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Aktuelle Termine

CEE IEH-ARCHIV

#222, April 2015
#221, März 2015
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#228, November 2015
#229, Dezember 2015
#227, Oktober 2015

Aktuelles Heft

INHALT #221

Titelbild
Editorial
• das erste: Kommunismus ist was Bestimmtes – Eine Replik auf die Autodidaktische Initiative Leipzig
Klub: Kowton
Buchvorstellung: Sascha Lange: "Meuten, Swings & Edelweißpiraten. Jugendkultur und Opposition im Nationalsozialismus"
Die neue notwendige Offensive der radikalen Linken
Ariel Pink
Taste of Anarchy Tour
Benefizdisko!
klub: electric island w/ Ben Ufo
Discipline, Deadline, Topnovil
Danko Jones, The Admiral Sir Cloudesley Shovell
Nico Suave
Cock Sparrer, Lord James, Smart Attitude
Lagwagon
The Devil Makes Three
• review-corner event: Support Israel – In the IDF! Bericht vom Freiwilligendienst Sar El – Service for Israel
• review-corner buch: Schlichter Regress
• position: Pegida schafft sich ab.
• doku: Erinnerung, Vergessen und das linke Geschichtsbewusstsein
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• das letzte: das Letzte:

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Support Israel – In the IDF! Bericht vom Freiwilligendienst Sar El – Service for Israel

Auch wenn zur Zeit die Wege des linken solidarischen Reisens eher nach Kurdistan führen …
In Zeiten wie diesen kann Israel Unterstützung gebrauchen! Israel hat es nur durch hervorragend funktionierende Streitkräfte geschafft, zu überleben. Und seine Fähigkeit zur Verteidigung wird von Zeit zu Zeit auf die Probe gestellt. So auch durch den Gaza-Krieg 2014 wieder. Die Verteidigung organisiert sich nicht von alleine. Es gibt eine Armee, die unterhalten werden, Ausrüstung, die gepflegt und Fahrzeuge, die instand gehalten werden müssen, Stützpunkte, die aufgeräumt und organisiert sein müssen.

Und jedeR kann ein Stück dazu beitragen! Wer schon immer gerne das Schöne mit dem Notwendigen verbindet, dem sei der Freiwilligendienst SAR EL – Volunteers for Israel(1) in der IDF vehement ans Herz gelegt. Gerade für die kalten Monate eine hervorragende Alternative zum grauen und tristen sächsischen Alltag. Und das heißt nicht zuletzt: mindestens 3 Wochen Verpflegung und Unterkunft inklusive, die dem/der Dienstleistenden mit kulturellem Rahmenprogramm versüßt werden.
Das alles, kombiniert mit dem deutschen Winter und der wärmsten Empfehlung 
eines Freundes und Genossen haben mich letztes Jahr dazu bewogen, diesen Dienst zu leisten, für sechs Wochen innerhalb eines zwei Monate währenden Aufenthaltes in Israel.

Ein Freiwilligendienst fast wie Urlaub!
Wer von Uni und Arbeitsalltag entnervt ist und, was letzteren angeht, auch eher 
 deutsches Arbeitsregime gewohnt ist, für den ist SAR EL die pure Entspannung. Man wird endlich mal wieder Zeit zum Schlafen oder für gute Lektüre haben. 
Am schönsten ist, wenn man nicht alleine hinfährt, sondern idealerweise mit jemand, den man kennt. Wenn man (großes) Pech hat, kommt man nämlich zusammen mit Leuten in ein Team, mit denen man nicht so viel anzufangen weiß. Das ist aber nicht allzu wahrscheinlich. Denn die Leute, die Sar El machen, besitzen meistens ein Mindestmaß an Coolness. Ich meine politisch wie menschlich. So oder so und für den Fall der Fälle sollte man ein Mindestmaß an Bereitschaft, sich auf andere Menschen einlassen zu können, mitbringen!
»You will have a lot of fun here!« habe ich öfters im Vorfeld des Dienstes zu hören bekommen. Naja, warten wir mal ab, dachte ich mir. Ist doch hier sicher kein Ponyhof...

Was tun?
Der Arbeitstag besteht aus 6 bis 6,5h, wobei davon wohl nur 4h effektive Arbeitszeit sind und man den Arbeitstag nach Frühstück und einem eher unseriösen Morgenappell erstmal mit ausgiebigem Kaffeetrinken einleitet.

Die Arbeit kann körperlich schon anstrengend sein, vor allem, wenn man schwere Sachen tragen muss und es heiß und staubig ist. Die trockene Luft in Lagerhäusern gepaart mit der staubigen Luft der Umwelt kann schonmal Kopfschmerzen hervorrufen. Man gewöhnt sich zwar daran. Aber ich bin auch ein paar Tage krank geworden. Deswegen wird man schon vorab immer wieder auf nötige Robustheit in Bezug auf die körperliche Arbeit und die klimatischen Bedingungen hingewiesen.

