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Aktuelles Heft

INHALT #218

Titelbild
Editorial
• das erste: Zum 75. Jahrestag des Elser-Attentats
• inside out: Feminist Street Art against Street Harassment
Booze & Glory, Argy Bargy, The Fat Tonies
Equal / Not Equal . Frauen in der elektronischen Musik
Der eindimensionale Mensch wird 50
Protest the Hero, The Faceless, The Contortionist, Destrage
Filmriss Filmquiz
Being as an Ocean, Vanna, My Iron Lung, Crooks
Rocko Schamoni "Fünf Löcher im Himmel"
Darkest Hour, Tenside
Sinkane, Nicholas Krgovich
AMP // R aka Hvrtmill, Felix Valentin, Toni Buletti, Absent Zein Auks
Rex Feuchti
Von Spar
10 years electric island
halftime : Mala'Ka & Bearden
Amity Affliction
• doku: Fat Acceptance – Was soll das ganze eigentlich?
• doku: Waffen für die Kurden
• doku: Biji Israel & Kurdistan!
• doku: Männliche Abstiegsangst
• doku: Die Tea-Party als Klassenprojekt – Neoliberale Religiosität in den USA
• review-corner event: Die Linke schläft, das Bündnis macht, das haben die Rechten gut bedacht!
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• das letzte: Connewitzer Heimatliebe

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Von Spar

Das Köln-Berliner Quartett Von Spar setzt mit seinem vierten Album auf elegant-evolvierenden Wandel. Das vor vier Jahren auf Foreigner vorgenommene re-reading von spacigem Krautrock durch die Brille zeitgenössischen elektronischen Pops ist auf Streetlife einer schwer skizzierbaren musikalischen Reise gewichen, deren Stationen gleichwohl stets die Handschrift der Band erkennen lassen. Auch wenn die Krautigkeit reduziert wurde, nähern sich die Musikliebhaber und Sound-Fetischisten sämtlichen von ihnen gestreiften Genres gleichsam mit einer vorurteilsfreien Krautrockmentalität, deren Offenheit nie zum Identitätsverlust führt: Zwar reisen sie, aber sie nehmen sich selbst dabei mit.

Der – vielleicht sollte man es einfach mal wieder ohne Anführungszeichen schreiben – Opener »Chain Of Command« begeistert mit synthetisch-schwelgerischen Discostreichern zwischen körperbetontem Motown-Glitzern und dandyhaft aufgepimpter Münchener Freiheit. Dazu singt der nun unter dem nom de plume Marker Starling operierende kanadische Neo-Soul-Sänger Chris A. Cummings (ehemals Mantler), der auf vier der insgesamt acht Stücke des Albums zu hören ist, mit einer Mischung aus Emphase und Distanz. Der Track »Hearts Fear« mit seinen lysergisch pluckernden Synthies, verwaschenen hauntologischen Stimm-Samples und verträumten Tiefseebässen hätte auch auf einem der beiden Artificial-Intelligence-Sampler des Warp-Labels Anfang der Neunzigerjahre eine gute Figur gemacht. Für »V.S.O.P.« ist man mit Klaus Schulze und Vangelis in der kosmischen Slow-Motion-Disco, wo Trockennebel wabert und sich die Tänzer auf fliegenden Klangteppichen aus Tausendundeiner Nacht fortbewegen. Gast an den Vocals: Scout Niblett, mal nicht chthonisch, sondern ätherisch-vertrancet. Und der Disco-Smasher »One Human Minute« mit seinen Bass-Arpeggi und Funk-Licks dürfte das beste Tanzstück dieses Jahres sein, mindestens.

Wie schon auf Foreigner erweisen sich Von Spar als Meister des kulturellen Vorwärts-Recyclings: Bereits benutzte Rohstoffe werden nicht einfach wiederaufbereitet erneut in den musikalischen Kreislauf eingespeist, sondern auf einem in die Zukunft weisenden, gänzlich anderen Niveau, als es die verwendeten Vorlagen selbst konnten. So wird der Unterschied zwischen bloß rückwärtsgewandtem Retroismus auf der einen und einem rigoristisch mit der Vergangenheit brechen wollenden Futurismus auf der anderen Seite aufgehoben – und damit auch die Limitiertheit beider. Schöpften Von Spar vor vier Jahren ohne falsche Ehrfurcht die besten discotauglichen Popmomente aus dem durchaus ja auch nervenden Krautrockuniversum, so machen sie nun Klänge salonfähig, die auf jeder Geht-gar-nicht-Liste popsozialisierter Hipster stehen. Von Spar haben dabei weder Angst vor eunuchenartigen, an ELO gemahnenden Backing-Chören in Tateinheit mit schwülstig-smoothen Yachtrock-Aromen eines David-Sanborn-Gedächtnis-Anbagger-Saxofons (»Breaking Formation«, »Try Though We Might«) noch schrecken sie vor Mark-Knopfler-Gitarren und der End-Achtziger-ARD-Sendung Super Drumming würdigen Trommelwirbeln zurück (»Ahnherr der Schwätzer«) – nur damit’s dann plötzlich doch wieder eher nach Robert »Soft Machine« Wyatt als nach Softrock klingt.

Von Supertramp zu supercamp ist es nur ein Katzensprung. Wie genau Von Spar es schaffen, dass solches antipunkhafte Mucker- und Virtuosentum auch ohne Griff in die postmoderne Distanzwerkzeugkiste des Uneigentlichen weder peinlich noch eklig, sondern vielmehr aufregend und neu klingt, das gehört zu den letzten verbliebenen Rätseln der Menschheit.


[Thomas Hübener]

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Die Rezension ist zuerst in der Spex erschienen: http://www.spex.de/2014/10/20/von-spar-streetlife/

13.11.2014
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