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Antifa Gençlik. Eine Dokumentation (1988-1994)
Der Letzte der Ungerechten
Block Party im CI mit: Radio Love Love (Hulk Hodn, Twit One & Memyselfandi) Eloquent & Hulk Hodn (Sichtexot) Skor Rokswell & Rufus Grimes & Shape (VARY)
The One — Unplugged
DRUM AND BASS RELOADED 2000 Teil 3
Rocko Schamoni & Tex M. Strzoda
Sheer Terror + Lousy + The Detained
Le Butcherettes
Gespräch mit Peter Finkelgruen und Filmvorführung von «Unterwegs als sicherer Ort»
Turnstile + Forced Order
WORD! cypher
Klub: Electric Island presents: KANN X GIEGLING X 24h
Die Nerven
„Zweimal nein heißt einmal ja“?
Ryker´s, Scheiße Minelli und Risk it!
OXO 86 + Support
• review-corner event: 1st Transnational Beyond Europe Camp: Solidarity Against the Exploitation of Life by Capital and State
• review-corner event: «Bildet Banden!» Für eine solidarische und diskriminierungskritische Kulturarbeit
• review-corner film: Pixels
• review-corner buch: „Gib auch uns ein Recht auf Leben!“
• doku: »Wir sind das Pack«: Von Hoyerswerda nach Heidenau
• doku: Schein der Freiheit
Herbst
• das letzte: Vegetativ-Recherche von der Rückbank

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Dieser Text ist einer Broschüre der Leipziger Gruppe mfg [meine frauengruppe] entnommen. Diese beschäftigen sich seit einiger Zeit mit Vortragsveranstaltungen, die im Rahmen der Jugendbildungsarbeit entstanden sind. Dabei hat sich die Form der kritischen Lesung entwickelt, die die Vorstellung eines feministisch fruchtbaren Romans mit interpretierenden Einschüben verbindet und so das Theoretische künstlerisch illustriert. Die folgenden Ausführen basieren auf einem dieser Vorträge, mussten allerdings in der Verschriftlichung gekürzt werden und findet sich auch in einer Broschüre der Gruppe wieder, die auch im Infoladen ausgeliehen werden kann.



„Gib auch uns ein Recht auf Leben!“

Quell der Einsamkeit: Eine kritische Lesung über die Utopie der lesbischen Liebe

Mit sieben Jahren empfand Stephen zum ersten Mal einen unentrinnbaren Drang, zu lieben. Ihren Vater betete sie an; aber das war etwas ganz anderes. Er war ein Teil von ihr, war immer da gewesen; ohne ihn konnte sie sich die Welt einfach nicht vorstellen.

Mit Collins, dem Hausmädchen, verhielt sich die Sache anders. Collins war das blühende Leben selber, mit vollen Lippen und vollen Brüsten – für eine Zwanzigjährige allerdings reichlich üppig. Doch ihre Augen waren ungewöhnlich blau und bestrickend, voll reizender Neugier zudem. Stephen hatte Collins zwei Jahre lang die Treppen fegen sehen und war unbemerkt an ihr vorübergegangen. Aber eines Morgens schaute Collins hoch und lächelte sie plötzlich an. Da wußte Stephen, daß sie Collins liebte – eine bestürzende Offenbarung!

Collins sagte höflich: „Guten Morgen, Miß Stephen.“

Sie hatte stets „Guten Morgen, Miß Stephen“ gesagt, aber bei dieser Gelegenheit klang es lockend, so lockend, daß Stephen Lust bekam, Collins zu berühren. Ziemlich unsicher streckte sie ihre Hand aus, um ihr über den Arm zu streichen …

Margaret Radclyffe Halls Roman Quell der Einsamkeit wurde sofort nach seinem Erscheinen 1928 gemäß dem britischen „Obszönitätsparagraphen“ verboten und erschien jahrzehntelang nur in Raubkopien und illegalen Kleinauflagen. Dennoch wurde er für einige Generationen Mädchen und Frauen einer der ersten und einer der ganz wenigen explizit lesbischen Texte, die sie in die Hände bekamen.

Im Vergleich mit Orlando von Virginia Woolf, einem anderen lesbischen Klassiker, der im selben Jahr publiziert wurde, wirkt Quell der Einsamkeit heute viktorianisch-langatmig und überladen von Klischees und Symboliken. Aber wie so häufig lässt sich gerade an der etwas schablonenhaften Handlung und Sprache die herrschende Ideologie der Zeit ablesen, und genau darum soll es uns gehen: um die biologistische Begründung und Verteidigung von Homosexualität, die in den 1920ern ähnlich aktuell war wie heute.

