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Deutsche Dr3ieinigkeit

»Wie kaputt muss man im Kopf denn sein, um in Leichenbergen nicht Opfer, sondern vornehmlich ›unsere Schande‹ zu sehen?« (Detlev Claussen) 

Es war ein kleiner Triumph für die Ideologen der Berliner Republik, als dem Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke am Internationalen Gedenktag für die Opfer des Holocausts von der KZ-Gedenkstätte Buchenwald vor laufender Kamera ein Hausverbot ausgesprochen wurde. Begründet wurde der Ausschluss damit, dass dieser wenige Tage zuvor das Berliner Holocaust-Mahnmal als »Denkmal der Schande« im Herzen der Hauptstadt bezeichnet hatte. Georg Restle, der Moderator des kritischen WDR-Magazins Monitor, gab sich in seinem Tagesschau-Kommentar staatsmännisch und forderte: »eine Partei, [...] die einen Mann in ihrer Führungsriege duldet, der die Erinnerung an den Holocaust als lästig und lächerlich empfindet[, e]ine solche Partei darf in diesem Land keinen Erfolg haben. Das sind wir – jeder einzelne von uns - den Millionen Ermordeten von Auschwitz oder Treblinka, von Sobibor oder Majdanek schuldig.«

Zu diesem Zeitpunkt hatte Höcke längst Stellung zu der Berichterstattung über seine »Schandmal«-Rede genommen und zum Ausweis seiner Redlichkeit auf einen fast gleichlautenden Kommentar des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein aus dem Jahre 1998 verwiesen.

Augstein war, das betonte umgehend dessen rechtlicher Sohn, der Spiegel-Kolumnist und Freitag-Herausgeber Jakob Augstein, »wie sehr viele andere Zeitgenossen damals, gegen dieses Mahnmal«. Für Augstein, den Älteren, sei es jedoch ein »Mahnmal an unsere fortwährende Schande«, kein Höckesches »Schandmal«, gewesen, das in die »Mitte der wiedergewonnenen [!] Hauptstadt« gegen seinen Willen gebaut werden sollte.

Das ist eine bewusste Verdrehung, denn gerade Rudolf Augsteins sich daran anschließende Einschätzung könnte Höcke als Vorlage für seine Rede gedient haben: »Anderen Nationen wäre ein solcher Umgang mit ihrer Vergangenheit fremd. Man ahnt, daß dieses Schandmal gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland gerichtet ist. Man wird es aber nicht wagen, so sehr die Muskeln auch schwellen, mit Rücksicht auf die New Yorker Presse und die Haifische im Anwaltsgewand, die Mitte Berlins freizuhalten von solch einer Monstrosität.«

Augstein trug seine Befürchtungen nicht im Namen des Hasses, sondern der Menschenliebe vor. »Man würde«, so warnte er, »untauglichen Boden mit Antisemitismus düngen, wenn den Deutschen ein steinernes Brandmal aufgezwungen wird.« Die Schuldigen am erwarteten Antisemitismus der Deutschen, der bislang erwiesenermaßen auf nährlosen Boden traf, waren schnell gefunden: die Juden. Nach seiner misslungenen Antrittsreise mit dem »Alt-Nazi Kurt Ziesel« in Israel sei der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl »eingeknickt«, denn er »fürchtete eine Stimmungsmache, der schon Konrad Adenauer Anfang der fünfziger Jahre mit den Worten Ausdruck gegeben hatte: ›Das Weltjudentum ist eine große Macht.‹«

Dann aber dieses Dilemma: »Ließen wir den von Eisenman vorgelegten Entwurf fallen, wie es vernünftig wäre, so kriegten wir nur einmal Prügel in der Weltpresse. Verwirklichen wir ihn, wie zu fürchten ist, so schaffen wir Antisemiten, die vielleicht sonst keine wären, und beziehen Prügel in der Weltpresse jedes Jahr und lebenslang, und das bis ins siebte Glied.«

Das Ergebnis ist bekannt: Nun ärgern wir uns mit Björn Höcke und der AfD herum, weil uns die Juden dieses Denkmal aufgezwungen haben.

»Es verschlägt einem buchstäblich den Atem, heute solche Worte und ihre Wirkung auf einen begeisternd applaudierenden Saal zu hören«, schreibt Jakob Augstein über Höckes Rede. Dabei ist das alles noch nicht so lange her.

»Sagen, was ist«, dieser Ausspruch Rudolf Augsteins ziert in metallenen Lettern die Eingangshalle des Hamburger Spiegel-Gebäudes. Sein »Auftrag« sei »unser Erbe«, versicherte erst jüngst der aktuelle Chefredakteur Klaus Brinkbäumer in seinem Leitartikel zum 70. Jahrestag des Blattes. Was damals war, das konnten noch muntere Zuschauer/innen in der Sonntagnacht vom 9. Januar im ARD erleben.

