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Der folgend dokumentierte Text ist eine redaktionelle Zusammenstellung, welche auf den beiden Artikeln Die Jahre des Terrors I + II basiert, die am 06. und 07.06.2017 auf dem Informationsportal zur deutschen Außenpolitik german-foreign-policy.com erschienen sind.

Die Rolle, die Saudi-Arabien bei der Ausbreitung jihadistischer Strukturen in aller Welt spielt, hat Ende Mai - nicht zum ersten Mal - Guido Steinberg beschrieben, ein Mittelost-Experte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Zwar sei Riad, seit es im Jahr 2003 selbst Ziel eines Al Qaida-Umsturzversuches gewesen sei, mit seinen Repressionsbehörden ein sehr effektiver Partner in der Terrorismusbekämpfung geworden, schreibt Steinberg. Doch propagiere es weiterhin mit gezielter Mission im Ausland den spezifisch saudischen Islam - den Wahhabismus bzw. Salafismus. Dabei seien salafistische Milieus zum wichtigsten Rekrutierungspool der Jihadisten geworden.(1) Tatsächlich diene die spezifisch saudische Ausformung des Islam sogar dem IS als Grundlage seiner Weltanschauung. Das bestätigt der US-Publizist Fareed Zakaria. So habe der IS, als er noch über keine eigenen Schulbücher verfügt habe, das saudische Curriculum genutzt; ein früherer Imam der Großen Moschee in Mekka habe im vergangenen Jahr bestätigt, der IS habe unsere eigenen Grundsätze verwertet, die man in unseren Büchern findet: Wir folgen denselben Gedanken, aber wir wenden sie in einer verfeinerten Form an.(2) Der zentrale Unterschied besteht laut Steinberg darin, dass Jihadisten die Entscheidung über den Beginn eines Heiligen Krieges (Jihad) nicht dem Herrscher überlassen; sie treffen sie selbst.


Aus Medina zum IS
Wie fließend die Übergänge und wie katastrophal die Folgen der saudi-arabischen Salafismus-Förderung sein können, zeigt Steinberg anhand eines Beispiels - des in Österreich ansässigen Predigers Mirsad O. O. habe von 2003 bis 2008 an der Islamischen Universität Medina studiert, dem Missionszentrum der Wahhabiten, berichtet der SWP-Experte.² Nach der Rückkehr nach Österreich habe er begonnen, das im Königreich übernommene wahhabitische Gedankengut zu predigen. Dabei habe er sich konsequent auf die Seite derjenigen Wahhabiten geschlagen, die der Meinung sind, dass der saudi-arabische Staat aufgrund seines Bündnisses mit den USA und nicht schariakonformer Gesetze 'ungläubig' sei und deshalb bekämpft werden müsse. Spätestens 2014 ergriff er Partei für den IS, konstatiert Steinberg. Aufgrund seiner Prominenz unter österreichischen und bosnischen Salafisten - ein Studium an der Universität in Medina gilt unter Salafisten als besonders prestigeträchtig - habe er besonders viele Syrienkämpfer rekrutieren können und sei unter dem Namen Ebu Tejma zum einflussreichsten IS-Prediger und -Rekrutierer in Österreich geworden.


Riads Staatsräson
Nicht nur mit der Entsendung von Predigern, auch mit der Finanzierung von Moscheen und von Schulungszentren treibt Saudi-Arabien die Ausbreitung seiner strukturell den Jihadismus fördernden Islamvariante in Europa voran. Das in Deutschland bekannteste Beispiel ist die König-Fahd-Akademie in Bonn gewesen, die über Jahre hin als Nukleus der Salafistenszene in der Bundesrepublik galt. Mittlerweile wird die Zahl der Salafisten, aus deren Milieu sich regelmäßig jihadistischer Terror entwickelt, allein in Deutschland auf mehr als 10.000 geschätzt. Seit einiger Zeit übt Berlin ein wenig Druck auf Riad aus, die Salafismus-Förderung in der Bundesrepublik einzustellen - mit zweifelhaftem Erfolg: Für Saudi-Arabien sei die weltweite Missionierung unverändert Staatsräson und Teil der Außenpolitik, heißt es in einer Untersuchung, die der Bundesnachrichtendienst (BND) und das Bundesamt für Verfassungsschutz im vergangenen Jahr erstellt haben.(3) Auch wenn etwa die König-Fahd-Akademie zum Ende des laufenden Schuljahrs, also in diesem Sommer, geschlossen werden soll und die geplante Eröffnung einer wahhabitischen Schule in Berlin unterbleibt, sei davon auszugehen, dass saudische Missionsvereinigungen nicht davon abließen, ihre Aktivitäten in Europa und Deutschland weiter auszubauen.³