Und ganz nebenbei erzählt Quell der Einsamkeit eine wunderbar traurige und pathetische Lebens- und Liebesgeschichte, die der Leserin die Kontinuität lesbischer Erfahrungen eindringlich bewusst macht.

Bürgerliches Frauenbild und heteronormativer Charakter aller Begehrensformen

Protagonistin des Romans ist Stephen Gordon, eine Heldin wie aus dem Bilderbuch: schön, stark, edelmütig und reich. Sie hat nur einen Fehler: Sie ist, was im Buch „invertiert“ genannt wird, d. h. sie liebt Frauen. Dies ist vornherein klar und unabänderlich, so sehr Stephen auch dagegen ankämpft. Die invertierte Veranlagung prägt ihr gesamtes Leben; sie bewirkt, dass Stephen von Anfang an auf sich allein gestellt ist. Sie lebt in einer Phantasiewelt und identifiziert sich mit Romanfiguren und den Pferden und Hunden auf dem väterlichen Gut. Ihre Andersartigkeit verurteilt sie zur Einsamkeit – trotz Stephens unermüdlichem Bemühen um Freundschaften und Liebesbeziehungen.

Wie an den nächsten Textpassagen deutlich wird, reproduziert Radclyffe Hall mit der Figur Stephen Gordon, vor allem aber deren weiblichen Liebesobjekten das bürgerliche Frauenbild, wie es sich mit dem Kapitalismus durchgesetzt hat: Die Natur wie auch die innere Natur der Menschen, die Triebe, die seit dem Beginn der kapitalistischen Produktionsweise auf nie dagewesene Weise beherrscht werden müssen, werden vom lohnarbeitenden Subjekt auf die Frau projiziert. Dadurch wird es ideologisch notwendig, Frauen zu domestizieren und zu zähmen, um die Triebe (scheinbar) unter Kontrolle zu bekommen. Das Frauenbild konzentriert sich fortan auf die sittsame Hausfrau und Mutter, die Sexualität nur zu Fortpflanzungszwecken anstrebt bzw. hinnimmt. Dieses patriarchale Phantasma des Weiblichen wird in Quell der Einsamkeit sehr klar von Stephens Mutter verkörpert:

Lady Anna Gordon hielt als Braut von knapp zwanzig ihren Einzug ins Herrenhaus Morton. Sie war damals ein schlankes Geschöpf, unberührt und rein. Schön war sie, wie nur eine Irin schön sein kann. Ausgeglichenheit und stolze Ruhe lagen in ihrem Auftreten, sehnsüchtiges Verlangen in ihrem Blick. Ihr Körper war lockendes Versprechen. Sie war das Urbild der vollkommenen Frau, die Gott geschaffen und für gut befunden hat.

Dieses Bild, das Frauen zum perfekten Objekt männlicher Wunscherfüllung halluziniert, negiert, dass es etwas wie ein eigenständiges weibliches Begehren gibt. Die gezähmte, hingebungsvolle, empfangsbereite Frau ist Teil einer heteronormativen Vorstellung von Sexualität, in der der Mann den aktiven und kontrollierenden Part einnimmt. Es ist also kein Wunder, dass in der Ära der bürgerlichen Sexualwissenschaften ernsthaft diskutiert wurde, ob Frauen überhaupt orgasmusfähig seien.

Im Rahmen dieser patriarchalen Vorstellungen von Sexualität wird Leidenschaft zwischen Frauen zu etwas Undenkbarem – auch aus anatomischen Gründen, bedeute Geschlechtsverkehr doch stets die (vaginale) Penetration mit dem Penis. Während männliche Homosexualität als widernatürliche Sünde gilt und hart bestraft wird, wird lesbische Liebe hingegen in die Unsichtbarkeit gedrängt und wird, vom Beginn der Moderne bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, praktisch überhaupt nicht mehr erwähnt. Diese Verdrängung weiblicher Homosexualität, die mit der zweifachen Benachteiligung von Lesben als Frauen und als Homosexuellen zu tun hat, ist bis heute aktuell – man vergleiche z. B. die Repräsentanz im öffentlichen Raum oder auch die ökonomische Situation von Lesben mit der von Schwulen und von heterosexuellen Frauen und Männern. Damit wird einerseits die Bildung einer lesbischen Identität erschwert bis unmöglich gemacht; andererseits sind damit mehr Freiräume und weniger Verfolgung verbunden, als sie Schwule erfahren. Zu Radclyffe Halls Zeiten galten lesbische Beziehungen zumeist als Freundschaften, gefahrlos für die Jungfräulichkeit oder die Ehe der Liebenden.

