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Aktuelles Heft

INHALT #252

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Editorial
• das erste: Mach meinen Kameraden nicht an!
• inside out: Scheinbar harmlos und unverdächtig
Die Ruinen von Hamburg.
Alarmsignal
Akua Naru
Cosmo Sheldrake
Listener
Wolfgang Pohrt - Werke in 11 Bänden
Unbequeme Opfer? »Berufsverbrecher« und »Berufsverbrecherinnen« als Häftlinge in NS-Konzentrationslagern
Kadavar
Dillon Cooper
• review-corner buch: Im Zweifel für den Zweifel
• doku: Jenseits von schwäbischen Spätzlemanufakturen und kiezigen Kneipen – polit-ökonomische Perspektiven auf Gentrifizierung
• das letzte: Das Viertel bleibt dämlich

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Im Zweifel für den Zweifel

Burkhard Hofmanns Buch zur Psychopathologie der arabischen Gesellschaften

Ein Arzt und Psychotherapeut, der sich auf arabische Patienten der Golfregion spezialisiert hat – das verspricht spannende Einblicke. Und die liefert Burkhard Hofmann in seinem Buch Und Gott schuf die Angst. Ein Psychogramm der arabischen Seele.

Islam – das bedeutet nicht nur Glauben, Spiritualität und schlimmstenfalls die Beschneidung ein paar politischer Freiheiten, wie man im Westen oftmals scheinbar noch glaubt. Die Unterwerfung unter diese Religion ist in erster Linie eine Ursache von Leid, und im Kontext des rezensierten Buches, psychischen Leids. Dieses Leiden an und unter der Religion ist das Thema von Burkhard Hofmann.
Dabei plaudert er nicht nur auf faszinierende Weise aus dem Nähkästchen seines therapeutischen Alltags und der Trickkiste des Behandlungsprozesses, zum Beispiel über Schwierigkeiten in der Therapieführung, wenn er etwa mit dem Willen zur Missionierung konfrontiert war, sondern gibt auch wertvolle und mitunter bewegende Einblicke in verschiedenste, oft tragische Schicksale seiner arabischen Patientinnen und Patienten.

Hofmann sieht seine »case reports und die dabei gewonnen Erkenntnisse als Ausgangspunkt für eine vertiefte Diskussion und Auseinandersetzung über das Zusammenleben von Menschen verschiedenster Mentalitäten in einer globalisierten Welt«. Denn dabei »zeigten sich bei den seelisch Angeschlagenen wie unter einem Vergrößerungsglas die Probleme und Konflikte der Gesellschaft«. Daher könnte sein Buch, so ist zu hoffen, auch soziologisch sehr wertvoll sein und jene Diskussion »zur Sozialpsychologie des islamisierten Subjekts« ein wenig weiter voranbringen, die 2010 in der Zeitschrift prodomo von der Gruppe Morgenthau angezettelt wurde, aber bald wieder abgeebbt ist.(1)

Sein Blick von einer außerhalb des arabischen Kulturraums stehenden Position in dessen Seelenleben könnte zwar zunächst für Skepsis sorgen, doch gerade die eher außenstehende Position ist in diesem Fall sein großer Vorteil. Er steht damit schließlich auch außerhalb der starken sozialen Kontrolle der arabischen Gesellschaften und insbesondere des Kreises der Großfamilien, sodass viele seiner Patientinnen und Patienten sich gerade deshalb, gerade ihm anvertraut haben.

Dabei ist sich der Autor der Grenzen seines Einblicks bewusst, welcher weitgehend auf den gebildeten und gehobenen Mittelstand beschränkt ist. Nichtsdestotrotz erscheint dieser zunächst sehr vielversprechend, kann er doch aus erster Hand berichten, was sich hinter den Fassaden der religiös geprägten Subjektivität in der arabischen Welt abspielt.

