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Aktuelles Heft

INHALT #214

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Editorial
• das erste: Hallo liebste Bingo-Crew!
• inside out: Fußball statt Deutschland
Motorpsycho, Grandloom
Klub presents: ALL Crews
Bingo Under Palms On The Island"® - Special
Punk Matinée im Bowl
2cl Sommerkino
• review-corner buch: Berthold Seliger – »Das Geschäft der Musik«
• position: Maydan als Raum der Selbstbehauptung
• position: »Widerstand gegen sich selbst« — Konsumkritik als subversive Praxis oder kapitalistische Selbstoptimierung?
• doku: Verkürzte Kapitalismuskritik und die Ideologie der einfachen Warenproduktion
• review-corner event: Montagsdemos für den Frieden
Neues vom Baum auf dem Freisitz
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• das letzte: Das Letzte

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Regressive, personalisierende, verkürzte, oder im folgenden Text als falsch charakterisierte Kapitalismuskritik ist nicht nur Bestandteil der sog. Friedensdemonstrationen, die in den letzten Wochen montags auch in Leipzig stattfanden, sondern ein Dauerthema der Linken, das auch in Karl Marx’ Das Kapital verhandelt wird. In den Debatten um die G8-Treffen, den Wiener Opernball, ATTAC oder der Kritik an Freihandelsabkommen und Blockupy spielt sie eine gewichtige Rolle.
Beim folgenden Text handelt es sich um die schriftliche Fassung eines Vortrags, der im April 2006 im Café Courage in Döbeln gehalten wurde.
Der Text ist bereits im CEE IEH 135 erschienen, stellt aber nach Ansicht von Teilen der Redaktion auch heute noch einen empfehlenswerten Einstieg in die Thematik dar.



Verkürzte Kapitalismuskritik und die Ideologie der einfachen Warenproduktion

Den Vortrag möchte ich mit der Klärung eines Missverständnisses beginnen, welches durch die Rede von der »verkürzten Kapitalismuskritik« selbst erzeugt wird. Wenn man davon spricht, dass eine Kapitalismuskritik »verkürzt« sei, wird nahe gelegt, dass sie nicht voraus- oder weit genug gedacht sei. Die Kritik habe ihren Gegenstand nicht vollends durchdrungen und begnüge sich mit der halben Wahrheit. Diese Argumentation zieht nach sich, dass man eine »verkürzte Kapitalismuskritik« einfach nur weiter denken müsse, damit sie richtiger werde. Diese Herangehensweise blendet jedoch aus, dass uns der Gegenstand der Kritik nicht als das erscheint, was er in Wirklichkeit ist.
Wir haben es beim Kapitalismus mit einem in sich widersprüchlichen Gegenstand zu tun. Marx spricht vom Kapitalismus als einer »verzauberten, verkehrten und auf den Kopf gestellten Welt« (MEW 25, S.838). Das mag zunächst verrückt klingen, ist jedoch dem Gegenstand der Untersuchung geschuldet. Da die »verkürzte« Kapitalismuskritik nicht davon ausgeht, dass ihr die Verhältnisse in verkehrter Form gegenübertreten, liegt ihr Fehler nicht erst in ihrem Resultat, sondern bereits in den Voraussetzungen, von denen sie ausgeht. Somit ist ihr Ergebnis aber nicht einfach nur verkürzt, also nicht weit genug gedacht, sondern schlicht und einfach falsch. Daher bevorzuge ich es, anstelle von »verkürzter« von falscher Kapitalismuskritik zu sprechen.
Bevor wir uns jedoch dem eigentlichen Thema zuwenden, möchte ich versuchen zu begründen, was Marx mit der Rede von der »auf den Kopf gestellten Welt« bezweckte. Darin, dass uns die Verhältnisse nicht als das erscheinen, was sie sind, liegt m.E. auch für die Unzahl an falschen Kapitalismuskritiken der Hund begraben. Daher möchte ich zunächst darstellen, wie die Individuen die Verkehrung der gesellschaftlichen Verhältnisse selbst hervorbringen.
