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#214, Juni 2014
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Aktuelles Heft

INHALT #210

Titelbild
Editorial
• das erste: Nicht ohne Verluste
Skindred + special guests
Lesung aus „Gedenken abschaffen!“ zum Diskurs um den 13. Februar
Defeater, Caspian, Landscapes, Goodtime Boys
Kylesa, Sierra, Jagged Vision
Ja, Panik
No Bragging Rights, Light Your Anchor, To The Wind
Klub: Electric island. DJs: Kim Brown, Falke, Elin
Caféshow: Die Nerven + Support
Filmriss Filmquiz
The Ocean, Der Weg einer Freiheit
Benefizdisco
Ugly Heroes (Apollo Brown, Verbal Kent, Red Pill)
Dritte Wahl, Diva­ kollektiv, Auf Bewährung
FAQ: Conne Island
• inside out: Zur Auseinandersetzung mit der Band „Thy Art Is Murder“
• interview: ...mit der Band „Thy Art Is Murder“
• position: Über die Arbeit in Sexarbeit
• doku: German Abstiegsangst.
• doku: Die alternativlose Universität
• doku: Lampedusa – über die öffentliche Diskussion zur europäischen Flüchtlingspolitik
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• das letzte: Faschismus!!!

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German Abstiegsangst.

Die Grauzonendiskussion: Agonie der Subkultur

In Leipzig wurde vor kurzem die Kneipe VMax von seit einiger Zeit Kiezmiliz spielenden Chemie-Hools aus dem Umfeld der Diablos während eines Konzerts der dänischen Oi!-Band Last Seen Laughing überfallen. Im Vorfeld waren Drohungen via Facebook vorausgegangen, die „Grauzonenscheiße“ nicht länger dulden zu wollen. Begründungen ersparte man sich gleich. Der Vorwurf der „Grauzone“ – damit ist zunehmend so ziemlich alles gemeint, was sich irgendwo zwischen dem Schwarzrot des Punkrock-Anarchismus und dem Braun der NPD bewegt – scheint eine sich selbst genügende Formel zu sein. Vor diesem Hintergrund fragt unser szenekundiger Beamter Hagen Kolb, was es mit der „Grauzone“ und der „Grauzonendiskussion“ auf sich hat.

Die deutsche Denunze hat viele Gesichter: Sie steht gegen Scientology protestierend vor Kinos, wenn der neueste Tom-Cruise-Streifen anläuft, sie schreibt Enthüllungsbücher über Angela Merkel, sie schreit „Stasi!“, „Kinderschänder!“, „Tierquäler!“, sie zeigt ihre Nachbarn beim Vermieter an, sie ist „stets zur Stelle, wenn es gilt, einen Kommunisten an die Reaktion zu verraten“ (Peter Hacks über Heiner Müller), sie kauft Bücher wie „1000 ganz legale Steuertricks“, oder sie lauert Prominenten nach deren Suffeskapaden auf.
Nicht nur die Bild-Zeitung, sondern die gesamte deutsche Medienlandschaft lebt bekanntlich von diesem Bedürfnis nach Denunziation. Für die Linke gab es dafür einst die Zeitschrift Interim. Wöchentlich produziert, versammelte sie in ihren besseren Zeiten Bekennerschreiben, Anleitungen für Ausweisfälschungen oder Krankschreibungen und vor allem bizarre Theoriepapiere der Berliner autonomen Szene. Später dann gerne und zunehmend Selbst- und Fremdbezichtigungen: Abweichlertum, Revanchismus, Nazivorwürfe und anderes politisch unkorrektes Verhalten waren die Themen. In den 1990er und 2000er Jahren wurde die Interim so zu einer Art Autonomen-Sexblatt, da vorrangig Vergewaltigungs- und Pädophilievorwürfe abgedruckt wurden, getreu der alten Kreuzberger Regel, wer zuerst „Vergewaltiger“ sagt, hat gewonnen. Die Zeitschrift markierte somit den Endpunkt einer Entwicklung, die in den 1960er Jahren mit selbstgedrehten WG-Pornos linker Hippies begonnen hatte. Vor allem aber lieferte die Interim in dieser Phase ihrer Geschichte das Kolorit zur Agonie der Autonomen – damals noch ideeller Überbau der Antifa –, die sich in ihrem Untergang verzweifelt an jedes Feindbild klammerten und nun in den eigenen Reihen klar Schiff machten. Je kleiner die Gruppe, umso effektiver die Denunziation: Einmal in die Welt gesetzt, klebte der Vorwurf an den jeweils Bezichtigten. Da es im neuen Deutschland aber bekanntlich gesellschaftlich akzeptierter ist, mit Antifaschismus hausieren zu gehen als mit haltlosen Bettgeschichten für peinlich berührtes Schweigen zu sorgen, gingen die Autonomen unter. Der Nazi-Vorwurf feiert jedoch im neuen Gewand ein furioses Comeback.

