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Aktuelles Heft

INHALT #257

Titelbild
Editorial
• das erste: Sich radikal in der eigenen Zurichtung fühlen können
Über die Rückkehr des Proletariats.
Escape-Ism / Lassie
Linke Politik unter rechtem Kurs: Das Beispiel Österreich
Die schwärzeste Grauzone
Die Sächsische Schweiz braucht ein AZ!
• review-corner buch: Meinst du, der Feind meines Feindes ist mein Freund?
• position: Kritik der unkritischen Kritik
• doku: Vom Wert der Familienbande
• das letzte: #6: Alles für den Kiez

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Kritik der unkritischen Kritik

Ein letztes Wort zu einer Debatte, die geführt werden muss

Einleitend sei gesagt, dass wir vor anderthalb Jahren nicht damit gerechnet haben, jetzt noch einmal die Notwendigkeit zu sehen, uns in dieser Debatte zu äußern. Doch scheint es uns, dass sich hier an Kleinigkeiten aufgehangen wird anstatt die Debatte am Thema zu führen. Somit folgt hier eine Replik auf die Replik zu einer Replik.
Vor mittlerweile anderthalb Jahren veröffentlichten wir die erste Stellungnahme zu einer Konzertabsage, auf die eine Verleumdungsanzeige der Band Nietzsche & the Wagners folgte. Wir glauben hierzu alles gesagt zu haben, deshalb sei auf sie und ihre Aktualisierung nur am Rande verwiesen.(1),(2) In der Zwischenzeit wurde der Band vom Conne Island abgesagt und sowohl das Island als auch die Veranstalter*innen, die Halkyonische Assoziation für radikale Philosophie (HARP) äußerten sich hierzu.(3) Im Folgenden möchten wir der HARP antworten, da wir ihre Position für kritikwürdig halten.
Eingangs geht es etwa um die Verleumdungsanzeige, die wir erhielten. Die HARP statuiert hier:
»Es muss in Ordnung sein, sich gegen Verleumdungen zur Wehr zu setzen, die einem schaden, auch mit juristischen Mitteln und auch, wenn es gegen einen linken Laden geht. Zumal es auch bei diesem Punkt nicht um die Musik der Band ging, sondern nur ihr Verhalten: dass auch in diesem Fall nicht auf eine rechte Gesinnung schließen lässt, sondern nur um die Sorge darum, dass das Image der Band Schaden erleidet, wenn sie öffentlich in einem eher suggerierenden als argumentierenden Text als ›rechtsoffen‹ bezeichnet wird.«(4)
Nun ist es unserer Ansicht nach zuvorderst egal, ob es sich um die Musik oder das Verhalten von Musiker*innen handelt – es sollte immer die Möglichkeit bestehen Kritik zu äußern. Wir haben von dieser Gebrauch gemacht und uns innerhalb des Diskurses positioniert. Ob der unter Fußnote 1 zu findende Text als verleumdend zu werten ist, bleibt schlussendlich den Leser*innen selbst überlassen. Die Staatsanwaltschaft Leipzig war jedenfalls nicht dieser Ansicht. Und auch das Conne Island, das sich wie von der HARP erwähnt vor Bekanntwerden dieses Verfahrens dafür entschied die Veranstaltung durchzuführen, begründet die Absage folgendermaßen: »Statt auf die Vorwürfe einzugehen und sie öffentlich zu entkräften oder sie einfach stehen zu lassen, entschied sich die Band dazu den Diskurs abzubrechen und rechtliche Schritte gegen das Atari einzuleiten.« An dieser Stelle ist es schlussendlich irrelevant, ob man diese Band nun ästhetisch ansprechend findet oder nicht, da ihr Handeln sie unseres Erachtens disqualifiziert, denn wenn einerseits Meinungsfreiheit betont wird, diese dann aber anderen nicht zugesprochen wird, ist die Diskussion hinfällig. Auch ihre Auseinandersetzung mit Douglas Pearce gilt es kritisch zu beleuchten. Uns ist durchaus bekannt, dass Death in June aus der Punk-Band Crisis hervorgingen, jedoch hielten wir das in dieser Auseinandersetzung schlicht für irrelevant und wollen uns auf dieses Skrewdriver-Argument nicht weiter einlassen.