In der ausgestrahlten Dokumentation Bubis – Das letzte Gespräch wurden kurz nach Mitternacht Ausschnitte aus Martin Walsers Friedenspreisrede in der Frankfurter Paulskirche gezeigt. »Aber in welchen Verdacht gerät man,« fragt der Ausgezeichnete verschmitzt,  »wenn man sagt, die Deutschen seien ein ganz normales Volk.« Er habe es »nie für möglich gehalten, die Seite der Beschuldigten zu verlassen«, erklärt er. Doch sei es gerade der »Dauerpräsentation unserer Schande« zu verdanken, dass er wegzusehen gelernt und damit begonnen habe, »die Vorhaltung unserer Schande auf Motive hin abzuhören«. Er sei »fast froh«, fährt Walser unter dem Beifall der versammelten deutschen Elite fort, wenn er »glaube, entdecken zu können, daß öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken.«  In der ersten Reihe sieht man den Vorsitzenden des deutschen Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, und seine Frau – sie sitzen wie erstarrt.

Walser legt nach, »vor Kühnheit zittern[d]«: »Auschwitz eignet sich nicht, dafür Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung.« Stürmischer Beifall bricht aus. Im Bild: der vergnügte, kräftig applaudierende Bundespräsident Roman Herzog, es folgt ein Kameraschwenk auf das immer noch wie betäubt dasitzende Ehepaar Bubis.

Ignatz Bubis und seine Frau sind die Einzigen im Saal, die nicht applaudieren und die sich nicht zu Walsers Ehren erheben, nachdem dieser am Ende das Denkmal an die ermordeten Jüdinnen und Juden noch als »fußballfeldgroßen Alptraum« bezeichnet hatte.

Bubis, der in Deutschland gewöhnlich dafür gebraucht wurde, dem sich selbst gern als ›wiedervereinigt‹ bezeichnenden Staat ein Zeugnis der Unbedenklichkeit auszustellen, warf Walser im Nachgang »geistige Brandstiftung« vor. Im Gegenzug wurde ihm von Augstein, dem älteren, ein » gehörige[r] Mangel an Urteilsvermögen« attestiert. Der da allein inmitten der jubelnden Meute saß, hatte sich nach Augsteins Urteil selbst ins »gesellschaftliche Abseits« gestellt.

Der junge Augstein wischt heute den »latenten Antisemitismus« (Bubis) seines rechtlichen Vaters mit der Bemerkung, dass seien »wahrlich keine schönen Formulierungen«, beiseite. Den Anlass für die Auslassungen des älteren Augsteins, die Rede seines leiblichen Vaters Martin Walser, erwähnt Jakob Augstein nicht einmal.

Roman Herzog, der in der Paulskirche so begeistert jenem Mann zujubelte, der es erneut mit den Juden aufnehmen wollte, hatte als Schüler des nicht nur seiner Einschätzung nach »beherrschenden Verfassungsrechtlers der Bundesrepublik«, des (Alt-)Nazis Theodor Maunz, bereits einige Vorarbeit geleistet und in seinem Grundgesetzkommentar Art. 139 als Rechtsvorschrift zur »sog. [!] Befreiung des deutschen Volkes vom Nationalsozialismus und Militarismus« kurzerhand für »obsolet« erklärt. »Abzulehnen«, betonte er, »ist insbesondere der Versuch, ihn als Grundsatzaussage über die Haltung des GG gegenüber nationalsozialistischen und verwandten (z. B. faschistischen) Staatsauffassungen anzusehen und insoweit natürlich fortgelten zu lassen.« Das Ergebnis sehen wir nicht nur jährlich bei der Vorstellung des sog. Verfassungsschutzberichtes, sondern auch im Ausgang des jüngsten NPD-Verbotsverfahrens.

Die damals beteiligten Personen, das sollte Georg Restle nicht vergessen, sind in diesem Land erfolgreich gewesen. Der Unterschied ist, dass Höcke den Antisemitismus vertritt, mit dem Walser und andere damals ›nur‹ spielten. Beiden aber geht es darum, wieder Herr im Haus der eigenen Geschichte zu sein. »In der Diskussion um das Holocaustdenkmal in Berlin«, sagte Walser in seiner Rede, »kann die Nachwelt einmal nachlesen, was Leute anrichteten, die sich für das Gewissen von anderen verantwortlich fühlten.« Für ihn ging es im 9. Jahr nach dem Mauerfall um die Restauration eines nationalen ›Wir‹. Im 10. Jahr nach Ausbruch der Weltfinanz- und Wirtschaftskrise geht es dem (bisherigen) Krisengewinner Deutschland um die innenpolitische Formierung für seine imperialistische Politik.

Diese muss nicht zwangsläufig wie die Höckes aussehen. In der gleichen Woche, in der Herzogs Nachfolger Joachim Gauck der Berliner Republik mit den Worten vom »besten, demokratischsten Deutschland, das wir jemals hatten« seinen Segen erteilte, zeigte der israelische Schriftsteller und Satiriker Shahak Shapira mit seinem Kunstprojekt Yolocaust, dass die Deutschen sich ein Denkmal gebaut haben, zu dem man, nach den Worten des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, »gern mal hingeht«.


shadab

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10.02.2017
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