Und auch die Lesbe Radclyffe Hall, die ihren Roman als Plädoyer für Toleranz gegenüber der Liebe zwischen Frauen verfasste, kann sich diese Liebe nicht anders vorstellen, als (symbolisch) doch noch den Penis ins Bett zu holen: Die Bedingung der lesbischen Liebe ist in Quell der Einsamkeit die Vermännlichung einer der beiden Partnerinnen. Damit bedient sie sich des Gegensatzpaars Butch und Femme, d. h. der männlichen und weiblichen Lesbe, die zusammen ein Paar nach heterosexuellem Vorbild inszenieren. Stephen entspricht der prototypischen Butch, der „eigentlichen“ Lesbe, die sich in prototypische Mädchen verliebt: zarte, sanfte, fügsame und schutzbedürftige Geschöpfe, die auf ein männliches Gegenüber angewiesen sind. Mit der Übernahme dieser traditionellen Frauenrolle einher geht das Problem, dass feminine Lesben häufig nicht als Lesben ernst genommen werden – nicht nur in der Literatur, sondern auch bis heute in der lesbischen oder queeren Community.

Stephen hingegen verfügt in ihrem weiblichen Körper über alle klassischen männlichen Tugenden: Sie ist sportlich, hochgebildet, dient im 1. Weltkrieg im Militär und verfolgt zielstrebig ihre Karriere als Schriftstellerin. Dazu passt ihr männlicher Vorname, zu dem sie gekommen ist, weil ihre Eltern sich so sehr einen Jungen gewünscht und vorgestellt hatten, dass trotz des weiblichen Geschlechts des Babys kein anderer Name in Frage kam. Auch körperlich äußert sich Stephens Männlichkeit von vornherein in ihrer androgynen Gestalt; schon als Baby wird sie – etwas absurderweise – als „eine schmalhüftige, breitschultrige kleine Kröte“ beschrieben. In der Pubertät wird ihre Androgynität schließlich zum Problem.

Mit siebzehn überragte Stephen Anna, die im allgemeinen für eine Frau schon als ziemlich groß galt. Aber trotzdem war Stephen hübsch in ihrer flachbrüstigen, breitschultrigen und schmalhüftigen Erscheinung. Ihre Bewegungen hatten etwas Selbstbewußtes; sie waren ausgewogen und von der selbstverständlichen Sicherheit eines Sportlers. Ihre Hände, wenn auch für Frauenhände reichlich groß, waren schlank und peinlich gepflegt: Sie war stolz auf sie. Ihr Gesicht hatte sich seit der Kindheit sehr wenig verändert, es hatte den großzügigen, toleranten Ausdruck Sir Philips beibehalten.

Der einzige Wandel bestand darin, daß die Ähnlichkeit zwischen Vater und Tochter sich noch vergrößert hatte: Die Gesichtsknochen zeichneten sich noch klarer ab, seit die kindliche Fülle verschwunden war, und es zeigte sich, daß sie genauso energisch gestaltet waren wie die Sir Philips. Das kräftige Kinn mit dem Einschnitt, die schön geschwungenen, sensitiven Lippen waren völlig die seinen. Fraglos ein schönes, überaus anziehendes Gesicht; doch hatte es etwas an sich, das sich schlecht mit den Hüten vertrug, auf denen Anna bestand – riesigen, mit Bändern, Rosen oder Tausendschönchen garnierten Hüten, von denen sie annahm, sie machten Stephens Gesichtszüge sanfter.

