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Aktuelles Heft

INHALT #208

Titelbild
Editorial
• das erste: Das Kulturverständnis des Islands
ease up^ pres.: ruffhouse, madera, alza54 & concerta54
Hellnights 2013: The Other Kitty in a Casket The Fright
Tocotronic, Metal Ghost
WORD! cypher / OPEN MIC.
Marathonmann, Storyteller, Grey Gordon
Mayer Hawthorne
Electric Island: 24/5 KANN „24h – 5 Years of KANN Records“
The Sounds, Viktor & The Blood
Deez Nuts, Obey The Brave Stray From The Path, Heart In Hand, Relentless
The Bones, US Bombs Auld Corn Brigade, Möped
Edit pres.: Eddie C, HW Rhapsody, Neele
„Kontroversen über Gesellschaftstheorie“
Lali Puna, Dump + repeatbeat
Agnostic Front, Isolated
Eine Geschichte der Ultras.
Mount Kimbie, Seams, Akkro
Black Milk, Ugly Heroes, MC Melodee & Cookin' Soul
Benefizdisco: U.W.E.L.O.V.E.D.I.S.C.O.
Electric Island: The Black Madonna, Anna & Soussana, Sebastian Dubiel
• position: Communiqué eines linken Ladens:
• position: Linke Leipziger Zustände
• doku: Aufruhr im Gemüsebeet
• doku: Kitz als Kiezkiller
• doku: It never rains in Leipzig.
• leserInnenbrief: Kritik und Dank
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• das letzte: Völkerschlacht reloaded

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Aufruhr im Gemüsebeet

Einige Linksradikale sehen in Blockupy eine großartige Gelegenheit, relevant zu werden. Andere sehen dort nur den bankenkritischen Mob marschieren. Beides ist falsch. Zur Klärung dieser Frage einige strategische Überlegungen zur linksradikalen Intervention in globalisierungskritische Proteste

20.000 Leute ziehen durch Frankfurt und haben erst mal offensichtlich ihren Spaß. Am Flughafen findet eine Aktion gegen die herrschende Flüchtlingspolitik statt, eine Blockade der EZB klappt in Ansätzen, 1000 Leute werden später unter fadenscheinigen Vorwänden für viele Stunden gekesselt und erkennungsdienstlich behandelt. Das …ums Ganze!-Bündnis hält ‘nen vernünftigen Redebeitrag und organisiert ein paar kapitalismuskritische Begleitveranstaltungen, die man hinterher auf Youtube angucken kann.
„Blockupy 2013 war ein Erfolg!“ schreiben die Veranstalter auf blockupy-frankfurt.org – was nicht wirklich verwundern kann, denn wie hätte ein Misserfolg auch aussehen sollen? … Aber hat uns das Event dem Kommunismus näher gebracht?

So gestellt ist die Frage selbstverständlich unsinnig. Revolution, die Aufhebung der kapitalistischen Gesellschaft, ist nur als Folge einer Reihe sehr, sehr kleiner Schritte vorstellbar – und warum sollte eine Intervention von …ums Ganze! in einen mittelgroßen Protest gegen die herrschende Finanz- und Sozialpolitik nicht einer dieser Schritte sein?
Ein mögliches Argument gegen eine solche Intervention sei vorweg schon mal abgewiesen: Wenn sich irgendetwas gesellschaftlich bewegt, Proteste stattfinden, Streiks, was auch immer, dann muss man davon ausgehen, dass daran nicht nur kluge und nette Leute beteiligt sind – so viele gibt es davon nämlich nicht. Bei dem Umfang nach relevanten Protesten werden deshalb bis auf Weiteres immer auch krude Vorstellungen und schlimme Parolen anzutreffen sein. Linksradikale, die deshalb von einer Intervention in erster Linie ihren Ruf beschmutzt oder ihr antinationales Gewissen gepeinigt sehen, haben damit vor allem ihr Ego im Sinn, aber nicht die Herstellung menschenwürdiger Verhältnisse. Es gibt zwar Proteste, die wegen ihrer inhaltlichen Ausrichtung kein sinnvolles Feld für eine Intervention darstellen. Das sollte die radikale Linke aber strategisch diskutieren, nicht moralisch.
Das aber ergibt nicht automatisch ein Argument für eine Intervention in Globalisierungs- oder Sozialproteste. Dazu müsste die Frage beantwortet werden, was eine Intervention bezwecken soll, ob nun bei Blockupy oder woanders. Was bewirkt sie bei den Anderen, was bei uns selbst? Also: Was genau wollen wir da? Dazu im folgenden einige Überlegungen.