Radikalisierungsprozesse
Die am 15. September 1995 in Anwesenheit des damaligen Außenministers Klaus Kinkel eröffnete König-Fahd-Akademie in Bonn war erstmals im Herbst 2003 zum Gegenstand kritischer Berichte geworden. Damals wurde bekannt, dass ein Lehrer der Schule zum Jihad gegen die Ungläubigen aufgerufen hatte und dass bei einer Person aus dem Umfeld der Akademie Materialien gefunden worden waren, die zum Bau von Bomben geeignet schienen. An der Fahd-Akademie wurde und wird nach saudischem Lehrplan unterrichtet; dies bedeutet, dass der in Saudi-Arabien herrschende wahhabitische Islam die Grundlage des gesamten Unterrichts darstellt. Wahhabismus und Jihadismus aber stimmen in ihren theologischen Grundaussagen weitgehend überein; deshalb sind Radikalisierungsprozesse gerade unter Anhängern des wahhabitischen Islam immer wieder zu beobachten. Zugleich war die König-Fahd-Akademie mit ihrem sehr spezifischen Islamverständnis von Anfang an nicht nur für Saudis, sondern auch für deutsche Anhänger des salafistischen Islam attraktiv, der dem wahhabitischen im Grundsatz gleicht. Im Jahr 2003 hatten zwei Drittel der knapp 450 Schüler an der Fahd-Akademie die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Befürchtung, die rings um die Schule im Entstehen begriffene wahhabitisch-salafistische Szene könne erstarken und sich radikalisieren, veranlasste die Behörden im Herbst 2003 dazu, die Schließung der Schule anzustreben.


Unter dem Schutz des Auswärtigen Amts
Dies verhinderte damals das Auswärtige Amt. Die Beziehungen zu Saudi-Arabien, einem wichtigen Verbündeten Deutschlands in Mittelost, dürften nicht in Gefahr geraten, hieß es zur Erklärung. Im Oktober 2003 war Bundeskanzler Gerhard Schröder nach Riad gereist, um deutschen Unternehmen Türen zu öffnen und auch die politischen Beziehungen zu stärken; Deutschland begann gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und anderen westlichen Mächten, Saudi-Arabien gegen Iran in Stellung zu bringen, weshalb auch die Rüstungsexporte in das Land deutlich ausgeweitet wurden und Einschränkungen saudischer Institutionen nicht opportun erschienen.(4) Berlin war deshalb nicht bereit, gegen die König-Fahd-Akademie einzuschreiten - während gleichzeitig zahllose in Deutschland ansässige Muslime sowie nichtreligiöse Menschen mit Hintergrund in der islamischen Welt lediglich wegen ihres Glaubens oder ihrer Herkunft einem Generalverdacht ausgesetzt wurden, in die Rasterfahndung von Polizei und Geheimdiensten gerieten und soziale Ausgrenzung erfuhren.(5) Dies änderte sich auch nicht, als im Sommer 2004 Aussagen aus den am saudischen Lehrplan orientierten Schulbüchern der Fahd-Akademie bekannt wurden. So hieß es in einer Anweisung an die Lehrer für den Religionsunterricht in der ersten Schulklasse, sie müssten verdeutlichen, daß außer dem Islam keine Religion wahr ist, etwa das Judentum oder die Nazarenerreligion. Die Kreuzzüge seien auf die Hinterhältigkeit der Juden zurückzuführen.(6) Über Saudi-Arabien hieß es, das Land habe eine glorreiche Geschichte ..., angefüllt mit Dschihad, wohlriechend von Opfern. Unverhohlen wurde zum Kampf gegen Ungläubige aufgerufen und der Heilige Krieg gepriesen.