Die Grauzonendiskussion

Wer die Diskussion über die so genannte „Grauzone“ verfolgt, wird schnell bemerken, dass hier das gleiche Bedürfnis zum Zuge kommt, das den autonomen Berliner Politfilz einst antrieb, Steckbriefe der eigenen Genossen in Szenekneipen zu verteilen. Entstanden Mitte der 2000er Jahre in der linken Subkultur, vor allem im Umfeld der Red and Anarchist Skinheads (RASH), ist sie heute das Thema Nr. 1 auf Flyern und in Texten vieler Antifa- oder RASH-Gruppen. Da die „Grauzone“ mittlerweile zum festen Repertoire der akademischen „Subkultur-Forschung“ gehört und jeder sicher schon mal einen der diversen Flyer in der Hand hatte oder vielleicht sogar vor den verschlossenen Türen eines Clubs stand (da sich herausstellte, dass der Bassist der Band, die eigentlich auftreten sollte, 1998 auf seiner Homepage eine andere Band verlinkt hatte, die fünf Jahre später auf einem „politisch unzuverlässigen“ Label veröffentlichte), verzichten wir hier auf weitere Erklärungen und tauchen ein in das wirre Universum der Abteilung Scenewatch.
Die Grauzonendiskussion ist im Punk-Mikrokosmos angesiedelt, das heißt eine subkulturelle Erscheinung, die aber in regelmäßigen Abständen auch die traditionellen Antifagruppen und zunehmend die sich professionell mit Antifaschismus beschäftigende Zivilgesellschaft erfasst. Sie ging aus den durchaus erfolgreichen Aktionen der 1990er Jahre gegen Neonazis in der Punk-, Hardcore-, und Oi!-Szene hervor. Als nach dem „Aufstand der Anständigen“ vielen Antifagruppen die Gegner abhanden kamen, kam die Grauzonendiskussion richtig in Fahrt. Wie die Autonomen nach dem Verschwinden des äußeren Feindes (der BRD) im eigenen Saft schmorten und sich nun an internen Gegnern abarbeiteten, so wurde auch in der linken Punkwelt nach Gemeinschaftsschädlingen gefahndet, seit der alte Feind von engagierten Hausfrauen und Pfarrern attackiert wurde. Diese fand man in der eng mit dem Punk verbundenen Oi!-Szene, die seit jeher weniger politisiert und in einem proletarischeren Milieu angesiedelt war.
Wenn Linke um der guten Sache (soll heißen: Antifaschismus) willen Sendungsbewusstsein entwickeln, wird es schnell kitschig. Ein Eindruck, der sich nach der Lektüre des Ursprungstextes der Grauzonendiskussion, des „Roten Hetzpamphlets“ des ZKs Knülle im Politbüro, bestätigt. Dieses Schreiben löste 2008 die erste überregional geführte Grauzonendiskussion aus, prägte den Begriff und gab vor allem die dünne Argumentationsdecke vor, die sich seitdem nicht verändert hat. Grauzonenbands würden „rechts“ und „links“ in Form der Extremismus-Theorie gleichsetzen, heißt es in einem Flugblatt einer Potsdamer Antifagruppe. Damit würden sie „antifaschistische Interventionen erschweren“. „Wo früher der