Im Gegensatz zu vorkapitalistischen Verhältnissen, welche durch die direkte Herrschaft von Menschen über Menschen gekennzeichnet waren, unterwerfen sich die Menschen in der Gesellschaft wie wir sie kennen, nicht länger augenscheinlich auszumachenden Personen oder Institutionen. Das einigende Moment ist nicht mehr die Abhängigkeit von der Gnade eines Tyrannen, sondern vielmehr die Abhängigkeit von einem gesellschaftlichen Prinzip.
Prinzip leitet sich wörtlich vom lateinischen »principium« ab, was soviel wie Ursprung bedeutet. Ein Prinzip bezeichnet eine Art Grundsatz, nach dem sich Handlungen zu richten haben. Prinzipien verwirklichen sich nur, wenn wir sie auch mitdenken und nach ihnen freiwillig oder unfreiwillig handeln. Wie lässt sich nun die Herrschaft eines gesellschaftlichen Prinzips vorstellen? Im Gegensatz zu Prinzipien, die wir für uns selbst aufstellen und nach denen wir vielleicht unser Leben gestalten, hat ein gesellschaftliches Prinzip immer den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit. Es hat für alle Mitglieder der Gesellschaft Bestand, unabhängig davon ob Einzelne dieses Prinzip anerkennen oder nicht. In diesem Sinne stellt es ein einigendes und vereinheitlichendes Moment für Gesellschaft dar. Ein Prinzip legt die Form fest, in der die Individuen einer Gesellschaft in Beziehung zueinander treten.
Das Prinzip, nach dem kapitalistische Vergesellschaftung vollzogen wird, ist jedoch ein Besonderes. In kapitalistischen Verhältnissen kommen die Individuen als Warenbesitzer auf dem Markt zusammen. Sie produzieren durch Privateigentum an Produktionsmitteln und gesellschaftliche Arbeitsteilung getrennt voneinander Waren. Der Begriff gesellschaftliche Arbeitsteilung ist jedoch nicht zu verwechseln mit dem, was wir umgangssprachlich unter Arbeitsteilung verstehen. Marx geht es nicht darum, dass in einer Fa-brik die anfallende Arbeit in einzelne Teile zergliedert wird und jeder Arbeiter in einer Abteilung einen Teil dieser Arbeit übernimmt. Gesellschaftliche Arbeitsteilung meint vielmehr, dass die einzelnen Warenproduzenten isoliert voneinander Waren produzieren und daher auf eine Tauschgesellschaft angewiesen sind. Ist das System der gesellschaftlichen Arbeitsteilung entwickelt genug, wird der Tausch von Waren zur Notwendigkeit. Wenn in einer Fabrik dagegen Arbeitsteilung eingeführt wird, bedeutet das nicht im Umkehrschluss, dass die Arbeiter dort auf einmal damit anfangen würden, die produzierten Waren hin- und her zu tauschen.
Den gesellschaftlichen Charakter erhalten die produzierten Waren erst nachträglich. Die Waren der einzelnen Privatproduzenten müssen erst zu Markte getragen werden, um ihren gesellschaftlichen Charakter zu erhalten. Das heißt jedoch nicht, dass ein Produkt vor dem Tausch unberührt von diesem gesellschaftlichen Charakter wäre. Weil es diesen Charakter erst im Tausch bestätigen kann, muss es auch in Hinblick auf den Tausch produziert werden. So scheint die unverwirklichte gesellschaftliche Bestimmung des Produkts schon in seiner äußerlichen Beschaffenheit auf.