„Ich möchte Teil einer Alternativregierung sein“

Demonstrationen haben – neben den Zielen, die man vielleicht sonst noch verfolgt – einen direkten Zweck, ein Motto, eine Botschaft. Sie wollen eine Position bekannt machen oder Druck auf die Regierenden ausüben. Sind sie Teil eines Krisenprotestes, dann wird in der Regel Verarmung skandalisiert und eine andere Wirtschaftspolitik gefordert. Eine solche Forderung hat immer Anteile eines Appells an den Staat.
Appellpolitik hat durchaus manchmal Erfolg. In der Regel dann, wenn man ein Interesse vertritt, das sich der Staat grundsätzlich zu eigen machen kann – bei Stuttgart 21 standen die Chancen dafür nicht schlecht, bei Umweltschutzfragen hat das gelegentlich schon geklappt. Am größten sind die Erfolgsaussichten, wenn gesellschaftlich ein Kräftegleichgewicht herrscht, bei dem Massenproteste das Gewicht der einen Seite vergrößern können und/oder sich die gesellschaftlichen Interessenkonstellationen wandeln und eine Demo hier beschleunigend wirkt. Ein Beispiel ist die Anti-Atomkraftbewegung, deren 100.000-Leute-Demos in Wackersdorf 1981 zwar noch niedergeknüppelt wurden, als Teil eines gesellschaftlichen Stimmungsumschwunges aber dazu beitrugen, dass nach 1982 kein Atomkraftwerk-Neubau mehr begonnen wurde. Andererseits: Die 300.000-Leute-Demo 1983 in Bonn gegen den NATO-Doppelbeschluss, die größte Demo in der BRD bis zur Vereinigung, konnte die Stationierung von Atomraketen in der BRD nicht verhindern; alle wirklich mächtigen gesellschaftlichen Akteur_Innen waren sich in dem Interesse einig, den Realsozialismus militärisch nieder zu konkurrieren. Die Anzahl der Teilnehmer_Innen entscheidet also nicht über den Erfolg einer Demo-Forderung.

Appellpolitik ist aus kommunistischer Perspektive immer fragwürdig. Dabei ist unter Appell nicht nur zu verstehen, wenn die Regierung direkt aufgefordert wird etwas zu tun. Entscheidend ist die „praktische“ Perspektive unter Akzeptanz herrschender Bedingungen: Sobald sich der Protest in erster Linie gegen konkrete Maßnahmen des Staates richtet, gegen ein Gesetzespaket oder ein Spardiktat der Troika z.B., dann wird damit nahegelegt, sie hätten diese Maßnahmen genauso gut unterlassen können. Das aber macht die Kritik zahmer als sie sein müsste.
Auch wenn der Appell radikaler ausfällt – im Sinne der Strategie, erstmal etwas Unrealistisches zu fordern, um dann die Verhältnisse zu „entlarven“, die eine Umsetzung verhindern – handelt man sich eine Menge strategischer Probleme ein. Zum Einen das Glaubwürdigkeitsdilemma: Man mobilisiert Leute für etwas, das man gar nicht ernst meint. Zum Anderen, schlimmer noch, eine ideologiekritische Zahnlosigkeit. Ein zentraler Bestandteil der herrschenden Ideologie ist die Identifikation mit erzwungenen Kollektiven wie Staat oder Nation, also dass „Wir“ gedacht wird, wenn man Deutschland oder die EU meint. Jeder Appell, und mag er noch so radikal scheinen, bestärkt diese Position: An wen appelliert wird, der wird immer ein wenig als ein Teil der eigenen Seite behandelt – und das ist das Gegenteil von dem, was Kommunist_Innen wollen sollten.
Dass sich solche Momente von Appell in jedem Protest finden, ist kein zufälliger Fehler. Mit der Aufforderung etwas NICHT zu tun, ein Gesetz nicht zu beschließen, Leute nicht zu entlassen, scheint der Protest „praktischer“ zu sein als es die Zielvorstellung einer anderen Gesellschaft ist. Gerade mit dieser Praxisnähe gewinnt die Teilnahme an einem solchen Protest für viele Leute an Attraktivität. Daraus ergibt sich das strategische Problem, dass oft die Proteste die attraktiveren sind, die aus kommunistischer Perspektive die Verhältnisse beschönigen.