Kampf gegen das System, Bullen oder Nazis an erster Stelle in Songtexten standen, sind diese Themen mittlerweile dem Saufen, der Heimatliebe oder dem ‚Wir-gegen-den-Rest‘ gewichen“, geht es in einem Flugblatt der gleichen Gang weiter. Ständig ist von der Trinität von „nationalistischem, rassistischem und antisemitischem Gedankengut“, von „rechtsextremen Ideologiefragmenten“, von „neonazistischem Gedankengut und Personenzusammenhängen“, von „menschenverachtendem Gedankengut“ (das meistens mehrmals im Text), von „schleichender Akzeptanz gegenüber rechten Positionen“ oder von „anti-emanzipatorischen Inhalten“ die Rede. Dabei wird sich nicht einmal die Mühe gemacht, einen der Begriffe genauer zu definieren bzw. in einen Zusammenhang mit den Vorwürfen zu bringen. Alles in allem sieht man sich, wie es in einem Brief an das Plenum des Leipziger Conne Island hieß, „als aktive AntifaschistInnen, die seit Jahren zur linken Skinhead-Szene zählen (und daher einfach über großes Fachwissen in diesem Bereich verfügen)“. Die Sprache des „Aufstands der Anständigen“ wird hier als originelles, unkonventionelles Denken verkauft. Exakt die gleichen Formulierungen finden sich in fast allen Flugblättern, offenen Briefen usw., sofern man sich überhaupt dazu herablässt, inhaltlich zu argumentieren. In der Regel reichen ein paar Kontaktvorwürfe (Band A ist beim Label B unter Vertrag, welches Band C, die mit der Nazi-Band D mal gespielt hat, verlinkt hat) aus, die akribisch protokolliert, nachgeprüft und geahndet werden. Denn es kann durchaus vorkommen, wie es unlängst der linken Oi!-Band Stage Bottles wiederfuhr, dass der Kontakt zu Verdächtigen ausreicht, um selbst auf der grauen Liste zu landen.(1) Oire Szene oder Oi! It’s apolitical heißen die Blogs, die diese Listen führen, im Stil von Recherche-Antifas wöchentliche Überblicke über aktuelle Grauzonenerkenntnisse liefern und in den letzten Jahren in der linken Club- und Bandszene ein seltsames Klima von Denunziation, vorauseilendem Gehorsam und Demutsgesten geschaffen haben. Konzerte werden abgesagt, Bands liefern Erklärungen ab, offene Briefe werden sogar über die Lokalpresse verbreitet, die seit 2000 gewöhnt ist, derlei ungeprüft und reflexhaft abzudrucken. Während sich die meisten Clubs fügen und Konzerte absagen, gibt man sich hinter vorgehaltener Hand genervt von den Szene-Blockwarten.(2) Diese wiederum beklagen, dass, „nach den angenehmen Zeiten der 90er“, als es angeblich noch „klare Abgrenzungen“ gab (siehe „Rotes Hetzpamphlet“), sich Grauzonenbands der Szene bemächtigen würden. Da dieser Punkt – Fremdkörper schleichen sich in die Szene ein – ein zentrales Element der Vorwürfe zu sein scheint, hier ein kleiner Exkurs zur Vorgeschichte des Streits.

