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Aktuelles Heft

INHALT #227

Titelbild
Editorial
• das erste: Wenn Steine fliegen, Wasser geworfen wird und der Staat sich zu rechtfertigen versucht…
• inside out: 1.000 Jahre DisLikezig
20th Anniversary Of The Infamous Mobb Deep
49 m² – Kunst im Café im Monat Oktober mit Fotografien von Elisabeth Stiebritz
Agnostic Front, Old Firm Casuals, Coldside, Übergang
LIIMA (Efterklang & Tatu Rönkkö) + Islam Chipsy
KLUB: Electric Island w/ Gerd Janson, Miriam Schulte, Karete
Gewalt, Militanz und emanzipatorische Praxis - Machen die Richtigen alles falsch?
Klub: Sub.island
Perkele
Klub Sonntag
Chefket
Hell Nights Tour 2015
Schnipo Schranke
Sondaschule - "Schön Kaputt Tour"
Klub: Electric Island / Efdemin b2b Margaret Dygas AllNightLong
• position: Bericht über die Arbeit an einem Infoheft für Asylsuchende in Leipzig, bis zur Verhinderung der Auslegung der Broschüren in den Unterkünften angewiesen durch das Sozialamt.
• position: »Für immer Punk möchte ich sein...«
• review-corner event: Identitätsziel Deutschland
• review-corner buch: Mehr Lebensdienlichkeit, bitte!
• doku: Der schmale Grat der Hilfe
• doku: »Die Fronten sind klar«
Marx Expedition 2015/16: Krisen und soziale Bewegungen
Hollywood, Helden und was das mit Political Correctness zu tun hat

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Mehr Lebensdienlichkeit, bitte!

Eine Rezension zu »Feministische Kapitalismuskritik. Einstiege in bedeutende Forschungsfelder. Mit einem Interview mit Ariel Salleh« von Brigitte Aulenbacher, Birgit Riegraf, Susanne Völker. Erschienen 2015 im Westfälischen Dampfboot Verlag, Reihe Einstiege Band 23, Münster. 179 Seiten. 15,90 €.

Wer sich mit Themen rund um Benachteiligung, Minderheiten, soziale Ungleichheit und Diskriminierung auseinandersetzt, weiß nicht nur um die Komplexität jedes einzelnen dieser Themen, sondern auch um die Schwierigkeit, diese Diskurse voneinander und von anderen Diskursen abzugrenzen. Alles hängt miteinander zusammen. Dies wird auch sehr schnell deutlich bei der Lektüre des kürzlich erschienen Buchs »Feministische Kapitalismuskritik«.


Da ist es nur nachvollziehbar mit der Klarstellung einzuführen, dass es die feministische Kapitalismuskritik nicht gibt, sondern unter der Begrifflichkeit mehrere traditionsreichen Forschungsstränge zusammengefasst werden, welche verschiedene Blickpunkte auf die gesellschaftlichen Transformationen bieten. Folglich ist eine gewisse Interdisziplinarität u. a. mit den kritischen Gender oder Queer Studies nur konsequent. Herausgekommen ist ein Kompendium aktueller Forschungsergebnisse zu Effekten u.a. von Marktökonomie und Finanzmarktkapitalismus auf Geschlecht, Ethnizität und Klasse. Daraus resultierende Wirkmechanismen wie die Ökonomisierung des Sozialen und eine damit einhergehende Kommodifizierung(1), die Prekarisierung und die damit verbundene zunehmende Unsicherheit finden deshalb selbstverständlich Erwähnung in diesem Buch. Darüber hinaus werden Stränge diverser Forschungsrichtungen miteinander verknüpft: Ergebnisse der Männlichkeitsforschung, Prekarisierungsforschung, sozial-konstruktivistischer Theorien und des Ökofeminismus werden ebenfalls mit eingebunden. Jedoch möchte feministische Kapitalismuskritik nicht nur Herrschaftslogiken und –verhältnisse aufdecken, sondern auch deren gesellschaftsprägende Bedeutung herausarbeiten.


Um das zu erreichen, werden drei Themenkomplexe behandelt: zunächst werden die Herrschaftslogiken(2) in kapitalistischen Strukturen und deren Auswirkung u. a. im Care-Bereich und in der Ökologie freigelegt. Besonders hervorzuheben ist hier das Interview mit Ariel Salleh, welche als Ökofeministin sich zu den Zusammenhängen zwischen der Beherrschung von Natur und der Nachrangigkeit von weiblicher Arbeitskraft äußert.


