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Ätsch!
Das ist Wahnsinn! Warum schickst du mich in die Hölle?!
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Das ist Wahnsinn! Warum schickst du mich in die Hölle?!

Weil ein wenig Randale keine Revolution ist und diese trotzdem ihre Kritiker*innen frisst.

Im folgenden wird es darum gehen, wie die Zerstörungen im Schanzenviertel am Freitagabend des G20-Gipfels zu quasi-revolutionären Zuständen hochgelogen werden und die – fragwürdigen – Erfolge der Proteste nun als Fixpunkt für neue Generationen von Aktivist*innen dienen sollen.

Die Schaffung eines derartigen Mythos ist immer reaktionär. Der Mythos entspringt der Verklärung einer vermeintlichen Vergangenheit, zu der zurückgekehrt werden soll. Ein mythischer Ursprungspunkt ist nie greifbar, nie fassbar, aber immer im Geiste präsent, sollte mal ein Argument für die Existenz des eigenen Staates oder der eigenen (politischen) Bewegung gebraucht werden. Ein Mythos ist jedoch immer rückwärts gerichtet, die Gegenwart wird immer an der konstruierten Vergangenheit gemessen. Das ist auch der Grund, warum konservative und reaktionäre Gruppierungen keine Utopien, sondern nur Mythen kennen. Ihnen geht es nie darum, etwas Neues zu schaffen, sondern eine imaginierte Vergangenheit wiederherzustellen, weil »früher alles besser war«.


Was macht nun den Schanzenriot am Freitag zu so einem Mythos? Einerseits wird die Schanzenrandale als Gründungmythos verklärt, als »Hoffnung[, die] tatsächlich immer aus Rebellion entstanden [ist]«(1) oder gar »die Feuer von Hamburg werden in der ganzen Welt verstanden«(2). Dieses Einzelereignis, welches angesichts der Tatsache, dass ein Satz wie »ab Montag öffneten die meisten Geschäfte ganz regulär«(3) ein wahrheitsgemäßes Statement war, gar nicht die welterschütternden Ausmaße haben konnte, die ihm nun zugedichtet werden, soll nun als Ausgangspunkt einer neuen kapitalismus- oder globalisierungs- oder staatskritischen (oder was auch immer) – vor allem einer neuen linken - Bewegung verstanden werden. Durch die Parallelen in Verklärung und Überhöhung sind die Gemeinsamkeiten mit anderen Mythen unübersehbar.


An dieser Stelle ein kleiner Exkurs zu einer Alternative, zu einer Utopie: Diese soll eine Möglichkeit aufzeigen, die Welt anders zu gestalten. Utopien sollen keine zwangsweise Geschichtsrichtung vorgeben oder alternativ oder perfekt sein, sondern eben einen Möglichkeitsraum darstellen, der den Menschen erst die Werkzeuge und Mittel an die Hand gibt, genau die geöffneten Möglichkeiten zu nutzen. In der Schanze gab es aber nur Gewalt, brennende Barrikaden und Plünderungen. Das mag für einen Adrenalinrausch und spektakuläre Medienbilder ausreichend sein, eine mögliche, andere Gesellschaft spiegelt sich dort nicht wieder. Darum ist auch die Aussage des CrimeThinc.-Kollektivs aus den USA völlig daneben, wenn sie behaupten: »[...] nothing is more political than creating such a space like this, in which we may once again become the protagonists of our own social and political lives rather than letting the authorities impose their order on us.«(4)
Ohne Polizei und Ordnung gibt’s also nur Krawall?


