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Rezension: »Einführung in islamische Feminismen« von Lana Sirri (2017)

Islam und Feminismus sind für die palästinensische Aktivistin und Wissenschaftlerin Lana Sirri kein Widerspruch. Warum sie das so sieht, beschreibt sie in ihrer 2017 im Verlag w_orten & meer veröffentlichten Einführung in islamische Feminismen. Im Laufe ihrer Ausführungen wird deutlich, dass sie sich hauptsächlich an feministisch interessierte Menschen – aber leider weniger an patriarchale Strömungen in islamischen Communities richtet.
Das Buch umfasst, neben einem Vorwort der Netz-Aktivistin Kübra Gümüşay, drei Teile: Erstens ein Kapitel zu drei unterschiedlichen islamisch-feministischen Positionen und Herangehensweisen, zweitens feministische Interpretationen des Korans und weiterer islamischer Quellen und drittens Interviews mit verschiedenen Muslim*as, die unterschiedliche Positionen vertreten. Sirri selbst betont aus einer pluralistischen Perspektive heraus, dass keine Position einen ausschließlichen Gültigkeitsanspruch hat, und positioniert sich selbst nur indirekt durch die Auswahl der Perspektiven und Akteur*innen, die im Buch präsentiert werden und durch die Dramaturgie des Buches selbst.
Bereits im Vorwort von Gümüşay wird die doppelte Frontstellung von islamischen Feminist*innen beschrieben (S.10): Einerseits kämpfen sie innerhalb der Communities gegen patriarchale Strukturen und andererseits gegen eine deutsche Mehrheitsgesellschaft, die den Islam als per se frauenverachtend und gewalttätig versteht (S. 17ff.). Beiden Positionen ist gemeinsam, dass sie festschreiben wollen, was das Wesen des Islam ist und nicht anerkennen, dass letztlich jede Religion das ist, was die Menschen daraus machen. Die Position des islamischen Feminismus in einem hochgradig polarisierten Diskurs macht es schwierig, eigene Anliegen zu formulieren und Gehör zu bekommen. Aus der anti-islamischen bzw. islamkritischen Perspektive wird den Feminist*innen vorgeworfen, dass sie eigentlich einen fundamentalistischen Islam befördern. Aus der patriarchalen, islamischen Community-Perspektive wird ihnen vor dem Hintergrund der Unterdrückung(sgeschichte) des europäischen Kolonialismus vorgeworfen, dass sie der verlängerte Arm eines imperialistischen islamfeindlichen Westens sind. Für Zwischentöne ist in den öffentlichen Debatten kaum Raum. Deshalb ist es wichtig, dass diese Perspektiven nun in einem Buch für eine breitere Öffentlichkeit vorgestellt werden.
Die feministische Interpretation von islamischen Quellen (Koran, überlieferte Aussagen und Handlungen von Mohammed) ist im Kampf für Frauen*- und LSBTIQ-Rechte ein wichtiger Weg, da islamisch begründete Argumentationen ein besonderes Gewicht und Legitimität in den zu reformierenden Communities genießen. Diese Strategie ist insbesondere für Feminist*innen in muslimisch dominierten Gesellschaften und islamisch geprägten Staaten bedeutsam - und auch effektiv (z.B. Marokkos Familiengesetz von 2004). Aber nicht nur aus strategischen Gründen sind diese Bemühungen bedeutsam. In einer pluralistischen Gesellschaft bietet die feministische Interpretation islamischer Quellen die Möglichkeit, Religion mit den Ansprüchen auf ein selbstbestimmtes Leben zu vereinen.