Der gesellschaftliche Charakter der Waren besteht einerseits darin, dass sie einen Gebrauchswert besitzen. D.h., dass sie irgendein Bedürfnis des Käufers befriedigen und sei es nur ein vorgestelltes Bedürfnis. Gebrauchswert sollte man nicht buchstäblich verstehen. Es ist gleichgültig, ob eine Ware wirklich zu gebrauchen ist, solange sich die Konsumenten ihren Nutzen wenigstens einbilden. Mein Paradebeispiel ist der Tamagotchi-Hype Mitte der 90er Jahre. Ich werde es bis heute nicht verstehen, was unzählige Gleichaltrige damals veranlasste, sich hysterisch über die programmierten Marotten eines elektronischen Haustiers auszutauschen, welches außer der gleichförmigen Wiederholung von fressen, scheißen und sterben wenig zu bieten hatte.
Neben der Bestimmung Gebrauchswert zu sein, besteht der gesellschaftliche Charakter einer Ware darin, in einem quantitativen Austauschverhältnis mit anderen Waren zu stehen, also Tauschwert darzustellen. Wenn ich sage, dass zehn Schallplatten ein Damenfahrrad oder fünf Haartönungen oder drei Blumentöpfe wert sind, so sind dies die Tauschwerte der Schallplatten. Da drei Blumentöpfe auch zehn Schallplatten wert sein können, gilt das auch umgekehrt. Zehn Schallplatten sind nun der Tauschwert von drei Blumentöpfen.
In einer Tauschgesellschaft stellen die Waren in einem quantitativen Austauschverhältnis Werte dar. Was ist damit gemeint? Auf dem Markt werden Waren einander gleichgesetzt. Wenn man augenscheinlich unterschiedliche Dinge wie Schallplatten und Blumentöpfe gegeneinander tauscht, dann setzt man sie gleich. Um sie gleichzusetzen muss man jedoch von ihrer besonderen Beschaffenheit absehen. Sie werden gleichgemacht und gelten nicht länger als Schallplatten oder Blumentöpfe, sondern in ihrer Beziehung aufeinander als Werte. Ihr Gebrauchswert mag zwar für den Konsumenten weiterhin entscheidend sein, im Tausch gelten sie als Werte.
An der einzelnen Ware lässt sich ihr Wertcharakter jedoch nicht festmachen. Erst im Tausch wird schließlich Ungleiches zu Gleichem gemacht. Aber auch wenn man lediglich zwei Produkte miteinander tauscht, muss nicht zwangsläufig Wert entstehen. Erst in einer entwickelten kapitalistischen Gesellschaft, in der an jeder Ware eine schier unendliche Kette von möglichen Tauschbeziehungen auf andere Waren hängt – erst unter diesen Bedingungen kommt den Waren Wert als gesellschaftliche und von ihrer natürlichen Beschaffenheit unterschiedene Eigenschaft zu.
Der Wert hat aber in der unendlich fortführbaren Kette von Tauschbeziehungen nur ein flüchtiges Dasein. Um allgemeine gesellschaftliche Gültigkeit zu erlangen, muss sich der Wert vom zufälligen Bezug auf einzelne Waren lösen und sich eine unabhängige Ausdrucksform schaffen, in der er sich allen Waren gegenüber nicht nur als weitere Ware, sondern unmittelbar als Wert geltend macht. Dieses materielle Dasein des Werts, welches alle nur denkbaren Tauschbeziehungen wie auf einer Perlenkette aufschnürt – ist das Geld.