In der Zeit herrschte zwischen beiden ständig Krieg wegen der Kleiderfrage – der unvermeidliche Zusammenprall zweier gegensätzlicher Naturen, die in der Kleidung ihr eigenes Wesen zum Ausdruck zu bringen suchten. „Na, gib schon her“, sagte Stephen ziemlich schroff und entriß ihrer Mutter das schöne Kleid aus London. Dann stürzte sie damit hinaus und zog es völlig falsch an, so daß Anna ganz verzweifelt aufseufzte. Sie versuchte dann, durch Glattstreichen, Zurechtzupfen, Auf- und Zuknöpfen beide, Kleid und Trägerin, miteinander auszusöhnen, deren feindliche Gefühle offenbar gegenseitig waren. Stephen hatte dabei das Gefühl, das ihr ein Unrecht widerfuhr, das sie nicht begriff. Sie riß sich das Kleid vom Leib und schleuderte es von sich. Sie wünschte sehnlichst, es zu zerfetzen, zu zerstören, sehnte sich danach, sich selbst in Stücke zu reißen, während sie die ganze Zeit über den Eindruck nicht loswurde, daß ihr ein Unrecht geschah.

Freispruch durch Pathologisierung

Die Erklärungsmuster für Stephens „Invertiertheit“ sind ganz eindeutig biologistischer und pathologisierender Natur. Als weibliche Homosexuelle, also als sogenanntes drittes Geschlecht, das sich durch eine Männerseele im Frauenkörper auszeichnet, stößt Stephen alles Weibliche instinktiv von sich: frauenspezifische Tätigkeiten, Gesten und Kleidungsstücke sowie die Bereitschaft, als Objekt männlichen Begehrens zu dienen. Diese Abstoßung vollzieht sich unabhängig von ihrem Willen: Laut dem biologistischen Determinismus, wie er mit Darwins Evolutionstheorie aufkam, ist Homosexualität eine ganz natürliche, ununterdrückbar feststehende Spielart menschlichen Sexualverhaltens.

Im Roman wird diese sexualwissenschaftliche Diagnose mit Richard von Krafft-Ebing hergeleitet. Krafft-Ebings Psychopathia sexualis von 1886 steht im Bücherschrank von Stephens Vater, der früh ahnt, in welche Richtung es mit seiner Tochter geht. In diesem Werk wird Homosexualität als erbliche Nervenkrankheit beschrieben, die in der Natur ab und zu vorkommt – nicht als unmoralische Haltung oder freiwillige Entscheidung. Der Homosexuelle als schuldlos Kranker, argumentiert Krafft-Ebing, dürfe nicht gesellschaftlich ausgegrenzt oder strafrechtlich verfolgt werden. Dieser Freispruch durch Pathologisierung war im ausgehenden 19. Jahrhundert durchaus eine fortschrittliche Ansicht, die von der beginnenden Homosexuellenbewegung begeistert aufgegriffen wurde.

Hier zeigt sich ein Paradox der Lesben- und Schwulenemanzipation: Gerade durch die Pathologisierung, die klare physiologische, psychische und charakterliche Unterscheidungsmerkmale liefert, wird die Herausbildung einer spezifischen homosexuellen Identität möglich. Durch sie werden Homosexuelle als politische Interessengruppe organisierbar, die sich untereinander solidarisieren und gemeinsam gegen ihre Unterdrückung kämpfen kann. Born that way: Seit den Anfängen der Lesben- und Schwulenbewegung wird mit dieser Begründung für Toleranz und Normalisierung geworben – obwohl sich die politische Liaison mit dem Biologismus historisch als Irrweg erwiesen hat, führt dieser doch immer wieder zur Abwertung aller sexuellen Orientierungen, die nicht der patriarchalen Heteronorm entsprechen. Unter dem ideologischen Deckmantel der Gleichheit aller sexuellen Differenzen ist der Biologismus seit den 1990er Jahren wieder im Anmarsch und befasst sich seither mit der Phantomjagd nach dem Schwulen-Gen und erhöhten Testosteronausschüttungen bei potenziell lesbischen Babys.

Erstaunlicherweise findet sich dieselbe Verabsolutierung von Sexualität, die von gesellschaftlichen Zusammenhängen nichts wissen will, im Queerfeminismus, der eigentlich angetreten ist, um die biologistische Pathologisierung von Homo-, Bi- und Transsexualität zu kritisieren. Leider erschöpfen sich dekonstruktivistische Forderungen in einer Anerkennungsrhetorik, die politisch wichtig ist, aber gesellschaftstheoretisch nichts einbringt. Jede Ursachenforschung hinsichtlich geschlechtlicher und sexueller Orientierung gilt im Queerfeminismus bereits als Diskriminierung, weil jede Erklärung Teil eines Diskurses sei, der nach Macht und Unterdrückung strebt, also wieder normierend wirke. Folglich wird Natur als Ursache von Geschlechtlichkeit völlig abgelehnt bzw. als Naturalisierung verdammt. Sexuelle Identitäten werden als unhinterfragbar und unbegründbar absolut gesetzt: Ähnlich wie im Biologismus ist auch das dekonstruktivistische Individuum auf keine Weise gesellschaftlich vermittelt, es will ganz und gar nur für sich stehen. Das ist als Reaktion auf die lange und schlimme Geschichte der Pathologisierung verständlich – aber als Kritik völlig unzureichend.