Ein wichtiger Schritt bei der feministischen Islamauslegung ist die Einbettung des Korans in seine historische Entstehungsgeschichte und den gesellschaftlichen Kontext (Historisierung und Kontextualisierung der islamischen Quellen). Es wird argumentiert, dass der Koran eine Reaktion auf eine konkrete gesellschaftliche Realität war, die nicht in heutige Verhältnisse wortwörtlich übertragen werden kann. Es geht also darum, die generelle Grundhaltung in Bezug auf das Geschlechterverhältnis zu erkennen und auf heutige Verhältnisse zu extrapolieren. Beispielsweise verweisen islamische Feministinnen darauf, dass mit der Entstehung des Islams Frauen* verbriefte Rechte z.B. auf Eigentum und Scheidungsmöglichkeiten zugestanden wurden. Diese Verbesserungen der gesellschaftlichen Position von Frauen* in der damaligen Gesellschaft offenbare in der islamisch-feministischen Perspektive, dass der Islam eigentlich in Bezug auf das Geschlechterverhältnis progressiv gewesen sei. Diese Kernbotschaft sei jedoch durch die patriarchal dominierte Entstehungsgeschichte der islamischen Quellen verschüttet worden. Islamischen Feminist*innen lesen die islamischen Quellen neu und prüfen die Authentizität der Überlieferungen von Mohammeds Aussagen und Handlungen.
In Bezug auf einige frauenverachtende Passagen im Koran und zu gleichgeschlechtlichen sexuellen Handlungen gerät das islamisch-feministische Projekt allerdings an seine Grenzen. Zudem stimmt es skeptisch, wenn das Interpretationsergebnis bereits vor der Interpretation feststeht. Bei der feministischen Interpretation des Korans und weiterer islamischer Quellen handelt es sich um eine theologische Debatte, also um einen Kampf um Deutungshoheit, der letztlich nicht entschieden werden kann.
Wegen dieser Grenzen der Neuinterpretation lassen sich einige islamische Feminist*innen die Option offen, misogyne und homophobe Stellen in den islamischen Quellen zurückzuweisen (S. 61, 109). Gerade diese Freiheit im Umgang mit Religion hätte im Buch einen größeren Raum erhalten sollen und wird eher abstrakt an einigen Stellen erwähnt. Dass grundsätzliche Religionskritik kein großes Kapitel in einem Buch zu islamischen Feminismen erhält, erscheint inhaltlich nachvollziehbar. Dennoch wäre eine kritische Haltung und Auseinandersetzung mit religiös begründeter Gewalt wie beispielsweise von dem Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo 2015, bei dem zwölf Menschen ermordet wurden, angebracht gewesen. Stattdessen versucht Sirri die vollkommen unverhältnismäßigen Gewaltausbrüche in Reaktion auf Karikaturen zu erklären, indem sie pauschalisierend schreibt, dass Muslim*innen Mohammed als ihr Vorbild sehen und ihm nacheifern. Wegen dieser Identifizierung wäre dann eine Verunglimpfung Mohammeds zugleich auch immer eine persönliche Kränkung (S. 104). Aus einer feministischen Grundhaltung heraus wäre eine Kritik an den Gewaltausbrüchen wegen einer persönlichen Kränkung mehr als angebracht gewesen.
In den Darstellungen zu den unterschiedlichen islamisch-feministischen Zugängen tauchen immer wieder zwei Begrifflichkeiten auf, die mit unterschiedlichen Konsequenzen verknüpft sind: Gleichheit und Gerechtigkeit. Die Forderung nach Gleichheit zielt auf eine radikale Gleichstellung zwischen den Geschlechtern, während die Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit lediglich eine Gleichstellung im spirituellen Sinne meint. Vor Gott seien die Geschlechter gleichwertig, aber nicht gleichartig, so dass sie auch unterschiedlich Rechte und Pflichten zugewiesen bekommen. Dieser grundlegende Unterschied wird von Sirri immer wieder gestreift, aber nicht systematisch aufgearbeitet und analysiert. Dadurch verschwimmen die unterschiedlichen islamisch-feministischen Zugänge.
