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Aktuelles Heft

INHALT #265

Titelbild
Editorial
• das erste: Die islamistische Rechte. Teil 1: Die Muslimbruderschaft und der legalistische Islamismus
• kulturreport: Die Stadt als Zelle – Gedanken zu graffiti writing und darüber hinaus
• interview: Kein Dancefloor ist ein Safe Space
• interview: Interview mit Hot Topic!
• position: Conne Elend: ein Nachgesang
• position: Der Ignorant bist Du!
• review-corner buch: Ignoriert die Befindlichkeiten der Männer!
• review-corner buch: Rezension: tapis-Magazin – Analyse zur islamistischen Rechten
• doku: What's Right?
• doku: Die hochtrabenden Fremdwörter
• das letzte: Je te présent: Françoise Cactus

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Kein Dancefloor ist ein Safe Space

Unter dem Titel Täter an den Decks erschienen Anfang Februar beim Online-Musikmagazin frohfroh vier Artikel über sexuelle Diskriminierungen und Gewalt »in den vermeintlichen Safer Spaces unserer linken Rave-Bubble«. Wir sprachen darüber mit Julika Morgenroth, die zuletzt als traumazentrierte Fachberaterin in einer Leipziger Beratungsstelle für Betroffene sexualisierter Gewalt tätig war.

Der erste Text der Reihe beginnt mit einer Aufzählung von bekannten sexuellen Übergriffen innerhalb der linken Szene Leipzigs aus den letzten Jahren.(1) Nach dem Hinweis, diese seien »nur die Spitze des Eisbergs«, folgen anonymisierte Erfahrungsberichte von Betroffenen sexueller Diskriminierungen und sexualisierter Gewalt. Die Autorin des Beitrags, Lea Schröder, schreibt, dass sie mit Blick auf die »sich mehrheitlich als emanzipatorische und antisexistische Safer Spaces begreifen[den]« Clubs zu Beginn ihrer Recherche die »retrospektiv ziemlich naiv[e]« Erwartung hatte, ausschließlich Schilderungen von sexuellen Diskriminierungen vorzufinden. Die Rückmeldungen zu ihrem öffentlichen Aufruf nach Erfahrungsberichten hätten jedoch schnell gezeigt, dass sie »das Ausmaß der Gewalt gegen FLINT* in unserer Clubkultur vollkommen unterschätzt« hatte.

Kommen dir Fälle wie die geschilderten auch aus deiner beruflichen Praxis bekannt vor?

Ja, definitiv. Sexualisierte Gewalt passiert überall in unserer Gesellschaft. Die linke Szene ist davon nicht ausgeschlossen und das spiegelt sich auch in der Beratungsarbeit wider. Sichere Räume, auch in linken Clubs, sind meiner Meinung nach ein Mythos.
Anzuerkennen, dass sexuelle Übergriffe und sexualisierte Gewalt in linken Räumen passieren, ist ein entscheidender Knackpunkt, mit dem es sich auseinanderzusetzen gilt. Die Clubs und Kollektive müssen sich ernsthaft bewusst sein, dass es in ihren Reihen auch mit Bemühungen wie Awareness-Teams etc. zu Übergriffen kommt, denn erst dann ist eine aufrichtige Auseinandersetzung mit der Thematik möglich und gewinnt an Bedeutung. In die Diskussion gehören Geschäftsführung und Barpersonal genauso involviert wie Technik, Residents und Ehrenamtliche.
Obwohl die Fachberatungsstellen in Leipzig extrem ausgelastet sind, findet nur ein gewisser Teil der Betroffenen den Weg zu diesen. Dies kann verschiedene Gründe haben, Scham spielt oft eine große Rolle, die Angst, dass einer auch dort nicht geglaubt wird oder geholfen werden kann oder schlichtweg die Unkenntnis über ein derartiges Angebot.
Es ist mir wichtig zu sagen, dass sich sexualisierte Gewalt auf unterschiedlichste Art äußern kann. Das ist auch in dem frohfroh-Artikel anhand der diversen Erfahrungsberichte gut zu erkennen. Betroffene können sich immer mit Unsicherheiten und Fragen an Beratungsstellen wenden. Die Beratungsstellen arbeiten parteilich, kostenlos, auf Wunsch auch anonym. Sie können somit erste vertrauliche Ansprechpersonen sein und unterstützen dabei herauszufinden, was die betroffene Person braucht.
Um eines gleich vorwegzunehmen: Falschbeschuldigungen bei Vergewaltigungen sind marginal. Laut einer Studie von Seith/Kelly/Lovett liegt der Anteil, entgegen der weit verbreiteten Stereotype, bei nur 3%.(2) Man stelle sich vor, dass FLINT*-Personen in den Club gehen, um einen guten Abend zu haben, zu tanzen, abzuschalten und niemand eine Clubnacht dafür nutzen möchte, grundlos anderen Menschen sexualisierte Gewalt anzuhängen.