Hallo Endorphin


Abgesehen davon scheint es sowieso nicht ganz klar zu sein, was dort in der Schanze eigentlich passiert ist. UmsGanze lehnt sich durchaus ein Stück zu weit aus dem Fenster, wenn behauptet wird, dass »[...] die Kids aus dem Viertel gemeinsam mit Aktivist*Innen aus ganz Europa [...]«(5) der Polizei eben mal zeigten, was eine Harke ist und dabei selbstverständlich nicht sinnlos alles zerstörten. In der Erklärung »einiger Gewerbetreibender« von der Schanze hört sich das alles plötzlich ganz anders an: »Der weit größere Teil waren erlebnishungrige Jugendliche sowie Voyeure und Partyvolk, denen wir eher auf dem Schlagermove, beim Fußballspiel oder Bushido-Konzert über den Weg laufen würden als auf einer linksradikalen Demo.«(6) Waren es nun Kids aus dem »Viertel«, die solidarisch mit den internationalen Aktivist*innen gemeinsam den sozialen Aufstand probten oder doch eher besoffene Macker, die die Gelegenheit für etwas Action genutzt haben und auf den Pressefotos oberkörperfrei und mit dem Bier in der Hand zu sehen sind? (Einige Medien haben sogar berichtet, Nazis hätten an den Krawallen teilgenommen, dafür gibt es aber keine Bestätigung.)


Festzuhalten bleibt zunächst, dass die Inszenierung gelungen ist und alle bekommen haben, was sie wollten: es war als solche angelegt schon vom Motto der Auftaktdemo Welcome to Hell aus und die Randalierer*innen haben das Schanzenviertel zu der Hölle gemacht – jedenfalls wenn mensch sich es so zurechtlegt – die sie sich herbeigesehnt haben. Die Bullen, die Bock auf Prügeln hatten, haben auch bekommen was sie wollten, ebenso wie die Innenpolitiker*innen, die jetzt die Maßnahmen durchsetzen können, von denen sie insgeheim schon länger träumen. Beide Fraktionen hatten sozusagen die Krawalle ihrer Träume. In der Gesellschaft des Spektakels bleiben eben auch Gegenbewegungen deren Formen unterworfen. Nicht zuletzt wollen schließlich alle was erleben.
Und der Eventcharakter war offenbar ausschlaggebend – G20, das war kein sozialer Aufstand, weil der Anlass kein sozialer war. Es war für die Autonomen lediglich ein Event, ein Erlebnis.
Vielleicht ist es ja ganz gut, dass dadurch die Öffentlichkeit vom regressiven Antikapitalismus der vielen friedlich Protestierenden abgelenkt wurde, so wie wir beiden Autor*innen, weshalb wir uns auch mit den Inhalten gar nicht so intensiv beschäftigt haben. Ein Teil der Mythen über Hamburg beinhaltet ja auch, dass die Polizeigewalt in der Berichterstattung untergegangen sei (dieses Wort ist schon Unfug, ist letztlich Polizei gleichbedeutend mit Gewalt). Das ist Quatsch, denn wer ARD geschaut hat, hat gesehen dass NDR und ARD von Anfang an vor der Kamera den Polizeieinsatz in Frage gestellt haben. Dass viele erzkonservative Medien in bekannter Manier nur verletzte Bullen bejammern, bildet da keinen Gegenbeweis.


Brüche im eigenen Narrativ kommen in den geschlossenen Erklärungen von IL, UmsGanze und anderen Großorganisationen kaum oder gar nicht vor. Die Wirklichkeit wird zugunsten „alternativer Fakten“ der eigenen Propaganda angepasst, ganz gleich, ob sie nun so stattgefunden haben mag oder nicht. So lässt sich eigentlich nur resignierend feststellen, dass auch die sogenannte »radikale Linke« im postfaktischen Zeitalter angekommen ist. Gleichzeitig untermauert diese Verdrehung der Wirklichkeit die These der Mythisierung der Ereignisse zu einer neuen Scheinvergangenheit, die niemals real war.


