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Filmriss Filmquiz
Kleine Bühne Smokers Special

25 Jahre nach dem rassistischen Pogrom von Hoyerswerda
Räbbordy #2 - Das Hip Hop Quiz
DEATH INDEX / LA VASE (CAFEKONZERT)
Endstation Griechenland. Flucht in eine Sackgasse.
Wheelchair Skate Day
Skeletons, White Wine Double Release
All4HipHopJam 2016
Boysetsfire + Wolf Down
• review-corner event: Tag der offenen Tür in der Flüchtlingsunterkunft Braunstraße
• position: »The world has avoided another war«
• doku: Unser Elend ist euer Kapital!
• doku: „Im Tal der Ahnungslosen“ – Rassismus in Sachsen damals wie heute
• doku: Offene Grenzen als Utopie und Realpolitik
Digitalisierung und soziale Verhältnisse im 21. Jahrhundert
• das letzte: Die IHK Leipzig im Kampf um Freiräume für Investorenträume
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Tag der offenen Tür in der Flüchtlingsunterkunft Braunstraße

Für alle die sich schon immer fragten wie wohl deutsche Willkommenskultur materiell aussieht, ist jetzt der Moment gekommen: Am Freitag, dem 8. April, durfte auf Einladung der Landesdirektion Sachsen einmal ein Blick in eine Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete geworfen werden. Ein Feeling, dass niemandem vorenthalten werden sollte.

Eine der ungeschriebenen Grundregeln des Immobilienmarktes ist ja: »Lage! Lage! Lage!«, und die ist bei der Wahl der Geflüchtetenunterkunft in der Braunstraße 3-5, die für bis zu 900 Geflüchtete ausgelegt sein soll, auf jeden Fall sehr vernachlässigt worden. Gut gelegen im Industriegebiet kommt eher ein Werkshallenflair auf und die bereits mit dem Normalverkehr überlastete Buslinie ist nun auch nicht gerade die »State of the art«-Anbindung in die City.

Aber bevor ich hier etwas vorwegnehme mal ganz von vorn:

Wer vor der Unterkunft ankommt wir von einem Drahtzaun mit grüner Gewebeverkleidung empfangen. Zwischen den Zäunen befindet sich eine Container-Einlassschleuse, die mit Sicherheitskräften besetzt ist. Die Unterkunft ist also gut von der Außenwelt abgeschirmt. Das einzige, fast freundlich wirkende, ist das Deutsches Rotes Kreuz-Banner neben dem Eingang. Dieses Gefühl verliert sich aber beim Anblick der doppeltürigen Schleuse, in der Sicherheitskräfte stehen, schnell.

Hinter der Schleuse findet sich dann ein Innenhof, der den Charme eines Containerhafens hat (Bild 1). Auch der Rest des Außenbereichs hat eher den bereits erwähnten Werkshallenflair und das konsequente grau in grau trägt nicht gerade zur Aufmunterung bei (Bilder 2/3). In den Containern befinden sich die bürokratischen Apparate der Einrichtung, sowie ein Untersuchungszimmer (Bild 4) und Aufenthaltsräume (Bild 5). Die Einrichtung des Untersuchungszimmers und der Aufenthaltsräumlichkeiten gestaltet sich jedoch – freundlich formuliert - sichtbar spartanisch.

Bevor diese Schöner Wohnen-Albträume jedoch genutzt werden dürfen, müssen Geflüchtete sich noch registrieren lassen. Dies geschieht in einer der Baracken mit einem Warteraum, der dem Aufenthaltsraum nicht ganz unähnlich ist. Von dort aus geht es in einen der Registrierungsräume, in denen alle Personalien aufgenommen werden und ein Ausweisdokument mit Lichtbild ausgestellt wird (Bild 6). Davor lassen sich auch gleich alle Unterkunftsregeln finden, die als Piktogramme dargestellt sind.