Das gefährliche an Bands wie Death in June sehen wir in ihren interpretationsoffenen, nur latent politischen Aussagen. An dieser Stelle sei an folgende Feststellung Martin Büssers erinnert: In der Populärkultur spielt sich die Ideologie oft im vermeintlich Unpolitischen ab. So lässt sich etwa im Song Runes and Men wenig explizit Politisches finden, unserer Meinung nach ist es jedoch evident, was Pearces Schwelgen in vergangenen, vermeintlich besseren Zeiten und seinen Träumen von Runen und Männern bei deutschem Wein für selbsternannte rechte Intellektuelle wie Martin Sellner interessant und anschlussfähig macht. Dies mag vielleicht nicht auf plumpe Nazi-Skinheads zutreffen, doch um noch einmal auf Martin Büsser zu verweisen, kann die Ästhetik des Neofolk auch als ein tieferes Vordringen in den Kern nationalsozialistischer Weltanschauung gedeutet werden, was um so gefährlicher werden kann, wenn es als apolitisch betrachtet wird.
Doch Douglas Pearce äußerte sich eben nicht nur implizit politisch. Ihm wurden etwa Kontakte zu faschistischen HOS-Milizen in Kroatien während des Jugoslawienkrieges nachgewiesen, diese wiederum bezogen sich eindeutig auf das mit NS-Deutschland kollaborierende Ustascha-Regime. Dieser Umstand führte schließlich dazu, dass Death in June mit Something is Coming ein Album veröffentlichten, dessen Erlöse den kroatischen Faschisten zukamen.
In ihrer Kritik bezieht sich die HARP auch auf das von Pearce produzierte Geschichtsbild, wobei sie feststellten, dass »Der SS-Totenkopf […] mit der positiven SA-Emphase unvereinbar« sei. Hierauf wollen wir noch einmal im Speziellen eingehen, da diese Aussage unserer Ansicht nach ein konstruierter Widerspruch ist, den es näher zu beleuchten gilt. Zwar ist es durchaus der Fall, dass sich nach der Entmachtung der SA im Zuge der Ermordung ihres Führers Ernst Röhm 1934 in ihr eine starke Ablehnung der SS gegenüber entwickelte, doch dies ist unserer Ansicht nach vor allem als Konflikt innerhalb konkurrierender NS-Organisationen zu betrachten. Weil dieser für heutige Nazis eine untergeordnete Rolle spielt, kann der vermeintliche Widerspruch als unerheblich betrachtet werden.
Dies findet sich teils auch in Pearce Aussagen wieder, wenn er etwa einerseits die SS-Ordensburg Wewelsburg als einen Platz göttlicher Erscheinung bezeichnete, andererseits aber auch den Mord an Ernst Röhm verdammt und sich fragt, ob dieser wohl den Zweiten Weltkrieg hätte verhindern können. Dieses postmoderne Verwirrspiel ändert jedoch nichts an der grundlegenden Emphase nationalsozialistischer Symbole, Organisationen und Akteure und soll diese allenfalls verschleiern.(5) Wirft man nun noch einen Blick auf die Geschichte des SS-Totenkopfes, ist festzustellen, dass dieser auf die SS-Totenkopfverbände, die bis 1940 mit der Bewachung der Konzentrationslager betraut waren und in einer Fronteinheit aufgingen, die an verschiedenen Kriegsverbrechen während des Zweiten Weltkriegs beteiligt war, zurückgeht. Für Pearce steht dieses Symbol für die totale Gebundenheit an seine Kunst; eine Wortwahl, die bei einem historisch derart belasteten Symbol doch nahe legt, dass sich Pearce dieser Geschichte bewusst ist und mit der Fetischisierung nationalsozialistischer Barbarei spielt, wenn nicht sogar versucht, dieser einen ästhetischen Wert abzugewinnen. Nun stellt sich uns natürlich die Frage, wieso es einerseits anscheinend so schwierig ist, sich klar von den Inhalten dieser Band zu distanzieren und andererseits auch weshalb sich Menschen die Mühe einer Apologie Death in Junes machen.