Für uns nicht


Mit einigem Erschrecken ist festzustellen, dass insbesondere das selbsternannt »kommunistische« Bündnis UmsGanze sehr aktiv an diesem Mythos mitstrickt: »das [außer Kontrolle geratene Riots, Anm. d. Autors] gilt umso mehr, wenn – wie im Hamburger Schanzenviertel am Freitagabend geschehen – aus politischer Militanz ein soziales Ereignis wird.«(7). In einem Punkt will UmsGanze sicherlich darauf hinaus, dass in der Schanze im Juli eine Art »sozialer Aufstand« stattfand, wie sie an anderer Stelle auch andeuten. Entlarvend ist aber auch die Wortwahl: ein »soziales Ereignis« ist auch eine Party, ein Festival oder jegliches (völlig unpolitische) Event. Die Leute nehmen an einem solchen Event aber nicht teil, weil sie in sozialen Nöten sind oder weil ihr politisches Bewusstsein sie dazu treibt, sondern weil es eben ein »Event« ist und der Gedanke des »Verpassens« geradezu undenkbar ist. Da kommen eben alle hin, weil etwas los und eben alle hinkommen.


Abgesehen davon ist es eine Binsenweisheit, dass im durchgentrifizierten Ex-Kiez um Schulterblatt und Sternschanze wohl nicht mehr allzu viel Potential für den sozialen Aufstand ansässig ist. Ein anderer wiederkehrender Topos: Wenn in Diskussionen über Ausschreitungen in der Schanze eingeworfen wird, dass es nicht klug sei, das »eigene Viertel« zu zerstören, wird meist entgegnet, dass es eben schon lange nicht mehr »eigen« sei und die Mieten für viele viel zu hoch geworden sind, um dort sorgenfrei zu wohnen. Soziale Aufstände finden auch eher in den Randbereichen der Metropolen statt, wie sich in Paris, London oder Stockholm gezeigt hat, da in der Peripherie der soziale Sprengstoff ein ganz anderer ist. (Deswegen wird es auch keine sozialen Aufstände in Connewitz geben, sondern wesentlich eher in Grünau oder Möckern.)


Warum kommen diese Punkte im szeneinternen Diskurs kaum zur Sprache, sondern werden gar eher systematisch verdrängt oder angegriffen? Einerseits liegt dies an der angesprochenen Mythisierung der Ereignisse, die eben eine bruchfreie, saubere Geschichte benötigen, andererseits an der Abwehr jeglicher »unsolidarischer Kritik« und dem Zwang zu Solidarisierung mit »allen Aktionsformen«.
Dies findet sich ausnahmslos in allen möglichen Erklärungen zu den Gipfelprotesten wieder. Angefangen bei »Wir haben schon vorher gesagt, dass wir uns nicht distanzieren werden und dass wir nicht vergessen werden, auf welcher Seite wir stehen.«(8) über »Auch dass einige Spießer in linken Parteien und NGOs sich nun mit Distanzierungen überschlagen sollte niemanden verunsichern«(9) bis hin zu »Wir distanzieren uns von 20000 behelmten Gewalttätern, die schwer bewaffnet [...]«(10). Eine große Einhelligkeit bleibt also bestehen, harsche Kritik kam und kommt nicht vor, bzw. wird diese dann der bürgerlichen Presse überlassen.


Kritik muss nicht weichgespült aka »solidarisch« oder »konstruktiv« sein. Es sollte auch heute möglich sein, Aktionen und Inhalte, die bei solchen Gipfelproteste sichtbar sind, scharf zu kritisieren, ohne in die Nähe von Unionspolitiker*innen oder den Repressionsorganen des Staates gestellt zu werden – ein solcher Reflex zeigt nur die Kritikunfähigkeit der eigenen Position. Wieso müssen sich alle, die sich »links« oder »kommunistisch« oder »gesellschaftskritisch« nennen mit jedem Scheiß gemein machen, nur weil ein paar Vermummte Leute mit North Face-Jacken hinter solchen Aktionen stehen? Zu sagen, die Schanzenrandale sei sinnlos, unvermittelbar und kontraproduktiv gewesen und die Leute sollten mal lieber denken, bevor sie handeln, muss möglich sein.