Sowohl im Biologismus alter und neuer Prägung als auch im Dekonstruktivismus wird der gesellschaftliche Kontext von Begehrensformen im Kapitalismus ausgeblendet. Ein Blick in die Geschichte und die sozialkonstruktivistische Kritik des herrschenden Geschlechterverhältnisses hingegen legt nahe, dass Homosexualität kein ahistorisches und natürliches, sondern, wie Heterosexualität auch, ein soziales Phänomen ist, das eng mit der kapitalistischen Moderne zusammenhängt. In dieser wird alles, was nicht der patriarchalen Zweigeschlechtlichkeit und der damit verbundenen Heterosexualität entspricht, sanktioniert. Wie oben angerissen, liegt in diesem Ausschluss jedoch die paradoxe Bedingung ihres legitimierenden Einschlusses: Mit der heterosexuellen Norm wird zugleich ihr homosexuelles Anderes konstituiert und dadurch als eigenständige Begehrensform und Identitätsmöglichkeit überhaupt erst denkbar.

Dass offen lebende Homosexuelle, trotz aller Sehnsucht nach bürgerlicher Normalität, immer wieder mit dem gesellschaftlichen Ausschluss konfrontiert sind, wird thematisiert in Stephens Skrupeln, ihre große Liebe, die zehn Jahre jüngere Mary Llewellyn, in eine Liebesbeziehung zu verwickeln:

Stephen mußte Mary mit der ganzen grausamen Wahrheit bekannt machen. Sie mußte ihr sagen: „Ich bin eine von denen, die Gott verabscheut hat. Wie Kain bin ich gezeichnet und mit einem Makel behaftet. Wenn du dich mir anschließt, Mary, wird die Welt dich verabscheuen, wird dich verfolgen, wird dich obszön und schmutzig nennen. Mag unsere Liebe bis in den Tod und darüber hinaus andauern, mag sie noch so treu und ehrlich sein – die Welt wird sie schmutzig und obszön nennen. Wir mögen noch so sehr darauf bedacht sein, niemandem mit unserer Liebe auch nur das geringste Leid zuzufügen, wir mögen uns dank unserer Liebe noch so verständnisvoll und fürsorglich zeigen – das alles bewahrt dich nicht vor der gehässigen Verfolgung durch eine Welt, die sich von deinen edelsten Motiven abwendet und in dir nur Gemeinheit und Schändlichkeit erblicken will. Dabei wirst du Männer und Frauen zu Gesicht bekommen, die sich gegenseitig mit Schmutz bewerfen und in den Dreck ziehen und die ihre Sünden auf ihre Kinder abwälzen. Untreue, Lug und Trug wirst du bei denen zu Gesicht bekommen, denen die Welt laut Beifall zollt. Du wirst herausfinden, daß viele von ihnen hartherzig, gierig, selbstsüchtig, grausam und wollüstig sind, und dann wirst du dich an mich wenden und wirst sagen: ‚Du und ich verdienen mehr Achtung als diese Menschen. Warum verfolgt uns also die Welt, Stephen?’ Und ich werde dir antworten müssen: ‚Weil sich auf dieser Welt nur das sogenannte Normale der Duldung erfreut.’ Und wenn du zu mir kommst, um bei mir Schutz zu suchen, dann muß ich dir sagen: ‚Ich kann dich nicht beschützen, Mary; die Welt spricht mir das Recht dazu ab. Ich bin hilflos – ich kann dich nur lieben.’“

Im „Lebenskampf“, für den die Individuen unterschiedlich gerüstet sind, zeigt sich die zeitgenössische sozialdarwinistische Argumentation: Die mädchenhafte Mary braucht jemanden, der für sie sorgt; es ist klar, dass dies in Stephens Verantwortung läge, wenn sie mit Mary eine Liebesbeziehung eingeht. Der Sozialdarwinismus äußert sich in Quell der Einsamkeit in der Berufung auf Natur und Gott als schöpferische Instanzen, die die Individuen hervorbringen, aber auch ihre gesellschaftliche Stellung bestimmen. Als Stephen und Mary schließlich doch ein Paar werden, folgen sie ihrer verirrten Natur – und diese Natürlichkeit legitimiert ihre Liebe, gibt ihr einen Platz in Gottes Schöpfung und enthebt die Liebenden jeder Schuld. Gleichzeitig wird klar, dass es für die nicht lebensfähige, weil nicht kindererzeugende homosexuelle Liebe keine völlige Gleichstellung geben kann:

Während Stephen das Mädchen umarmt hielt, fühlte sie, daß sie Mary wirklich alles war, schlechthin alles, und Mary war alles für sie. Aber weil Mary ganz und gar Frau war, ruhte sie in sich, ohne sich Gedanken zu machen, ruhte bei ihr ohne Triumphgefühl und ohne die leisesten Zweifel. Sie brauchte nach nichts zu fragen, denn für sie gab es auf dieser Welt nur noch eines: Stephen.

So natürlich ihnen diese neue und leidenschaftliche Erfüllung erschien, verband sich mit ihr doch etwas Seltsames; ihr haftete etwas Schönes und Drängendes an, das fast außerhalb ihres Wollens lag. Mary und Stephen kam ihre Liebe einfach und uralt vor wie die Natur. Denn jetzt waren sie in den Bann der Schöpfung geraten, standen im Bann jener furchtbaren Macht, die es zum Gestalten treibt und die in ihrem blinden Drang manchmal gleicherweise fruchtbaren und unfruchtbaren Zielen zustrebt. Jeder Sinn für Zeit, jeder Sinn für Vernunft für alles außer sie beide, war ihnen abhanden gekommen. Die gnadenloseste aller menschlichen Erregungen hielt sie in ihren Klauen. Diese kaum zu ertragende Lebenskraft ergriff von ihnen Besitz und machte sie zu einem Teil von sich, so daß sie, die nie neues Leben hervorzubringen imstande waren, in solchen Augenblicken eins wurden mit dem Quell des Lebens. O große unbegreifliche Unvernunft!

Wie aber lässt sich die Kritik am Biologismus anders und besser formulieren? Hier bietet sich die Psychoanalyse an. Psychoanalyse und Homosexualität verbindet zwar eine etwas unglückliche Geschichte: Denn die Freud’sche Psychoanalyse ist vor über hundert Jahren angetreten, um das menschliche Sexualverhalten zu erklären, und zwar durchaus in pathologisierender Absicht. Heraus kam aber auch die großartige Erkenntnis, dass die Ausbildung sexueller Identitäten ein gesellschaftlicher Akt ist, der sich in Auseinandersetzung mit den natürlichen Voraussetzungen von Geschlechtlichkeit vollzieht. Die Psychoanalyse zeichnet den Konflikt zwischen Triebnatur und gesellschaftlicher Formung nach, der zur Ausbildung unterschiedlicher sexueller Orientierungen führen kann. Dabei ist bereits Sigmund Freud selbst aufgefallen – bei all seiner Liebe zum heterosexuell-genitalfixierten männlichen Subjekt –, dass in jedem Sozialisationsprozess ein riesiges Maß an Unterdrückung und Deformierung im Spiel ist. Dies eröffnet Raum für die Frage: Wie lässt sich die Unterdrückung durch die Gesellschaft verändern, wie muss die Gesellschaft verändert werden, damit sie die Menschen nicht mehr so quält? Im Unterschied zu diesem emanzipatorischen Potenzial ist die Psychoanalyse jedoch immer wieder genutzt worden, um Lesben und Schwule heilen zu wollen, sie auf die Heteronorm zu bringen oder sie für verrückt zu erklären. Diese Zweischneidigkeit gilt es zu berücksichtigen und dieses analytische Instrument entsprechend reflektiert und behutsam zu gebrauchen.