Im zweiten Abschnitt liegt der Schwerpunkt auf den Themenfeldern Gerechtigkeit, Anerkennung und soziale Ungleichheit. Hierbei wird die Debatte zwischen Axel Honneth und Nancy Fraser zu Umverteilung vs. Anerkennung umrissen. Im letzten Abschnitt werden, unter Bezugnahme auf die Praxeologie Bourdieus und die daraus erwachsene praxeologische Soziologie, die gegenwärtige (Re-)Produktion kapitalistischer Strukturen erläutert und Möglichkeiten der Einflussnahme auf aktuelle Transformationsprozesse dargestellt.


Die Autor*innen schaffen es der Komplexität der Themen ihren Raum zu lassen und dennoch entscheidende Fragen zu stellen und Missstände zu benennen. So wird u.a. die »Reproduktionkrise« als systeminhärenter Konflikt analysiert, in dem die für den Kapitalismus zwingend notwendige Reproduktion von Kapital ins Stocken gerät, wenn die verwertungsorientierten Dynamiken den ökologischen und sozialen Belangen des Lebens übergeordnet werden. Dies wird nicht nur bei dem Thema der Umweltbelast und -zerstörung deutlich, sondern beispielsweise auch bei der unprofitablen »Lebenssorge«(3) deutlich. In den vergangenen Jahren hat ein zunehmender Abbau sozialstaatlicher Sicherungssysteme und die damit einhergehende Ausweitung marktwirtschaftlicher Prinzipien dazu geführt, dass Gemeinschaftsgüter, wie die Care-Work vermarktlich werden, was zur Folge hat, dass sich in diesen Feldern kapitalistisch fundierte Herrschaftslogiken etablieren. In Phänomenen wie dem »social freezing«(4) und den »care chains«(5) sehen die Autor*innen entsprechend eben keinen Erfolg feministischer Kritik, sondern die Fortsetzung geschlechts-, ethnizitäts- und klassenbasierter Ausbeutung und eine damit einhergehende »Sorglosigkeit«. Unmittelbar muss aus einer Ökonomisierung des Sozialen eine Entfernung von einer Lebensdienlichkeit des Wirtschaftens resultieren. Auch Fragen nach dem Umgang mit Prekarisierungsprozessen werden, der Vielschichtigkeit entsprechend, thematisiert und ausgehandelt. So werden durch das Aufgreifen veränderter Sozialfiguren, wie die der Familienernährerin auch Potentiale aufgezeigt, welche aus der Prekarisierung erwachsen, wenn erläutert werden kann, dass hierbei durchaus auch positive Wahrnehmungen verschobener Geschlechterarrangements zu verzeichnen sind. Darüber hinaus wirft Susanne Völker die Frage auf, inwiefern Entsicherung aktuell auch als bewusst getroffene Entscheidung im Umgang mit den Transformationsprozessen einhergeht und Unsicherheit, im Gegensatz zum Modus der Selbstregierung, zu einem positiven Ausgangspunkt von Handlungsfähigkeit gemacht werden kann, welcher nicht die bestehenden kapitalistischen Herrschaftsstrukturen festigt.


Gleich welche Themen jedoch angesprochen werden, begleiten einem beim Lesen immer wieder ähnliche Fragen. Wer leistet hier eigentlich für wen etwas und was haben diese Menschen davon? Wer arbeitet wem zu und was resultiert daraus? Inwiefern hat der Staat etwas davon marktwirtschaftliche Strukturen zu etablieren und wie können derzeit marginalisierte Gruppierungen sich diese Strukturen zu Nutzen machen bzw. diese auch aushebeln?


Das Besondere an dem Ansatz der feministischen Kapitalismuskritik ist meines Erachtens, dass der Blick von »Betroffenen« Beachtung findet, welche die negativen Auswirkungen kapitalistischer Strukturen besonders erfahren und unter diesem Einfluss einen Diskurs öffnen. Den Autor*innen gelingt es, zumindest inhaltlich, die Thematik auf die Diversität der Gesellschaft zu übertragen. So fließen, an manchen Stellen explizit, an anderen implizit, fortlaufend Erkenntnisse der Intersektionalitätsforschung mit ein, was das Buch und die Leserschaft bereichert. Wünschenswert wäre es gewesen, diesen Ansatz auch in der Auswahl der Autor*innen mit einfließen zu lassen, und Menschen zu beteiligen, die nicht ausschließlich weiß sind.


