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Aktuelles Heft

INHALT #257

Titelbild
Editorial
• das erste: Sich radikal in der eigenen Zurichtung fühlen können
Über die Rückkehr des Proletariats.
Escape-Ism / Lassie
Linke Politik unter rechtem Kurs: Das Beispiel Österreich
Die schwärzeste Grauzone
Die Sächsische Schweiz braucht ein AZ!
• review-corner buch: Meinst du, der Feind meines Feindes ist mein Freund?
• position: Kritik der unkritischen Kritik
• doku: Vom Wert der Familienbande
• das letzte: #6: Alles für den Kiez
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Sich radikal in der eigenen Zurichtung fühlen können

Über pop-feministische Erfahrungsliteratur, unmögliche Emanzipation und das notwendige Scheitern der Form

Emanzipation geht es um die Erlösung der Vergangenheit mittels der Kritik an der gegenwärtigen Gesellschaft. Das kollektive Erinnern an vergangene Kämpfe, ihre unabgegoltenen Forderungen nach anderen, befreiten Verhältnissen und deren Einlösung in der reflektierten Überwindung der gegenwärtigen Herrschaftsverhältnisse sind ihre Ziele (Vgl. Papst/Spuhr 2009 oder Adamczak 2018).
Auch die Frage nach der Beziehung zwischen Emanzipation und Feminismus stellt sich entlang vergangener Kämpfe und utopischem Wollen, hin zu anderen Produktions-, Vergesellschaftungs- und Beziehungsformen, durch die Aufhebung der patriarchal organisierten Geschlechterordnung als Teil der kapitalistischen Wertvergesellschaftung. Die Frage nach dem feministischen ›Wie‹ der emanzipatorischen Wendung in der Geschichte entspannt sich entlang der Erfahrung, zur Frau geworden zu sein und der kollektiven Reflexion und Politisierung der Gewalt, die damit einhergeht. Beides gemeinsam ermöglicht tendenziell emanzipatorische Selbstveränderung und Veränderung der Verhältnisse. Emanzipation als feministisches Projekt ist so als ein Prozess zu verstehen, vorherrschende geschlechtsabhängige Praktiken der Herrschaft bewusst zu machen und darüber die immer wieder notwendige feministische Kritik an der Gesellschaftskritik zu leisten.
Dem Bewusstmachen geschlechtsabhängiger Herrschaftsformen steht spätestens seit den 1990er Jahren ein post-feministischer gesellschaftlicher Konsens entgegen: Über die grundlegende Annahme, dass alle Bürger*innen vor dem Markt und dem Recht gleich sind und selbst der Staat mittlerweile für Gleichstellung ist, wurde es mehr oder weniger unmöglich, das gleichwohl noch vorhandene hierarchische Geschlechterverhältnis als solches zu artikulieren, geschweige denn zu politisieren. Diese Entwicklung wurde nicht zuletzt durch die punktuelle und entpolitisierte Integration feministischer Forderungen nach Selbstbestimmung und Einstieg in die Lohnarbeit in staatliche Gleichstellungspolitik als neoliberales Projekt der Flexibilisierung der Familien- und Erwerbsarbeit vorangetrieben (Vgl. Trumann/Lent 2015). Die gegenwärtig vorherrschende Geschlechterordnung ist dabei in weiten Teilen von einer rein rhetorischen Modernisierung des Geschlechterverhältnisses und der geschlechtlich organisierten Arbeitsteilung geprägt, die die alltäglich erlebbaren Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern verdeckt.