Erziehung zur Unmündigkeit
Das Leiden an der Religion, so wird beim Lesen des Buches schnell deutlich, geht bis zur Selbstverleugnung. Der Wille zur Konformität mit islamischen Geboten der Lebensführung hat häufig einen auto-destruktiven Charakter, wie Hofmann gleich zu Beginn zeigt.
Er schreibt dort von der Angst als vom »seelischen Kardinalsymptom der arabischen Welt«. Dabei ist die Unterwerfung trotz aller Angst und Selbstgeißelung durchaus selbstgewählt. Die Religion ist, so Hofmann, ein Korsett, ohne das die Menschen weder leben wollen noch können. Doch wie so Vieles andere auch, sind psychische Probleme in den arabischen Gesellschaften extrem tabuisiert. So überrascht es nicht, dass der Therapeut bei seiner jahrelangen Praxis in den Gesprächen oft den Eindruck hat, nur vor einer Fassade zu sitzen. Wenn es dahinter nicht brodelte und wütete, fehlte jede Lebendigkeit.

Eines der grundlegenden und am häufigsten bei seinen Patient*innen auftretenden Phänomenen sind die Idealisierung der Mutter und eine ihr gegenüberstehende Verachtung oder Geringschätzung der Väter. Die Väter werden oft als abwesend und emotional unverfügbar beschrieben, während die Mütter Schutz gewähren und das Kind durch übermäßige Umsorgung von ihnen abhängig ist. So kümmern sich viele Väter lediglich um die Einführung der Kinder in die Religion. Eine positive Bezugnahme und ein positives Vaterbild wären hingegen bei der »Lösung von der Mutterfigur«, also dem Heraustreten aus dem Abhängigkeitsverhältnis von der Mutter, notwendig. Das Resultat ist, dass das Individuum den Konflikt zwischen Autonomie und Abhängigkeit nicht positiv auflösen kann. »All diese Prozesse des Autonomie-Abhängigkeits-Konflikts verlaufen in Arabien sehr viel langsamer und unterschwelliger, auch weil die umgebende Kultur die Autonomiebildung nicht als Ideal vertritt.«
Aus diesem Grunde erscheint auch die Mutter gegenüber dem Kind als übermächtig. Entsprechend erlebte der Autor die Thematisierung der Mütter in der Therapie als schwierig: »Die Mutter ist sakrosankt« und geradezu »verbotenes Terrain«. Dies könne auch die starke Identifizierung mit der als mütterlich benannten Gemeinschaft der Umma – das vom arabischen Wortstamm ›Um‹ für Mutter kommt – mit erklären. Allerdings sind an dieser klassischen Auffassung des Ödipus-Modells, wonach der Vater als Identifikationsfigur des rationalen männlichen Gegenparts zur irrationalen und regressiven Mutter dient, durch den das Kind die Lösung von der Mutter hin zu Unabhängigkeit und Reife vollziehen soll, verschiedene und zum Teil gewichtige feministische Kritiken formuliert worden.(2)

Neben der weithin normalen Situation, dass Väter sich nicht um die Erziehung der Kinder scheren und für diese kaum emotional verfügbar sind, ist mit dem Nanny-Syndrom auch das Fehlen einer veritablen Mutterfigur beschrieben. Das bedeutet, dass in vielen wohlhabenderen bzw. mittelständischen Familien Haushälterinnen aus Fernost die Erziehung der Kinder fast komplett übernehmen, sodass ein zu den Eltern teils völlig entfremdetes Verhältnis entsteht. Hofmann beschreibt dies in der Geschichte von seiner Patientin Ameera und ihrer »Kindheit voller Kälte und unterdrückter, überkontrollierter Gefühle«. Die daraus entstandenen »Schuldgefühle als typisches Symptom einer unvollendeten Loslösung von den Eltern und den mit ihnen verbundenen Abhängigkeitswünschen konnte Ameera nie überwinden...« Zum Mutterersatz und »sicherheitsgebenden Objekt« wurden für sie Schlaftabletten.

Religion als Unglück
Ein weiteres sehr grundlegendes Dilemma in der arabischen Welt sei, dass das Seelische generell dem Bereich des Spirituellen zugeordnet werde. Psychische Probleme würden daher oft auch als vornehmlich religiöses Problem betrachtet bzw. vielmehr als ein Problem mangelnder Religiosität, das dementsprechend durch einen tieferen Glauben und stärkere Einhaltung der religiösen Gebote zu bekämpfen sei. Dadurch werden die Patient*innen oft noch tiefer in die Religion getrieben und die Bearbeitung der eigentlich zugrundeliegenden Probleme erschwert bis verhindert.

