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#254, Februar 2019
#255, März 2019
#256, April 2019

Aktuelles Heft

INHALT #256

Titelbild
Editorial
• das erste: Wem gehört die Stadt?
• inside out: Ausgeladen. Nietzsche & the Wagners
AzudemSK
Enter Shikari
Pascow
Offenes Antifa Treffen
Heimat - Eine Besichtigung des Grauens
No-Crap-Flohmarkt
• position: Subtile Jagden
• das letzte: Über Identifikation

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Über Identifikation

Mitte Februar fand in Berlin der 22. Europäische Polizeikongress statt. Diverse linke Gruppen, Bündnisse und Einzelpersonen hatten zu Protesten und einer Demonstration aufgerufen. Verschiedenste Anliegen wurden mit der Konferenz identifiziert: Polizeigewalt gegen Ultras, das Vorgehen von Beamten gegen Obdachlose, Beteiligung der Exekutive an Zwangsräumungen, Verschärfung von (Landes)Polizeigesetzen, der allgemeine Rechtsruck, die Überwachung öffentlicher Einrichtungen, Übergriffe beim Hamburger G20 oder ganz global das ›System aus Ausbeutung, Unterdrückung und Unterwerfung‹. Verwunderlich war einzig, dass der Polizei keine maßgebliche Rolle am Klimawandel angelastet wurde (immerhin hat sie unlängst den Hambi geräumt!).
Jedenfalls mussten auch Connewitzer Fassaden kräftig für den Hinweis auf das nahende Ereignis herhalten. Und weil der autonome Politsprayer den eigentlich gehassten kapitalistischen Imperativen gar nicht so fernsteht wie er es gern hätte, wurden in der Arthur-Hoffmann-Straße nicht nur viele (Effizienz – immerhin kostet der Liter Sprühfarbe 8,75 € bei Betterrun/Mad Flava!), sondern auch verschiedenerlei (Vielfalt – der Konsument will Abwechslung!) Parolen abgesetzt. Neben ›1602 Polizeikongress angreifen‹ (der in Geheimschrift ein wenig, aber nicht genug versierte Betrachter identifiziert im Stillen ›1602‹ mit ›AFOB‹ und wundert sich …) und ›Bullen töten‹ (oder wahlweise ›jagen‹) war dort unter anderem ›Cops = Haram!‹ zu lesen.
Was steht da? Die Polizeibeamten werden hier als haram identifiziert. Haram ist im Islam das, was dem Gläubigen laut Scharia als verboten zu gelten hat. Ist also der Graffitikünstler strenggläubiger Muslim und taggt hier gewissermaßen in religiösem Vokabular? Das würde zumindest die im Stadtbild verbreitete Identifikation von Polizisten mit Schweinen erklären. Plausibel ist es indes nicht: So ist die radikale Linke zum einen eher als Tummelplatz von echten Kartoffeln bekannt und zum anderen würde dem die noch weitaus häufiger anzutreffende Gleichsetzung von Polizisten und Bullen widersprechen.
Wahrscheinlicher ist da schon die Vermutung, dass es sich bei dem Spruch um eine tiefer sitzende Identifikation eines autochtonen Radikalinskis mit der islamischen Kultur handelt. Sei es, weil es in antirassistischen Kreisen gerade angesagt ist, der überall grassierenden ›Islamophobie‹ auch im politischen Alltagshandeln entgegenzutreten. Da kommt es doch gut, wenn der eigene Wortschatz um muslimische Versatzstücke erweitert wird (Aber Vorsicht – es droht der Cultural-Appropriation-Vorwurf!). Sei es, weil der mitunter als links wahrgenommene, weil gegen die Schrecken des Westens (KKK – Kolonialismus, Konsum, Kapitalismus) gerichtete politische Islam als Verbündeter im Kampf um eine missverstandene Emanzipation umworben werden soll.
Aber womöglich liegt die Antwort doch woanders verborgen. Dazu müssen die Verwendung der sakralen Begrifflichkeit und ihre Bedeutungen näher befragt werden. Haram steht nämlich nicht nur für verboten und verflucht. Der Begriff bildet ein Beispiel für ein Phänomen, das Sigmund Freud vor über hundert Jahren als ›Gegensinn der Urworte‹ beschrieben hat. Er steht nämlich zugleich für sich selbst und sein Gegenteil. Er bedeutet auch heilig, geheiligt oder tabu. Das Wort zeigt also das ganz Schlechte ebenso an wie das absolut Gute. In der mathematisch korrekt vorgenommenen Gleichsetzung von Polizei und haram drückt sich also offenbar eine Überidentifikation der linken Militanten mit dem Gegenstand ihrer Kritik aus. Der Polizei als verfassungsrechtlich legitimierter und kontrollierter Instanz zur Verwaltung des staatlichen Gewaltmonopols wird genau das geneidet: Der Einsatz von Gewalt. Man missgönnt es den Beamten, wünscht es sich aber für die eigene Clique. Zu gern würde man das, was man in den gesprühten Slogans so martialisch ankündigt (Töten! Jagen!) ungestraft ausagieren oder gar überbieten (ebenfalls in der Arthur-Hoffmann-Straße: ›Bullen foltern!‹). Davon zeugt nicht zuletzt der positiv angeeignete Begriff der (Kiez)Miliz.
Vielleicht hat es doch sein Positives, dass die Sprayer meist zur Schlafenszeit losziehen. Wie Freud es für den Traum gezeigt hat, spricht sich auch bei den linken Wandkünstlern in den Produkten der Nacht die Wahrheit ihres Unbewussten aus.


vom Roten Salon im Conne Island

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25.04.2019
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