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Aktuelles Heft

INHALT #209

Titelbild
Editorial
• das erste: Ein Stelldichein mit Nazi, Nackedei und Affe
Vortrag & Diskussion: Myths of Cascadia – Über die Synthese von anarchischen Archaismus und Black Metal, sowie die Ideologie des Ursprungs.
Lesung: The Mamas and the Papas – Reproduktion, Pop & widerspenstige Ver- hältnisse.
Sub.Island pres. Tunnidge, INFRA, Mohak
Springtoifel, Volxsturm, The Pisstons
Halftime
Filmriss Filmquiz
War From A Harlots Mouth, Havok, Angelus Apatrida
Roter Salon: Lesung mit THOMAS GSELLA »Achtung hier spricht der Weihnachtsmann!«
Cafékonzert: Alexis Gideon
Benefizdisco
The Word Alive, I See Stars, Dayshell
Joan of Arc, mOck, Jeffk
WORD! cypher / OPEN MIC.
Electric Island Final Edition 2013: Barnt, Wilhelm
X-Mas-Brunch-Special
Hot Christmas Hip Hop Jam #11
BINGO – Christmas Special
»For the kids«-Fest
Conne Island X-mas-Tischtenniscup
NYE/CI
Thy Art Is Murder
Electric Island
Zebrahead
Protest The Hero, Tesseract, The Safety Fire, Intervals
Modern Trips: FunkinEven
• doku: COMPACT zusammengefasst
• doku: Schneeberg: „Wir sind das Volk!“
• doku: Repression für alle
• doku: Die Zeit der schmutzigen Intrige
• leserInnenbrief: Leserinnenbrief:
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• das letzte: Was ist eigentlich das Letzte?

LINKS

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Leserinnenbrief:

Ich besitze kein Fernsehgerät und keinen Kabelanschluss. Für gewöhnlich langweilt mich das Fernsehprogramm und für den Schund, den die privatrechtlichen TV-Sender, insbesondere das mittlerweile anscheinend alleinig auf Reality-TV und Pseudo-Dokumentationen ausgerichtete RTL2, so feilbieten, ist mir bisher meine Zeit einfach immer zu Schade gewesen. Der DVB-T Empfänger an meinem Computer, der es mir ermöglicht, die wichtigsten öffentlich-rechtlichen Sender zu sehen, reicht für meine Bedürfnisse das Medium Fernsehen betreffend völlig aus. Ich kannte deshalb Die Geissens – Eine schrecklich glamouröse Familie nicht und hatte davon auch bis zum Stolpern über das Erste der CEE IEH Ausgabe 207 noch nie etwas gehört.
Ich empfand es als etwas äußerst Befremdliches, dass in dem Artikel der Versuch gemacht wird, dieser, so fällt zumindest meine Ferndiagnose aus, unübertrefflich schnöden und wahrscheinlich unglaublich langweiligen Unterhaltungssendung einen inhaltlichen Wert für linke Gesellschaftstheorie oder -kritik zuzusprechen und dabei sogar soweit zu gehen, dieser ‚emanzipatorisches Potential‘, was auch immer das jetzt schon wieder sein soll, anzudichten. Ich glaube nicht daran und möchte dazu gerne ein paar Worte verlieren.
Dass die in der Sendung Die Geissens unternommene Darstellung des Luxuslebens irgendwelcher Leute wie im Schlusswort des Artikels behauptet geeignet ist, „in der breiten Masse ein Bewusstsein über das Kapital und seine Unstimmigkeiten zu prägen“, das ist gleich in doppelter Hinsicht Unsinn.
Im ersten Sinne, weil, hätten wir es bei den Geissens mit durchgedrehten Lottojackpotgewinnern zu tun, niemand auf die absonderliche Idee kommen würde, deren in der Sendung gezeigtes Privatleben würde irgendjemanden dazu bringen, sich über die Bedingungen der Lohnarbeit bewusst zu werden.
Im zweiten Sinne, weil in einer Welt, in der wir unendlich viele Einzelwillen vorfinden, in der aber am Ende etwas bei herauskommt, was keiner gewollt hat, niemand ernsthaft glauben kann, dass, und das Ganze dann auch noch aus diesem Schund heraus, die nötige Erkenntnis in die Zuschauer führe, die dann zum ‚revolutionären Subjekt‘, zu Freien oder zu weiß der Geier was auch immer würden. Das Kapital als Verhältnis ist von den Menschen geschaffen, es hat Macht über uns (gewonnen), seine Macht ist aber im Gegensatz zu der eines religiösen Fetisch für uns etwas Gegenständliches. Es bestimmt, wie wir produzieren und wie wir uns reproduzieren, damit die materielle Grundlage unseres Lebens und unserer Gesellschaft. Wir haben also nicht einfach vergessen, dass es nur ein Produkt unserer geistigen Tätigkeit war, und die Bewusstwerdung darüber kann uns nun den Pfad zur Freiheit eröffnen. Nein, es stellt sich sogar gegensätzlich dar. Das Verhältnis, das die Ökonomische Basis darstellt, wirkt auch auf alle Bereiche der geistigen Tätigkeit, alle Produkte dieser Tätigkeit sind bereits die den Produktionsverhältnissen entsprechenden Bewusstseinsformen, namentlich Ideologie.
Hier zeigt sich, dass es wohl nicht sonderlich verkehrt ist, mal einen Blick in die Werke von Marx und Engels zu werfen. Dass Linke seit über einhundert Jahren das gleiche Buch läsen, ich vermute hier ist das Kapital gemeint und die gleichen Leute Sparkassenfilialen beschädigten, wage ich zu bezweifeln. Linke sind eine ziemlich heterogene Gruppe und die lautesten, deren Ausdruck dann auch oft nur noch das Scheppern von Scherben, das Knallen von Böllern oder der Ausruf einfach gehaltener Parolen ist, sind nicht unbedingt repräsentativ. Die Marx-Leser ebenso wenig. Beide sind aber schon eher entgegengesetzte Pole dessen, was man irgendwie unter dem Label Links subsumieren kann.
Nur auf Unverständnis sollte es zudem stoßen, wenn jemand, der mit Adorno argumentiert, so vehement das Lesen von Marx ablehnen kann. Damit betritt der Artikel nun völlig den Raum der Albernheiten. Das Ganze wird übrigens mit Zitaten aus einem Vortrag untermauert, in dem Adorno sich mit der Bedeutung Marxscher Theorie nach dem von Marx prophezeiten und doch ausbleibenden Eintritt der Sprengung der Produktionsverhältnisse durch die von diesen gefesselten Produktivkräften auseinandersetzt. Die Beantwortung der Frage nach den Bedingungen dieses Ausbleibens und einer darauf aufbauenden Gesellschaftstheorie ist die entscheidende für die Frankfurter Schule gewesen. Wie zentral da die Thesen zur Kulturindustrie waren, das sollte jeder selbst wissen. Das Ausmaß, das die Geissens in der Entwicklung dieser darstellen, wäre für Adorno und Horkheimer, die noch vom verjazzten Mozart, den Groschenromanen o.ä. und schlechten Filmscripten redeten, wohl unvorstellbar gewesen. Es funktioniert also augenscheinlich auch nicht, Adorno hier einfach so mal anzuführen.
Ein weiteres Zitat dem ähnlich viel Bedeutung zukommen soll, stammt von Robert Geiss selbst. „Ich fahr‘ easy going zur Bank und hol‘ mir ein paar bedruckte Scheine ab.“
Dieser Satz zeugt von nichts anderem als der absoluten Unkenntnis, die Robert Geiss peinlicherweise als erfolgreicher Unternehmer und Kapitaleigener seiner Kohle gegenüber besitzt. Niemand kann ernsthaft darin eine große Erkenntnis über die Einrichtung der Welt, ein auf den Punkt gebrachtes Werk Marx‘ oder irgendetwas anderes theoretisch oder politisch Brauchbares sehen. Es ist nur die blanke lebensnah dargestellte Dummheit eines glücklicherweise reich gewordenen Sportklamottenverkäufers.
Mein Fazit: Es gab ziemlich ernsthaft gemeinte, lange und intensive Auseinandersetzungen um Subversion in populärer Kultur bis in die letzten Jahre hinein. Auf der Suche nach den Standorten, die sich doch noch beziehen ließen, sollten wir eher auch solche in Betracht ziehen, die noch nicht vollständig nach den Produktionsverhältnissen ausgerichtet sind oder noch nicht völlig von diesen durchdrungen sind. Das Reality-TV und das dort gezeigte Leben kommen als solche aber wohl keiner vernünftigen Einschätzung nach in Frage.


Ferrand

05.12.2013
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