Auch wenn bei der Lektüre manchmal der Eindruck einer gewissen Scheu des Autors vor der Verwendung Freudscher Begriffe entsteht, was dem Wunsch geschuldet sein dürfte, sein Buch auch für psychoanalytisch unbedarftes Publikum interessant zu machen, so merkt man doch, dass er an ihnen geschult ist. Erwartungsgemäß ist auch Sexualität ein essentielles Thema seines Buches. Dabei bemerkt Hofmann zunächst die extrem negative und an Foucaults Konzept der Biopolitik erinnernde Aufladung des Körpers in den islamisch determinierten Teilen der arabischen Gesellschaften. Der Körper ist ihm zufolge dort als ein etwas zu Verbannendes und zu Verleugnendes zur reinen Tabuzone und zum Ziel sozialer Bekämpfung geworden. Nicht nur die weibliche Haut muss mit allen Mitteln verborgen werden, selbst Krankheiten werden vertuscht und verleugnet.
Auch die islamische Obsession bezüglich der Jungfräulichkeit kann der Autor aus seiner Erfahrung heraus nur bestätigen. Allerdings widerspricht er einem anderen verbreiteten Bild über die islamische Welt, wenn er betont, »dass das vermeintliche Männer-Macho-Paradies gar keines ist. Die Männer zahlen einen gewaltigen Preis für die Durchsetzung der kulturellen und religiösen Vorgaben.« Der extremen Aufladung von Körperlichkeit, der sexuellen Frustration sowie dem durch totale soziale Kontrolle durchgesetzten Verbot von geschlechtlichem Austausch oder auch nur Beziehungen zwischen den Geschlechtern vor der Ehe, steht auf Seiten der Männer eine »nachgerade obsessive Beschäftigung mit dem Thema Sexualität« gegenüber, die jedoch nicht ausgelebt werden kann und ihre Abfuhr nur zu oft in der Suche nach dem Kick durch Risikosportarten oder erschreckend oft tödlich endende Rasereien mit Autos und Motorrädern findet. Jede Religion, die die Sexualität so sehr unterdrückt, schreibt er, fördere notwendig die Gewalt: »Der Hang zur Gewalt nach außen, gegen die eigenen Machtstrukturen oder gegen den verhassten Westen, wurzelt neben vielem anderen auch in dieser Frustration und Fehlleitung der sexuellen Energien. Die Verteufelung unserer Dekadenz ist auch eine schlichte Gegenbesetzung des beneideten Westens mit seinen sexuellen Freizügigkeiten.«

Hofmann beschreibt, wie die durch den Islam hervorgebrachte Triebversagung die Männer psychisch kaputt macht und häufig entweder zur Flucht in Alkohol und Drogen oder eben in die Religion treibt. Dabei schildert er die Frustration eines jungen, intelligenten arabischen Mannes, der in seinem Rechts-Studium in London gescheitert war und, aufgerieben zwischen Sehnsucht und Neid, die Religion als heilbringende Antwort für sich entdeckte: »Zu viel Versuchung, zu viel Triggerung seiner Triebansprüche, dadurch zu viel innere Zerrissenheit, zu viel Konflikt. Und die daraus resultierende obsessive Beschäftigung mit allen möglichen Ablenkungen in seinem Hirn. Er wollte nicht mehr getriggert werden. Deshalb zog er den direkten Vergleich: In seinem Utopia wären die Frauen verhüllt, und zwar so gründlich, dass nur der Sehschlitz übrig bliebe. Wie in Saudi-Arabien oder beim IS drüben. Seine Freunde in Saudi-Arabien berichteten, wie viel leichter es sei, dort als gläubiger Mann zu leben. Man werde nicht ständig vom Glauben durch Frauen abgelenkt.«

Hofmann trumpft so richtig auf, wenn er an die Erklärung des in der arabischen Welt ebenso wie bei uns verbreiteten Narzissmus geht. Sehr pointiert, verständlich und nicht ohne eine gewisse Ironie beschreibt er, wie sehr dieses Krankheitsbild zu einem so bestimmenden Problem der psychischen Gesundheit im Westen wie im Osten geworden ist.