„Aber wir schaffen Öffentlichkeit…
tun wir doch, oder?“

Das ist die Hoffnung von so ziemlich jedem, der keinen konkreten Adressat_Innen hat – Speakers Corner lässt grüßen... Wenn schon die direkte Auswirkung z.B. einer Großdemo auf politische Entscheidungen minimal ist, dann könne doch, so die Hoffnung von Interventions-Befürworter_Innen, das Spektakel, auf das man Einfluss nehmen will, „Öffentlichkeit“ schaffen, den „Diskurs“ in Deutschland beeinflussen, oder doch wenigstens den irgendeiner Szene.
Dieser Diskurs ist eine Fiktion. Oder, genauer gesagt: Dieser Diskurs ist diskontinuierlich, zeitlich begrenzt und in seiner Tiefenwirkung bezogen auf Ideologievermittlung und Subjektherausbildung minimal. Wenn UG-Genoss_Innen mit Stolz verkünden, die meisten Pressemitteilungen irgendeines Bündnisevents seien von ihnen geschrieben worden, sollte man deshalb misstrauisch werden.
Pressemitteilungen bedeuten, dass man kurz und knapp eine eigene Interpretation eines politischen Ereignisses formuliert, wovon im seltenen Glücksfall Bruchstücke den Weg in bürgerliche Medien finden. Diese Bruchstücke werden in diesen Medien dann vermischt mit solchen Beschreibungen (einmal zu Blockupy 2012, einmal 2013):

„Es gibt feministische Gruppen, Dritte-Welt-Gruppen, Schwulenverbände, Anti-Genfood-Organisationen, ‚Gewerkschafter gegen Stuttgart 21‘ und ein halbes dutzend junger Frauen, die sich ‚feministische Banker gegen den Kapitalismus‘ nennen. […] ‚Italien wird von einem Euro-Technokraten regiert, nicht von einem Politiker‘, sagt ein Student aus Genua. ‚Das sagt doch alles.‘“ [Der Spiegel, 19.05. 2012]

„Bunt war die Szenerie gewesen, so bunt, dass sie politisch fast oftmals beliebig wirkte: Linkspartei- und DGB-Fahnen waren ebenso zu sehen wie die der Fluglärmgegner und die des syrischen Staates „. [FR, 02.06. 2013]

Man kann sich vorstellen, welche Chance die in die Medien gelangten Spuren unserer Pressemitteilungen beim Ringen um Aufmerksamkeit haben: keine. Und auch zu recht, denn oft geben die bunten Schilderungen politischer Skurrilitäten die Protestrealität ja ganz gut wieder.
Im Unterschied zu 2012 waren die Meldungen der Maistream-Medien in diesem Jahr allerdings so vom repressiven Polizeieinsatz geprägt, dass Inhalte ohnehin fast gar nicht vorkamen, weswegen einer Eingemeindung ins abstrakt Gute nichts entgegen stand. So Jakob Augstein in seiner Spiegel-Online-Kolummne: „Die Polizei knüppelt den bürgerlichen Protest nieder.“ (03.06.2013)