Nukleus der deutschen Jihadistenszene
Die Fahd-Akademie konnte in den folgenden Jahren unter der schützenden Hand des Auswärtigen Amts ihre Tätigkeit fortsetzen - obwohl die sich um die Schule herum bildende salafistische Szene stärker wurde und sich teilweise stark radikalisierte. Im Jahr 2010 kam ein Bonner, der als Jugendlicher im Umfeld der König-Fahd-Akademie verkehrt hatte, bei Gefechten in Afghanistan um; er war am Hindukusch in den Jihad gegen die westlichen Besatzungstruppen gezogen. Ein weiterer Bonner, der seinen Wohnsitz wenig später in die pakistanischen Stammesgebiete verlegte, entwickelte sich zu einem der einflussreichsten Jihad-Propagandisten; er rief vom Hindukusch zu Anschlägen in Deutschland auf. Im November 2014 wurde berichtet, rund zehn Prozent der Jihadisten, die aus Deutschland in den Jihad nach Syrien gezogen seien, stamme aus Bonn. Bei der Suche nach den Ursachen wurde häufig auf die Anwesenheit von Arabern in der ehemaligen Bundeshauptstadt hingewiesen: Arabisch sei dort die zweithäufigst gesprochene Sprache, das Straßenbild zum Beispiel in Bad Godesberg sei zuweilen geprägt von arabischen Restaurants, von Läden, die mit arabischen Schriftzügen um Kunden werben, es gebe ein Geschäft ..., das 'Islamische Kleidung für Frauen' anbietet. Die Fahd-Akademie wurde mit dem Hinweis erwähnt, sie gebe sich offen und transparent.(7) Die allgemein-diffusen Verweise auf Araber, unter denen die Salafisten nur eine Minderheit bilden, waren geeignet, rassistische Ressentiments zu bedienen, während der zuvorkommende Umgang mit der Fahd-Akademie die saudischen Verbündeten schonte. Experten wie der Islamwissenschaftler Michael Kiefer wiesen freilich stets darauf hin, nicht bei den Arabern, sondern bei der Fahd-Akademie liege der Nukleus der heutigen [Jihadisten-, d.Red.] Szene.(8)


Innerislamische Rivalitäten
Während Berlin angesichts der wachsenden Gefahr jihadistischen Terrors auch in Deutschland nun die Notbremse gezogen und die Schließung der König-Fahd-Akademie durchgesetzt hat, arbeitet die Bundesregierung außenpolitisch weiterhin eng mit Saudi-Arabien zusammen - ungeachtet der Tatsache, dass Riad seinen wahhabitisch-salafistischen Islam in einer Vielzahl anderer Staaten ebenso verbreitet wie bislang in Bonn und dass es damit einen überaus fruchtbaren Nährboden für Radikalisierungsprozesse sowie letztlich für das Erstarken jihadistischer Organisationen in aller Welt schafft. Exemplarisch beschrieben hat dies vor zwei Jahren eine Untersuchung des German Institute of Global and Area Studies (GIGA). Demnach ist der saudische Religions- und Bildungsexport das Ergebnis des innerarabischen Konkurrenzkampfs zwischen Riad und Kairo in den 1960er Jahren, den beide Seiten auch im Medium der Religion austrugen. Saudi-Arabien habe dabei stets ein salafistisches, auf Feindbildern basierendes Weltbild propagiert und großen Wert auf strikte Handlungsverbote im Alltag gelegt, die ursprünglich Traditionen der saudischen Stammesgesellschaft entstammten. Riads offizielles Islamverständnis grenzt sich gegen alle Außenstehenden ab und propagiert eine Ideologie des Hasses gegenüber Atheisten, Juden, Christen, Hindus und allen muslimischen Gruppierungen, die nicht der saudischen Interpretation des Islam folgen, heißt es weiter in der GIGA-Analyse, die darauf hinweist, dass Riads religiöse Ambitionen seit den 1980er Jahren in der innerislamischen Rivalität zu Iran weiter erstarkten.(9)