Die scheinbare Alternativlosigkeit der kapitalistisch-patriarchalen Grundordnung der Gesellschaft bröckelt seit der Wirtschaftskrise 2007/2008. Die neoliberal durchgesetzte, post-feministische Gesellschaftsordnung, nach der längst alle gleichgestellt in der Konkurrenzmanege des kapitalistischen Arbeitsmarkts nur genug wollen müssen, um erfolgreich zu sein oder allein an sich selbst zu scheitern, wird in den letzten Jahren von zwei Seiten herausgefordert: auf der einen Seite von einem erstarkten Anti-Feminismus mit ausschlagendem Frauenhass und auf der anderen Seite von einer erhöhten feministischen Sichtbarkeit zwischen hedonistischer Identitätspolitik, organisierten Streiks und Pop-Feminismus. Will man herausfinden, wie feministische Emanzipation unter diesen Bedingungen überhaupt noch möglich ist, muss man sich so auch mit den gegenwärtig angebotenen Formen des populären Feminismus auseinandersetzen und fragen, inwieweit diese für emanzipatorische Unternehmungen nutzbar gemacht werden können. Im Folgenden soll daher am Beispiel der Autorinnen Laurie Penny und Margarete Stokowski pop-feministische Erfahrungsliteratur auf ihr emanzipatorisches Potenzial hin überprüft werden.


Pop & Feminismus
Feministinnen der unmittelbaren Gegenwart wie die Britin Laurie Penny und ihr deutsches Pendant Margarete Stokowski bedienen sich großer, emanzipationsversprechender Worte: Vom Ende des Patriarchats ist die Rede, von Anti-Kapitalismus und Anarchismus, von Verweigerung und Widerstand. Gerade Laurie Pennyverlangt mit großer Dringlichkeit nach der Meuterei, der Revolution des Geschlechterverhältnisses und der Gesellschaft als ganzer. Die Verlage bewerben ihre Bücher Fleischmarkt und Unsagbare Dinge sowie Stokowskis Untenrum frei als jung, radikal und kämpferisch. Aus den eingeschlagenen Autorinnenbeschreibungen tönt das Motiv der jungen Frau, die »... zu einer neuen Generation junger Feministinnen [gehört]; das sind Frauen, die stolz, laut und selbstbestimmt sind« und alles, also auch ihr Stück vom Kuchen wollen, wie es im Ankündigungstext des Buchs Alte weiße Männer von Sophie Passmann zur Identitätsbestimmung der neuen Feministinnen programmatisch auf den Punkt gebracht wird.
Bei solchen Ansagen ist es natürlich ein leichtes, Pop-Feminismus als reines Produkt der Kulturindustrie abzutun, erneut und zu Recht darauf zu verweisen, dass Feminismus mit seinen Anrufungen zwischen Selbstbestimmung, Wahl und Freiheit längst zur Ware geworden ist, die sich und allerlei Schnickschnack vom goldenen Tamponanhänger (Missy Mag) bis hin zu Autoritarismus (Ivanka Trump) auf den Markt und unter die Leute bringt. Gleichzeitig stehen gerade Autorinnen wie Penny und Stokowski am Anfang vieler Suchbewegungen junger Frauen, die sich nicht länger mit den Zumutungen und Zurichtungen abfinden wollen, die noch immer und immer wieder damit einhergehen, in dieser Gesellschaft als Frau oder Mädchen zu leben. Gerade in der Beschreibung ihrer Erfahrungen ist vieles von dem, was sie schreiben, daher richtig und notwendig. Und doch spielt die gegenwärtige pop-feministische Literatur mit dem Spannungsverhältnis von Erfahrung als Selbsterfahrung und Erfahrung als Grundlage für individuelle und gesellschaftliche Veränderung und löst dieses am Ende zugunsten individualistischer Selbstermächtigung auf.
