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Aktuelle Termine

CEE IEH-ARCHIV

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Aktuelles Heft

INHALT #237

Titelbild
OMG! Trump wird wirklich Präsident!
• das erste: »Das CEE IEH hat an Schärfe verloren«
• interview: »All die Sachen, die nicht mit dem Conne Island zu tun hatten, die haben überhaupt keinen Sinn mehr gemacht.«
• inside out: Zur Absage an Talib Kweli
Retrogott & Hulk Hodn
25YRS Conne Island Gala
Against Me!
Against Me!
Hot Christmas Hip Hop Jam #14
DON'T FORGET THE STREETS FEST
• review-corner event: »25YRS HipHop« im Conne Island – Ein Jahresrückblick
• kulturreport: »There's a sort of evil out there«
• doku: Fünf Tage im September 1991
• doku: Fehlende Aufarbeitung
• doku: Waffen für Hoyerswerda
• das letzte: 25 Jahre Mitarbeiter/in der Herzen
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»Das CEE IEH hat an Schärfe verloren«

Der frühere Redakteur Sisyphos im Interview

Sisyphos war von Mai 2007 bis Januar 2011 Redakteur des CEE IEHs und Teil des »Tomorrow Theorie Cafés«, das die gleichnamige Zeitschrift herausbrachte. Gerne erinnert er sich an dieses eine Dillinger Escape Plan Konzert und daran, dass man früher auch im Saal skaten konnte. Nach dem Streit um die Ausladung Justus Wertmüllers von einer geplanten Veranstaltung im Conne Island Ende 2010 kam es zum Bruch der damaligen Redaktion. Im folgenden lest ihr ein Interview mit ihm, das noch einmal die damalige Diskussion und die Beweggründe der damaligen Redaktion aufgreift. Das Interview führte Marlon.

Du warst ja Teil des »Tomorrow Theorie-Cafés«(1) , das einige Jahre lang und bis 2007 im B12-Café stattfand und das versucht hat, Jugendlichen Gesellschaftskritik zu erschließen. Neben einer hohen Altersdivergenz war ein Grund der Auflösung auch das Fehlen von interessierten Jugendlichen und die von euch beobachtete Tendenz einer zunehmenden Apathie und Entpolitisierung der Jugend bzw. der Subkulturen. Von unserem heutigen Standpunkt aus ergibt sich zuerst einmal die Frage: was waren das denn für Jugendliche? Und wie kam es überhaupt dazu, dass sie ein Theorie-Café besuchten?

Also erstmal ganz praktisch waren es viele verschiedene. Die Veranstaltungsreihe ging ja über Jahre hinweg. Wir haben zum Beispiel regelmäßig an Schulen oder auf Konzerten geflyert und die Leute dort auch direkt angesprochen. Das war sehr offen und ehrlich eine Theorie-Veranstaltung und die Jugendlichen, die hin kamen, hatten dann natürlich auch Bock darauf. Ja, das ist tatsächlich schwer vorstellbar, aber das gab es.
Zum Beispiel gab es mal so eine Schüler-Clique, die ziemlich lange und regelmäßig kam. Da ging es am Anfang um Antiamerikanismus. Das waren Leute, die hatten noch nie einen Kontakt zur organisierten Linken oder so. Aber die fanden diese ganzen Anti-Bush-Kiddies an ihrer Schule doof und hatten so ein Gefühl dafür, dass das irgendwie billig ist und dass sich da jene Leute tummeln, die einen einfachen Feind suchen. Und die hatten über eine Zeitung oder einen Flyer von uns zum ersten Mal wahrgenommen, dass es überhaupt kritische Positionen dazu gibt.
Wir haben auch sehr lang was mit einigen Jugendlichen aus Markkleeberg gemacht, die zunächst erstmal kamen weil sie einfach ein Nazi-Problem hatten. Und es gab auch damals schon Leute, die einfach aus einem inhaltlichen Interesse da waren, weil sie im Internet was gefunden hatten. Es war schon sehr durchmischt und über die Jahre hinweg haben sich im Umfeld des Theorie-Cafes auch mindestens drei neue Gruppen gegründet.
Wir hatten allerdings auch einen langen Atem. Es gab nicht wenige Vorträge, wo kaum Leute da waren oder zum Beispiel nur welche von Tomorrow. Aber wir haben das ja nicht gemacht, um da die große Masse zu ziehen, sondern weil das die Form der politischen Tätigkeit war, hinter der wir standen.

