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CEE IEH-ARCHIV

#230, Februar 2016
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Aktuelles Heft

INHALT #237

Titelbild
OMG! Trump wird wirklich Präsident!
• das erste: »Das CEE IEH hat an Schärfe verloren«
• interview: »All die Sachen, die nicht mit dem Conne Island zu tun hatten, die haben überhaupt keinen Sinn mehr gemacht.«
• inside out: Zur Absage an Talib Kweli
Retrogott & Hulk Hodn
25YRS Conne Island Gala
Against Me!
Against Me!
Hot Christmas Hip Hop Jam #14
DON'T FORGET THE STREETS FEST
• review-corner event: »25YRS HipHop« im Conne Island – Ein Jahresrückblick
• kulturreport: »There's a sort of evil out there«
• doku: Fünf Tage im September 1991
• doku: Fehlende Aufarbeitung
• doku: Waffen für Hoyerswerda
• das letzte: 25 Jahre Mitarbeiter/in der Herzen
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Outside the Box #6

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Fehlende Aufarbeitung

»Die lokale Erinnerungspolitik im Kontext des ersten rassistischen Pogroms in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wirft bis heute Fragen auf.«

Eine Einschätzung der »Initiative Pogrom 91« aus dem AIB #92.

Die Vertragsabeiter_innen aus dem Wohnheim in der Albert-Schweitzer-Straße, die zum Zeitpunkt der Angriffe bereits seit Jahren in Hoyerswerda lebten und größtenteils aus Mosambik und Vietnam kamen, wurden bis zu ihrer Vertreibung hauptsächlich als billige Arbeitskräfte bei der Kohleförderung eingesetzt. Sie waren genau wie die 260 Menschen aus Europa, Asien, Afrika und Südamerika, die im Asylsuchendenheim in der Müntzerstraße wohnten, auch in den Jahren vor dem Pogrom alltäglichem Rassismus ausgesetzt. Sie erlebten Pöbeleien und tätliche Angriffe, eine Polizei, die sich weigerte, Anzeigen aufzunehmen und Verkäufer_innen, welche die Heimbewohner_innen in Geschäften nicht bedienten. Die Asylsuchenden mussten sich in ihrem Wohnheim mit durchschnittlich zwölf Personen eine Vier-Raum-Wohnung teilen, und durften außerdem keiner geregelten Arbeit nachgehen.
Mit der Wiedervereinigung endeten die Arbeitsvereinbarungen der Vertragsarbeiter_innen. Obwohl bereits im Vorfeld öffentlich bekannt war, dass sie aus jenem Grund sehr bald in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt werden sollten, wurde bereits kurz nach dem Ende der DDR der Ton gegen die »Gäste« in der Stadt rauer. Die Stimmung in der Bevölkerung, die über die Zeitungsberichterstattung aus jener Zeit vernehmbar war, wurde immer aggressiver. »Die Behörden sollten zweifellos schnellstens die Situation in den Griff bekommen. Sonst tun dies vielleicht andere«, hieß es etwa in einem Beitrag des Wochenspiegels Anfang September 1991 über eine Bürgerversammlung, die den Konflikt um das Wohnheim der Asylsuchenden zum Thema hatte.
Was dann am 17. September 1991 mit dem Überfall von Neonazis auf eine Gruppe von Händler_innen aus Vietnam begann, weitete sich schließlich zu tagelangen Angriffe gegen die in Hoyerswerda lebenden Vertragsarbeiter_innen und Asylsuchenden aus. Vor ihren Wohnheimen wüteten über eine Woche Neonazis und BürgerInnen: viele waren aus Hoyerswerda, einige der Neonazis waren aus ganz Deutschland angereist. Bis zu 500 Menschen standen gemeinsam vor den Heimen, schmissen Steine und Molotowcocktails, riefen rassistische Parolen und klatschten Beifall. Im Verlauf der Angriffe wurden auch Neonazis am Wohnheim der Vertragsarbeiter_innen entdeckt, die Benzinkanister bei sich trugen. Die Polizei sah sich nicht im Stande, die Angriffe zu beenden. Schließlich wurden unter dem Beifall von Neonazis und BürgerInnen die Vertragsarbeiter_innen und Asylsuchenden evakuiert. Fast alle mosambikanischen Vertragsarbeiter_innen mussten direkt nach Frankfurt zur »freiwilligen« Abschiebung. In einem Appell an den Berliner Innensenator von einer Gruppe von 40 Heimbewohner_innen, denen die Flucht nach Berlin gelang, hieß es: »Wir mussten Schutz finden. Es gab keinen anderen Platz zur Flucht als Berlin, wo unsere momentane Sicherheit durch die große Hilfe einer Kirchengemeinde und die beständige Arbeit autonomer Gruppen gewährleistet ist«. Die Angriffe von Hoyerswerda sorgten weltweit für Aufsehen in den Medien und Empörung in der Politik. Auch die radikale Linke reagierte und so zogen am Wochenende nach dem Pogrom etwa 4000 Menschen mit einer antirassistischen Demonstration durch die Stadt.