Im Gegensatz zu Marx reduziert die Volkswirtschaftslehre die Funktion des Geldes auf ein bloßes Hilfsmittel, was sich die Leute irgendwann einmal ausdachten, um das Tauschen zu erleichtern. Marx` Analyse ergibt jedoch, dass Geld das materielle Dasein des abstrakten Reichtums darstellt und notwendiges Medium der kapitalistischen Vergesellschaftung ist. Geld ist das Maß aller Werte, vermittelt als Zirkulationsmittel den tatsächlichen Austausch der Waren und fungiert als Einheit von Wertmaß und Zirkulationsmittel als selbstständige Gestalt des Werts. Geld ist das Medium der kapitalistischen Vergesellschaftung, indem es Waren als Werte vermittelt. Gesellschaftliche Vermittlung findet im Kapitalismus ausdrücklich nicht über die Warenbesitzer als Individuen, sondern über ihre Waren statt. In diesem Sinne kann man durchaus von einer Warengesellschaft sprechen, da der gesellschaftliche Zusammenhang nicht über Personen, sondern über Waren hergestellt wird. Wenn das soziale Verhältnis über Dinge vermittelt wird, dann stellen sich die gesellschaftlichen Beziehungen notwendig in »verdinglichter« Form – im Geld – dar.
Reichtum wird in kapitalistischen Verhältnissen abstrakt. Gesellschaftlicher Reichtum besteht nicht in der Fülle von Sachen, die schön, angenehm oder nützlich sind, sondern nur noch in abstrakten Größen. Ist Geld erst einmal selbstständige und unmittelbare Verkörperung von Wert, so wird es zum einzigen Zweck, auf den sich alle ökonomischen Handlungen wie Eisenspäne auf einen Magneten ausrichten. Da Geld abstrakter Reichtum ist, der außer der Zahl kein anderes Maß kennt, gibt es auch keine Grenze für diesen Reichtum. In diesem Sinne kann nie »genug« Geld da sein. Im Grunde kann im Kapitalismus niemand »reich« sein, da Reichtum in Geld gemessen wird und Geld selbst kein Maß für sich vorsieht. Es könnte immer unendlich mehr Geld möglich sein und verglichen mit diesem potentiellen Reichtum ist man wieder arm. Die Anhäufung dieses abstrakten Reichtums in Geldform ist der Selbstzweck der kapitalistischen Produktion.
Marx bezeichnete diesen Prozess als Kapital und brachte ihn auf die Formel G-W-G` oder lang gesprochen: Geld – Ware – mehr Geld. Geld wird vorgeschossen, um Waren zu produzieren und diese dann gegen mehr Geld einzutauschen als man ursprünglich für deren Produktion ausgab. Wenn ein Wert diese Bewegung vollzieht, ist er Kapital. Dümpelt der Wert noch in Warenform oder Geldform vor sich hin oder vollzieht er nur einen Tauschakt, kann man nicht von Kapital reden. Dann hätten wir es lediglich mit einem einzelnen Tausch, noch nicht aber einer Bewegung des Werts zu tun. Denn Kapital ist nicht einfach nur Wert, sondern sich selbst verwertender Wert. D.h. dass der Wert die Bewegung G-W-G` vollziehen muss, um Kapital zu werden. Der Wert bewegt sich vom Geld zur Ware und wieder zurück.
Die Ware trägt einen »Doppelcharakter« in sich. Sie ist einerseits ein gewöhnliches Ding, dessen Beschaffenheit wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Andererseits erhält sie als Wert gesellschaftliche Bestimmungen, die für uns nicht sinnlich zu fassen sind. Dieses »Übersinnliche« an der Ware bezeichnet Marx als Fetischismus.
Der Begriff Fetischismus bezeichnet den Glauben an übernatürliche Eigenschaften von bestimmten Dingen. Der Glauben an eine wie auch immer verfasste höhere Gewalt wird in einen Gegenstand hinein projiziert. So dienen den Christen Kruzifixe und Reliquien als Versinnbildlichung des Heiligen. Oder ein Ding dient als Projektionsfläche sexueller Wünsche, wie etwa beim Schuhfetisch. Beim Fetischismus werden Produkte des menschlichen Geistes verdinglicht. Die Vorstellung erhält ein materielles Dasein und dient damit wiederum der Bestätigung der Vorstellung.