Wie ausschlaggebend war dann der Altersunterschied?

Wir waren ja selbst 15 oder 16, als wir mit dem Theorie-Café angefangen haben. Und die Jugendlichen, die sich dafür interessiert haben, waren auch lange wir (lacht). Ich war zum Beispiel am Anfang selbst lange Gast und habe die Organisation erst einige Zeit später mit übernommen. Wir hatten für die Veranstaltungen eine Altersgrenze von 20 Jahren gesetzt, vor allem weil wir zu große Wissenshierarchien vermeiden wollten. Mitdiskutieren sollte einfach nicht mit zu viel Überwindung verbunden sein. Und auch um dem vorzubeugen dass im Theorie-Café nur solche Diskussionen, die die Szene prägen, stattfinden. Wir wollten nicht die Auseinandersetzung in der Leipziger Linken im Kleinen wiederholen.
Nach den ganzen Jahren mussten wir dann aber einsehen, dass wir mittlerweile jene Leute gewesen wären, die für eine Wissenshierarchie sorgen. Wir haben es dann erst so gemacht, dass Leute von Tomorrow maximal noch Referent_innen sein durften, nicht aber mehr im Publikum sitzen. Irgendwann mussten wir dann allerdings einen Schlussstrich ziehen. Wenn man zwanzig ist, ist man halt kein Jugendlicher mehr und dann ist es auch irgendwie peinlich, noch ein Café für Jugendliche zu machen. Es kamen auch keine Leute nach, die das vielleicht hätten weiter machen wollen. Und so eine politische Jugendarbeit, bei der die Alten den Jungen erzählen was läuft, das wollten wir nicht. Das wollten wir nie und deswegen mussten wir das für uns einfach beenden. Wir haben ja versucht etwas davon zu erhalten: es gab lange die Tomorrow-Rubrik im CEE IEH, wo viele Vortragsverschriftlichungen aus dem Theorie-Café und Texte von Tomorrow erschienen sind. Nach der Auflösung des Cafés hat die damals neue CEE IEH Redaktion versucht, einführende Texte in der neuen ABC-Rubrik weiter zu führen. Ich glaube, die wurde von der Nachfolgeredaktion noch zwei, drei Mal gefüllt, oder?

Ich glaube ja, aber irgendwann ist das dann auch eingeschlafen. Das Publikum von euren Veranstaltungen, waren das subkulturelle Jugendliche?


Ich würde schon sagen, dass die meisten Jugendlichen, die da hingekommen sind, mit linken Positionen solidarisch waren, diese aber eher aus einem subkulturellen Background kannten. Das waren aber nicht alle. Ab und zu gab es auch einfach mal ein paar Nerds, die nur einen bestimmten Vortrag hören wollten und nichts mit Subkultur am Hut hatten.

Aber zurück zum CEE IEH. Wieviel Zeit hast du während deiner Zeit als Redakteur eigentlich in eigene Texte investiert?

Also gefühlt immer zu wenig, würde ich sagen. Wir hätten gerne mehr selbst geschrieben, weil wir uns auch gewünscht hätten, dem Heft mehr Profil geben zu können und diese Auseinandersetzungen, die in der Linken und am Laden liefen, auch selber mit zu führen. Aber letztlich hat die Redaktionsarbeit natürlich sehr viel Platz eingenommen. Und wir haben vorwiegend längerfristige Sachen bearbeitet, also zum Beispiel Anmerkungen und Korrekturen zu eingereichten Artikeln mit den Autor_innen abgestimmt. Eine andere Angelegenheit waren kurzfristige Reaktion, also wenn z.B. ein Text für sehr viel Diskussionen gesorgt hat und das vielleicht absehbar war. Dann war es auch unsere Sache, noch was dazu zu schreiben. Ich würde mal schätzen, es war schon in jedem Heft etwas von den Redakteur_innen des Plenums mit dabei.

Gab es in deiner Zeit als Redakteur nennenswerte Diskussionen oder Konflikte, die auch im CEE IEH ausgetragen wurden?