Deutscher Punk versus Deutscher Punk

Gehen wir noch mal zwanzig Jahre zurück. Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre wurde die gerade mal wieder brach liegende Punkszene von verschiedenen Bands und Fanzines wie dem Scumfuck Tradition aus dem Umfeld der Band Beck’s Pistols reanimiert. Von der ursprünglich konsequenten Anti-Haltung des Punk und der Freude, sich nicht nur von Naziidioten, sondern auch von Hippielangweilern, fahnen- und uniformverliebten Kommunisten und arbeitertümelnden Anarchos abzugrenzen, war in Deutschland ohnehin nie viel angekommen. Die hiesige Punkszene hatte sich von Beginn an der kindischen Welterklärung der Autonomen angeschlossen und der linken Variante des Hobbykellers verschrieben: „Do it yourself!“ – DIY – hieß das dann und hatte wenig mit dem Great Rock’n’Roll Swindle, aber viel mit der jeweils nächsten Juso-Ortsgruppe gemein. Und so konnte sich die neue, unbekümmerte Szene sowohl als konsequenter Erneuerer als auch als Vertreter der reinen Lehre präsentieren. Man berief sich auf die Wurzeln des Punk, brachte die frühen britischen Punk- und Oi!-Bands wie Cock Sparrer, Cockney Rejects, Angelic Upstarts oder The Business zurück zum deutschen Publikum und gab so der Punkszene (die nur darauf gewartet zu haben schien) neuen Schwung. Neue Bands entstanden, und schnell wuchs auch die bis dahin völlig marginale nicht-rechte Oi!-Szene. Zwar war diese „neue“ Punkbewegung von einer Horde Bundeswehrsoldaten auf der Heimreise kaum zu unterscheiden und der Output der Bands oft nichts anderes als eine Mischung aus infantilem Männerrock und einem Aufguss des Gesamt-Oeuvres der Drei Besoffskis, der zotigsten Karnevalsband der 1970er Jahre. Aber damit passte man irgendwie gut ins wiedervereinigte Deutschland.
Das alles geschah in bewusster Abgrenzung zum deutschen Punkbild der 1980er Jahre. Und so waren die „neuen“ Punks und Skins gar nicht nach dem Geschmack jener Teile der Punkbewegung, die diesem durchaus noch verhaftet waren und deren Weltbild mit einem Comic des Kreuzberger Vorzeigezeichners Gerhard Seyfried immer noch umfassend beschrieben ist. Das Unbehagen gegenüber dieser neuen Punk- und bald Oi!-Szene war zunächst allerdings indifferent. Es gab ja Anfang der 1990er Jahre nach wie vor „richtige“ Nazis – und zwar nicht zu knapp. Solange die neue Szene es nicht zu bunt trieb, blieb der Glaube an die gute Sache des Punk jedoch ungebrochen. Doch der Versuch, die konsequente Antihaltung des frühen Punkrock zu reanimieren, ging gründlich in die Hose. Die vermeintlichen Erneuerer der Szene verwechselten dessen Verortung jenseits der politischen Lager mit ihrer Parole vom „unpolitisch sein“. So waren die neuen Punks und Skins bald zwar tatsächlich weder links noch rechts, dafür aber durchaus kleinbürgerlich und voller Affirmation. Somit stehen sich seit den 1990er Jahren zwei Zerrbilder des frühen Punk gegenüber: die Bundeswehrfraktion auf der einen, der Hobbykellerflügel auf der anderen Seite. Beide befinden sich im festen Glauben, den true spirit zu repräsentieren.
Dennoch feierten beide Seiten zusammen Parties. Das kürzlich eingegangene Punkfestival Force Attack versammelte Politpunks genauso wie Oi!-Skins, Antifas usw. zu einer Art Bürgerkriegswochenende (siehe Manfred Beier: „If the kids are united“, in: Bonjour Tristesse 3/2008). Es war vielleicht die letzte große Unity-Veranstaltung der Punkszene vor dem Split, der sich spätestens Mitte der 2000er Jahre abzeichnete. Denn als unglaublich schlechte deutsche Drittliga-Oi!-Bands wie Stomper 98, Loikaemie, die Broilers, Toxpack oder die Krawallbrüder begannen, die britischen Urväter des Oi! aus den Verkaufscharts der deutschen Punkmailorder und von den Headlinerplätzen der Festivals zu vertreiben, wuchs das Unbehagen der Szenewächter. Ausgewählten Bands wie Loikaemie (wenn auch mit Nazi-Vergangenheit) wurde Unbedenklichkeit bescheinigt, die Broilers entschwanden in den Mainstream, die meisten anderen wurden hingegen fortan argwöhnisch beobachtet und recht bald als „Grauzone“ gelabelt.