Wer diese Prozedur hinter sich hat und ein Quartier in den Baracken ergattern konnte, findet sich in einem Mehrbettzimmer mit Stockbetten wieder, in denen bis zu acht Menschen pro Raum schlafen können (Bild 7). Die Matratzen sind dabei so dünn, dass man glauben könnte, man schliefe auf dem stählernen Lattenrost. Auf Privatsphäre wird insofern Wert gelegt, dass man die Bewohner_innen davor schützen möchte. Selbst wenn die Chance bestehen sollte, mal allein in einem der Zimmer zu sein, kann die komplette Baracke jedes Geräusch hören, was an den viel zu dünnen und zur Decke hin unabgeschlossenen Metalltrennwänden liegt.

Eine ähnlich angenehme Situation bieten die sanitären Einrichtungen. Diese sind im Vergleich zu den Wohnbaracken in einem schlichten sandfarbenen Ton gehalten. Selbst beim Duschen bietet sich leider nicht die Chance auf Privatsphäre, denn diese sind immer für drei Menschen ausgelegt. Die Edelstahltoiletten erfüllen einen Bequemlichkeitsgrad, der den meisten Menschen wohl sonst nur von Autobahnraststätten und Clubs wie dem Conne Island oder dem IfZ geläufig ist. Wer nach der Verrichtung der Notdurft seinen hygienischen Ansprüchen gerecht werden will, sollte die Waschbecken oder besser: Waschrinnen, nicht mit den Pissoirs verwechseln, denn letztere unterscheiden sich auf den ersten Blick nur durch einen Mangel an Wasserhähnen. Auch ästhetische Ansprüche müssen zurückgesteckt werden, denn in der ganzen Unterkunft findet sich nicht ein einziger Spiegel. Immerhin ist theoretisch ein Waschraum vorhanden. Leider war dieser zum Zeitpunkt der Begehung noch nicht ausgestattet (Bild 8), daher lässt sich über Qualität oder Funktion dieses Raums nichts sagen.

Die Grundversorgung mit Nahrungsmitteln ist zwar gewährleistet, schwankt allerdings irgendwo zwischen der Atmosphäre eines Oktoberfestzelts und einer Betriebskantine. Die Essensausgabe wirkt ein wenig wie eine Teeküche, wo es gegen einen geringen Obolus Kaffee und Kuchen zu kaufen gab (Bild 9). Dieser konnte dann auf den brandneuen Bierbänken genossen werden, die generell die einzige Sitzgelegenheit in der Unterkunft  darzustellen schienen.

Natürlich muss fairerweise gesagt werden, dass es zu diesem Zeitpunkt noch eine Woche bis zur eigentlichen Eröffnung dauern würde. Was in diesem Zeitraum an positiven Entwicklungen vonstatten gehen kann, war jedoch offen. Zu hoffen ist, dass dann zumindest die Grundversorgung, etwa mit Strom und Waschmaschinen vollumfänglich gewährleistet ist. Denn gut die Hälfte der Baracken, inklusive einer der Sanitärbaracken, waren nach Sonnenuntergang nicht benutzbar. Zudem war nur ein Teil der eigentlichen Anlage begehbar, da der restliche Teil nach Angaben der Sicherheitskräfte wohl noch nicht fertig sei.

Die an jeder Ecke präsenten Sicherheitskräfte wurden an diesem Tag von der Sächsischen Wach- und Schließgesellschaft gestellt. Das Fotografieren war nicht unbedingt erwünscht und es gab einige Versuche, über den angeblichen Anspruch auf das Recht am eigenen Bild Besucher_innen am Fotografieren zu hindern.

Es stellte sich also sogar in den zwei Stunden, in denen die Unterkunft ihre Pforten öffnete, bereits ein Lagergefühl ein. Und sogar Besucher_innen, die zu Beginn der angebotenen Führung noch Fragen äußerten, die durchaus einen fremdenfeindlichen Hintergrund vermuten lassen, hatten am Ende der Führung Erkenntnisse wie: »So will doch keiner leben!« Natürlich kam die Gegenargumentation, es sei doch nur eine Erstaufnahmeeinrichtung. Aber nach dem Asylpaket II können Menschen über Monate bis zu ihrer potentiellen Abschiebung in diesen Erstaufnahmeeinrichtungen festgehalten werden und dabei gilt die Unterkunft in der Braunstraße sogar als eine Vorzeigeeinrichtung.


[Max Mustermann]

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24.05.2016
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