Und wer würde dabei besser helfen als der feministische Sozialkonstruktivismus? Im Zuge der Patriarchatskritik der Zweiten Frauenbewegung wurden wichtige Fragen gestellt: Was bedeutet es, in dieser Gesellschaft Frau zu sein, mit welchen Benachteiligungen ist dies verbunden? Was bedeutet es, eine Sexualität zu leben, die von Männern unabhängig ist? In der autonomen Frauen- und Lesbenbewegung vollzog sich sogar eine Politisierung der lesbischen Identität: Lesbischsein wurde als Form des Widerstands, als Zeichen weiblicher Unabhängigkeit gedeutet. Das schießt wohl ein wenig übers Ziel hinaus; es entscheidet sich ja niemand bewusst für seine sexuelle Orientierung. Aber es liegt viel Wahrheit darin, dass die unterschiedliche gesellschaftliche Wertigkeit von Männern und Frauen psychische Spuren hinterlässt, auch darin, welches Geschlecht als Liebesobjekt in Frage kommt. Auch die Autorin von Quell der Einsamkeit bedient sich dieser Erklärung, wenn sie den dringlichen Wunsch von Stephens Eltern nach einem Stammhalter beschreibt, ihre männliche Erziehung, ihre sehnsuchtsvolle Distanz zu allem Weiblichen, die sie schon als Kind gegenüber ihrer vollkommenen Mutter hegt. Radclyffe Hall nutzt diese aufschlussreichen Details als literarischen Schmuck ihrer Erzählung und greift dennoch immer wieder auf die biologistische Erklärung zurück – gemäß ihrer Absicht, Anerkennung innerhalb der bestehenden Gesellschaft zu fordern. Sie kritisiert nicht die Unterdrückung von Frauen; sie fordert lediglich das Ausnahmerecht für Butches ein, sich dieser Unterdrückung zu widersetzen – nicht aber für Frauen wie Mary oder Stephens Mutter, die abhängig und ungebildet sind und bleiben.

Fazit: Eine emanzipatorische Alternative zum Biologismus alter und neuer Prägung könnte eine feministisch reflektierte Psychoanalyse sein. Deren Ziel wäre die Theorie eines lesbischen Subjekts, das sich in innerer Auseinandersetzung mit der patriarchalen Gesellschaft entwickelt. Ansätze dazu finden sich in Simone de Beauvoirs Werk Das andere Geschlecht und bei der feministischen Psychoanalytikerin Jessica Benjamin.

Lesbische Liebe als nicht lebbare Utopie

Im Lauf der Geschehnisse wird immer deutlicher, dass es letztlich keine Möglichkeit gibt, als frauenliebende Frau ein erfülltes Leben zu führen. Das bestätigen alle lesbischen Lebensentwürfe, die im Roman porträtiert werden. Jamie und Barbara, ein mit Stephen und Mary befreundetes Frauenpaar, schaffen es nicht, sich ökonomisch über Wasser zu halten, und gehen vor Stephens Augen an Krankheit, Armut und Verzweiflung zugrunde. Stephens Gouvernante Miss Puddleton, die ihr Lesbischsein nie gelebt hat, widmet ihr ehrbares und pflichtbewusstes Leben ihrer begabten Schülerin und kennt nur wenige, intellektuelle Freuden. Und Stephens elegante Freundin Valérie Seymour, die einen lesbisch-schwulen Salon betreibt, eine Art queerer Halbwelt aus KünstlerInnen, Bohème und Säufern, beschränkt sich auf eine ästhetische Betrachtung der Liebe wie der Kunst und enthält sich aus Klugheit aller Leidenschaften.

Auch Stephen entscheidet sich letztlich für die Einsamkeit – aus Liebe zu Mary. Die geballte soziale Ablehnung, die beide erfahren, verweist sie auf den Umgang mit der homosexuellen Community, die wenig mit ihrem Traum von einem ganz normalen Leben zu tun hat. Während sich Stephen zunehmend in ihren Büchern vergräbt, leidet Mary unter der Isolation: Sie sehnt sich nach „Sicherheit, Frieden, ehrenhafter Liebe“. Stephen löst die Situation schließlich, indem sie ihre Geliebte, zunächst gegen deren Willen, mit einem alten Jugendfreund verkuppelt. Die Tragik dieser Konstellation besteht darin, dass Martin Hallam der einzige menschliche Freund ist, den Stephen jemals hatte; eine Freundschaft, die vor vielen Jahren endete, als sich Martin in Stephen verliebte. Jetzt ist er zurückgekommen, um die tiefe freundschaftliche Verbundenheit mit ihr zu erneuern. (Radclyffe Hall weist an dieser Stelle darauf hin, dass auch Martin Hallam Krafft-Ebing gelesen und somit verstanden hat, dass Stephen seine Liebe naturgemäß nicht erwidern konnte.) Nach einem Sommer zu dritt, in dem sich Martin plötzlich Hals über Kopf in Mary verliebt hat, ist Stephen bereit, ihr Lebensglück zu opfern und Mary an Martin abzutreten. Mary ist beeindruckt von den Möglichkeiten, die das Leben an der Seite eines Mannes ihr bieten könnte, hält aber lange an ihrer Liebe zu Stephen fest. Hier zeigt sich wieder das Problem am biologistischen Butch-Femme-Modell: Es bleibt erklärungsbedürftig, warum sich die weibliche Lesbe, die an der Partnerin vor allem deren männliche Qualitäten schätzt, nicht ebenso gut einen Mann suchen kann.