Der Fetischismus in der Warengesellschaft beruht jedoch nicht bloß auf falscher Einbildung, sondern vollzieht sich real. Der gesellschaftliche Charakter der Waren zeigt sich ja nicht an ihnen selbst, sondern erst in der Tauschbeziehung, wo der Wert einer Ware durch andere Waren oder eben Geld verkörpert wird. In dieser Beziehung gelten die Waren als Werte und damit als Gleiche. Der gesellschaftliche Charakter der Waren, nämlich füreinander als Gleiche zu gelten und Werte darzustellen, erscheint den Beteiligten als natürliche Eigenschaft der Waren, wie dass sie Gewicht, Farbe oder Geruch haben.
Dieses Bewusstsein beruht jedoch nicht grundlos auf falscher Wahrnehmung. In der Warengesellschaft ist das gesellschaftliche Verhältnis der Menschen schließlich ein Verhältnis von Dingen. Es ist daher nicht fetischistisch, wenn man annimmt, dass Waren im Kapitalismus Werte darstellen. Der Fetischismus besteht darin, zu glauben, dass es den Dingen von Natur aus zukomme, immer und überall Wert zu sein.
Ein weiterer Punkt zum Verständnis des Fetischismus ist, dass die Menschen sich nicht bewusst über den Zusammenhang sind, den sie durch ihre Handlungen herstellen. Durch ihre individuellen Handlungen erhalten sie zwar die gesellschaftlichen Beziehungen, welche sie aber nicht durchschauen. Marx brachte das auf die Formel: »Sie wissen das nicht, aber sie tun es«. Das soziale Verhältnis der Menschen ist ein Verhältnis von Dingen, unter dessen Kontrolle sie stehen, statt es zu kontrollieren. Damit unterwerfen sich die Menschen der Herrschaft von Dingen, nicht weil den Dingen die besondere Eigenschaft der Herrschaft zukommen würde, sondern weil sich die Individuen zu den Dingen als Waren verhalten.
So beziehen die Menschen ihre Waren auf Geld und stellen darüber Gesellschaft her. Es erscheint nun als natürliche Eigenschaft des Geldes, gesellschaftliche Macht darzustellen. Dabei kommt dem Geld diese Macht nur zu, weil alle sich auf Geld als Verkörperung von Wert beziehen. Der von den Menschen in der Tauschgesellschaft hervorgebrachte Fetischismus verschleiert, dass die Macht des Geldes nur aufgrund eines spezifischen gesellschaftlichen Verhältnisses zustande kommt. Das zugrunde liegende gesellschaftliche Verhältnis verschwindet hinter seinem Resultat.
Wenn eine Kritik des Kapitalismus den fetischistischen Charakter der Verhältnisse nicht mitdenkt, wird sie falsch. Mit anderen Worten: Sie schlägt in Ideologie um. Eine Ideologie trägt immer den Anspruch in sich, die Wahrheit über Gesellschaft auszusagen. Sie bietet ein Rezept für die Lösung der gesellschaftlichen Widersprüche an, ohne dabei selbst die Widersprüchlichkeit der Gesellschaft zu durchschauen. Denn die kapitalistische Gesellschaft verschleiert den gesellschaftlichen Charakter ihrer Produkte. So sind Ideologien nicht einfach nur ein falsches Bewusstsein von Gesellschaft, sondern stellen ein notwendig falsches Bewusstsein von ihr dar. Notwendig falsch ist es, weil die Individuen durch ihre Handlungen selbst den falschen Schein der Gesellschaft produzieren. Diesen falschen Schein nehmen sie für bare Münze und bauen darauf ihr Denken auf. Das macht Ideologien anschlussfähig und gefährlich zugleich. Sie bieten ein Patentrezept zur Lösung der Widersprüche in der Gesellschaft an, obwohl sie selbst tief in diese Verhältnisse verstrickt sind. Es wird der Anschein erweckt, als ob man durch die Ordnung, die Ideologie schafft, die Probleme in der Gesellschaft mit einfachen Mitteln lösen könne. Sie ist eine Art Alltagsreligion, die ihren Jüngern Freiheit von Gesellschaft vorgaukelt. Weil sie sich einbilden, alle Probleme bereits gelöst zu haben, verstehen sie sich trotz ihrer Verstrickung in den gesellschaftlichen Zusammenhang als frei.