Das wesentliche Problem im Konzept der Diskursbeeinflussung: Nicht ein irgendwie offener Diskurs beeinflusst die herrschende Ideologie, sondern was in den Diskurs gelangt, was also in den Medien wiedergegeben, öffentlich diskutiert und von einer größeren Zahl von Leuten wirklich wahrgenommen wird, ist beschränkt. Nicht nur von den ökonomischen Interessen z.B. der Medieneigner_Innen, sondern auch von den ideologischen Weltsichten der Mediennutzer_Innen: Leute lernen nicht dadurch ihre falschen Gewissheiten infrage zu stellen, dass man in zwanzig Zeilen mal kurz was aufschreibt und es ihnen dann, bearbeitet durch eine Redaktion, in der Zeitung zum Frühstücksbutterhörnchen serviert. Auf diesem Weg kann man für Alternativen innerhalb des bürgerlichen Politikverständnisses werben, nicht aber für eine Revolution. Für das Ego von Leuten, die „politische Player“ sein wollen, ist das marginale Wahrgenommenwerden in den bürgerlichen Medien deshalb vielleicht eine tolle Sache. Für die Agitation durch die radikale Linke sind Spiegel und FAZ – zumindest derzeit – völlig bedeutungslos und keine durchtippte Nacht wert.

Die Leute da abholen…

„ Aber“, werden überzeugte Interventionist_Innen jetzt einwenden, „diese Art von Öffentlichkeit ist doch nicht das Entscheidende. Es geht um die Leute, die sich schon als Teil des Sozialprotestes sehen. Ihr Protest greift vor allem zu kurz. Wir müssen mit den richtigen Argumenten intervenieren, um ihn zu radikalisieren!“