Inzwischen tief verwurzelt
Dasselbe ist in Großbritannien der Fall. Bereits vor rund zehn Jahren wies eine Untersuchung darauf hin, dass Saudi-Arabien nicht nur umfassend Einfluss auf Moscheen sowie auf islamische Schulen im Vereinigten Königreich zu nehmen suche. Saudische Lehrmaterialien, die dort genutzt würden, riefen zum Hass gegen Juden, Christen und andere Ungläubige auf und erklärten die Verbreitung des Islam durch einen nicht näher definierten Jihad zur religiösen Pflicht. Manche saudischen Lehrbücher bezeichneten Juden als widerlich und Christen als Schweine - und bauten ihre historische Darstellung auf der antisemitischen Hetzschrift Die Protokolle der Weisen von Zion auf.(10) Man könne sich gut vorstellen, wie tief verwurzelt salafistisches Gedankengut nach vielen Jahren saudischer Indoktrination in Großbritannien heute sei, schrieb wenige Tage vor dem jüngsten Londoner Terroranschlag Adam Deen, ein ehemaliges Mitglied der jihadistischen Organisation Al Muhajiroun, der heute als Executive Director der Londoner Quilliam Foundation Aufklärungsarbeit über Salafismus und Jihadismus betreibt. Es sei keine Übertreibung, zu sagen, dass die zahlreichen aus Saudi-Arabien finanzierten britischen Moscheen Propagandafabriken seien, die die britischen Straßen mit wahhabitischen Ideologen füllten. Wenn wir Extremismus wirklich bekämpfen wollen, erklärt Deen, dann sollten wir damit beginnen, den Massenexport von wahhabitischer Intoleranz und Hass aus Saudi-Arabien in das Vereinigte Königreich zu stoppen.(11)


Auf Eis gelegt
Dies liefe allerdings auf einen Konflikt mit dem Herrscherclan in Riad hinaus, der zu den engsten Verbündeten Großbritanniens, aber auch Deutschlands im Mittleren Osten zählt. Welche Folgen das Bündnis mit der wahhabitischen Macht hat, zeigt der Verlauf einer Untersuchung, die das britische Innenministerium Anfang 2016 in Angriff genommen hat. Sie sollte die Finanzierung jihadistischer Organisationen im Vereinigten Königreich aufdecken. Es wurde und wird davon ausgegangen, dass deren Gelder zu einem erheblichen Teil aus Saudi-Arabien kommen. Am 31. Mai wurde bekannt, dass das Innenministerium die Arbeit an der Untersuchung nicht zu Ende geführt hat und auch die vorliegenden Teilresultate mutmaßlich nicht publizieren wird. Die Ergebnisse seien sehr sensibel, heißt es zur Begründung.(12) Nur drei Tage später fielen dem jüngsten Attentat britischer Jihadisten in London sieben Menschen zum Opfer.


Enge Verbündete
Ungeachtet der saudischen Jihadismusförderung kooperiert die Bundesrepublik mit Saudi-Arabien bereits seit Jahrzehnten, hat die Zusammenarbeit nach der Zerstörung des Irak im Jahr 2003 unter der rot-grünen Bundesregierung weiter ausgebaut(4) und stärkt sie jetzt erneut. Ende April haben deutsche Konzerne, darunter Siemens und SAP, am Rande des jüngsten Besuchs von Kanzlerin Angela Merkel in Riad Großaufträge erhalten; Merkel hat der saudischen Regierung zugesagt, die Ausbildung saudischer Grenzschützer, Bahnpolizisten und Luftsicherheitsexperten durch deutsche Spezialisten weiter auszubauen; auch soll die Bundeswehr künftig regelmäßig saudische Militärs trainieren.(13) In den vergangenen zehn Jahren zählte Riad zudem zu den bedeutendsten Kunden deutscher Waffenfabriken. Schutzbehauptungen, der saudische Herrscherclan habe jüngst Reformen eingeleitet, die dem Export des Wahhabismus die Basis und damit Jihadisten in aller Welt den Nährboden entzögen, werden von Experten als PR(1) und als unglaubwürdig² eingestuft.