Ganz offenbar ist der »Zusammenhalt« der Szene wichtiger als alles andere, weil die »Spaltung« die der böse Repressionsstaat immerzu versucht, die Szene so schwächen würde, weil sich die Stärke ja in der Einheit und Masse der Personen misst. (Wer über eine so vulgär-kollektivistische und de facto leninistische Vorstellung lachen muss, sollte danach lieber nicht genauer über Szenestrukturen nachdenken, sonst weicht das Lachen nämlich akuter Trauer.) Dazu kommt, dass die absolute Marginalität der sogenannten »linksradikalen Szene« meist völlig verkannt wird. Sicher führen irgendwelche Krawalle zu einer gewissen Medienaufmerksamkeit, aber politische Inhalte, die einigen selbsternannten »linksradikalen« Gruppen wichtig sind, sind in einem gesamtgesellschaftlichen Diskurs nicht präsent. Selbst in Diskursen über Asylpolitik, die ja durchaus das Steckenpferd vieler antirassistischer Gruppen ist, wird irgendwelchen AfD-Hinterbänkler*innen hundertmal mehr Aufmerksamkeit geschenkt als jeder lokalen Antifa-Initiative. Diese absolute Unbedeutsamkeit wird auch nicht dadurch geringer, dass sich Gruppen und Personen abspalten und dazu übergehen, »linksradikale Praxis« aufs Schärfste zu kritisieren, wie es des Öfteren von Verfechter*innen der linken Einheitsfronten heißt. Die linke Furcht vor Spaltung ist daher jedenfalls auch Ausdruck einer allgemeineren Tendenz, nämlich wie sehr die radikale Linke Diskurse lediglich mit sich selbst führt.


Nicht zynisch werden?!


Wenn sich nun auch die unterschiedlichen Einschätzungen zu den Gipfelprotesten in den genauen Ausführungen unterschieden, so haben sie doch eines gemeinsam: Die Einschätzung, diese Proteste wären ein voller Erfolg gewesen.


Klar muss es nicht gleich so klingen, wie in pathetischen Propagandaschreibseln irgendwelcher anonymer Stimmen aus Hamburg: »Es war der heftigste und erfolgreichste Ausbruch autonomer Massenmilitanz den die BRD seit Jahrzehnten gesehen hat.«(11), aber Spaß beiseite. Auch die Interventionistische Linke fasst die Geschehnisse als »eine ermutigende Gipfelwoche mit einer Vielfalt von Aktionen und Widerstandsformen, die zehntausende mobilisiert und ermutigt hat«(12) zusammen. Was könnte besser sein? Die Genoss*innen von UmsGanze sind da durchaus etwas konkreter: »Durch die Vielfältigkeit von Aktionsformen und Spektren ist es zumindest kurzzeitig gelungen, […] endlich wieder die dritte Option eines grenzübergreifenden Widerspruchs auf die Tagesordnung der Weltöffentlichkeit zu setzen. Das ist mehr als ein taktischer Sieg, denn [...]«(13). Vielleicht ist es an dieser Stelle unfair, UG Realitätsferne zu unterstellen, aber drei Tage nach den Gipfelprotesten erscheint dieses Fazit durchaus als gewagt.


Die Organisator*innen der Welcome to Hell-Demonstration am Gipfeldonnerstag geben sich da etwas bescheidener: »Ziel des Protestes gegen den G20 war es, seine planmäßige Durchführung zu be- oder sogar zu verhindern,[...] oder wenigstens die Glitzershow mit ihren scheinheiligen „Familienfotos“ zu beschmutzen [...]. Diese Ziel [sic!] haben wir erreicht.«(14) Zu hohe Erwartungen werden meist enttäuscht, daher ist es nur legitim (und realistisch), etwas tiefer zu stapeln. Und die »Glitzershow« wurde zweifellos beschmutzt. In dieselbe Kerbe schlägt die Erklärung der Roten Flora nach dem Gipfel: »Nicht die Bilder der Kamingespräche der Politiker_innen prägten das mediale Bild, sondern die des Widerstands gegen das Spektakel der Herrschenden. Dies werten wir als politischen Erfolg!«(15). Auch dieses Statement lässt sich nur schwer in Zweifel ziehen.