Oi!-Punk Fade To Grey

Das aus der RASH-Szene stammende „Rote Hetzpamphlet“ startete 2008 die Diskussion und statuierte an der Band Stomper 98 ein Exempel. Mit den beschuldigten Bands wird seitdem nicht zimperlich umgegangen, zu den oben zitierten Vorwürfen kommen Boykottaufrufe und all die Restriktionen, mit denen zuvor Nazibands bedacht worden waren.
Dennoch fragt man sich, mit welcher Unverschämtheit diesen Bands, die von linken Punk- oder Oi!-Kapellen wie Rawside oder Loikaemie (ganz zu schweigen von den Deutschpunkbands der 1980er Jahre) nur mit einem Elektronenmikroskop zu unterscheiden sind, „diffuse Wir-Ihr-Konstrukte“ (Harzinfo) vorgeworfen werden – eine Eigenschaft, ohne die deutscher Punk noch nie funktioniert hat. Wenn den so genannten Grauzonenbands „Opferinszenierung“, ein „reaktionäres Politikverständnis“, „Stammtischmentalität“ oder „unpolitisches Rebellentum“ angekreidet werden, dann mag das in den meisten Fällen durchaus stimmen. Was diese Vorwürfe aber völlig der Lächerlichkeit preisgibt, ist die Tatsache, dass sich der Rest der Punkszene in nichts davon unterscheidet – und das schon seit Jahrzehnten. Natürlich sind die Bandmitglieder der Krawallbrüder oder der Troopers extrem unangenehme Typen, mit denen man sich nicht in einem Raum befinden möchte. Das gleiche gilt aber durchaus auch für die linken Bands Oi Polloi, Die Produzenten der Froide, Ska-P, die Dummbrote von Rawside oder die Rummelpunker von Feine Sahne Fischfilet(3). Sieht man sich zudem die Homepages einiger RASH-Sektionen an, verschwinden die Unterschiede völlig. Die RASH Stuttgart begrüßten Besucher ihrer Seite bis vor kurzem mit einem Bild, dass die Gang mit Bengalos und Fackeln in einer Pose zeigt, die vermuten lässt, dass sie auf dem Weg zur Feldherrenhalle eine kleine Fotopause eingelegt hat. RASH-Fanzines wie das bis Anfang der 2000er Jahre erschienene Revolution Times waren durchweg mit Illustrationen drapiert, die stilistisch irgendwo zwischen der KPD-Kunst der 1920er Jahre und NSDAP-Propaganda angesiedelt waren (mit Hammer und Sichel bewaffnete Übermenschen-Skinheads zerschmettern Bataillone von aufmarschierenden Kapitalisten) und exakt das politische Weltbild der RASH wiedergaben.(4)
Das dargestellte Konglomerat reaktionärer Weltbilder – vom kleinbürgerlichen Konservatismus vieler so genannter „Grauzonenbands“ bis hin zum Antisemitismus von linken Bands wie Oi Polloi oder Ska-P – zeichnet die Punkszene seit vielen Jahren aus, und bis vor ein paar Jahren hat sich niemand daran gestört. Die von der RASH gerne als linke Vorzeige-Oi!-Band geführten Los Fastidios spielten noch 2006 auf dem Oi! The Meeting mit den als „Grauzonenband“ gehandelten Krawallbrüdern zusammen und kürzlich erst auf dem Rebellion-Festival in Großbritannien mit echten Nazibands – eines von zahllosen Beispielen. Da darüber in den sammelwütigen Recherche-Blogs kommentarlos hinweggegangen wurde, ist zu vermuten, dass andere Motive hinter dem Szenezwist stehen, als die vermeintliche oder tatsächliche Rechtsoffenheit eines Teils der Punk- oder Oi!-Gemeinde.