Logistik kommt von Logik

Sar El wird in der Regel in Logistik-Stützpunkten geleistet. Und Logistik heißt größtmögliche Ordnung. Wenn das mal nichts ist für deutsch sozialisierte Zecken! So geht es in dem Dienst in erster Linie darum Material und Ausrüstung aufzuräumen oder in Ordnung zu halten. So habe ich zum Beispiel die Reifen von Trucks lackiert, Lunchpakete zusammengestellt, Ausrüstungsgegenstände sortiert. Mit einem orthodoxen äthiopischen Juden zusammen habe ich ein Waffenlager umgeräumt. Zweimal konnten wir Freiwilligen auch zu einer Übung mitfahren (bei der aber nichts passiert ist, jedenfalls nicht ersichtlich). Mal die Garage kehren gehört halt auch dazu. Aber das machen die Leute im Eiskeller ja auch für ohne Geld.

Bei alledem kommt aber der Spaß nicht zu kurz. Man hat viel Gelegenheit sich zu unterhalten, zu feixen, oder einfach nur gemeinsamen abzuhängen, sowohl mit den anderen Freiwillligen, als auch mit den SoldatInnen. Von denen aber erschreckenderweise viele nur schlecht Englisch sprechen.

Das liegt an den immer noch spürbaren Unterschieden in der Zusammensetzung der israelischen Gesellschaft zwischen europäischstämmigen Juden (Ashkenasim) und aus dem Mittleren Osten stammenden Juden (Misrahim), die gesellschaftlich meist schlechter gestellt sind. Diese Trennung weicht zwar auf, aber nur langsam. Man trifft vereinzelt auch Drusen oder christliche Araber in der IDF. Vor allem sie können einem im Gespräch interessante Auskünfte über ihre eigene Situation bzw. die von Minderheiten in Israel im Allgemeinen geben.

Kulturprogramm
Abends gibt es immer noch ein wenig inhaltlichen Input meist in interaktiver Form oder Aktivitäten zum gegenseitigen Kennenlernen, sodass einem nie langweilig wird und man auch noch einiges über die Geschichte und Kultur Israels und der IDF sowie über ihre Struktur lernt. Die Betreuer_innen (Madrihim) für die Freiwilligen sind in der Regel supernette wehrdienstleistende Soldatinnen aus der Sar El-Einheit mit europäischem Background, die hervorragend Englisch und oft noch eine zweite Fremdsprache fließend sprechen und sich unheimlich gut um die Sorgen, Wünsche und Fragen der Freiwilligen kümmern.

Es gibt 3½ oder 4 Arbeitstage pro Woche. Am ersten oder letzten Arbeitstag wird in der Regel ein Ausflug in ein Museum oder eine Gedenkstätte in den Transfer von/zur Basis eingebunden. Gedenkstätten gibt es in Israel en masse. Für die illegale Immigration unter britischem Mandat, für die Haganah (Verteidigung, vor 1948), die Air Force, für Beduinen, David Ben-Gurion, gefallene Panzergrenadiere, gefallene Artilleristen, gefallene Marineinfanteristen, usw.

Melting Pot des Nahen Ostens
David, ein Unteroffizier, ursprünglich aus der Ostukraine, fand die Annexion der Krim korrekt.
Es gab da auch einen Alexej, ursprünglich Ukrainer. Er war Unteroffizier und in meiner ersten Basis, am Rande der Negev, für die Trucks zuständig. Für ihn war Putin ein «fascist asshole”, seine Invasion in der Ukraine der schlagende Beweis dafür. Sie sollten sich eigentlich vielleicht Spinnefeind sein, aber sie haben sich gut verstanden. Der Zusammenhalt immigrierter Juden verleiht dieser Gemeinschaft ein großes Maß an Stabilität. Das liegt sicher vor allem auch in der Verfolgungsgeschichte, die sie eint. Zwar stellt Rassismus innerhalb der israelischen Gesellschaft nach wie vor ein großes Problem dar. Dem wird aber nicht zuletzt in der IDF versucht, der Boden zu entziehen. Dass Israel der Melting Pot des Nahen Ostens ist, spiegelt sich auch hier wieder. Es lassen sich sowohl Soldaten aus allen gesellschaftlichen Schichten und mit den verschiedensten Migrationshintergründen zusammen in einer Einheit finden. Russisch-stämmige Jüdinnen und Juden dienen zusammen mit solchen aus Frankreich, der Ukraine, Spanien oder etwa auch jenen, die der Mossad in der Geheimoperation «Moses” 1984/85 aus dem damals hungernden Äthiopien nach Israel geholt hat. Daneben gibt es aber auch spezielle Einheiten nur für Frauen, Beduinen, Orthodoxe. Das macht die IDF, abgesehen von ihrer geschichtlichen Funktion, zu einer einzigartigen Organisation. Sie hat sich zudem als Armee eines demokratischen Staates auch den Abbau von Vorurteilen und Diskriminierung wie z.B. gegenüber Homosexuellen auf die Fahnen geschrieben. Darin ist die IDF sogar ziemlich vorbildlich, jedenfalls verglichen mit den meisten anderen Streitkräften der Welt. Von seinen Nachbarstaaten ganz zu schweigen.