Abgesehen vom wenig versteckten Zynismus muss durchaus anerkannt werden, dass die Proteste gegen den Gipfel tatsächlich Störungen im Ablauf zur Folge hatten und – unabhängig von der eigenen Bewertung – die Zerstörungen im Schanzenviertel auch nicht einfach unter den Tisch gewischt werden konnten. Unter bestimmten Vorzeichen ist daher gar nicht so fern, von einem »Erfolg« zu reden, gerade weil die Proteste im Schatten eines sich mehr und mehr militarisierenden Polizeistaates stattfinden mussten. Doch das beantwortet leider nicht die Frage, ob diese mythisierten Proteste auch ein politischer Erfolg waren.


Wenn mensch Politik als Wille, die Gesellschaft zu verändern, begreift, so ist es sicher allen Beteiligten klar, dass sowohl Demos, Blockaden oder Glasbruch die Welt der Auflösung der Kapitalverhältnisse keinen Millimeter näher gebracht haben. In einem transzendierenden, also diese Gesellschaft überschießenden, Sinne sollte aber genau dies das Ziel von Protesten, die sich »antikapitalistisch« und »aufständisch« nennen, sein. Kein Mensch verlangt die Revolution an einem Nachmittag, aber wieso wird überhaupt protestiert, wenn nur die medialen Bilder zählen und reale Veränderungen in die Ferne Zukunft verlegt werden? Gipfelproteste sind, wie bereits beschrieben, eine Inszenierung der Macht. Dort nur einfach eine Gegeninszenierung des Widerstands entgegen zu setzen, bedeutet, sich auf das Spiel dieser Macht einzulassen, was angesichts der gesellschaftlichen Hegemonie nur verloren werden kann. Und genau das ist in Hamburg passiert.


Bis jetzt ging alles gut...


Sicher ist es müßig, auf die mediale Propaganda einzugehen, die jetzt gegen vermeintlich »linksextremistische« Gruppierungen und Orte gefahren wird. Dazu kommt die allgemeine Wahlkampfstimmung, in der die Unionsparteien die »innere Sicherheit« zum Topthema erhoben haben. Ebenso müßig und dumm wäre es allerdings, diese Propaganda bloß als solche abzutun und ihre politische Wirkmächtigkeit zu unterschätzen.
Kaum hatten einige »engagierte Bürger*innen« das Schanzenviertel von ein paar Ascheresten und Glasscherben befreit, kamen politische Forderungen nach der Schließung der »Orte des linken Terrors« auf – gemeint waren u.a. die Rote Flora, die Rigaer94 in Berlin und sogar plötzlich unsere Lieblingsinsel Conne Island. Nur, mit Blick auf Hamburg war die Räumung der Flora bereits undenkbar geworden und steht nun wieder auf der Tagesordnung. Das ist ein herber Rückschlag für all jene, die vor Ort und in langen Kämpfen für den Erhalt des Ortes eingestanden sind.


Dass sich konservative Politiker*innen nun mit Repressionsforderungen und Terrorismus-Anklagen gegenseitig überbieten, ist keine Überraschung und ein oft eingeübtes Ritual, aber deswegen nicht minder gefährlich. Wurde beim G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 der Einsatz von Sondereinsatzkommandos gegen die Randalierer*innen bloß gefordert, ist er in Hamburg bereits Realität gewesen. Sicher ist auch trotz der verbalen (und realen) Aufrüstung nicht in der nächsten Zeit mit der Räumung der ganzen Orte politisch-emanzipatorischer Subkultur zu rechnen, aber bereits eine andere Bundesregierung (etwa aus Union und FDP) könnte an den Fördertöpfen drehen und so manchem Projekt das Leben schwer machen. Bis in Sachsen wieder Kommunal- und Landtagswahlen sind, wird noch einige Zeit vergehen und vielleicht sind die Ereignisse von Hamburg dann schon wieder vergessen, aber auch die Zusammensetzung des Stadtrates kann sich ändern und Förderungen können gekürzt und an neue Bedingungen geknüpft werden.