German Abstiegsangst – Früher war alles besser

Wie dargestellt, gibt es nur graduelle Unterschiede zwischen den beiden Lagern. So wie sich Freiwild und Oi Polloi in punkto Heimatliebe und Minderheitenschutz wie ein Ei dem anderen gleichen (siehe Bonjour Tristesse: „Punkrock Jihad“, in: Bonjour Tristesse 1/2008), so sind Bands wie die Krawallbrüder oder Stomper 98 in ihrer einfältigen Rebellenattitüde und ihrem Gegröle von Männerfreundschaft und Bierkonsum kaum von „linken“ Bands wie Loikaemie, Dritte Wahl oder den heute wieder auftretenden Slime zu unterscheiden. Ganz zu schweigen von den Toten Hosen, die die Blaupause für all das lieferten und Punkrock den Duft von Bierfurz und Achselschweiß verliehen haben. Hier sind die gleichen einfältigen tätowierten Männer am Werk, und von außen betrachtet man verwundert diesen Streit: Was haben diese Typen gegeneinander?
Das zentrale Stichwort lautet „Kommerzialisierung“, die von den Szenewächtern immer wieder beklagt wird. In der Tat sind die meisten in der Punkszene aktiven Firmen alles andere als Zweimann-Unternehmen. Punk ist schon lange eine Musikszene wie jede andere – und somit vor allem ein Markt. Er geht damit den Weg vieler Subkulturen vor ihm. Die Zeit, in der die Punkszene von der hauseigenen, sich bis vor ein paar Jahren noch als „Do it yourself“ tarnenden Musikindustrie beackert wurde, ist vorbei. Mailorder und Labels stehen in direkter Konkurrenz zur etablierten Industrie, die verbliebenen Punkfestivals kämpfen mittlerweile mit der etablierten Musikindustrie um Bandengagements, Punklabels und -mailorder mit BMG und Amazon um Plattenverkäufe. Aber der Vorwurf, bewusst die „Beliebigkeit“ der Punkszene voranzutreiben, um „mehr Profit zu machen“, lässt nicht nur Rückschlüsse auf das Kapitalismusbild zu: Eine kleine Clique manipuliert die Punkszene, um ihren Profit zu steigern. Sondern sie offenbart auch die durchaus persönlichen Abstiegsängste der Szene-Protagonisten. Bands wie die Krawallbrüder leben in der Tat gut von ihrer Musik, Verlierer sind u.  die Teile der Bewegung, die mangels Erfolg ihre prekäre Lage als trueness umlügen und damit unbemerkt zu den Wurzeln des deutschen Punks zurückkehren, das heißt, zur Erfindung des DIY-Punk durch diejenigen, die keinen Majordeal abbekommen hatten (siehe ebd.). Soll heißen: Der Grauzonenvorwurf ist vor allem sublimierte Abstiegsangst, Sprachlosigkeit vor der Kommerzialisierung des Punk und der Angst – oder vielmehr dem Eingeständnis –, in diesem Spiel den Kürzeren gezogen zu haben. Die zahllosen Semester an der Uni, auf die jeder zweite Politpunkgitarrist inzwischen verweisen kann, haben nichts genützt; man ist den holzköpfigen Oi!-Proleten trotzdem unterlegen, die mit ihren Platten in den Charts landen, in ausverkauften Hallen spielen und mit Konzerten und Merchandising wirtschaftlich erfolgreich sind.
Und so kommt das „Rote Hetzpamphlet“ nicht von ungefähr in der Form einer Seminararbeit daher, mit Einleitung, Prämisse und Konklusion, schicken Zwischenüberschriften, Quellenangaben und Literaturverzeichnis. Auch wenn die infantile Schreibe mehr als zu wünschen übrig lässt, werden mit unverhohlenem Hochmut und Wir-haben-mal-studiert-und-kennen-uns-aus-Pose die Rechtfertigungspamphlete der angeklagten Oi!-Bands verrissen. Es wird deutlich, dass hier der gleiche Menschenschlag am Werk ist, auch wenn der eine Zivildienst und der andere den Wehrdienst leistete, der eine Abitur hat und der andere einen Hauptschulabschluss. Während noch in den 1980ern eine mittelständische Herkunft, Abitur und Studium für eine halbwegs ökonomisch sichere Zukunft standen, sitzt man heute mit der Unterschicht im selben Boot. Die Dünkel sind allerdings geblieben. Die Kommerzialisierungsvorwürfe und der unverhohlene Neid, auf die, die es geschafft haben, lassen die Szenewächter zu den altbekannten Faschismusvorwürfen der Autonomen greifen: Am Ende bleiben Missgunst und ein gewöhnlicher Nachbarschaftsstreit – Alltag in Deutschland.