Auch den Widerspruch zwischen Pearces Homosexualität und seinem Faible für den Nationalsozialismus sehen wir nicht. Als naheliegendstes Beispiel sei Ernst Röhm genannt, doch finden sich im Umfeld völkischer Männerbünde um die Jahrhundertwende weitere Figuren wie Hans Blüher, der seine Homosexualität mit einer misogynen Theorie männlicher Erhabenheit untermauerte und in der Weimarer Republik als radikaler Antisemit Bekanntheit erlangte. Was nun die Innovationskraft »extremer Rockmusik« angeht, stellt sich die Frage, inwieweit Black Metal im Allgemeinen als politisches Projekt zu betrachten ist. Zwar gibt es mit Burzum und dem was ihnen unter dem Label NSBM folgte unzählige Beispiele regressiver Musiker*innen, die einerseits menschenverachtende Ideologien verbreiten und außerdem extrem gut in Netzwerken militanter Neonazis vernetzt sind, doch gibt es eben auch genug Gegenbeispiele, weshalb wir es für wenig sinnvoll und taktisch unklug halten, von Black Metal als einem Projekt der rechten Avantgarde auszugehen.
Betrachtet man nun Black Metal als ein weiteres kulturindustrielles Produkt, stellt sich außerdem die Frage inwieweit nun die technische Verfeinerung tatsächlich innovativ ist oder ob es schlussendlich nur ein weiterer Fall der Wiederholung des Immergleichen mit ausgereifteren technischen Mitteln ist. Im Neofolk hingegen ist die Archaik quasi konstitutiv, was dieses Genre so anknüpfungsfähig für die radikale Rechte macht, denn in romantischem Schwelgen in vergangenen, besseren Zeiten sowie dem Traum von Einfachheit, Natürlichkeit und Reinheit ist schlussendlich der Rückfall hinter zivilisatorische Errungenschaften mit angelegt, wird darin die verhasste Moderne doch sowieso als verderbt betrachtet.
Wir hoffen nun dargelegt zu haben, wieso eben alles nicht so einfach ist und die uns vorgeworfenen »subtilen Jagden« schlussendlich nicht mehr als der Versuch sind, unserem Anspruch an die eigene Arbeit gerecht zu werden. Denn wer es nicht schafft sich eindeutig vom Spiel mit faschistischer Ästhetik loszusagen oder nicht ausreichend Distanz zu rechten Black-Metal-Kontexten wahrt, soll bei uns keine Bühne bekommen. Wer dies anders sieht, kann uns dafür natürlich gern kritisieren, sollte aber nicht in die Falle einer Apologie krypto-faschistischer Kunstprojekte verfallen. Denn die Gefahr liegt eben in der Uneindeutigkeit und der subtilen Verschiebung der Grenzen des Sagbaren.

Atari-Plenum

Anmerkungen

(1) http://bildet-laeden.de/1835/unser-statement-zur-konzertabsage-fur-nietzsche-and-the-wagners/

(2) http://bildet-laeden.de/1855/nietzsche-and-the-wagners-part-ii/

(3) Anm. d. Red.: Die Stellungnahme erfolgte durch die Redaktion der von der HARP herausgegebenen Zeitschrift Narthex.

(4) http://harp.tf/2019/21/03/subtile-jagden-nietzsche-and-the-wagners-auf-der-harp-gala/

(5) zum Weiterlesen: Martin Büsser. Wie kling die neue Mitte? Rechte und reaktionäre Tendenzen in der Popmusik. Ventil-Verlag; ebenfalls: Andreas Speit (Hg): Ästhetische Mobilmachung. Dark-Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien. Unrast Verlag

30.05.2019
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