Auch auf die Probleme, die mit der Vielehe insbesondere für deren Kinder einhergehen, kommt der Therapeut zu sprechen. Wenngleich sie nicht unumstritten ist und auch in der arabischen Welt viel diskutiert wird, gilt sie doch auch gerade durch das eigene Vorbild des Propheten als unantastbar und ist umso üblicher, je höher der soziale Stand von Familien ist. Die Probleme, die daraus resultieren – vor allem Ungleichbehandlung bis hin zur Vernachlässigung – schleppen diese Kinder erwartungsgemäß meist ihr Leben lang mit sich herum.

Thesenbildung als kritische Praxis
Neben der Verwendung von Metaphern, Symbolen und Bildern, die manchmal etwas fragwürdig erscheinen, stellt der Autor auch manche These auf, die entsprechend des nicht allzu weiten Rahmens seines Buches nicht sehr ausführlich begründet werden. So erklärt er sich etwa die »gestalterische Lähmung vieler Patienten« folgendermaßen: Die Zentralität des Schöpfers Allah führe dazu, dass sich die Menschen selbst nicht so sehr als Schöpfer begreifen können und daher eine Sublimierung in dem Ausmaß, wie sie in säkularen Gesellschaften normal ist, erschwert wird: »Je mehr sich der Mensch aber selbst als Schöpfer begreift, rückt er von dem einen Schöpfer aller Dinge ab. Dies ist allemal kulturell unerwünscht.«

Eine andere Hypothese, die die Religion des Islam betrifft und deren Rolle als Modernisierungsverhinderer in Teilen mit erklären kann, ist bereits u.a. von Dan Diner in seinem Buch Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt geäußert worden und wird auch von Hofmann wiedergegeben. So mache die Sakralität, d.h. die Göttlichkeit der Schrift des Koran, der anders als bei den christlichen oder jüdischen Schriften das reine Wort Gottes darstellt und dadurch nicht angezweifelt werden darf, die Religion zur unantastbaren und unhinterfragbaren Instanz.

Soziologie der Unfreiheit
Seine von den therapeutischen Erfahrungen ausgehenden soziologischen Analysen der arabischen Gesellschaften insbesondere der Golf-Region sind ein weiterer großer Plus-Punkt seines Buches. So vermittelt die Lektüre wertvolle Einblicke in den verbreiteten Alkoholmissbrauch, die Medikamentierungswut der dortigen Psychiatrie und natürlich die patriarchalen Geschlechterverhältnisse, die er auch als solche zu benennen nicht versäumt.
Auch die Enge des von der (Groß-)Familie bestimmten sozialen Lebens betrachtet er als ein Hindernis für die seelische Gesundheit und Autonomie seiner Patient*innen: »›Was würde die Familie dazu sagen‹, war einer seiner Sätze. Schuld und Scham spielen auch hier eine zentrale Rolle. Individualität hat ihren Preis, in beide Richtungen: Wenn man sie nicht hat, führt man nicht das Leben, das einem das Gefühl vermittelt, dass man selbst derjenige ist, der handelt, dafür aber ist man eingebunden in viel Geborgenheit. Man ist im Äußeren nie allein. Wer ein individualisisiertes, separiertes Ich hat, kann sein Leben gestalten, muss aber der existenziellen Einsamkeit ins Auge sehen.« Hofmann spricht in diesem Zusammenhang von totaler sozialer Kontrolle. »Techtelmechtel zur Schulzeit werden noch Jahre später bei der Suche nach einer Partnerin als negative Schlagzeile kolportiert. So versucht sich jeder im öffentlichen Raum verdachtsfrei zu bewegen.«

Die mangelnde Diskussionskultur und religiöse Verhärtung begegnete ihm nicht nur in den Therapiegesprächen, sondern auch im Kreis seiner dort entstandenen persönlichen Beziehungen: »Nicht selten endeten Diskussionen im Freundes- und Bekanntenkreis mit dem Hinweis, dass man jetzt nicht weiterwisse, weil man kein Schriftgelehrter sei. Diese wüssten aber sicherlich die richtige Antwort auf alle meine Fragen. Das Dogma bestimmt den Diskurs, nicht die persönliche Meinung.«