Das Verhältnis von Pop und Feminismus war immer schon widersprüchlich. Das Spiel mit dem radikalen Schick des Non-Konformen, der historische Motor des Siegeszugs des Pops und gerade im post-nazistischen Deutschland sein emanzipatorisches Potenzial im Nachkriegsmief, spiegelt sich in seinen feministischen Töchtern mit abgeblätterten Nagellack und selbstbewusster Attitüde. Die neuen Bedürfnisse nach Selbstbestimmung und Wahlfreiheit, die die Erfolge der Autonomen Frauenbewegung der 1970er Jahre mit sich gebracht haben, wurden gesellschaftlich integriert, zur Ware gemacht und wieder zurück verkauft. Das zeigt sich zum Beispiel in der Strategie der riot grrrl-Bewegung in den 1990ern das Politische zu ästhetisieren und so die marginalisierte Rolle von Frauen und Mädchen in Subkultur und Bandproberäumen zu skandalisieren. Ihnen ging das widerständige Potenzial gerade da verloren, wo eine zunehmende Entpolitisierung des Ästhetischen zusammen ging mit flexibilisierten neoliberalen Entwicklungen der Arbeits- und Produktionsweise des Kapitalismus und der steigenden Bedeutung der massenmedialen Kulturindustrie.
Pop grenzt sich als ästhetische Form vom bürgerlichen Status Quo über die stetige Wiederholung des Neuen, des Marginalisierten und abgegrenzt Nonkonformen ab, gleichzeitig ist die widerständige Form des Non-Konformen spätestens seit Nirvanas Einzug in die bürgerlichen Jugendzimmer längst passé und in den Mainstream der Minderheiten übergegangen (Vgl. Holert/Terkessidis 1996). Der Dreh des gegenwärtigen Pop-Feminismus liegt in der Aneignung und Wendung, im Populär- und Verwertbarmachen feministischer Motive wie Wahlfreiheit und Selbstbestimmung sowie der immer wieder ansetzenden individualisierten Herstellung weiblicher Handlungsfähigkeit. Was verkauft wird, ist die Möglichkeit, sich noch in der eigenen Zurichtung radikal fühlen zu können. Die Form des Pop fungiert so als Kitt zwischen den einzelnen feministischen Ausläufern: Über eine entpolitisierte und aus dem Kontext gerissene Aufbereitung feministischer Inhalte und Ideen verbinden sich die unterschiedlichen feministischen Spielarten und Teilöffentlichkeiten zwischen Professionalisierung, Institutionalisierung und Selbstausbeutung. Gerade dies zeigt sich auch in der Erfahrungsliteratur, der sich Penny und Stokowski bedienen. Pennys und Stokowskis notwendiges Scheitern an der versprochenen radikalen Gesellschaftsanalyse und feministischer Intervention liegt unter anderem darin, dass sie gerade das, was eine reflektierte Überwindung der herrschenden Verhältnisse ermöglichen würde, in ihren Texten nicht liefern: eine integrierende Erinnerung an verlorene und gewonnene, zu weit gegangene und zu kurz gekommene Kämpfe, Theorien und Streits sowie eine Vorstellung davon, wie es anders sein müsste und könnte, eine utopische Hoffnung auf eine Gesellschaft, in der das Patriarchat überwunden und der Kapitalismus abgelöst wäre. Gerade deswegen erweisen sie sich als anschlussfähig für die gesellschaftliche Mobilmachung des weiblichen Selbstoptimierungspotenzials der Gegenwart und dem schlichten Erhalt des Bestehenden.


Geschichtliche Erinnerung in der Wiederholungsschleife
Die wiederholende Herstellung von (vermeintlich) Neuem dient als grundlegender Motor des Pop, um nicht in die Affirmation des bestehenden bürgerlichen Status Quo überzugehen. Obgleich sich dieser Übergang längst vollzogen hat, behauptet der Pop stets das Neue, spektakulär Non-Konforme, um Aufmerksamkeit zu generieren. Diese Bewegung trifft sich ausgezeichnet mit dem Wiederholungszwang, der feministische Theorie und Praxis begleitet. Karina Korecky hat gezeigt, wie feministische Politik immer wieder und immer noch unter einem Wiederholungszwang steht: Da die grundlegende patriarchale Geschlechterpolarität aller Betonung geschlechtlicher Vielfalt und Flexibilisierung zum Trotz fortwirkt und der Hass auf Frauen und alles Weibliche nicht vergeht, müssen Feministinnen immer wieder aufs Neue um eigene Antworten auf weithin unabgegoltene Fragen ringen (Vgl. Korecky 2014). Vorangetrieben wird der Wiederholungszwang durch die grundlegende Schwierigkeit feministischer Geschichtsschreibung und das gesellschaftliche Vergessen bereits erstrittener Erkenntnisse über das hierarchische Geschlechterverhältnis. Er speist sich aus dem Fortleben der patriarchalen Unterdrückung und kapitalistischen Produktionsweise, die wieder und wieder gegen die mehrheitsgesellschaftliche Vorstellung der längst vollzogenen Gleichstellung nachgewiesen werden muss. Bei aller Flexibilisierung bleibt also Altes im Neuen, auch wenn stets das Gegenteil und generell die Überwindung jeglicher Ungleichheit beteuert wird.