Vor diesem Hintergrund möchte ich die Ideologie der einfachen Warenproduktion kritisieren. So malt das globalisierungskritische ATTAC-Netzwerk das utopische Bild einer Marktwirtschaft, in der sich nicht länger Einzelne auf Kosten von Vielen bereichern sollen. Das Ziel von ATTAC ist eine gerechte Verteilung der gesellschaftlichen Ressourcen. So heißt es in einem Dossier unter dem Titel: »Zukunftsfähig Wirtschaften«:
»Um zukunftsfähige Gesellschaften zu entwickeln, (...) muss sich die Art und Weise, in der unser Wohlstand gemessen wird, drastisch verändern. (...) Wenn wir bestimmen wollen, wann und auf welche Art und Weise Wirtschaftssysteme verbessert werden sollen, müssen wir auch in der Lage sein, wirtschaftliche Aktivitäten korrekt zu messen.«
ATTAC kritisiert, dass in unserer gegenwärtigen Wirtschaft »Der jeweilige Wert unserer Arbeitsleistung vom Markt bestimmt wird.«
Zwar soll die Marktwirtschaft bestehen bleiben, nur der Wert der Waren soll nicht länger abstrakt vom Markt, sondern von den Individuen selbst festgelegt werden. Kapital soll dabei umgangen werden und in gerechten Teilen getauscht werden.
Was verbirgt sich nun hinter der Vorstellung von der einfachen Warenproduktion? Die Warenproduzenten produzieren zunächst nur für ihre persönliche Reproduktion und tauschen danach die überschüssigen Waren untereinander aus. Der Wert der ausgetauschten Waren wird danach taxiert, wieviel Arbeit für die Produktion der Ware aufgewendet wurde. Niemand kann den anderen übers Ohr hauen. Niemand erhält mehr, als er für sein Produkt an Arbeit aufgewendet hat. So handeln die Beteiligten zwar nach dem Wertgesetz, allerdings ohne dass Kapital hinzu tritt. Denn Profit ist von vornherein ausgeschlossen, weil alle unter gegenseitiger Kontrolle arbeiten. Jeder ist sein eigener Polizist.
Die einfache Warenproduktion ist ein Denkmodell, welches davon ausgeht, dass ein Tausch zu Äquivalenten, also gleichwertigen Dingen möglich ist, ohne dass Kapital ins Spiel kommt. Dem muss folgendes entgegen gehalten werden: Der Äquivalententausch ist die Bedingung für die Entstehung von Geld. Wenn zu Äquivalenten getauscht wird, heißt das, dass die unterschiedlichen Waren bereits einander gleichgesetzt werden. Es wird von ihrer Qualität abgesehen und sie werden auf reine Quantität reduziert. Sie gelten im Tausch nicht mehr als Schallplatte oder Blumentopf, sondern nur noch als Werte. Es ist nicht das Geld, welches die Waren einander gleichsetzt, sondern ihre Beziehung aufeinander als Werte. Der Wert braucht aber Geld als seine selbstständige materielle Gestalt. Warenproduktion und Geld sind nicht voneinander zu scheiden, der Äquivalententausch drängt zur Verwirklichung des Werts im Geld. Äquivalententausch und Geld sind zwei Seiten derselben Medaille.