Ja, auf jeden Fall. Das ist etwas, was ich unserer Redaktionsarbeit eigentlich auch zugute halten würde und weswegen uns auch der Umgang nach der Wertmüller-Sache so ein wenig geschockt hat. Wir haben das CEE IEH eigentlich immer auch ein bisschen als Forum für Diskussionen gesehen. Also natürlich nicht komplett frei, natürlich haben wir den Rahmen im Endeffekt festgelegt. Aber zum Beispiel gab es in den letzten Monaten 2010 im Heft eine längere Debatte zwischen Lou Sander und Martin Dornis über Anti-Rassismus. Das ging über mehrere Hefte mit denen wir auch versucht haben, eine inhaltliche Auseinandersetzung fortzuführen. Das ist jetzt das erste, woran ich mich aus den letzten Monaten erinnere. Zum Beispiel gab es auch ein »Erstes« von Hannes Gießler zum Thema Sprache, zu dem es viele Reaktionen, auch aus der Redaktion selbst, gab.

Gab es auch Auseinandersetzungen um das Kulturprogramm oder andere Veranstaltungen im Conne Island?

Es gab zum Beispiel über K.I.Z. eine Diskussion im Heft. Durch eine Autorin, die eine Rezension über die Band schreiben wollte und dann im Laufe der Rezension gemerkt hat, was sie an der Band alles nicht gut findet. Wir haben dann ihre Absage gedruckt und glücklicherweise noch eine andere Autorin für den Artikel finden können.
Was auch eine schwerwiegende Sache für uns war: wir hatten einmal einen Bericht zu einer Diskussionsveranstaltung im Conne Island von einem Autoren – Holger – direkt angefragt. Er sollte in die Rubrik Das Erste. Und der hat uns dann einen Artikel geschickt, den wir inhaltlich gar nicht vertreten konnten(2). Womit wir natürlich in einer harten Situation waren, denn wir hatten einen Autoren angefragt für einen Artikel, er hat uns den geschrieben und der war auch formal gut und wenn wir den nicht gedruckt hätten, wäre das eine Frechheit gewesen – und Zensur. Wir saßen dann schon auf heißen Stühlen und haben den deshalb nicht als Erstes gedruckt, weil uns das eine zu prominente Position gewesen wäre. Wir haben gehofft, dass es vielleicht Leserbriefe dazu gibt und waren dann auch froh, als es einen gab(3). Auch wenn der ganz schön hart mit ihm ins Gericht gegangen war. Aber das war z.B. ein Dilemma, wo wir als Redaktion ein Bisschen in der Zwickmühle saßen. Damit mussten wir dann leben.

Welche Rolle hatte das CEE IEH während deiner Zeit für dich im Conne Island-Kontext bzw. vielleicht auch darüber hinaus? War es für dich eher ein unabhängiges Medium der Auseinandersetzung mit politischen Themen? Oder auch der Beitrag, wenn man so will, den du zum Conne Island leisten wolltest?

Beides. Es war tatsächlich im besten Sinne naiv, dass ich dachte, dass das, was wir im CEE IEH machen, auch eine sehr wichtige Sache für das Conne Island sei. Und dass es so eine große Diskrepanz gab zwischen Redaktion und Conne Island Plenum, das habe ich lange (so) nicht auf dem Schirm gehabt oder vielleicht auch nicht wahrhaben wollen.
Erstmal war für uns die Position natürlich Luxus, das muss man schon sagen. Wir konnten uns wirklich aufs Inhaltliche konzentrieren. Wir mussten uns um Druckerei und um Layout nicht kümmern. Das hat man total selten und wir hatten inhaltliche Autonomie – erstmal... (lacht) bis zum Schluss. Das war für mich immer ein sehr angenehmes Arbeiten und ich fand auch diese Form der Praxis sehr erfüllend. Nichtsdestotrotz ist politische Arbeit für mich persönlich nie so ein wirklich lusterfülltes Ding gewesen. Es war mir natürlich sehr wichtig, aber es war nie so eine wirkliche Leidenschaft. Ich hab dazu auch mal ein Letztes geschrieben, also zu politischer Arbeit und Masochismus. Ich sag immer, die Leute, die in der Politik aktiv sind, leiden an dem, was sie dort machen nur weniger als an ihrem schlechten Gewissen. Und das geht mir genauso (lacht).

Eine Leidenschaft vielleicht in dem Sinne, dass Marx zufolge die Kritik der Kopf der Leidenschaft ist, aber nicht eine Leidenschaft des Kopfes. Und insofern wird aus dem Leiden an den Verhältnissen ja eine Kritik an den Verhältnissen.

