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#264, Februar 2021
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Aktuelles Heft

INHALT #265

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Editorial
• das erste: Die islamistische Rechte. Teil 1: Die Muslimbruderschaft und der legalistische Islamismus
• kulturreport: Die Stadt als Zelle – Gedanken zu graffiti writing und darüber hinaus
• interview: Kein Dancefloor ist ein Safe Space
• interview: Interview mit Hot Topic!
• position: Conne Elend: ein Nachgesang
• position: Der Ignorant bist Du!
• review-corner buch: Ignoriert die Befindlichkeiten der Männer!
• review-corner buch: Rezension: tapis-Magazin – Analyse zur islamistischen Rechten
• doku: What's Right?
• doku: Die hochtrabenden Fremdwörter
• das letzte: Je te présent: Françoise Cactus

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Je te présent: Françoise Cactus

Statt Nachruf

Am 17. Februar ist Françoise Cactus gestorben. Ach, ach Liebling, ich mag alles, was du machst!, möchte ich ihr mit ihrem eigenen Songtext nachrufen.
Françoise Cactus war Künstlerin, Sängerin, Schlagzeugerin, Autorin, Feministin, Französin, Kreuzbergerin und Punk-Ikone. Am bekanntesten wurde sie mit der Band Stereo Total, die sie 1993 zusammen mit Brezel Göring gründete. Die beiden blieben bis zum Schluss Partner in Music and Love.

Ihre vorherige Band, die Lolitas, waren noch recht gitarrenlastig, der Sound von Stereo Total wurde elekronischer, Synthie-Fun-Punk oder Underground Synthie-Chanson oder wie auch immer. Auf jeden Fall machen Stereo Total Spaß und feiern DIY. Françoise singt deutsch und französisch, häufig geht es um Variationen von Liebe, nie pseudo-tief oder pathetisch wie sonst fast jeder deutschsprachige Song ist. Sondern so:

»Ich liebe es / Liebe zu machen / Am liebsten zu dritt
Das ist total out/ Das ist Hippieshit/ Aber ich sag es laut
Ich liebe Liebe zu dritt«

Auf dem 1997er Album Monokini findet sich der alltime-Favourite Schön von hinten. Zu Recht gefeiert als Hymne gegen zu viel Nähe und Klammern in Partnerschaften.

»Löse dich in Luft auf / Hinterlass’ keine Spuren
Zeig, wie du aussiehst, wenn du nicht mehr bist
Ich bedanke mich herzlich / Ich hatte viel Spaß mit dir
Aber ohne dich war es auch nicht schlecht / Vielleicht besser sogar

Wie soll ich, wie soll ich, wie soll ich mich nach dir sehnen
Wenn du stets, wenn du stets, wenn du stets bei mir bist?Doch Stereo Total sind nicht so eindeutig happy-pappy Unabhängigkeit. Auf demselben Album findet sich das unbekanntere Gegenstück. In Wer wird sich um mich kümmern singt Françoise

»Und wer wird sich um mich kümmern / Wenn du gehst ohne mich?
Ich werde frieren, mich fürchten / Lässt dich das gleichgültig?

Was werde ich den ganzen Tag tun / Ohne Kuss von dir
Einsam und verlassen / Wer spricht dann mit mir?«

Auf den Songs der elf Stereo Total-Alben geht es neben viel Liebe und Sex auch um Minderwertigkeitsgefühle (Zu schön für dich) oder um konservative Erziehung (Halt deine Kerze gerade). Untermalt von den perfekt unperfekten elektronischen Melodien von Brezel Göring singt Françoise Cactus eigentlich über alles. Die Songs und die low bis no budget Videos von Stereo Total sind voller Ironie, Camp, Zartheit und Spaß. Ihre Musik durchzieht ein selbstverständlicher Feminismus. In einem Interview hat sie mal gesagt: »Ich hasse Musikzeitschriften, meistens seh ich darin nur, ahh, schon wieder vier coole Typen, schon wieder vier coole Typen, ahh schon wieder … Das langweilt mich!« Amen!!!

Künstlerisch beschränkte sie sich nicht auf die Musik. Für die Ausstellung When Love turns to Poison schuf sie 2004 zum Beispiel Wollita, die lebensgroße Häkelpuppe. Wollita verwies auf die Objektivierung von Frauen vor allem in Medien. Nazis, Christen, B.Z. und Bild schäumten und agitierten gegen Wollita und die gesamte Ausstellung. In dem Buch Wollita - Vom Wollknäuel zum Superstar wird diese absurde Auseinandersetzung aufbereitet. Wollita, als Alter Ego von Françoise Cactus, erzählt darin, wie sie den Rummel um ihre Person verarbeitet und sie wegen ihrer Sexualisierung zur Therapeutin gegangen ist.

Françoise Cactus hat zudem mehrere Romane und Hörspiele veröffentlicht. Zum Beispiel den Jugendroman Abenteuer einer Provinzblume und die Sammlung Neurosen zum Valentinstag. Bei Radio Eins hat sie seit 2016 monatlich Die Sendung moderiert, in der sie je zwei Stunden zu einem spezifischen Thema Vinyl auflegte und dabei Anekdoten und ihr Musikwissen teilte. Alle Folgen werden wohl bald als Podcast zusammengestellt. Ihr Hörspiel Autobigophonie ist nach ihrem Tod nochmal in der ARD Audiothek veröffentlicht worden.

Wer Françoise Cactus nicht oder kaum kennt, kann sie also in verschiedenen Medien entdecken. Es wird sich lohnen.

Im Island ist Françoise Cactus seit 1996 über zehn Mal aufgetreten, meist mit Stereo Total. Im vergangenen Jahr stellte sie zur Online-Lesung von These Girls Nico vor. Zum großen Geburtstagsbrimborium 20YRS Conne Island feierte sie 20 Jahre Pop mit uns. Mit Blick auf das damals fast fertig renovierte Vorderhaus sagte sie, es sähe ein bisschen zu sehr nach Schwedenidyll aus und fragte, wann wir denn mit dem Sprühen begännen.

Au revoir, Françoise, pour toujours Party Anticonformiste!


Katha

28.04.2021
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