Aufgrund der Aktualität des Buchs finden sich vermehrt Bezüge zu Ereignissen, deren Auswirkungen immer noch präsent und spürbar sind, so zum Beispiel die Wirtschaftskrise und deren Auswirkungen auf Griechenland, aber auch Verweise auf und Einordnung von Gruppierungen wie der Occupy-Bewegung. Das Buch ist allerdings als Zusammenfassung diverser Forschungsergebnisse zu betrachten, weniger als Analyse aktueller Ereignisse oder dem Entwerfen möglicher Lösungsansätze. Den Anspruch, dazu anzuregen »über das Verhältnis von Wissenschaft zur Gesellschaft und zum Anderswerden der Welt nachzudenken«, kann das Buch meines Erachtens nicht erfüllen. Nicht nur, dass dafür Praxisbezüge und praktische Vorschläge für mögliche Umsetzungen viel zu wenig Raum einnehmen, sondern darüber hinaus stellt das hohe wissenschaftliche Niveau eine Herausforderung für lediglich Interessierte und Fachfremde dar. Wortwahl und die Darlegung der Kausalzusammenhänge waren mir an vielen Stellen zu abstrakt, was das Folgen der Argumentationslinie (z.T. unnötig) erschwert. Somit werden viele der Menschen, welche vor Ort und global sich aktuell für Veränderungen einsetzen kaum einen Nutzen aus diesem Buch ziehen.


Es bietet jedoch die Chance den wissenschaftlichen Diskurs aufzuwerten und Menschen, welche von wissenschaftlichen Diskursen derzeit ausgegrenzt werden, zunehmend einzubinden. Die Zusammenhänge von Herrschaftslogiken, wie Kapitalismus, Eurozentrismus und Androzentrismus kritisch und kompakt darzustellen, ist die Stärke dieses Buchs. Durch das Anreißen komplexer Themen und das Aufzeigen von Bezugspunkten zu benachbarten Forschungsfeldern werden die Autor*innen dem Anspruch gerecht, lediglich einen »Einstieg« in die aktuelle Forschungslage zu bieten, welche zudem zum Weiterlesen animiert. Mit diesem Buch hat mensch neben vielen spannenden Gedankengängen auch eine Reihe wichtiger Namen und Veröffentlichungen gebündelt im Bücherregal stehen, welche zu einer Auseinandersetzung mit einer Kapitalismuskritik unter intersektionaler Betrachtungsweise anregt und deshalb immer mal wieder in die Hand genommen werden sollte.

Anmerkungen

(1) Beschreibt einen Prozess, in welchem Gemeinschaftsgüter, die vorher allen in der Gesellschaft frei zugänglich waren, nun privatisiert sind bzw. zur Ware werden, d.h. nur noch käuflich erwerbbar sind.


(2) Neben dem Kapitalismus als eine Herrschaftslogik und Namensgeber wohnen dieser Gesellschaftsformation auch Herschaftslogiken wie der Eurozentrismus und Androzentrismus inne.


(3) In den 1980er Jahren hat sich im Kontext der neuen feministischen Theoriebildung eine Debatte um die traditionellen Tätigkeitsfelder der Frau entwickelt. Bald wurde Care der etablierte Begriff, wenn es um Fragen nach Verantwortung und Sorge um sich, für andere Menschen und das Leben selbst, also auch die Natur ging. Der Begriff »Lebenssorge« stammt von Cornelia Klinger; es ist ein Begriff ihrer gegenwartsbezogenen Kapitalismusanalyse, der geeignet ist, auch frühere Belange der Frauenforschung mit Blick auf die heutige Diskussion zu bilanzieren. Für die Wörter Fürsorge und Sorgearbeit haben sich im wissenschaftlichen Kontext die englischen Begrifflichkeiten Care und Care-Work durchgesetzt.


(4) Social freezing beschreibt die Möglichkeit für Frauen vorsorglich ihre unbefruchteten Eizellen einfrieren zu lassen, ohne medizinischen Grund, sondern weil sie sich ihren Kinderwunsch aktuell nicht erfüllen können (z.B. weil sie noch nicht den*die richtige Partner*in gefunden haben oder aus beruflichen Gründen). Somit steigen die Chancen auch jenseits des Alters von 35 Jahren Kinder zu bekommen. Umstritten ist das Verfahren vor allem seit dem Großkonzerne wie Google und Apple ihren Mitarbeiterinnen diese Prozedur kostenlos zur Verfügung stellten.


(5) Sogenannte »care chains« benennen Versorgungsketten, entlang derer Emigration und Transmigrationen aus den Sendeländern wieder Immigrationen nach sich ziehen, die sie zu Ankunftsländern werden lassen (z.B. wenn Pol*innen nach Deutschland gehen, um dort als Pflegekraft für eine bessere Vergütung zu arbeiten und wiederum Ukrainer*innen aus den gleichen Gründen nach Polen gehen. Dadurch entsteht nicht nur eine große Migrationsbewegung, sondern auch sogenannte Versorgungslücken etwa in den osteuropäischen Ländern, welche von Familien, sozialen Netzwerken oder eben Migrant*innen geschlossen werden.

21.08.2016
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