Geld kommt in den Vorstellungen der einfachen Warenproduktion nur in seinen ersten beiden Funktionen vor. Erstens: Als Wertmaß soll es den Wert jeder Ware in einer bestimmten Quantität Geld ausdrücken. Zweitens: Als Zirkulationsmittel soll es den Tausch der Waren vermitteln. Wenn man jede Funktion für sich allein betrachtet, dient Geld lediglich als Hilfsmittel. Als Wertmaß muss es gar nicht real vorhanden sein, sondern es genügt die Vorstellung von Geld. Als Zirkulationsmittel wird es nur für die Vermittlung eines Tauschs benötigt. Nach dem Abschluss eines Tauschaktes ist es nicht mehr von Nöten. Erst als Einheit dieser beiden Funktionen wird Geld wirklich zur dauerhaften Verkörperung von Wert, nämlich wenn es gleichzeitig den Wert der Waren ausdrückt und den Tausch vermittelt.
Der Äquivalententausch der einfachen Warenproduktion drängt also zum Geld. Andererseits kann Geld in der einfachen Warenproduktion nicht als dauerhafte und selbstständige Wertgestalt existieren, da es als Wertmaß nur vorgestellt ist und als Zirkulationsmittel nach dem Ende des Tausches überflüssig ist. In seiner dritten Funktion als Schatz dient Geld als Wertaufbewahrungsmittel. Dies würde in einer einfachen Warenproduktion jedoch keinen Sinn machen, weil erstens das Geld nicht dauerhaft besteht und zweitens der Wert einfach verfallen würde.
Geld existiert also nur, wenn die Kapitalbewegung G-W-G` besteht. In der Bewegung W-G-W würde Geld als Gestalt des Werts nicht dauerhaft und unabhängig existieren können. Er kann sich zunächst nur in der Bewegung G-W-G halten. Also als Ausgangs- und Endpunkt des Prozesses. Allerdings würde der Prozess G-W-G keinen Sinn machen. Man würde Waren einkaufen, um sie für den gleichen Preis wieder zu verkaufen. Erst wenn der Wert die Kapitalbewegung G-W-G` ausführt, vermehrt er sich selbst und erhält auf diese Weise die materielle Gestalt des Geldes.
Daher ist die einfache Warenproduktion nicht möglich. Sie soll zwar auf dem Wert beruhen, kann ihn aber andererseits nicht erhalten. Was sagt uns das? Die Vorstellung von einem Kapitalismus, in der nicht der Markt, sondern wir selbst den Wert der Waren bestimmen, ist eine Fata Morgana. Eine Gesellschaft, die auf Äquivalententausch beruht, muss unweigerlich Geld und Kapital hervorbringen, sonst könnte sie nicht bestehen.
Die Ideologie der einfachen Warenproduktion sitzt dem Fetischismus der Verhältnisse auf. Nichts erscheint ihr natürlicher, als dass Menschen ihre Waren als Äquivalente tauschen. Das Gesellschaftsprinzip der einfachen Warenproduktion ist ebenfalls nicht eines von Menschen, sondern eines von Dingen. Diese Ideologie entspringt selbst den kapitalistischen Verhältnissen als einer »verzauberten, verkehrten und auf den Kopf gestellten Welt«. Das Wertgesetz beruht auf der fetischistischen Beziehung der Individuen zu den Dingen. Aus diesem Grunde lässt es sich nicht kontrollieren, planen oder gar sozial gerecht gestalten.
Für eine kommunistische Perspektive wäre eine solche Vorstellung auch gar nicht wünschenswert. Denn die einfache Warenproduktion geht weiterhin von der gesellschaftlichen Arbeitsteilung aus. Voneinander getrennte Einzelne stellen für sich Produkte her und kommen nur auf dem Markt zusammen. Abgesehen davon müssten die vereinzelten Warenbesitzer alle Produkte zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse selbst herstellen. Die einfache Warenproduktion würde also einen Rückfall in die Subsistenz bedeuten. Das wäre dann nicht – wie von Marx gefordert – ein »Verein freier Menschen«, sondern ein Kleingartenverein.


[Martin K.]

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03.07.2014
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