Ja, das kann schon so sein. Aber Leid führt nicht automatisch zu Kritik. Es kann auch zu falschen Projektionen führen und zu allen anderen Dingen, die mit Kritik nix am Hut haben. Und ich glaube auch, dass es sehr unangenehm werden kann, wenn die Leute nicht auf dem Schirm haben, dass sie dieses ganze Engagement eigentlich für sich selbst machen. Also sozusagen aus ihrem eigenen schlechten Gewissen heraus, oder aus ihrer eigenen Leidenserfahrung. Wenn man immer glaubt, das eigentlich für irgendwas oder -wen anderes zu machen - für die Revolution, für Unterdrückte, für die Szene - und im ständigen Bewusstsein, lebt, sich aufzuopfern, geht das irgendwann schief. Die Leute werden verbittert, suchen sich natürlich auch schneller Feinde und sind vielleicht auch eher eingeschnappt. Sowas habe ich oft erlebt. Dann stauen sich Frust, Enttäuschungen und Aggressionen an und die entladen sich - zum Beispiel an politischen Gegnern. Und da ist dann die Kritik nicht mehr der Kopf der Leidenschaft, sondern einfach der rationalisierte Fortsatz irgendeines eigenen Grolls.

Dass es dann zu dem großen Krach kam, ist das ein Resultat davon, dass dieses Verhältnis nicht so eng war, wie man es sich selber vielleicht immer vorgestellt hat?

Also ein Ergebnis davon war es nicht, würde ich sagen. Es hat auf jeden Fall nicht geholfen, dass das Verhältnis so war. Das Ergebnis dieses Streits und die Hauptursache würde ich schon darin sehen, dass es politische Strömungen am Conne Island gab, die ihren Machtstatus sichern wollten. Das ist jetzt nix besonderes, das hätte man erwarten können und trotzdem war es für uns eine Überraschung. Das Verhältnis der Redaktion zum Conne Island Plenum war eigentlich keins, würde ich sagen. Also es war kein Schlechtes, sondern dadurch, dass die Redaktion so über Jahre hinweg eine Autonomie hatte, war das von Seiten des Plenums eher so eine laissez-faire Attitüde, und es war ja auch zufrieden damit... also bis dahin. Auch von unserer Seite aus sahen viele nicht die Notwendigkeit montags zum Conne Island Plenum zu gehen und konnten es teilweise zeitlich auch nicht. Aber man muss auch sehen – das ist ja auch überraschend – dass die Redaktion vor uns, glaube ich, noch sehr viel abgeschotteter und kleiner war. Von unserer Redaktion waren schon meistens ein bis zwei Leute montags beim Plenum. Und was wir vielleicht viel früher auch hätten machen sollen, war mehr darüber zu diskutieren, wie da die Stimmung ist und auch Leute danach zu fragen. Ich hätte mir im Nachhinein auch gewünscht, dass die Leute, die dann im Conne Island Plenum waren, dem CEE IEH mehr davon mitteilen, was dort läuft.
Vielleicht noch eine lustige Anekdote dazu – das ist kurz vor den Streitigkeiten passiert und fasst das Verhältnis des Conne Island Plenums zur CEE IEH Redaktion ganz gut zusammen: Es war Sonntag und wir hatten Redaktionsplenum. Ich war mit dem Auto im Island und es stand auf dem Hof. Und weil die Leute im Café niemanden gefunden hatten, dem das Auto gehört, bzw. den sie kannten - sozusagen »Homies« - haben die mein Auto abschleppen lassen, während ich oben saß und Plenum hatte. Die Leute wussten eben nicht, dass da oben Leute sitzen und irgendwas machen. Tja, ich hab dann hundertzwanzig Euro bezahlen müssen. Mir wurde angeboten, ich könnte eine Benefiz-Disko machen um das Geld wieder zu bekommen aber das...(räuspern) naja. Wie gesagt, es gab von unserer Seite nicht das Engagement und das Interesse und vom Conne Island Plenum auch nicht.

Wie kam es dann dazu, dass sich die Redaktion zuerst gar nicht einheitlich bezüglich der Ausladung Wertmüllers positioniert hat, später dann aber schon und das sogar mit einem Schwerpunktheft zu der Geschichte?