Dagegen kann, wenn es denn funktioniert, kaum jemand etwas haben. Nur müsste hier strategisch mal „Butter bei die Fische“ getan und gesagt werden, was man bei wem genau wie genau erreichen will und kann.
Justin Monday hat in der Phase 2(1) schon darauf hingewiesen, dass es in den Krisenprotesten einen regressiven Stream gibt, der unseren Positionen gar nicht näher ist als die staatliche Praxis. Eine ähnliche Beobachtung konnte man auch schon bei den Hartz-IV-Protesten mit ihren sozialchauvinistischen Untertönen machen. Was genau macht die Leute auf entsprechenden Protestdemos dann zu „Genossen, die sich irren?“ Sind sie tatsächlich ein „natürlicher Adressat“, der jeden Einsatz von Ressourcen überlasteter linksradikaler Kleingruppen verdient?
Wer die D-Mark zurückhaben will, wird sich bis auf Weiteres von uns nicht überzeugen lassen. Zwar ist auch eine solche Auffassung nicht angeboren und prinzipiell veränderbar – als Ort und Motor einer solchen Veränderung ist aber gerade ein Großprotest, und sei er noch so brav flankiert von solidarisch-kritischen Vortragsveranstaltungen der radikalen Linken, wenig geeignet. Er ist viel zu weit weg vom bürgerlichen Alltag, der die Chauvinist_Innen jeden Tag in ihren Auffassungen bestärkt.
Oder geht es beim Ziel „Leute abholen“ eher um eine Art Idealadressat_In, Leute die (noch) gar nicht organisiert sind, die mit 14 ‘ne Attac-Gruppe gegründet haben, aber jetzt drüber weg sind, die Kapitalismus scheiße finden (auch wenn sie vielleicht nicht genau wissen, was das ist), die aber auch gegen Antisemitismus sind und gegen Staat (irgendwie) und gegen Rassismus und Sexismus... und die insgeheim auf etwas analytische Ordnung in diesem linken Grundgerüst hoffen – also auf uns? Wenn es sich bei ihnen nicht ohnehin um ein Wunschkonstrukt handelt, dürfte ihr Anteil (aus unterschiedlichen Gründen) bei Blockupy etwa so klein sein wie bei einer 1. Mai-Demo des DGB.
Doch selbst das ist noch kein Argument gegen eine linksradikale Intervention - besser als nichts, könnte man denken. Nur sollten wir uns dann auch über die Voraussetzungen klar sein, die erfüllt sein müssten, um immerhin diese Idealadressat_Innen abzuholen: Es ist eine Atmosphäre des Austausches nötig, in der Differenzen in der Argumentation deutlich werden. Es müssen Leute oder Gruppen identifizierbar sein, die für die richtige Position stehen, an die man sich auch später noch wenden kann und die ihrerseits kulturell, inhaltlich und organisatorisch offen sind – denn gegen die herrschende Ideologie hilft höchstens das Eingebundensein in langfristige Diskussions- und Aktionszusammenhänge, aber nicht der sporadische Kontakt mit radikaleren Parolen.
Tatsächlich aber scheint ein Großteil der Teilnehmer_Innen auf Veranstaltungen wie Blockupy nicht aus Idealadressat_Innen zu bestehen, sondern aus Kapitalismuskritiker_Innen, die ihr Selbstwertgefühl gerade daraus ziehen, dass sie etwas tun, anstatt nur zu reden – aus Bewegungslinken. Es ist kein Zufall, dass sie bisher nicht bei uns gelandet sind, denn es gehört zu ihrem Selbstbild, dass es sehr wohl ein „richtiges Leben im Falschen“ gibt, nämlich das des Aktivist_Innen. Die Macht der Verhältnisse zu unterschätzen und sich selbst zu überschätzen gehört notwendig dazu:
„Machen wir deutlich, dass wir nicht weiter zulassen werden, dass die Krise auf den Rücken von abhängig Beschäftigten, Erwerbslosen, Pensionierten, Prekären, Studierenden, Flüchtlingen und vielen anderen Betroffenen abgeladen wird, weder anderswo, noch hier.“ [Aufruf Blockupy Frankfurt, 2012]

„...Dass wir es nicht zulassen werden…“?? Schön wär’s ja gewesen… Diese Mischung aus einfach mal draufloslabern und die eigenen Kräfte überschätzen gründet nicht nur auf Irrtümern über diese Gesellschaft, sondern auf dem Bedürfnis, sich als handelnd zu erleben – immer. Bauchlinke, die so etwas gut finden, sind ungefähr genauso schwer vom langen Weg zur Revolution zu überzeugen wie die D-Mark-Liebhaber_Innen. Zu den situativen Voraussetzungen, die schon gegeben sein müssen, will man die eben erwähnten Idealadressat_Innen überzeugen, kommen bei ihnen noch einige subjektive Voraussetzungen dazu: z.B., dass sie angesprochenen Leute nicht schon zuviel Herzblut in falsche Thesen und Aktionsformen gesteckt haben dürfen, denn wer schon viel an Zeit und Kraft in dieser Richtung investiert hat, empfindet die notwendige Kritik daran als Beschädigung seiner selbst.
Eine ernstzunehmende Interventionsstrategie müsste reflektieren ob bzw. wann all diese Bedingungen gegeben sind oder wie wir sie herstellen können. Sie müsste damit auch beantworten, warum wir eigentlich Leute ausgerechnet auf Großveranstaltungen gewinnen wollen, deren inhaltliche und äußere Struktur wir nicht selbst setzen. Mit einer Interventionspolitik, die die Szenegebundenheit der radikalen Linken verstärkt, weil die Aktionsformen auf das übliche junge, im weiteren Sinne alternative, akademisch geprägte Milieu konzentriert bleiben, dies aber angesichts des scheinbar „großen Dings“ das da gedreht wird, mit vielen Leuten im öffentlichen Raum, gar nicht als Begrenztheit auffällt, deshalb auch nicht schmerzt – und deshalb auch nicht geändert wird.

