralisch reinen Charakters israelischer Staatlichkeit zu stilisieren. Vielmehr verdeutlicht sie, dass auch der multi-ethnische Staat Israel das Produkt einer komplexen Geschichte ist, die sich nicht in einem einzelnen kurzen Artikel abhandeln lässt und dass man deren Komplexität vermutlich nicht mit einem Denken in schwarz und weiß gerecht wird.

Natürlich ist im Laufe der Geschichte die Frage aufgekommen, warum die äthiopischen Jüd:innen erst so spät aufgenommen wurden. Das ist sicher einer komplexen Gemengelage zwischen dem Druck der amerikanischen Gemeinde, den Debatten über die Zugehörigkeit der Falascha zum Judentum, der innenpolitischen Lage Äthiopiens sowie den diplomatischen Beziehungen geschuldet. Auch die Geschichte der Falascha selbst ist über die vergangenen zwei Jahrtausende viel bewegter gewesen, als sie in Medien oder etwa in der wissenschaftlichen Debatte behandelt worden ist, wie etwa auch Steven Kaplan in seinem Buch The Beta Israel in Ethiopia (NYUP) darlegt, wo er mit vielen verschiedenen Mythen – etwa einem durchweg feindseligen oder gegensätzlichen Verhältnis zum Christentum – aufräumt. Die Gruppe selbst hat im Laufe ihrer Geschichte, v.a. seit 1945, auch einen Wandel in ihrem eigenen Selbstbezug bzw. ihrer eigenen Identität vollzogen: „They no longer connect their presence in Ethiopia with the national epic of Solomon and Sheba, but trace themselves to Egyptian Jewry or the lost tribe of Dan. Similarly, they prefer to be called Ethiopian Jews rather than either Falasha or Beta Israel.“ (165) Aber diese Geschichte wäre eine eigenen Artikel wert.

Ungeachtet dessen und der Tatsache jedoch, dass für Feind:innen des Staates Israels seine konkrete Politik ohnehin zweitrangig ist, weil sie immer einen Anlass für seine Verurteilung finden, ist es bemerkenswert wie wenigen Menschen dieser Teil der israelischen Geschichte bekannt ist. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass er vielen tatsächlich nicht so gut ins Bild passt und dafür, dass es sich empfiehlt, ihn ohne jede Verklärung in der Gegenwart präsent zu halten und an ihn zu erinnern.

Marlon

20.06.2021
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