Wer die Zeche zahlt
Die Zeche für die auf Gegenseitigkeit beruhende Kooperation mit Saudi-Arabien zahlt inzwischen auch die Bevölkerung in den Wohlstandszentren Westeuropas, in denen der Jihadismus erstarkt - und nicht nur dort: Die saudische Mission, die in der Vergangenheit den Jihadismus in zahlreichen Ländern vor allem Afrikas und des Mittleren Ostens stärkte, durchdringt mittlerweile - ohne dass Berlin Einwände äußern würde - weitere Weltgegenden und begünstigt jihadistische Strömungen sogar in Südostasien, etwa in Indonesien und auf den Philippinen.


Jihad am Hindukusch
Saudi-Arabien ist seit den 1970er Jahren eine bedeutende Finanzierungsquelle für Rebellen- und Terrororganisationen, heißt es summarisch in einer Analyse, die im Jahr 2013 im Auftrag des Europaparlaments erstellt und veröffentlicht worden ist.(14) Die Analyse befasst sich zunächst mit der Entstehung des gegenwärtigen Jihadismus in Afghanistan seit 1979, den Riad gemeinsam mit Washington förderte, um die sowjetischen Streitkräfte aus dem Land zu treiben und die Regierung in Kabul zu stürzen. Saudische Organisationen halfen mit Geld und Waffen aus, wirkten am Bau von Mujahedin-Ausbildungslagern mit und errichteten am Hindukusch religiöse Schulen, über die sie die wahhabitisch-salafistische Strömung des Islam in Afghanistan, aber auch in den Grenzgebieten Pakistans verbreiteten. In saudischen Religionsschulen wurden beispielsweise der spätere Taliban-Anführer Mullah Omar sowie Jalaluddin Haqqani ausgebildet, der Gründer des Haqqani-Netzwerks, das in den 1980er Jahren von Saudi-Arabien umfassend gefördert wurde und heute zu den maßgeblichen Terrororganisationen am Hindukusch zählt. Berühmtester Teilhaber der saudisch-US-amerikanischen Jihadistenförderung war Osama bin Laden, der später in Afghanistan Al Qaida aufbaute. An dem antisowjetischen Kooperationsprojekt der 1980er Jahre ist auch die Bundesrepublik Deutschland beteiligt gewesen.


Aufstandsunterstützung
Hintergrund war, dass Ende der 1970er Jahre Unruhen gegen Modernisierungsbestrebungen der afghanischen Regierung das Land zu erschüttern begannen; ultrakonservative, teils jihadistische Mujahedin wurden in ihrem Kampf gegen die prosowjetische Regierung in Kabul seit Mitte 1979 von den USA und bald auch von der Bundesrepublik gefördert, während die Sowjetunion Ende 1979 Truppen zur Unterstützung der Regierung an den Hindukusch entsandte. Im damaligen Stellvertreterkrieg sprangen einzelne Soldaten der Bundeswehr - offiziell hatten sie dafür Urlaub genommen – den Mujahedin bei, etwa als Sanitäter; diverse Gotteskrieger, wie man sie damals nannte, erhielten Ausbildung durch den BND oder auch durch die Grenzschutz-Spezialtruppe GSG 9. Der BND lieferte Winterkleidung sowie Nachtsicht- und Minensuchgeräte; die Aufständischen wurden mit Spionageerkenntnissen bundesdeutscher Stellen vor allem über Bewegungen der afghanischen und der sowjetischen Streitkräfte versorgt. Einige bundesdeutsche Elitesoldaten seien sogar mit den Mujahedin durch die afghanischen Berge gezogen und dabei gelegentlich in Feindkontakt geraten, berichtet ein Teilnehmer der damaligen Bundeswehr-Operationen.(15) Offiziell dienten die deutschen Maßnahmen der Befreiung des Landes vom Kommunismus; faktisch blieb Ende der 1980er Jahre ein auch mit Hilfe bundesdeutscher Militärs und Agenten weithin zerstörtes Land zurück.