Die Interviews im dritten Kapitel lassen queere Muslim*as, Aktivisti*innen und Wissenschaftler*innen unkommentiert zu Wort kommen. Nachdem dort verschiedene Positionen Raum bekommen haben, verengt Sirri in ihren daran anschließenden Reflexionen sehr stark auf einzelne Aspekte und greift besonders brisante Punkte nicht wieder auf, die gerade aus einer feministischen Perspektive adressiert werden müssten. So beispielsweise das von queeren Muslim*as geschilderte Problem, dass sie sich in ihren islamischen Communities mit ihrer jeweiligen sexuellen Orientierung und/oder geschlechtlichen Identität nicht outen (können). Diese Leerstelle ist eine verpasste Chance, eine feministische Position gegen patriarchale Strukturen zu formulieren und Kritik an konkreten Macht- und Herrschaftsverhältnissen zu üben.
Diese Kritiklosigkeit an konkreten, mit dem Islam begründeten patriarchalen Verhältnissen, wird von Sirri auf die Spitze getrieben, wenn sie den staatlichen Kopftuchzwang beispielsweise in Iran oder Saudi-Arabien und die angedrohte sowie ausgeführte Todesstrafe für homosexuelle Handlungen eher beiläufig erwähnt. Demgegenüber widmet Sirri am Ende des Buches dem sog. »Homonationalismus« (S. 187-188) ein eigenes Kapitel. In diesem kritisiert sie Israel dafür, dass »Homofreundlichkeit als positives Selbstbild und soziale Norm im nationalistischen Konflikt ausgespielt wird und eigene Formen der Homophobie ausgeblendet werden. Homosexualität wird demnach als politische Waffe in nationalistischen Konflikten benutzt, um ›the Other‹ zu stigmatisieren und zu degradieren.« (S. 188) Hier misst Sirri mit doppeltem Maß. Dass es in Israel nicht nur eine queere Pride-Parade und Szene, sondern auch reaktionäre Kräfte und Attentate gibt, ist für Sirri kritikwürdiger als mit dem Islam gerechtfertigte staatliche Unterdrückung von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und queeren Menschen. Sirri klammert dabei auch noch aus, dass es gerade in Israel für lsbt(i)q Menschen Anlauf- und Beratungsstellen wie das Open House gibt, die für Menschen muslimischen Glaubens und/oder aus den palästinensischen Gebieten geöffnet sind. An dieser Stelle spannt Sirri den islamischen Feminismus vor den Karren des palästinensischen Projektes. Das ist eine weitere große Schwachstelle des Buches.
Eine sehr auffällige Lücke in Sirris Darstellungen ist, dass eine der prominentesten islamischen Feministinnen in Deutschland mit keinem Wort erwähnt wird: Seyran Ateş engagiert sich und publiziert seit Jahrzehnten für Frauen*rechte. 2009 publizierte sie das Buch Der Islam braucht eine sexuelle Revolution(1), indem sie den Koran und weitere religiöse Texte feministisch interpretiert und ähnlich wie Sirri auf die inzwischen lange Tradition von feministischen Bemühungen verweist. Ateş gründete 2017 eine inklusive Moschee in Berlin, in der nicht nur Frauen und Männer nebeneinander beten, sondern die auch offen ist für verschiedene sexuelle und geschlechtliche Identitäten. Hat diese Leerstelle mit einem fehlenden Dialog zwischen den Generationen zu tun – wie er im feministischen Diskurs häufiger zu sehen ist? Hat sie etwas mit Ateş Engagement gegen Antisemitismus zu tun? Diese Fragen bleiben letztlich unbeantwortet.
Sirris Einführung in islamische Feminismen hätte strukturierter und mit mehr analytischer, kritischer Distanz erfolgen können. Eine deutliche Kritik an religiös legitimierter Ungleichbehandlung, Diskriminierung und Gewalt wäre in einem feministisch und pluralistisch ausgerichteten Buch erwartbar gewesen. Trotz der benannten Schwachstellen ist das Buch insbesondere für jene Menschen empfehlenswert, die immer schon zu wissen glauben, was der Islam ist und dass er grundsätzlich unvereinbar ist mit feministischen Positionen, denn: Ja, es gibt islamische Feminismen.



Sirri, Lana (2017). Einführung in Islamische Feminismen. Berlin: w_orten & meer. ISBN: 978-3-945644-07-2 (11Euro)

von K.P.

Anmerkungen

(1) Das Buch wurde im CEE IEH #177 rezensiert: https://www.conne-island.de/nf/177/17.html

11.02.2019
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