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Aktuelles Heft

INHALT #252

Titelbild
Editorial
• das erste: Mach meinen Kameraden nicht an!
• inside out: Scheinbar harmlos und unverdächtig
Die Ruinen von Hamburg.
Alarmsignal
Akua Naru
Cosmo Sheldrake
Listener
Wolfgang Pohrt - Werke in 11 Bänden
Unbequeme Opfer? »Berufsverbrecher« und »Berufsverbrecherinnen« als Häftlinge in NS-Konzentrationslagern
Kadavar
Dillon Cooper
• review-corner buch: Im Zweifel für den Zweifel
• doku: Jenseits von schwäbischen Spätzlemanufakturen und kiezigen Kneipen – polit-ökonomische Perspektiven auf Gentrifizierung
• das letzte: Das Viertel bleibt dämlich

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Die Regression linker Rhetorik schreitet unaufhörlich voran, wie man derzeit mit Blick auf die Flut politischer Graffiti in Connewitz Tag für Tag aufs Neue beobachten kann. In loser Folge kommentiert der Rote Salon im Conne Island die einschlägigsten Beispiele.



Das Viertel bleibt dämlich

#1: Christus mansionem benedicat

»C+M+B« (»[C]hristus [m]ansionem [b]enedicat« – »Christus segne dieses Haus«) – lautet die Abkürzung, die sogenannte Sternsinger, meist als die Heiligen Drei Könige verkleidete Kinder, in katholischen Gegenden in der Zeit zwischen Weihnachten und Epiphanias auf Türen von Wohnungen und Häusern anbringen, um diese zu segnen und so vor Unglück zu bewahren. Auch in Connewitz – eigentlich ein katholischen Brauchtums eher unverdächtiger Landstrich – sind die Sternsinger mittlerweile zugange. Ihr Sprüchlein hier lautet freilich: »NO COPS [A]ll [C]ops [A]re [B]astards« – so kürzlich gesehen auf dem Türblatt eines Wohnhauses im Herzen von Connewitz.
In Leipzigs Szeneviertel Nr. 1 ist seit einiger Zeit ein inflationärer Anstieg derartiger Buchstaben- und Zahlenkürzel zu beobachten: keine Häuserzeile, ja eigentlich kein Haus, an dem nicht »ACAB« (nach Position der Buchstaben im Alphabet wahlweise auch »1312«) oder »AFA« (»Antifaschistische Aktion«, aka »161«) prangt – gerade so, als wäre ein Krieg ausgebrochen, in dem es unter Beweis zu stellen gälte, wem die Deutungshoheit im Kiez gehört. Ist dieses Gebaren hinsichtlich der Parolen »ACAB« und »FCK COPS« – zumindest aus der Perspektive der Teile der Szene, die mit der Polizei immerhin noch dann und wann aneinander geraten – noch ansatzweise, wenn auch nicht in der Quantität nachvollziehbar, wirkt die Dauermarkierung des Stadtteils als antifaschistische Festung selten überflüssig: Wo, wenn nicht in Connewitz sollte die Antifa sonst in der Mehrheit sein?
Vor allem jedoch hinsichtlich ihrer Form irritieren die Zahlen- und Buchstabencodes. Ganz abgesehen davon, dass sie höchst unangenehm daran erinnern – und womöglich sogar Anleihen nehmen? –, wie für gewöhnlich Nazis den achten Buchstaben des Alphabets als Code verwenden: Wem bitte schön außer ohnehin Eingeweihten sollen sich die kryptischen Abkürzungen erschließen? Warum gibt man jegliche Funktion auf, die gemeinhin politischen Sprühereien eigen ist, die also entweder aufklären, etwas fordern oder sich solidarisieren wollen, dafür aber zur Grundbedingung haben, für Passanten verständlich zu sein? Genügen sie sich am Ende selbst, d.h. sind nur zur Markierung des eigenen Reviers da und richten sich gar nicht mehr an die Öffentlichkeit?
Es ist leider nicht zu ergründen, ob die mutmaßlich jugendliche Person die Tür des eingangs erwähnten Hauses gezielt mit einem Segensspruch gegen die Zumutungen des Polizeistaats versehen wollte oder ob ihr der Herrgott quasi unsichtbar die Hand führte – zumindest Letzteres ist in einer eher protestantisch geprägten Region wie Leipzig wohl eher auszuschließen. Dennoch scheint angesichts des momentan grassierenden Kürzel-Wahns ein religiöser Bezug nicht allzu weit hergeholt: In Anbetracht der Reduktion zweier ohnehin schmaler Argumente (»Antifa« und »Bullen sind Scheisse«) hin zu formelhaften, die Welt erklärenden Zeichen, mit denen das gesamte Lebensumfeld nachgerade rituell überzogen wird, sind zumindest grundlegende Charakteristika einer wahrhaft heilsbringenden Gemeinschaft bereits gegeben. Einzig an Transzendenz hapert es noch ein wenig.

08.11.2018
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