Die Existenz von Awareness-Teams und Unterstützungsgruppen in linken Clubs wie dem Conne Island, dem IfZ oder dem Elipamanoke deutet darauf hin, dass dort zumindest teilweise eine Ahnung von der Verbreitung sexueller Diskriminierung und sexualisierter Gewalt im Clubkontext existiert. Auch der Antisexistische Support Leipzig (ASL) hat sich bereits 2016 aus Anlass »eigener Betroffenheiten« und einer festgestellten »Kontinuität von sexualisierter Gewalt, Übergriffen und Grenzüberschreitungen innerhalb von linken Strukturen, auf Partys und in linken Räumen« gegründet. Was können solche ehrenamtlich arbeitenden Strukturen aus professioneller Sicht leisten und was eher nicht?

Die ehrenamtlichen Strukturen sind natürlich enorm wichtig. Zum einen als Ansprechpersonen bei der Veranstaltung vor Ort, zum anderen, um den Diskurs auch außerhalb von Fachkräften am Laufen zu halten und weiterzuentwickeln. Vor allem der Transformative Ansatz wird bisher fast ausschließlich durch Ehrenamtliche angeboten und kann für manche Betroffene ein guter Umgang mit der Gewalterfahrung sein.
Ich halte es aufgrund der Komplexität von sexualisierter Gewalt gerade im Clubkontext trotzdem für wichtig, Fachkräfte miteinzubeziehen und Betroffenen zumindest diese Möglichkeit mit aufzuzeigen. In Beratungsstellen bündelt sich über Jahre aufgebautes Fachwissen, es gibt Vernetzung zu Ärzt*innen, Therapeut*innen und Anwält*innen und es wird sich auf einen traumasensiblen Umgang mit betroffenen Menschen spezialisiert und weitergebildet. Dies kann und muss ein Club oder eine Privatperson nicht leisten. Eher geht es darum, sich als Club oder Veranstalter*in im Klaren zu sein, dass sexualisierte Gewalt in den eigenen Räumen vorkommt und dass es Konzepte oder Notfallpläne für bestimmte Situationen braucht und geben muss. Es geht darum, eine Haltung zu entwickeln und es geht um einen Fahrplan. Das heißt eben nicht, dass der Club dann alleine mit diesen Situationen umgehen muss. Hier sollte unbedingt eine Zusammenarbeit zwischen den Clubs und den Fachkräften der Beratungsstellen aufgebaut werden.

Das Elipamanoke behält sich vor, Tätern ein Hausverbot auch gegen den Willen der Betroffenen auszusprechen. Findest du das richtig?

Der Wille der betroffenen Person steht in der beraterischen Tätigkeit immer an erster Stelle. Auch bei Vorfällen im Partykontext ist das eine wichtige Regel, an der sich Menschen, die in Kontakt mit betroffenen Personen treten, orientieren sollen. Das heißt also immer zu fragen, was die Betroffene wünscht und braucht. Auch beispielsweise bei dem Punkt, ob die Polizei hinzugezogen werden sollte, was ja in linken Räumen oft ein heikles Thema ist, sollte der Wunsch der Betroffenen gehört werden.
Allerdings halte ich es auch für richtig, wenn ein Club eine gewisse Haltung und einen Plan für bestimmte Situationen entwickelt hat und der kann eben auch heißen, wer sich übergriffig verhält, der fliegt. Von diesem Hausrecht kann ein Club jederzeit Gebrauch machen und es kann auch sinnvoll sein, ein Hausverbot auszusprechen, um weitere Gäste zu schützen.

Vom mjut hatte Lea Schröder zunächst keine Antwort auf ihre Anfrage zu Sanktionsmöglichkeiten gegen Täter erhalten. Nach Erscheinen ihrer Artikelreihe empfahl es diese jedoch bei Facebook und signalisierte Betroffenen sexualisierter Gewalt im Clubkontext Unterstützungsbereitschaft. Das knappe Statement wirkt eilig verfasst. Leistet es, was im Umgang mit sexualisierter Gewalt erforderlich ist?