„Wollt Ihr also lieber ´nen Lesezirkel
gründen?“

Nein, das dann doch nicht. Mal abgesehen davon, dass das viel weniger Spaß machen würde, setzt Kommunist_In sein mehr voraus als die begriffliche Kenntnis von den Verhältnissen: Zumindest einen Rest von Subjektsein nämlich – und das hat Erfahrungen zur Voraussetzung, die dieses Nicht-Kleingemachte am Leben erhalten.
Insofern ist „Praxis“ ein wichtiger Bestandteil kommunistischer Arbeit. Weniger, weil die radikale Linke in absehbarer Zeit gesamtgesellschaftlich „praktisch“ etwas zum Besseren verändern könnte – dafür sind wir zu sehr marginalisiert. Doch wir brauchen die Erfahrung, mit anderen nach unseren eigenen Grundsätzen kooperieren zu können. Nicht vermittelt über direkten Zwang oder den Markt, sondern gegründet auf Überzeugung. Diese Erfahrung widerspricht der herrschenden Ideologie, dass der Mensch dem Menschen immer ein Wolf sei, und dass es des Geldes oder staatlicher Gewalt bedürfe, damit so etwas wie Kooperation und letztlich Gesellschaft überhaupt funktionieren kann. Zu wissen, dass diese Ideologie unwahr ist, ist das Eine, es zu merken etwas anderes.
Deshalb hat das in der radikalen Linken verbreitete Bauchgefühl, dass „Praxis“ grundsätzlich etwas Gutes ist, und zwar nicht nur wegen ihrer Wirkung nach außen, ein Argument auf seiner Seite: Emanzipative Erfahrungen setzen ein gemeinsames Tun voraus, also etwas ganz Anderes als das bloße Nach-Denken inhaltlicher Positionen in Lesezirkeln. Aber es kommt natürlich auf das „Wie“ der Praxis an – gerade wenn es um die Auswirkung auf die radikale Linke selbst geht, auf die Leute, die die linksradikale Praxis tragen.
Was die großen Events selbst angeht, also Großdemos, Blockaden usw., so wird hier vor allem Gefühl von Praxis vermittelt, weil das Ereignis schlicht anders ist als der Alltag. Wenn unser Ziel aber (um mal ein ganz großes Fass aufzumachen) eine freie Assoziation ist, dann käme es auf eine Praxis an, die uns auf dieses Ziel vorbereitet: Zwecke festlegen und gemeinsam realisieren können, Einheit von theoretischer Arbeit und Reproduktion, Aushandeln üben von Interessengegensätzen unter Menschen, deren Interessen erstmal gleich gelten. Mit Kumpels aus der Kleingruppe und dazu noch drei Dutzend Leuten, die man nicht kennt, im Bus durch die Republik fahren, dann drei Stunden auf einer Demo mitschlurfen und dann wieder in den Bus retour liefert in dieser Hinsicht keine Erfahrung, die einen wirklich weiterbringt.
Viel wichtiger als das Event selbst im Sinne emanzipativer Erfahrungen könnte allerdings die Vorbereitung der Aktion sein: Auch das ist politische Praxis – die immerhin das sichtbare Ergebnis hat, dass viele Tausend Leute irgendwo in Deutschland durch eine Stadt laufen. Ob sie das dann mit mäßigen Parolen tun (siehe oben) müsste ja gar nicht entscheidend sein. Allerdings sollte dafür wenigstens die Vorbereitungspraxis unseren politischen Zielen entsprechen.
Doch das tut sie nicht. Interventionismus findet unter Zeitdruck statt. Der/die begeisterte Interventionist_In geht in der Regel davon aus, dass die Proteste „diesmal aber wirklich“ alles ganz anders machen werden – jedenfalls dann, wenn er sofort aktiv wird. Eile scheint deshalb immer geboten zu sein. Das bekommt dann die konkrete Form, dass z.B. eine andere Gruppe, die im Bündnis aktiv ist, eine Textvorlage liefert, die dringend noch diskutiert oder umgeschrieben werden muss, und die Frau von dieser Zeitung – oder war`s ein freier Mitarbeiter? – sich kurzfristig für ein Gespräch angesagt hat, das natürlich nur ein_e erfahrene_r Genoss_In führen kann. Wichtige Formen der Interventionspolitik sind deshalb: möglichst gewiefte Delegierte in Bündnisplena schicken und Aufruftexte durchkauen, bis sie auch von politischen Gegnern nicht mehr schlimm gefunden werden. Die Organisation der Busfahrt zum Demo-Ort ist dann noch das, was wirklicher kommunistischer Praxis am nächsten kommt – und das ist nicht viel. Was eh schon ein Problem unserer Arbeit ist, wird hier nochmal konzentriert: ein Politikstil, bei dem die Macker wichtiger werden.