Penny wie Stokowski betonen zwar immer wieder, dass sie auf großen Schultern und in der Schuld aller vorangegangener Feministinnen stehen, gleichzeitig seien die Versuche und Kämpfe jedoch leider gescheitert und müssen neu angegangen, anders gedacht und besser umgesetzt werden. Die Autonome Frauenbewegung wird von ihnen auf einzelne Theoriestränge und Akteurinnen verengt und dient zur Abgrenzung vom eigenen Programm: dem trotzigen Aufbäumen einer neuen Generation, die alles anders, weil besser und aufregender machen wird.
So schreibt Penny in einer groben Reduzierung der Autonomen Frauenbewegung:
»Die Auffassung dieser Feministinnen der Zweiten Welle ist, dass es hinter der frauenfeindlichen Verpackung aus Schuhen, Shoppen und netten sexuellen Stereotypen ein ›echtes‹ weibliches Wesen gibt, das in einem ›echten‹ weiblichen Körper steckt. Wenn wir Zugang zu ihnen hätten, könnten wir die Verletzungen der jahrhundertelangen Unterdrückung heilen. Diese Auffassung ist äußerst unangebracht.« (Penny 2012, S. 70)
Die neue feministische Generation versichert, die Fehler der dogmatisch-repressiven »alten Feministinnen« nicht zu wiederholen. Anstatt bewusst zu machen, welche Forderungen und Theorien in den vergangenen feministischen Kämpfen und Auseinandersetzungen sichtbar und notwendig geworden sind und weiterhin der Umsetzung harren, bleibt man in der Wiederholungsschleife gefangen. Feministische Bewegungen und Kritik nicht auf einen Strang ihrer Auseinandersetzungen zu reduzieren, würde es ermöglichen, das Potenzial gerade in den Auseinandersetzungen, in den Streitbewegungen um feministische Kritik selbst freizulegen. Feminismus wäre so als Geschichte von Konflikten zu verstehen, die produktiv um die Frage nach dem ›Wie‹ der feministischen Emanzipation ringt. Nicht allein nach ›falschen‹ Theorien und Idealen in der Vergangenheit und Gegenwart wäre zu suchen, sondern vielmehr streitend nach den realen gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen, die das Fortdauern der hierarchischen Polarisierung des Geschlechterverhältnisses trotz der theoretischen und praktischen Veränderungen in den letzten vierzig Jahren erklären.
Penny und Stokowski zeigen über ihre eigenen Erfahrungen wie die post-feministische Rhetorik der Freiheit und Gleichheit erfahrbare Ungleichheiten im Alltag verdeckt und kritisieren diese gründlich. Indem sie jedoch die konflikthafte Geschichte feministischer Kritik abspalten, als veraltet und nicht mehr brauchbar abtun, schreiben sie mit an einer blinden Fortschrittsgeschichte, die nach all den gescheiterten Versuchen nur richtig angegangen werden müsste. Pennys und Stokowskis Fortschrittsgeschichte dient letztlich der Legitimierung eines ständigen Neuanfangs und nicht einem notwendigen Eingedenken des grundlegenden Wiederholungszwangs feministischer Politik. Um den Wiederholungszwang aufzubrechen, wäre es notwendig, die gesellschaftlichen Bedingungen der Geschichtslosigkeit weiblicher Erfahrung und Produktivität zu analysieren und diese zu ihrem Recht kommen zu lassen. Gerade hierfür wäre jedoch ein utopisches Denken jenseits des Bestehenden notwendig, das sich im Pop-Feminismus nicht finden lässt.