Das Statement beinhaltete einen Aufruf, dass sich alle betroffenen Personen, die sexualisierte Gewalt im Clubkontext erfahren haben, beim mjut melden können. Für mich klingt das leider nach einem gut gemeinten Schnellschuss. Einerseits wurde nur die allgemeine Mailadresse als Kontaktmöglichkeit angegeben, das heißt, eine Vertraulichkeit ist wahrscheinlich nicht gegeben bzw. stellt sich die Frage, wer diese Mails abrufen kann. Auch eine »Konfrontation der Täter« halte ich für kritisch, da sich in der Regel auf diese Weise kein Eingeständnis einholen lässt und im schlimmsten Fall wieder die Betroffenen bedrängt werden könnten. Das Ziel, alle Gäste der Szene vor derartigen Übergriffen zu schützen, ist zwar löblich, zeigt aber, dass es noch einiges an Nachholbedarf mit dieser Thematik bedarf.
Sexualisierte Gewalt im Clubkontext passiert und es braucht einen Umgang damit. Ich halte es wie gesagt für sinnvoller, sich im Club mit den eigenen Strukturen auseinanderzusetzen. Hierfür kann eine Vernetzung mit Fachkräften stattfinden, es gibt Initiativen, die sich auf genau dieses Thema spezialisiert haben und Workshops dazu anbieten und auch die Clubs und Kollektive könnten sich untereinander vernetzen, um Ideen auszutauschen und ihre Konzepte weiterzuentwickeln. Auch das Bewusstsein, dass Mitarbeitende, Vorgesetzte, Abendverantwortliche oder gebuchte Künstler*innen Täter*innen sein können, muss in den Köpfen ankommen und die Konzepte müssen in diesen Fällen genauso greifen. Alle Strukturen im Club, von den Mitarbeitenden, über das Booking bis hin zur Kommunikation in Plenas etc. »AWARE« zu machen, sollte das Ziel sein und ist ein Prozess, den es anzugehen gilt. Dafür könnt ihr euch fachliche Unterstützung holen.

Den Kontakthinweis zu einer Fachberatungsstelle erhält im frohfroh-Artikel nur, wer im vierten Teil der Reihe den Link für »Notfälle« zur Website des ASL auswählt. Wohin können sich Betroffene von sexueller Diskriminierung oder sexualisierter Gewalt und interessierte Clubs in Leipzig wenden?

Betroffene Personen allen Geschlechts können sich an den Frauennotruf des Vereins Frauen für Frauen wenden. Der Frauennotruf ist eine spezialisierte Fachberatungsstelle für Betroffene sexualisierter Gewalt.
Es gibt dort für akute Fälle auch eine Notfallnummer, die 24/7 besetzt ist.
Außerdem gibt es in Connewitz den Verein Bellis e.V.. Auch dort bekommt ihr als betroffene Person Unterstützung und Beratung und es gibt dort die Möglichkeit, eine verfahrensunabhängige Spurensicherung durchführen zu lassen, unabhängig davon, ob Anzeige erstattet werden soll oder (noch) nicht. Ebenso könnt ihr euch bei der Opferhilfe Sachsen e.V. melden. Dort werdet ihr unter anderem im Falle eines Gerichtsverfahrens unterstützt und bei Bedarf auch in das Gericht begleitet.
Auch für die Clubs können die Beratungsstellen eine Anlaufstelle sein, um Fragen zu beantworten. Daneben gibt es in Leipzig die Initiative Awareness und in Berlin die Clubcommission, die mit ihrem Arbeitskreis Awareness & Diversity Konzepte und Aktionen um das Thema Awareness in Kulturbetrieben erarbeiten.

Kontakte:

Frauen für Frauen e.V. Leipzig
Frauennotruf
Karl-Liebknecht-Str. 59
04275 Leipzig
Tel.: 0341 – 39 11 199
kontakt (at) frauennotruf-leipzig.de
Notfall-Telefon (0 bis 24 Uhr): 0341 – 30 61 0800

Bellis e.V.
Bornaische Straße 18
04277 Leipzig
Tel.: 0341/39285560
kontakt (at) bellis-leipzig.de

Opferhilfe Sachsen e.V.
Kochstraße 1
04275 Leipzig
Tel.: 0341 / 22 54 318
Tel. Zeugenbegleitung: 0341 / 96 27 64 86
leipzig (at) opferhilfe-sachsen.de

Anmerkungen

(1) Angeführt werden die Vergewaltigung einer Konzertbesucherin durch ein Mitglied des damals im Conne Island auftretenden Performance-Kollektivs HGich.T im Dezember 2019, die im Februar 2020 erhobenen Vorwürfe der sexuellen Nötigung gegen einen damaligen Mitarbeiter des Goldhorn, die Recherchen von STRG_F zu digitalen sexuellen Übergriffen auf den Festivals Monis Rache und Fusion aus Anfang 2020, der sexuelle Übergriff durch einen Betreiber des Pivo aus 2018 sowie die Vorwürfe von Sexismus und sexuellen Übergriffen durch Mitglieder der Graffiti-Crew Radicals Ende des vergangenen Jahres [Vgl. Fuck the Family, in CEE IEH #264].
(2) Seith, Lovett & Kelly (2009): Unterschiedliche Systeme, ähnliche Resultate? Strafverfolgung von Vergewaltigung in elf europäischen Ländern. Länderbericht Deutschland. In: Seith, Lovett & Kelly (Hrsg.): Different systems, similar outcomes? Tracking at-trition in reported rape cases across Europe

28.04.2021
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