Hagen Kolb

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Anmerkungen

(1) Ein Bandmitglied der Stage Bottles war bei einem Reggaefestival in Mainz mit einem Bandmitglied der „Grauzonenband“ Stomper 98 gesehen und fotografiert worden.
(2) Das treibt seltsame Stilblüten: die Band Rantanplan sah sich genötigt, auf ihrer Seite eine Erklärung zu liefern, warum sie auf „Grauzonenfestivals“ auftritt und begründete dies damit, „den Grauzonenbands nicht die Szene überlassen zu wollen“. Anderes Beispiel: Städtische Clubs zahlen oftmals lieber hohe Vertragsstrafen, als vereinbarte Konzerte mit den einschlägigen Bands durchzuführen. Dass es auch anders geht, zeigen die oben genannten Stage Bottles, die auf ihrer Seite eines der wenigen klugen Statements zum Thema liefern.
(3) Die Vertonung des linksautonomen Bauchgefühls, Feine Sahne Fischfilet, erfreut sich nicht zuletzt aufgrund einer Promotionsaktion des Landesverfassungsschutzes von Mecklenburg-Vorpommern großer Beliebtheit in der deutschen Antifaszene. In jedem Lied der Rostocker Band gibt es entweder eine kämpferische „Message“ oder Gejammer („Ich bin komplett im Arsch, weiß nicht wohin mit mir.“). Ob es um linke Hausprojekte geht, die eine „Distel im Beton“ seien oder um Flüchtlinge, die ihrer Heimat beraubt wurden („Mit Heimat meine ich keinen Staat [...] keine Nation. Mit Heimat meine ich Familie, Freunde, wo man Zukunft sieht. Wo man sich wohlfühlt“): Stets geht es um Kollektive, die den Zumutungen von rechts und oben widerstehen müssen. Dabei vermischt sich zusehends Innerlichkeitskitsch mit kampfesfreudigem Pathos. Die Band, so schrieb sie im Booklet ihres vorletzten Albums, mache „keine Kunst“. Denn das, was sie machen „soll eine Art Werkzeug sein, um unserer Wut gegenüber Rassisten, Sexisten, Homophobie und Staat eine Stimme zu geben“. Selbstverständlich wolle man „für unsere Träume und Utopien weiter kämpfen“. Ihre Auftritte sollen „Spaß machen und eine Art Krafttankstelle für den weiteren Kampf sein“. Im Lied „Antifascist Action“ singt man von „Wut im Bauch undTrauer im Herzen“. Wenn man sich Antifaschismus nur als somatoforme Beschwerden vorstellen kann, ist es auch nur folgerichtig, wenn man sich mit den Meistern dieser Disziplin zusammen tut. Gemeinsam mit der gefühlsduseligen linken Schnulzenband Früchte des Zorns singt man deren unglaublich dummes Lied „Brennen“. Wenig überraschend ist dann auch der Applaus der Partei Die Linke: Für den Courage-Preis der Linksfraktion im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern wurde Feine Sahne Fischfilet immerhin auf den zweiten Platz gewählt.
(4) Zitiert sei hier auch noch der schöne Satz, ebenfalls von der Webseite der RASH Stuttgart: „Der Unterdrückungsapparat der Bourgeoisie setzt weiter auf die Niederhaltung revolutionärer Kräfte durch seine Kampfhunde und das Herz der Bestie scheint hier in Stuttgart zu schlagen.“

03.02.2014
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