Fazit
Die Religion ist auch in der arabischen Welt auf dem Vormarsch und der säkulare, westlich orientierte Bevölkerungsteil gerät zunehmend in die Defensive. Deshalb wird die Spaltung in den arabischen Gesellschaften, so Hofmann, nicht unähnlich jenen Europas immer größer. Dabei beschränkt sich auf die Analyse und verzichtet auf politische Forderungen. Das macht sein Buch noch sympathischer. Dennoch stellt er fest, dass die arabische Welt die drei großen Kränkungen für die Menschheit noch zu verinnerlichen hätte: die kopernikanische Wende, also die Feststellung, dass die Erde nicht das Zentrum der Welt ist, die Darwinsche Erkenntnis, dass der Mensch vom Affen abstammt, sowie schließlich Freuds Feststellung, dass das Ich nicht »Herr im eigenen Haus« ist, also dass es ein Unbewusstes gibt, das unser Handeln ebenso bestimmt wie das bewusste Denken und Fühlen.
Die Konzentration auf's Analytische hält ihn – vielleicht konsequenterweise – jedoch ebenfalls nicht ab, aufbauend auf seinen Erfahrungen und seiner durchweg sehr klaren, ausgewogenen und kluge Argumentation auch zur Rolle des Islams innerhalb der deutschen Gesellschaft vorsichtig Stellung zu beziehen: »Unsere Vorstellung der Trennung von Kirche, Glauben und Staat wird als defizitäre Position wahrgenommen. Aus dieser Perspektive betrachtet, gehört der Islam eben nicht zu Deutschland. Wir sollten nicht versuchen, uns kompatibler zu geben, als wir sein können und vielleicht auch wollen. Das Verleugnen des Trennenden hilft nicht bei der Wirklichkeitsbewältigung.«
Einsprengsel von umgangssprachlichem bis vulgärem Duktus in seinen Ausführungen, aus denen nicht selten noch die eigene Fassungslosigkeit spricht, schaffen – bei allem Ernst der oft tragischen Patientenschicksale – gelegentliche Aufheiterung.
Diese Schicksale und vor allem die Schilderungen ihres plötzlichen Endes, wie beispielsweise die schockierende Beschreibung eines weiblichen Unfallopfers, das den Vorbeifahrenden sowie den vermeintlich helfenden Männern vornehmlich durch ihre verrutschte Verhüllung Anlass zur Sorge bot, lassen einen kurz innehalten. Dabei bleiben einem beim Lesen auch punktuelle Schilderungen von sexueller Gewalt nicht erspart.

Sein Plädoyer für den Zweifel, an dem seiner Wahrnehmung zufolge in der arabischen Welt kein Interesse besteht, verdeutlicht seine liberale Grundhaltung und das Eintreten für eine offene Gesellschaft. Das alles macht sein Buch neben aller Analyse zu einem sehr lesenswerten, weil menschlichen und einfühlsamen Statement für individuelle Freiheit ohne zu emotionalisieren.
Wenngleich es vermutlich viele ähnlich interessante Bücher aus der psychotherapeutischen bzw. analytischen Praxis gibt, so ist Hofmanns Buch definitiv ein erfreulicher und wertvoller Beitrag zur Erkenntnis der Psychopathogenese islamischer Subjektivität und damit ein must-read für alle, die den Islam und die arabische Welt verstehen wollen sowie vor allem für die bitter nötige kommunistische Kritik des Islam.

Burkhard Hofmann: »Und Gott schuf die Angst. Ein Psychogramm der arabischen Seele«
Erschienen 1.10.2018 im Droemer Verlag, München, 288 S., 19.99 Euro


von Marlon

Anmerkungen

(1) Gruppe Morgenthau: »Die Nacht der Vernunft. Zur Sozialpsychologie des islamisierten Subjekts«, in: Prodomo #14, online: www.prodomo-online.org/ausgabe-14/archiv/artikel/n/die-nacht-der-vernunft.html

(2) Eine der wohl wichtigsten ist Jessica Benjamin: Die Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht. Fischer, 1993.

08.11.2018
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