Jihad in Syrien und Mali
Die im Auftrag des Europaparlaments erstellte Untersuchung zeigt darüber hinaus exemplarisch, wie salafistisch-jihadistische Organisationen in anderen Staaten der arabischen Welt und des Sahel systematisch erstarken konnten. Dies gilt insbesondere für Syrien, wo nach Beginn des Aufstands gegen Präsident Bashar al Assad der saudische Staat sowie saudische Privatfinanziers salafistisch-jihadistische Milizen förderten.(16) Bekannte syrische Salafisten wie der im saudischen Exil ansässige Adnan al Arur konnten über saudische Fernsehkanäle stark Einfluss auf die Entwicklung in ihrem Heimatland nehmen. Die breitgefächerte Unterstützung trug dazu bei, gerade salafistisch-jihadistische Organisationen im Verlauf des Krieges erstarken zu lassen. Das mit Riad verbündete Berlin, das das Ziel - Assads Sturz - teilte, sah wohlwollend zu. Andere Beispiele sind der Untersuchung zufolge etwa Marokko und Mali. In Marokko erkaufte sich Saudi-Arabien bereits in den 1970er Jahren ungehinderten Zugang für die Salafistenmission, indem es Rabat im Kampf um die Westsahara unterstützte. Dies habe in den 2000er Jahren das Entstehen jihadistischen Terrors dort begünstigt, heißt es in der Analyse. Das Papier belegt zudem, dass maßgebliche Anführer der salafistisch-jihadistischen Szene Malis in Saudi-Arabien ausgebildet oder aus Saudi-Arabien finanziell gefördert wurden - darunter der Anführer der berüchtigten Jihadistenorganisation Ansar Dine, Iyad ag Ghali.(14)


Radikalisierung in Europa
Auch jenseits der Kernländer der arabischen Welt, jenseits Zentralasiens und der Sahelzone führt die Salafismusmission des eng mit Deutschland verbündeten Saudi-Arabien zu weitreichenden Konsequenzen. Ein Beispiel bietet das illegal von Serbien abgespaltene Kosovo, dessen Bevölkerung zu über 95 Prozent aus Muslimen besteht. Im Kosovo haben, wie es im vergangenen Jahr in einem Bericht in der US-Presse hieß, an Saudi-Arabien orientierte Prediger schon bald nach dem Einmarsch der NATO im Jahr 1999 begonnen, den salafistischen Islam zu verbreiten. Sie hätten eine Menge Geld sowie salafistische Literatur mitgebracht und Moscheen gebaut; rund 240 der insgesamt über 800 Moscheen, die es heute im Kosovo gebe, seien nach 1999 errichtet worden und würden von alteingesessenen, gemäßigten Imamen einem salafistischen, am saudischen Vorbild orientierten Islam zugeordnet, heißt es. Wie üblich habe die Salafismusmission auch im Kosovo den Jihadismus gestärkt: Allein von 2014 bis Frühjahr 2016 seien 314 Kosovaren identifiziert worden, die das Land verlassen und sich dem IS angeschlossen hätten; das sei der höchste Prozentsatz in Europa. Staatliche Stellen schrieben die Radikalisierung eindeutig saudischem Einfluss zu.(17)