Und dann das mit den Uniformen
Der Umgang unter den Soldaten ist generell eher freundschaftlich (oder sollte ich sagen: kameradschaftlich), vor allem gegenüber den Freiwilligen. Es kam eigentlich nicht vor, dass wir herumkommandiert wurden. Man erfährt geradezu eine Sonderbehandlung, das aber wiederum nicht in einem Ausmaß, das unangenehm wäre. Okay, wenn man ein Problem mit Uniformen hat, sollte man sich gut überlegen, ob man das machen will. Es gibt in der IDF vermutlich auch nur wenige AnarchistInnen.
Die Freiwilligen, mit denen ich zu tun hatte, waren zwischen 20 und 70. Ich selbst war in rein männlichen Freiwilligen-Gruppen stationiert. Es gibt aber auch viele, meist bereits pensionierte Frauen, die den Dienst machen. Die meisten Frewilligen kommen aus Frankreich, USA und Kanada. Der Großteil der Freiwilligen ist auch schon über 55, d.h. pensioniert. Haben halt einfach mehr Zeit. In meinen beiden Gruppen war der Altersdurchschnitt aber niedriger. Die meisten haben einen christlich-religiösen Hintergrund. Antideutsche oder KommunistInnen bleiben die Ausnahme. Die Motive der Freiwilligen sind zwar nicht immer politisch. Alle teilen aber geradezu selbstverständlich die Grundannahme, dass es einfach Sinn macht, Israel praktisch zu unterstützen. Und viele haben tatsächlich sehr gut verstanden, was Antisemitismus ist und sind von seinen unterschiedlichen Ausprägungen in ihren Heimatländern als auch im Nahen Osten oft beschämt und entsetzt. Es gibt unter den Freiwilligen auch Militärfreaks. Aber selbst die finden die israelische Armee deshalb gut, weil sie nicht wegen Öl und Geld und Interessen in den Krieg zieht, sondern weil ihr Kampf einer zur Bewahrung der Existenz einer verfolgten Gemeinschaft und damit eine bittere Notwendigkeit ist.

Das ist ja alles schön und gut!
… aber wie sieht es denn mit dem Kleingedruckten aus?
Ein nicht gerade kleiner Wermutstropfen ist die Anmeldegebühr von 90 Dollar. Aber je länger man den Dienst macht, umso mehr lohnt es sich!
Ach ja, und die Anmeldung ist etwas aufwendig. Man braucht eine Bescheinigung über ausreichende Gesundheit und ein Empfehlungsschreiben und noch anderen unnötigen Papierkram. Aber andererseits will der Staat Israel ja sicher gehen, dass er keine falschen FreundInnen in seine Hallen lässt.
Jedenfalls ist die Verpflegung auf den Stützpunkten meist wirklich gut, vorausgesetzt man ist keinE VeganerIn. Das Frühstück ist nicht berauschend, aber okay. Mittags ist es umso besser: es gibt neben Fleisch vor allem viel Gemüse und Salat und meistens auch Hummus, sodass man sich zumindest mittags auch problemlos vegan ernähren kann. Abends gibt es Brot, Frittiertes aller Art, Gemüse, Joghurt oder Pudding, Ei und manchmal Pancakes. Das Essen im Sar El Hostel, ist zwar nicht so toll, aber man verhungert nicht: es gibt dort halt junk food - abegpackte sandwiches und Mikrowellen-Fertigessen. Freitag abends gibt es das traditionelle jüdische Shabbat-Essen, das fällt dann auch ein bisschen netter aus.
Wer sich sportlich betätigen will kann das meistens auch tun. Einen Fußball oder Basketball sollte man sicherheitshalber selber mitbringen.
Und das wichtigste: man sollte sich auf jeden Fall genug zu lesen mitnehmen.

Last but not least – book a flight and go east!
Zugegeben: Man mag sich fragen, ob Israel wirklich darauf angewiesen ist. Und ich selbst habe mich hin und wieder über den Sinn des Dienstes gefragt, vor allem an den Tagen, wenn ich das Gefühl hatte, dass es eigentlich nichts zu tun gibt oder sich der Sinn einer Aufgabe nicht sofort erschließt.
Der Sar El-Dienst erspart Israel laut Eigenauskunft jährlich Ausgaben in Höhe von mehreren Millionen Dollar. Okay, das klingt nach etwas. Aber das war nicht der Grund, warum ich mir sagte: »Hoffentlich kann ich bald wiederkommen!«
Es war auch nicht (ausschließlich) der Besuch von Yad Vashem, der einem ohne Frage in vielerlei Hinsicht den Atem verschlägt und einen auf den Boden der geschichtlichen Tatsachen zurückholt, sondern wenn dir Israelis, ob Pflichtdienstleistende oder GeneralIn, nach getaner Arbeit oder im Gespräch über deine Motive oder beim Abschied sagen, dass du bei ihnen immer willkommen bist – sei es zum Arbeitseinsatz oder einfach zu einem Besuch, und das mit den Worten »You are awesome!« oder »God bless you!« untermalen, dann weiß man, wofür man das macht.


[Markon]

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Anmerkungen

(1) SAR EL ist eines der Millionen Akronyme in der IDF-Sprache und steht für sowas wie ›Service for Israel‹.

12.03.2015
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