Das rassistische Pogrom von Hoyerswerda war der Auftakt zu einer ganzen Reihe von ähnlichen Angriffen, die sich z.B. in Rostock, Solingen und Mölln ereigneten und bald auch erste Todesopfer forderten. In Folge jener Welle rassistischer Gewalt wurden 1993 die Asylgesetze in der Bundesrepublik geändert. Für Flüchtlinge war es danach sehr viel schwieriger Asyl in Deutschland zu erhalten. Der Hass auf der Straße wurde somit auch durch die bundesdeutsche Innenpolitik legitimiert: »Wenn das Volk uns die Legitimation entzieht, müssen wir unsere Politik ändern«, kommentierte der damalige SPD-Vorsitzende Engholm diese Vorgänge.
Bestärkt durch die erfolgreiche Vertreibung der Vertragsarbeiter_innen und Asylsuchenden entwickelte sich Hoyerswerda bald zu einer Hochburg der Neonazis. Nachdem »Ausländer« nicht mehr als Angriffsfläche zur Verfügung standen, richtete sich die Gewalt nun mehr gegen Menschen, die sich auf den Straßen als links oder alternativ zu erkennen gaben oder dafür gehalten wurden. Die Gewalt der Neonazis in und um Hoyerswerda gipfelte schließlich in zwei Morden: im Oktober 1992 provozierten Neonazis in einer Diskothek in Geierswalde bei Hoyerswerda, in Folge dessen wurde die Kellnerin Waltraud Scheffler von einem der Neonazis mit einer Holzlatte erschlagen. Nur wenige Monate später, im Februar 1993, überfielen Neonazis eine alternative Party in Hoyerswerda. Der 22jährige Maik Zerna starb, nachdem die Neonazis ihn erst niederschlugen und dann einen Transporter auf ihn kippten.
Trotz der immensen Tragweite der Ereignisse von 1991 für nachfolgende Entwicklungen in der Bundesrepublik, sowie ihren weitreichenden Folgen vor Ort, bis hin zum Mord an Waltraud Scheffler und Maik Zerna, gab es in der Stadt bisher kaum nennenswerte Versuche, die damaligen Geschehnisse angemessen aufzuarbeiten. Stattdessen war man stets darum bemüht, die Angriffe auf die Wohnheime in der Öffentlichkeit herunterzuspielen und die anhaltenden Aktivitäten von Neonazis vor Ort zu leugnen. Fast immer, wenn das rassistische Pogrom öffentlich thematisiert wurde, ging es hauptsächlich darum, den dadurch entstandenen Rufschaden für die Stadt wieder wett zu machen und sich mit der Konstruktion einer eigenen Opferrolle gegen jegliche Kritik an dieser Praxis zu immunisieren.
Mit den Worten: »Die Erinnerung an diese 15 Jahre behalten wir Hoyerswerdaer uns selbst vor«, kommentierte 2006 der damalige Oberbürgermeister Horst Dieter Brähmig eine antirassistische Demonstration, die zum 15. Jahrestag der Ereignisse in Hoyerswerda stattfand und sich klar gegen eine »kollektive Verdrängung« der Geschehnisse positionierte. VertreterInnen der Stadt errichteten am selben Tag eine Stele, welche die Inschrift »Im Gedenken an die extremistischen Ausschreitungen von September 1991« trug. Es wurde nicht auf die Perspektive der Betroffenen eingegangen, die rassistische Motivation der TäterInnen von damals wurde ausgeblendet und somit relativiert. Auch die schlichte Anerkennung der Tatsache, dass eben auch »ganz normale HoyerswerdaerInnen« an den Angriffen beteiligt waren, blieb ein weiteres Mal aus.
Was im September 1991 geschah, sollte nach 20 Jahren endlich auch in Hoyerswerda klar als rassistisches Pogrom bezeichnet werden. Eine ernstgemeinte Aufarbeitung wird erst dann möglich, wenn anerkannt wird, dass es BürgerInnen aus Hoyerswerda selbst waren, die sich maßgeblich an den Angriffen beteiligten und dass die offene Sympathie für die TäterInnen und das akzeptierende Stillschweigen großer Teile der Hoyerswerdaer Bevölkerung die Ereignisse überhaupt erst ermöglichten. Auch wenn es zum 20. Jahrestag des rassistischen Pogroms zumindest eine Ausstellung gibt, welche die Ereignisse umfassender thematisieren soll, fehlt auch heute noch ein Ort der dauerhaften Erinnerung. Daher setzen wir uns unter anderem für die Errichtung eines Mahnmales ein, das ein Vergessen der Geschehnisse vom September 1991 unmöglich machen soll.

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05.12.2016
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