Über das Andere: Utopisches Denken
Eine integrierende Erinnerung an bisher nicht eingelöste Forderungen und Kämpfe, die nicht allein in einer Fortschrittsgeschichte aufgelöst wird, ermöglicht ein Aufbrechen des feministischen Wiederholungszwangs. Diesem Aufbrechen entspringt ein utopisches Denken, das sich aus emanzipatorischen Bewegungen und feministische Hoffnungen auf eine Gesellschaft speist, in der Frauen und alle anderen nicht mehr erniedrigte, geknechtete, verlassene und verächtliche Wesen wären.
Anders als andere soziale Bewegungen trägt Feminismus sein eigenes Programm nicht im Titel. Was Ziele oder Hoffnungen sind, die feministische Theorie und Praxis motiviert, bestimmt sich in den Streitbewegungen und in den gesellschaftstheoretischen Reflexionen auf die Erfahrungen, zur Frau geworden zu sein. Auch wenn Penny und Stokowski in ihren Erzählungen bei ihren eigenen Erfahrungen ansetzen, bleiben sie in der historischen und begrifflichen Bestimmung patriarchaler und kapitalistischer Herrschaftsformen und ihrem Zusammenhang vage bis unbestimmt. Dies zeigt sich am deutlichsten in den Vorstellungen der beiden Autorinnen von dem, was Feminismus bestimmt und zu welchen Zielen er letztlich führen soll, sowie ihren vorgeschlagenen Strategien gegen die patriarchalen Zumutungen, die sie entlang ihrer eigenen Erfahrungen beschreiben. Was sind also die Vorstellungen von Emanzipation und den feministischen Zielen, die sich bei Penny und Stokowski finden lassen?
Feminismus selbst wird von Stokowski wie folgt gefasst:
»Um Selbstbestimmung wird es viel gehen. Denn Feminismus ist keine Bewegung, die alte Zwänge durch neue Zwänge ersetzen will oder alte Tabus durch neue. Es ist ein Kampf gegen Zwänge und für mehr freie, eigene Entscheidungen. Und zwar nicht die Entscheidung ›vor oder zurück‹, sondern die Entscheidung: Was für ein Mensch willst du sein?« (Stokowski 2018, S. 9)
Wenn die bestimmende politische Fragestellung ist, was für ein Mensch man sein möchte, verwundert es nicht, wenn am Ende feministischer Aushandlungen allein die Forderung nach mehr individueller Freiheit und Anerkennung für alle steht. Den Rahmen der Utopie, den Penny und Stokowski setzen, gibt die bestehende Ordnung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und herrschaftlichen Subjektanforderungen vor. Anders als in der Autonomen Frauenbewegung der 1970er Jahre wird nicht die Frage nach dem kollektiven Handeln hin zu anderen gesellschaftlichen Verhältnissen in den Mittelpunkt gestellt, sondern danach, was für ein Mensch man sein möchte. Die Umsetzung dieser Frage findet sich bei Stokowski in einer besseren »Fuck-you-Attitüde« oder bei Penny in einer großen Weigerung: »...Nein, wir werden nicht schön sein und wir werden nicht brav sein. Vor allem anderen weigern wir uns, schön und brav zu sein« (Penny 2012, S. 122).