Puh, das ist ja jetzt alle schon so lange her... (lacht). Also wir waren tatsächlich davon geschockt – und so haben wir das auch in unserem Text »Unsere Insel stinkt!« geschrieben – dass es hinsichtlich dieser Pluralität, die es vorher möglich gemacht hatte auch unbequeme Diskussionen zu führen und Veranstaltungen zu machen, für uns einfach einen qualitativen Umschlag gab. Bis dahin waren problematische Positionen möglich und es wurde nicht im Conne Island Plenum darüber entschieden, ob das inhaltlich nicht mehr tragbar ist. Also zum Beispiel wie im Fall Wertmüller, ob er ein Rassist ist, ob er ein Sexist ist usw. Es stehen ja immer solche Vorwürfe im Raum, und das Conne Island Plenum hat sich bei solchen widersprüchlichen Sachen nicht die Entscheidung angemaßt, die Diskussion zu führen oder festzulegen. Und deswegen war es bis dahin so, dass solche Veranstaltungen in der Regel stattfinden konnten und man sich dann gegebenenfalls gefetzt hat und so, aber es ist halt passiert. Und bei der Wertmüller-Veranstaltung war es für uns zum ersten Mal so, dass es diese Ungewissheit und diese Unklarheit in der Position und diese eigentliche Notwendigkeit, das zu diskutieren dazu geführt hat, eine Veranstaltung nicht zuzulassen. Dass das Conne Island sozusagen selbst die Entscheidung getroffen hat: »Nee, diese Position können wir hier nicht diskutieren«. Das war für uns der Punkt, an dem wir gesagt haben: »da müssen wir was dagegen machen«. Wir sahen wirklich die Zukunft dessen in Gefahr, was das Conne Island für uns politisch bedeutet hat. Wir haben uns selber von der Entscheidung distanziert und einfach gemerkt, dass es diesen Bruch gibt. Wir konnten die Entscheidung nicht nachvollziehen und mussten uns irgendwie als Teil des Islands dazu positionieren.

Ihr empfandet das Eingreifen des Plenums in eure Arbeit als Zensur. Kannst du kurz erläutern inwiefern?

Es war bis dahin so: die Redaktion hatte inhaltliche Autonomie. Das Heft wurde zwar auch im Plenum vorgestellt, aber Entscheidungen über den Inhalt des Hefts wurden vom CEE IEH Plenum getroffen. Deswegen war es ja auch offen, und es wurde auch immer angekündigt, wann es ist und da konnten ja auch alle hinkommen und sich dort sozusagen um den Inhalt des Heftes kümmern. Es lief damals so, dass der Layouter im Conne Island Plenum gesagt hat, er hätte damit Bauchschmerzen und denke nicht, dass das Plenum es gut fände, das zu veröffentlichen. Woraufhin das Plenum dann auch gesagt hat, dass dieses Heft zu viele oder zu unausgewogene Positionen zu der Entscheidung enthalte und die eigene Position nicht kommuniziert werde und daher so nicht hinnehmbar sei.

Das Heft musste damals noch vor dem Plenum vorgestellt werden, bevor es veröffentlicht wurde?

Musste nicht, nein, das hat der Layouter von sich aus gemacht. Er war offensichtlich politisch nicht so auf der Linie der Redaktion und hat deswegen das Conne Island Plenum über den Inhalt des Heftes informiert. Ich glaube, unter Schülern würde so etwas Petzen heißen. Und das Conne Island Plenum hat einfach die Macht, die es faktisch ja hat – es ist sein Heft – zum ersten Mal ausgenutzt und unser Heft zensiert. Insofern, als es entschieden hat, dass es so nicht gedruckt werden darf. Es hat uns einen Text aufgezwungen, der uns erstens weit nach Redaktionsschluss geschickt wurde und hat andere Texte nicht drucken lassen. Für mich war die Ausgabe, die dann raus kam, ein fauler Kompromiss. In ihr hat dann ein Redakteur im Editorial subjektiv geschildert, wie es dazu kam. Die Selbstherrlichkeit, die uns da entgegengeschlagen ist, kommt in einem Satz auf den Punkt, den das Conne Island Plenum in seiner Positionierung zur Intervention im CEE IEH geschrieben hat: »Die Redaktion produziert autonom ihr Heft, insofern sie nicht das in sie gesetzte Vertrauen enttäuscht.« Das ist schon eine sehr paternalistische Art.

Aber ist es nicht auch in einem gewissen Maße legitim, diese Macht, die das Conne Island Plenum hat, zu nutzen, da die Redaktion ja auch ein Stück weit vom Island abhängig ist?