Dass viele Projekte vom Wohlwollen der lokalen Regierungen abhängen, zeigt nur ihre prekäre Lage. In dieser Lage aber so zu tun, als ob es möglich wäre, durch ein paar Strohfeuer die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, ist mehr als nur naiv. Wenn der bürgerliche Staat es wollen würde, könnte er vermutlich ohne allzu großen Widerstand die meisten Szenetreffpunkte räumen, die Förderungen streichen und Gelder abziehen. Auch wenn einige nun erwidern würden, dass dann mit Hamburg-ähnlichen Krawallen bundesweit zu rechnen wäre – so lautet ein anderer Teil der autonomen Mythenbildung – so sei auf die militanten Reaktionen auf die Räumung der Friedel54 in Berlin verwiesen: Eine Handvoll brennende Autos und minimaler Glasbruch -»eine Million Euro Sachschaden« sehen anders aus. Der Mythos von Hamburg täuscht dabei nur über die eigene Schwäche hinweg und Selbstüberschätzung ist der erste Schritt zum Sprung über die Klippe.


Unser Fazit lautet, es hat nichts außer ein paar coole Erlebnisse für ein paar frustrierte, vorwiegend männliche Jugendliche gebracht, die sich an der Gewalt berauscht haben. Und so ein affektiver Gewaltrausch ist nichts Emanzipatorisches. Plünderung, okay, das ist so eine Art direkte, materielle Umverteilung und das können wir daher durchaus gutheißen. Sozialproteste waren dies aber wie gesagt keine, was schon die Zahl der zerstörten Jobcenter zeigt: 0. (In Worten: Null.)
Vielleicht werden sich die möchtegern-autonomen Krawallkids noch umschauen, wenn nach der Bundestagswahl eine neue Welle der Repression zu erwarten ist, die ein Innenminister Söder oder Scheuer anführt. Deswegen könnte es, wenn überhaupt ein Sieg, dann ein Pyrrhussieg für die autonome Szene gewesen sein.
Eine Mythisierung und Verklärung der Ereignisse in Hamburg bringt daher keinem Menschen etwas. Und wenn diese Ereignisse, der verklärte Riot über kurz oder lang dazu führt, dass wichtige Projekte ernsthaft vom Staat angegriffen werden, dann wäre zu wünschen, dass sie nie stattgefunden hätten.

Von Leauthier & Marlon

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Anmerkungen

(1) »Ein Gruß aus der Zukunft«, Statement von UmsGanze (https://linksunten.indymedia.org/de/node/217941)
(2) »Nur eine Hölle auf dieser Welt«, Einschätzungen zum G20 Gipfel der Gruppe Prolos (https://linksunten.indymedia.org/de/node/218351)
(3) Stellungnahme von Läden in der Schanze (https://linksunten.indymedia.org/de/node/218025)
(4) »Anna & Artur haltens Maul - die Flora redet (sich um Kopf und Kragen)«, voices from hamburg (https://linksunten.indymedia.org/de/node/217950)
(5) Statement von UmsGanze
(6) Stellungnahme von Läden in der Schanze
(7) Statement von UmsGanze
(8) »Die rebellische Hoffnung von Hamburg«, Bilanz der Interventionistischen Linken (https://linksunten.indymedia.org/de/node/218095)
(9) Statement UmsGanze
(10) »Wir sind radikal, aber nicht doof«, Pressemitteilung der Roten Flora (https://linksunten.indymedia.org/de/node/218083)
(11) voices from hamburg
(12) Bilanz Interventionistische Linke
(13) Statement UmsGanze
(14) »G20 - das war's!«, Presseerklärung des Bündnisses Welcome to Hell (https://linksunten.indymedia.org/de/node/217706)
(15) Presseerklärung Rote Flora

11.09.2017
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