Radikalisierung in Indonesien
Immer stärkeren Einfluss gewinnen salafistische Milieus und jihadistische Organisationen dank saudischer Mission auch in Südostasien. Ein Beispiel bietet Indonesien, dessen traditioneller Islam als gemäßigt eingestuft wird. In Indonesien hat Riad seit Ende der 1960er Jahre eine Reihe von Institutionen errichtet, die systematisch einen Islam saudischer Prägung fördern. Die mutmaßlich einflussreichste von ihnen ist das Wissenschaftliche Institut für Islamische und Arabische Studien - im indonesischen Kürzel: Lipia - in Jakarta, das die arabische Sprache und islamisches Recht lehrt und als Außenstelle der Imam-Muhammad-bin-Saud-Universität in Riad firmiert. Lehrpläne und Lehrmaterialien spiegeln das Weltbild des saudischen Staates wider, heißt es in einer Analyse über das Institut.(18) Zehntausende Lipia-Absolventen wirken seit der Gründung der Einrichtung im Jahr 1980 als Multiplikatoren im ganzen Land. Sie haben tatkräftig dazu beigetragen, dass sich das religiöse Klima im Land verschiebt, dass salafistische Positionen konsequent an Einfluss gewinnen - und dass im vergangenen Herbst erstmals Massendemonstrationen mit mehr als 100.000 Teilnehmern zur Absetzung des christlichen Bürgermeisters der Hauptstadt stattfanden, dem - unter konstruierten Vorwänden - Blasphemie vorgeworfen wird. Auch in Indonesien haben sich zudem aus saudisch orientierten Milieus jihadistische Zusammenschlüsse gebildet; so wird die 1972 mit saudischem Geld gegründete Koranschule Pesantren Ngruki in der javanischen Großstadt Solo mit der Organisation Jemaah Islamiyah in Verbindung gebracht, die den mörderischen Terroranschlag vom 12. Oktober 2002 auf Bali mit 202 Todesopfern zu verantworten hat.


Terror auf den Philippinen
Sogar der aktuell wieder erstarkende Jihadismus im Süden der Philippinen hat teilweise saudische Ursprünge. Abdurajak Janjalani, der Gründer der jihadistischen Terrororganisation Abu Sayyaf, die auf Mindanao operiert, hatte Anfang der 1980er Jahre in Saudi-Arabien studiert und dort seine religiöse Prägung erhalten. Danach soll er in Afghanistan in den Jihad gezogen sein. Nach seiner Rückkehr auf die Philippinen baute er Abu Sayyaf auf - unter anderem mit saudischen Geldern. Sie kamen nicht nur der Organisation direkt zugute, sondern wurden auch genutzt, um in Gebieten, die Abu Sayyaf kontrollierte, Moscheen, Schulen und andere Einrichtungen zu bauen. Neben Janjalani haben noch weitere Führungsmitglieder von Abu Sayyaf in Saudi-Arabien studiert oder sich am Hindukusch unter westlich-saudischer Führung am Heiligen Krieg gegen die sowjetische Armee beteiligt. Abu Sayyaf hat zuletzt mit dem Mord an einem deutschen Segler für Schlagzeilen gesorgt und beteiligt sich aktuell an den blutigen Kämpfen um die Kontrolle der Großstadt Marawi auf Mindanao.


Globale Konsequenzen
Die globalen Konsequenzen der saudischen Salafismusmission sind den westlichen Regierungen selbstverständlich bekannt. Sie sei zwischen 2009 und 2014 in offiziellem Auftrag in 80 Länder gereist, berichtete Ende 2015 die vormalige US-Sonderbeauftragte für muslimische Communities, Farah Pandith: An jedem Ort, den ich besuchte, sei der religiöse Einfluss Saudi-Arabiens heimtückisch präsent gewesen, habe kulturell vielfältige Formen des Islam ins Abseits gedrängt, traditionelle Identitäten transformiert und den wahhabitisch-salafistischen Islam erheblich gestärkt. Das Geld, um die dazu benötigten Moscheen, Fernsehsender und Lehrbücher zu bezahlen, sei stets aus Saudi-Arabien gekommen.(19)