Also dass das Conne Island Plenum diese Macht hatte, ist erstmal schlicht offensichtlich und wurde auch eindrücklich bewiesen. Legitim fand ich es deswegen noch lange nicht. Es ist ein Unding zu behaupten, jemand kann ein Heft autonom produzieren, aber nur so lange das Vertrauen nicht enttäuscht wird. Was ist das? Ich hab durchaus Verständnis dafür gehabt, dass das Plenum große Bauchschmerzen mit so einem Heft hat, das ist ja klar. Es war ja auch unsere Absicht uns davon zu distanzieren und diese Entscheidung hart zu kritisieren. Aber ich bin nach wie vor der Meinung, dass das Plenum die Sache erstmal hätte schlucken müssen. Es hat sich davor jahrelang nicht für das Heft interessiert und jahrelang keine inhaltlichen Entscheidungen getroffen. Und jede_r von denen hätte auch sonntags mit zum Plenum kommen können. Und an so einem Punkt, wo es für das Plenum selbst sehr unangenehm ist und wo vielleicht auch der Finger in eine Wunde gelegt wird, da schreitet es ein?! Und wenn mehr Auseinandersetzungen, mehr Kommunikation zwischen Plenum und Redaktion gewünscht gewesen wäre, hätten wir das auch gut gefunden. Das haben wir auch alle als Missstand wahrgenommen. Dann hätte das eben ab da passieren müssen. Oder man hätte vielleicht im Heft danach etwas dazu schreiben können. Aber diesen Missstand zu erkennen und uns dann erstmal zu zensieren, hat mich einfach sehr abgeschreckt.

Und euch ja letztendlich dazu bewogen das Ganze an den Nagel zu hängen.

Ja, aber das selbst war es noch nicht. Was uns letztlich dazu bewogen hat, unsere Tätigkeit an den Nagel zu hängen war auch das, was uns in den Diskussionen danach entgegengeschlagen ist. Wir waren dann bei einigen Conne Island Plena dabei und es gab auch extra Treffen, um das auszuwerten und darüber zu reden, wie es um die Zukunft des CEE IEHs steht. Aber was da für ein Diskussionsklima herrschte, war für mich einfach nicht mehr erträglich. Für uns war es klar, dass das, was wir an der Stelle hätten machen können, das Führen eines politischen Kampfes um Einfluss gewesen wäre. Darum, wer am Laden Deutungshoheit gewinnt über Veranstaltungen oder ähnliches. Darauf hatten wir keine Lust, das wollten wir wirklich nicht und deshalb haben wir das Feld anderen überlassen. Und für uns stellte sich dann die Frage: »Wie lange kann man hier am Laden noch mitwirken ohne sich selbst mitschuldig zu machen an irgendwelchen Enwicklungen?« Wir haben entschieden, das nicht mehr mittragen zu wollen. Und sind deswegen zurückgetreten. Nicht wegen der Wertmüller-Sache, sondern wegen der Diskussion danach und wegen dem, was uns vorgeworfen und was von uns erwartet wurde.

In Halle hatte man nach der Wertmüller-Ausladung gewettert, »mit dieser Mischung aus Konformismus, Bigotterie und Peinlichkeit entwickelt sich das »Conne Island« letztlich zu einem stinknormalen autonomen Juzi: zu einem »Zoro« in groß, einem Bauwagenplatz mit Dach oder einer »Interim« in Kneipenform«. Hat sich diese Befürchtung deiner Meinung nach bewahrheitet?

Nein, ich würde sagen, damit tut man dem ZORO unrecht (lacht). Was daran schon stimmt, ist, dass das CEE IEH an Schärfe verloren hat. Ich hab das Conne Island nicht als so unbequem wahrgenommen, wie davor.

Das Conne Island oder der Newsflyer? Oder beides?

