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Aktuelles Heft

INHALT #249

Titelbild
Editorial
• das erste: Abschied ohne Tränen.
Lebanon Hanover × Selofan
Converge + Crowbar
Terrorgruppe
No-Crap-Flohmarkt
Kritische Theorie des Antizionismus.
Turbostaat - Nachtbrot
Zur Aktualität von Johannes Agnolis Transformation der Demokratie
Blumfeld
Jimmy Eat World
Vergessene Flüchtlinge. Die Vertreibung der Juden aus den arabischen Staaten nach 1948
• leserInnenbrief: Im Frühling blühen die Narzissen
• doku: Die Arbeit nieder
• doku: 70 Jahre Israel
• das letzte: Variationen auf Uwe (Logbucheintrag vom 13. März Sternenzeit)
Jahresbericht 2017

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Blumfeld

»Der Körper erinnert sich an die Musik«

Letztens habe ich irgendwo gelesen, dass die Verkaufszahlen von Rap&RnB- erstmalig diejenigen von Rock-Platten überstiegen haben. Vielleicht zeigt das einen notwendigen Übergang an. Irgendjemand hat einmal die These vertreten, dass Pop-Musik vor allem eine Subversion der Körper ist: Sie lernen dort etwas, das sie zu mehr macht als zu Werkzeugen. Zum Beispiel können Arme und Beine zu einem Schüttelfrost verkrampfen oder sich mit ausschweifenden Zierden selbst schmeicheln, statt – beispielsweise – zu arbeiten. Und möglicherweise hat ein Trap-Beat dieses Potential heute mehr als der Anschlag eines Gitarrenakkordes. Vielleicht passt das ganz gut in ein Jahr, in dem Blumfeld eine (neuerliche) Revival-Tour feiern. Jochen Distelmeyer hat ja immer betont, dass seine frühen Texte seiner Liebe zum Rap der frühen 1990er Jahre zu verdanken sind. Das ist schon beeindruckend, galten die ersten Alben Ich-Maschine und das ikonische L’etat et moi doch immerhin als stilprägend dafür, wie man nach der Totalverquatschung der sogenannten Neuen Deutschen Welle auf deutsch singen durfte, ohne sich unmittelbar am Faschismus mitschuldig zu machen.
Wahrscheinlich stimmt das sogar, allerdings ging es bei dieser Rezeption der Band m.E. nach leider meistens um eine gewisse intellektuelle Reduktion auf ihre textlichen Qualitäten, die sich vermutlich am deutlichsten darin ausdrückte, dass die Band mit gutem Gewissen als Diskurs-Band bezeichnet wurde. Das ist ungefähr so wertvoll, wie die Versozialpädagogisierung von Rap als »CNN der Straße«, dessen Erbe heute zu nicht unwesentlichen Teilen sogenannte Zecken-Rapper antreten, denen es am wichtigsten ist, etwas Wichtiges zu sagen und in beiden Momenten drückt sich eine Reduktion von Musik, Beat, Affekt auf das Verfassen von »wertvollen Messages« aus. Dabei war sowohl an Rap wie an Blumfeld immer etwas ganz anderes interessant als der kognitiv erfassbare Inhalt der Texte. Blumfeld schafften es, Sprache zu sprechen, die grooved, die also wirkt: direkt auf den Körper und nicht auf den Intellekt. Wer ein Lied wie Lass uns nicht von Sex reden hörte, spürte ganz unmittelbar am eigenen Ekel, dass da etwas nicht stimmt mit der heterosexuellen Formierung der Körper; dass da etwas – wo hört Macht auf, hier fängt Macht an – mehr zu tun hat mit Gewalt, Krampf und Blut als mit Lust. Dazu brauchte es keine Exegese, die die textlichen Referenzen zum Kanon kritischen Wissens identifizierte, sondern nur den (sprachlichen) Beat auf der einen und einen verletzlichen Körper auf der anderen Seite. Oder Jochen Distelmeyer, der auf einem Foto, von dem ich nicht mehr weiß, wo es abgebildet war, mit einer weißen Hose und roséfarbenem Blousson einen Glam ausstrahlte, der in seiner Libertinage genau das erotisierte Gegenteil der Trainingsjacken- und Post-Grunge-Prüderie der späten 1990er Jahre ausmachte. Oder aber die Hand Helmut Bergers, die im Video zu Tausend Tränen tief sanft über eine Auswahl sektfarbener Sakkos glitt. Blumfelds Sprache war in ihrer Eleganz und Brutalität körperlich. Natürlich waren die Texte wichtig, aber eben nicht wesentlich deswegen, weil sie die Talking Points linker Diskurse bemühten, sondern weil sie es schafften, dem Unbehagen/Wohlbefinden eine Form zu geben, die direkt somatisch wirkte. Sprache war und ist bei Blumfeld immer schon Beat. In ihren besten Momenten konnte die Band genau das: Subversion nicht als intellektuelle Immunisierung, sondern als ernstes Spiel der Körper – auch und gerade in den umstrittenen Alben seit Old Nobody, weil die keine Konzessionen an die Vergabe subkultureller Kopfnoten mehr machen mussten – zu einer Zeit, in der die letzten Atavismen der Körperpraktiken des Punks sowieso auf den Alternative-Stages bei Rock am Ring zur Konsensform degenerierten.
Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung, inwiefern es eine Re-Union der Band heute braucht. Möglicherweise sind wir besser bedient mit den Beats der Black Music und ihrer elektronischen Derivate. Wer sich von der Band kritische Kommentare zum Zeitgeist erhofft, dem empfehle ich ein theoretisch angeleitetes und empirisch gesättigtes Buch zu lesen – die geben nämlich in dieser Hinsicht immer mehr her als jeder Songtext. Andererseits: Wer einfach eine gute Rock-Show und einen vermutlich wie immer eleganten und verdammt zuvorkommenden Jochen Distelmeyer erleben will, könnte am ersten Juni auf seine Kosten kommen.




[Felix]

 

19.05.2018
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