Über eine bessere Fuck-you-Attitüde, die Stokowski als Lösung für frauenverachtende Zumutungen anbietet oder die große Verweigerung, die Penny proklamiert, bieten die beiden gerade jene Handlungsmodi als feministische Utopie an, die bereits individuell (für einige) umsetzbar sind und sich in einer besseren Herstellung von Handlungsfähigkeit für alle Frauen und Mädchen erschöpft. Die Alternative zum Bestehenden wird im Bestehenden selbst gesucht – radikale Gesellschaftskritik hat sich hier längst in performativer Rotzigkeit aufgelöst. Gesellschaftliche Widersprüche werden zu Angelegenheit des persönlichen Umgangs individualisiert und tragen damit zur Befriedung der tatsächlichen Herrschaftsverhältnisse bei. Pop-Feminismus bietet so die Möglichkeit der Einhegung potenzieller weiblicher Aggression und Wut, die gegenwärtig auch in Ermangelung revolutionär-feministischer Beziehungsweisen und Bewegungen ortlos verbleibt. Die Frage, die hier nicht auftaucht, ist jene nach den gesetzten Grenzen weiblicher Handlungsfähigkeit, die sich noch immer entlang der Spannung zwischen Abhängigkeit und Selbstbehauptung in der weiblichen Subjektwerdung stellt (Vgl. Benjamin 2015). Das Subjekt, die Einzelne bleibt bei beiden die Orientierung der Veränderung, Selbstveränderung wird zum Ausgangspunkt der Emanzipationsvorstellungen und die Ebene der weiblichen Beteiligung an und Identifizierung mit der eigenen Unterdrückung findet sich allein in Nebensätzen.
Bei aller radikaler Rhetorik von Materialismus und Anti-Kapitalismus bleibt auch die angekündigte Kapitalismuskritik begriffs- und kategorielos, und so wird bei Penny Kapitalismus schlussendlich doch nur als reines Produkt der herrschenden Diskurse bestimmt, nicht als bestimmende vergesellschaftende Produktionsweise, die nicht allein über »neue Erzählungen« zu überwinden ist. So schreibt sie:
»Kapitalismus ist nur eine Geschichte. Religion ist nur eine Geschichte. Das Patriarchat und die Vorherrschaft der Weißen sind nur Geschichten. Es sind die großen Ordnungsmythen, die unsere Gesellschaften definieren und unsere Zukunft bestimmen, und ich glaube – ich hoffe –, dass sie nun eine nach der anderen endlich umgeschrieben werden. […] Es ist nicht einfach – aber niemand behauptet, dass es einfach ist, die Welt zu verändern. Das habe ich von Harry Potter gelernt.« (Penny 2018, S. 148)
Die Handlungsfähigkeit, die Mobilisierungsfähigkeit, die darin liegt anzunehmen, dass mit anderen Geschichten alles anders und besser werden würde, entlastet von der Ohnmacht gegenüber wirkmächtigen gesellschaftlichen Strukturen und der eigenen Verstrickung darin. Was unangetastet bleibt, ist die Frage danach, warum das patriarchale Geschlechtersystem ungebrochen fortwirkt, und der Schmerz und die Schwierigkeit, die Emanzipationsprozesse auf gesellschaftlicher und individueller Ebene mit sich bringen und das Wagnis, diese gemeinsam anzugehen. Gefragt werden muss jedoch, welche Grenzen der Freiheit zur Wahl und in der Selbstbestimmung gegenwärtig für Frauen gesellschaftlich gesetzt sind. Und ganz grundlegend wie wir Konstellationen von Emanzipation und Freiheit finden können, die neben der individuellen Selbstbestimmung auch Abhängigkeitverhältnisse, Sorge- und Reproduktionsarbeit und mögliche Suchbewegungen hin zu solidarischen Beziehungsformen umfassen.


Das Scheitern der Form und die Frage: Was tun?
Nimmt man die Geschichte des Feminismus als Geschichte seiner Konflikte ernst, ist weiterhin um die Form zu streiten, um das ›Wie‹ der feministischen Wende in der Geschichte. Was an pop- feministischem Schreiben ist es also, das zu retten wäre? Welche Formen von widerständigem Denken und Handeln finden sich jenseits von schlagwortartigen Anrufungen der kritischen Gesellschaftstheorie oder des Anti-Kapitalismus in den Texten von Margarete Stokowski und Laurie Penny selbst?