Ich würde sagen beides. Erstmal hab ich Abstand genommen und das Conne Island vorwiegend bei Konzerten als Konsument wahrgenommen. Und ich war der Sache auch überdrüssig und wollte nicht mehr so viel damit zu tun haben. Deswegen kann ich jetzt keinen sehr qualifizierten Blick darauf werfen. Aber was ich schon am CEE IEH geschätzt habe und weswegen ich damals auch zur Redaktion wollte, war einfach eine gewisse Bissigkeit. Und dass da auch mal Diskussionen geführt wurden, die unbequem waren. Zu Themen, denen sich andere linke Clubs nicht so gestellt hatten. Das CEE IEH wurde ja auch bundesweit verschickt und gelesen. Und es gab diese ganze Sache mit der Antifa-Kritik, da ging sehr viel vom Conne Island aus nach der Jahrtausend-Wende. Solche Impulse habe ich nicht mehr so stark wahrgenommen. Von daher ist schon etwas an der von dir zitierten Kritik dran, aber natürlich ist es überschätzt. Soll heißen, dass diese Causa Wertmüller/Zensur/Rücktritt für die allgemeine Entwicklung und die öffentliche Wahrnehmung des Conne Islands gar keine so große Relevanz hatte. Die handvoll Leute aus der linken Szene, denen das vielleicht wichtig war, die machen ja nur einen Bruchteil von denen aus, die das Island besuchen und wahrnehmen.

Also war für dich das Island schon auch immer mehr als ein »autonomes Juzi in groß«?
Ja, es war ein besonderes. Es gab natürlich auch noch andere, aber für mich war das schon immer mehr. Ich fand das schon sehr wertvoll, was hier gemacht wurde. Und ich finde natürlich viele Sachen, die das Conne Island macht, nach wie vor wichtig und wertvoll, ohne Frage. Aber ich find's eben lange nicht mehr so spannend.

Wie nimmst du die aktuelle Debatte um den Island-Text »Zwei Schritte vor, einer zurück« wahr, in dem das Problem einer starken Zunahme sexistischer Übergriffe durch Flüchtlinge bei Veranstaltungen des Conne Island thematisiert wird?

Gut, dass du es ansprichst. Da mochte ich das Conne Island wieder etwas besser leiden. Ich hatte den Eindruck, dass da längst überfällige Probleme angesprochen wurden, über die sich die Linke sonst schämt, zu sprechen. Das hat man ja auch an der Medienresonanz gemerkt, was das für ein dickes Ding ist. Dafür wünsche ich dem Conne Island alles Gute.
Und wie siehst du das Island und das CEE IEH so allgemein im Bezug auf aktuelle poltische Debatten und Entwicklungen? Als Redaktion nehmen wir das Fehlen von relevanten Debatten im CEE IEH als ein Problem wahr.

Also ich weiß von ein paar feinen Autoren, die sich nach der Wertmüller-Sache aus der Freien-Autoren-Liste rausnehmen lassen haben. Aus dem Grund, weil sie nicht das Feigenblatt sein wollten als kritischer Autor für einen Laden oder ein Magazin, was im Zweifelsfall solche Leute unter den Bus wirft. Ich weiß, dass viele Autoren vorher gern für das CEE IEH geschrieben haben, weil sie wussten, dass dort streitbare und auch unliebsame Positionen einen respektierten Platz hatten. Weil es kein Vertrauen mehr in das Conne Island Plenum gab, für diese Ausrichtung einzustehen, haben manche Autor_innen damals dem CEE IEH gemeinsam mit der Redaktion den Rücken gekehrt. Ich weiß nicht, wie das mittlerweile ist.
Ich vermute ja auch, dass die Leute, die jetzt das CEE IEH machen mit dem Dunstkreis, aus dem wir damals kamen, relativ wenig zu tun haben. Wenn ich hier nochmal anfangen würde, fänd ich es auch besser, diese Grabenkämpfe und Anfeindungen nicht mehr so auf dem Schirm zu haben. Am Anfang sollte man sich solche Unvoreingenommenheit leisten können. Und von daher wünsch ich euch als jetziger Redaktion natürlich das Allerbeste! Vor allem, dass ihr unter anderen Vorzeichen arbeiten könnt, als wir aufgehört haben!

Vielen Dank dafür und danke für das Interview!

Anmerkungen

(1) Das Café veröffentlichte in den 2000ern ein Magazin unter mit Titel »Tomorrow. Youth Against Establishment.«, dessen Ausgaben im Zeitschriftenreservoir des Conne Island Infoladens einzusehen sind.

(2) »Veranstaltung gegen die Realität. Oder: Die Krise in Personen. Heinrich / Ebermann / Lay / Beier am 26.02.09 im Conne Island. CEE IEH #164. 2009. https://www.conne-island.de/nf/164/24.html.

(3) »Leserbrief zum Leserbrief “Veranstaltung gegen die Realität” im CEE IEH #164«. CEE IEH #165. 2009. http://www.conne-island.de/nf/165/27.html.

16.12.2016
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