Eng verbündet
Mittlerweile wächst international der Unmut über den jahrzehntealten Pakt des Westens - auch Deutschlands - mit Saudi-Arabien, der Riad bei seiner Salafismusmission stets die nötige politische Rückendeckung geboten hat. In Großbritannien verlangen führende Oppositionspolitiker nach dem jüngsten Terroranschlag, die britische Regierung müsse eine Untersuchung über die - mutmaßlich saudischen - Finanziers britischer Jihadisten endlich veröffentlichen.(20) In Indonesien hat - exemplarisch für gemäßigte islamische Stimmen in diversen anderen Ländern weltweit - Ende Mai die Gerakan Pemuda Ansor, der Jugendverband der weltgrößten muslimischen Organisation Nahdlatul Ulama, eine Erklärung verabschiedet, in der es heißt, Saudi-Arabien verbreite seit über 50 Jahren systematisch eine auf Vorherrschaft zielende, ultrakonservative Interpretation des Islam; dabei gebe es eine direkte Verbindung zwischen der saudischen Salafismusmission und der Ausbreitung des Terrorismus weltweit. Das werde, so heißt es weiter, von den Vereinigten Staaten, die eng mit Riad kooperierten, ignoriert.(21) Dasselbe lässt sich von Deutschland sagen: Kanzlerin Angela Merkel hat erst kürzlich Saudi-Arabien besucht und die wirtschaftliche wie die militärische Zusammenarbeit mit dem Land ohne Rücksicht auf dessen Terrorförderung weiter ausgebaut.

German Foreign Policy

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Anmerkungen

(1) Guido Steinberg: Saudi-Arabien: Zwiespältiger Partner in der Terrorismusbekämpfung. www.swp-berlin.org 24.05.2017.
(2) Fareed Zakaria: How Saudi Arabia played Donald Trump. www.washingtonpost.com 25.05.2017.
(3) Georg Mascolo: Saudis unterstützen deutsche Salafistenszene. www.sueddeutsche.de 12.12.2016.
(4) Partner, german-foreign-policy.com/de/fulltext/36737 08.10.2003.
(5) Deutsche Polizei erfasst Daten vieler Tausend Ausländer, german-foreign-policy.com/de/fulltext/20588 25.01.2002; Europa wird gerastert, german-foreign-policy.com/de/fulltext/30012 01.01.2003.
(6) Uta Rasche: König-Fahd-Akademie verherrlicht Kampf gegen Ungläubige. www.faz.net 23.06.2004.
(7) Matthias von Hein: Von der Bundesstadt zur Salafistenhochburg. www.dw.com 13.11.2014.
(8) Astrid Wirtz: Der Salafismus gedeiht in Bonn. www.ksta.de 20.10.2014.
(9) Amanda Kovacs: Saudi-Arabiens salafistischer Bildungsexport radikalisiert Indonesiens Muslime. GIGA Focus Nahost Nr. 5/2014.
(10) Denis MacEoin: Music, Chess and other Sins. Civitas: Institute for the Study of Civil Society. London 2009.
(11) Adam Deen: Are Saudi-Funded Mosques Really A Problem In The UK? www.huffingtonpost.co.uk 28.05.2017.
(12) Jessica Elgot: 'Sensitive' UK terror funding inquiry may never be published. www.theguardian.com 31.05.2017.
(13) Bundeswehr schult saudische Soldaten. www.tagesschau.de 30.04.2017.
(14) The Involvement of Salafism/Wahhabism in the Support and Supply of Arms to Rebel Groups Around the World. Brussels, June 2013.
(15) Peter F. Müller, Michael Mueller (mit Erich Schmidt-Eenboom): Gegen Freund und Feind. Der BND: Geheime Politik und schmutzige Geschäfte. Hamburg 2002; Unser Krieg. ZDF 08.10.2013.
(16) Das Al Qaida- Emirat, german-foreign-policy.com/de/fulltext/59369 19.05.2016.
(17) Carlotta Gall: How Kosovo Was Turned Into Fertile Ground for ISIS. www.nytimes.com 21.05.2016.
(18) Amanda Kovacs: Saudi-Arabiens salafistischer Bildungsexport radikalisiert Indonesiens Muslime. GIGA Focus Nahost Nr. 5/2014.
(19) Farah Pandith: The World Needs a Long-Term Strategy for Defeating Extremism. www.nytimes.com 08.12.2015.
(20) Bethan McKernan: Terror funding report: Calls grow for release of 'sensitive' Home Office document 'pointing finger at Saudi Arabia'. www.independent.co.uk 06.06.2017.
(21) Pimpinan Pusat Gerakan Pemuda Ansor: Letter of Instruction Regarding Gerakan Pemuda Ansor Declaration on Humanitarian Islam. Jakarta, 23 May 2017.

17.07.2017
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