In feministischer Erfahrungsliteratur findet sich die Möglichkeit aufgehoben, in den besonderen Erfahrungen das Allgemeine der gesellschaftlichen Herrschaftslogiken sichtbar zu machen und die darin verborgenen Perspektiven und Ansätze für Emanzipation freizulegen. Die pop-feministische Erfahrungsliteratur von Penny und Stokowski schreibt sich in eine lange Tradition von feministischer Erfahrungsliteratur ein, gleichzeitig zeigt sich ihr Scheitern in den individualistischen Handlungsangeboten und den beschränkenden Vorstellungen von Freiheit, die sich in einer Freiheit von normierenden Schönheitsidealen und Geschlechterrollen erschöpft. Die Seite der Abhängigkeit in der weiblichen Subjektwerdung wird von beiden kaum thematisiert und löst sich so in einem immer handlungsfähigen pop-feministischen Identitätsangebot auf, womit sich der liberale Pop-Feminismus unter anderem als Klassenprojekt ausweist. Durch die Nutzung und Verwendung von Begriffen wie Kapitalismus und Patriarchat suggerieren Penny und zu Teilen auch Stokowski, dass es ihnen grundlegend darum geht, die besondere Erfahrung, zu Frauen geworden zu sein, mit dem Allgemeinen der gesellschaftlichen Verhältnisse in Verbindung zu bringen. Allerdings bleiben sie gerade dabei stehen: Die Vermittlung zeigt sich als eine bloße Aneinanderreihung, die besondere Erfahrung wird nicht rückgebunden an die historisch spezifischen gesellschaftlichen Bedingungen und die geschlechtlich organisierte Arbeitsteilung. Daher kann die Frage danach, was der Maßstab ihrer Kritik ist, nur mit dem leeren Verweis auf ein Mehr an individueller Freiheit für alle beantwortet werden. Die historisch spezifischen und gesellschaftlich bedingten Grenzen der individuellen Freiheit bleiben unangetastet, gerade dadurch verewigen sie den herrschenden Status Quo. Da individuelle Freiheit selbst ein bürgerliches Versprechen ist, wird es notwendig, die gesellschaftlich immanenten Grenzen jener Freiheit zu kritisieren, die sich im grundlegenden Widerspruch zwischen Kapitalismus und Demokratie manifestieren: Die bürgerliche Freiheit beruht auf der ungleichen Verteilung von Eigentum an Produktionsmitteln – trotz freiheitlich-demokratischer Rechte bleibt daher für die meisten die Freiheit von Herrschaft begrenzt. Damit ist auch das Einfordern von bürgerlicher Freiheit für alle nur eine begrenzte Emanzipation, verträgt sich doch »[d]as Mehr an individueller Freiheit […] bestens mit der Forderung des Kapitals, dass die Arbeitskraft der Lohnarbeiterinnen universal unter Absehung überkommener Grenzen wie Geschlecht, Alter, Religion verwertbar werden soll« (looks 2011).
Die Forderungen des herrschenden gesellschaftlichen Zwangs, sich über alle Widrigkeiten hinweg selbst zu empowern und einen selbstbestimmten Kopfsprung ins Getriebe kapitalistischer Verwertung zu wagen, werden so übernommen und als feministische Kritik präsentiert. Der psychologische Gewinn für die einzelne Feministin ist dann, dass sie sich noch radikal in der eigenen Zurichtung fühlen kann. Dabei wäre sich ja gerade mit der bloßen Verschiebung der individuellen Freiheiten im Rahmen der verewigten Herrschaft des Kapitals, des ewigen Zwangs zur Verwertung der eigenen Arbeitskraft, nicht zufrieden zu geben. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung, die sich stetig und noch immer zu Ungunsten der Frauen reproduziert, muss Teil, wenn nicht gar einer der Ausgangspunkte feministischer Aushandlungen und Forderungen werden. Es braucht die Verbindung zu anderen sozialen Kämpfen – Selbstbestimmung und Wahlfreiheit für alle zu wollen und nicht nur allein in Selbstsorge aufzugehen, um eine »bessere Bitch« für den Arbeitsmarkt zu werden.