Schließlich geht Mary mit Martin fort. Das dramatische Finale des Romans zeigt die auf den Trümmern ihres Lebens zurückbleibende Stephen Gordon, die keine Liebe und keine Solidarität mehr erfahren wird:

Ein Aufschrei zerriß sekundenlang die Stille: „Mary, komm zurück! Komm wieder zu mir zurück, Mary!“

Und auf einmal schien der Raum wimmelnd voll, gedrängt voll von Menschen zu sein. Wer waren diese fremden Menschen mit Augen, in denen das Elend geschrieben stand? Waren das überhaupt alles Fremde? Das war doch bestimmt Wanda! Und jemand mit einem sauberen kleinen Einschußloch an der Seite – Jamie, die Barbaras Hand hielt … Barbara mit weißen Totenblumen auf der Brust. Oh, ihrer waren viele, und diese ungebetenen Gäste redeten leise und dann immer lauter werdend. Sie riefen sie bei Namen, riefen: ‚Stephen! Stephen!’ Die Quicklebendigen, die Toten und die noch Ungeborenen – alle, alle riefen sie, erst leise, und dann immer lauter: ‚Stephen, Stephen, sprich zu deinem Gott und frag ihn, warum er uns im Stich lässt!’ Und diese grauenhaften Menschen deuteten mit zitternden, weichen, frauenhaft weißen Fingern auf sie: ‚Du und deine Sorte haben uns unserer Kraft beraubt und uns dafür eure Schwäche gegeben!’ Mit zitternden Fingern deuteten sie auf sie.

Jäh aufschießender Schmerz, brennender Schmerz. Ihr eigener und der der anderen vereinten sich zu einer einzigen großen, verzehrenden Qual. Raketengleich schoß er hoch und zerplatzte, das Herz mit glühenden Funken versengend … ihr eigener Schmerz und der der anderen. Der Andrang und die laute Forderung der Unzähligen … Sie kämpften, sie trampelten auf ihr herum, sie bekamen sie unter. Sie waren jetzt überall und nirgends, um ihr den Rückzug abzuschneiden; weder Schloß noch Riegel konnten vor ihnen retten. Vor ihnen fielen die Wände zusammen und zerbröckelten, sie zerbröckelten und zerfielen bei ihrem qualvollen Schrei: „Wir sind im Anmarsch, Stephen! Ständig sind wir im Anmarsch, und unserer Namen ist Legion – wag es ja nicht, uns zu verleugnen!“ Sie warf die Arme hoch in dem verzweifelten Bemühen, sie von sich abzuwehren, aber sie schlossen sie enger und enger ein. „Wag es ja nicht, uns zu verleugnen!“

Sie bemächtigten sich ihrer, ihr leerer Schoß wurde fruchtbar, er schmerzte unter seiner schrecklichen und sterilen Bürde, er schmerzte, weil seine wilden hilflosen Kinder vergeblich nach Erlösung schrien.

Und jetzt gab es nur noch eine einzige Stimme, eine einzige Forderung: ihre eigene Stimme, die sich mit denen von Millionen vereinigt hatte. Eine Stimme, so gewaltig wie Donnerrollen; eine Forderung wie das Brausen ineinanderschäumender riesiger Gewässer. Eine erschreckende Stimme, die an ihre Ohren schlug, auf ihr Hirn einhämmerte, bis tief in ihre Eingeweide drang, auf ihr Hirn einhämmerte, daß sie taumelte und sich unter diesem entsetzlichen Lärmen, das ihr mit seiner Hartnäckigkeit, sich durchzusetzen, den Atem benahm, nur noch zu Boden fallen lassen konnte.

Gott“, keuchte sie, „wir glauben an dich; wir haben dir gesagt, daß wir an dich glauben. Wir haben dich nicht verleugnet. So erhebe dich denn und verteidige uns! Anerkenne uns vor der Welt! O Gott, gib auch uns ein Recht auf Leben!“



von Korinna Linkerhand

16.12.2015
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