Die Diskussionen um Pop-Feminismus und sein emanzipatorisches Potenzial zeigen nicht zuletzt, dass jedes politische Projekt umkämpft ist - auch das des Feminismus wird von den Herrschenden ebenso reklamiert wie von emanzipatorischen Kräften. Was am Pop-Feminismus als allererstes zu retten wäre, ist das Begehren vieler Frauen, Queers und anderer Marginalisierter, grundlegend etwas zu ändern an den vorherrschenden Formen von Gesellschaft, ein Begehren, das sich gegenwärtig überall Bahn bricht. Es bleibt eine Gratwanderung, das Potenzial des Begehrens anzuerkennen, das sich im Pop-Feminismus manifestiert, und die Befriedung des widerständigen Potenzials über individuelle Auflösungen nicht zuzulassen. Bei allem Dissens im Einzelnen teilen die unterschiedlichen feministischen Gruppierungen die Kritik an Verhältnissen, die immer wieder und immer noch zu Ungunsten von Frauen und Mädchen und allem Weiblichen eingerichtet sind. An diesem Impetus ist festzuhalten. Dafür bedarf es jedoch geschichtlicher Erinnerung und utopischer Hoffnung als notwendige Richtung einer reflektierten Überwindung der gegenwärtigen Verhältnisse ebenso wie leidenschaftliche, kollektive Umsetzung. Feminismus bietet sich als Ausgangspunkt für emanzipatorische Politik an, als Möglichkeit der Politisierung, da über die Position von Frauen die gesellschaftliche Arbeitsteilung zwischen Reproduktion und Produktion thematisierbar wird. Da die Seite der Abhängigkeit in der Subjektkonstitution zwischen Autonomie und Abhängigkeit noch immer den weiblichen Subjekten zufällt, lässt sich an dieser Stelle die Verleugnung der Verbundenheit der Subjekte thematisieren, ohne Kapitalismus und Patriarchat als Erzählungen zu verharmlosen.
Gerade deswegen lohnt es sich, mit Penny und Stokowski zu streiten, immerhin bieten sie uns einen Anfang in der Auseinandersetzung – einen Anfang, der uns jedoch von Anfang an auf die falsche Fährt bringt.


In der kommenden Ausgabe der outside the box – Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik findet sich ein ausführlicher Artikel zum Thema mit dem Titel Auf dem Fleischmarkt untenrum frei unterwegs - Zum Wiederholungszwang pop-feministischer Erfahrungsliteratur der Gegenwart. Die 7. Ausgabe der outside the box zum Thema Erfahrung erscheint im Juli 2019. https://www.outside-mag.de


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Literatur
Adamczak, Bini (2018): Beziehungsweise Revolution. Suhrkamp.
Benjamin, Jessica (2015): Fesseln der Liebe - Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht. Stromfeld/Nexus.
Holert, Tom/Terkessisdis (1996): Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft. Edition ID-Archiv.
Korecky, Karina (2014): Unter Wiederholungszwang. In: konkret 10/2014.
looks, k@ (2011): Überlegungen zur Kritik der Gesellschaft, in: outside the box #3.
Passmann, Sophie (2019): Alte weiße Männer. Kiepenheuer & Witsch.
Pabst, Marianne/Spuhr, Virginia (2009): EMANZIPATION. Überlegungen zu Notwendigkeit und Wesen menschlicher Emanzipation, in: outside the box #1.
Penny, Laurie (2018): Bitch Doktrin. Gender, Macht und Sehnsucht. Nautilus.
Penny, Laurie (2012): Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus. Nautilus.
Penny, Laurie (2015): Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution. Nautilus.
Stokowski, Margarete (2018): Untenrum frei. Rowohlt.
Trumann, Andrea/Lent, Lilly (2015): Kritik des Staatsfeminismus, Bertz-Fischer.


Constanze Stutz

30.05.2019
Conne Island, Koburger Str. 3, 04277 Leipzig
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