„Und was ist jetzt mit Blockupy?“

Es spricht also eine ganze Menge gegen die Intervention in krisen- oder globalisierungskritische Proteste. Trotzdem muss man es nicht von vornherein schlimm finden, wenn Linksradikale z.B. bei Blockupy mit kapitalismus- und staatskritischen Positionen zu intervenieren versuchen. Es mag z.B. in Frankfurt strategische Gründe geben, sich in entsprechenden lokalen Bündnissen zu positionieren. Es mag sein, dass es Gruppen gelingt, eine flankierende Aktion so vorzubereiten, dass es die Gruppe weiterbringt. Vielleicht haben Leute Bock auf den Trubel, vielleicht wollen sie‘s als Gaudi wenigstens einmal im Jahr als Störenfriede ins „Heute Journal“ schaffen – das ist alles erstmal nicht verwerflich, nur halt viel profaner als das Gerede vom „gesellschaftliche Widersprüche offenlegen“ im „Herzen der Bestie“ und der ganze pseudostrategische Kram, den man bei solchen Events in der Regel lesen muss.
Wirklich falsch im Sinne von politisch schädlich wird es allerdings dann, wenn „Kosten“ und „Nutzen“ einer Intervention nicht ernsthaft gegeneinander abgewogen werden, also der (mäßige) mögliche politische Erfolg auf der einen Seite und der dafür notwendige Aufwand sowie die mit der Intervention verbundenen strategischen Probleme auf der anderen.
Es geht beim Aufwand ja nicht nur um drei Stunden Demo und fünf Stunden Fahrt. Es geht um die Stunden Diskussion in den einzelnen Gruppen, um Bündnisplena, um Orgakram, um das Formulieren langer Texte, die acht Wochen später schon niemanden mehr interessieren. Es geht auch immer um das, was man in dieser Zeit und mit dieser Kraft sonst politisch hätte unternehmen können – und was nicht stattfindet, weil das nächste Event scheinbar immer das dringendste ist. Es geht um jahrelange Prozesse gegen die Staatsgewalt usw.. Es reicht als Zielvorstellung nicht aus, zwei Dutzend heimatlose linke Seelen auf einem antikapitalistischen Barrio einfangen zu wollen, wenn dadurch Zeit und Kraft fehlen, sich z.B. um die mindestens 15% jährlichen „Schwund“ zu kümmern, um die Leute, die aus biografischen, Frustrations- oder sonstigen Gründen unseren Gruppen und der radikalen Linken überhaupt den Rücken kehren.

Für den Übergang von „sollten Linksradikale besser sein lassen“ über „kann man machen“ bis zu „hat politischen Sinn“ kann man einige grobe Kriterien angeben:

•        Es muss klar sein, ob mit der Intervention Einfluss auf politische Entscheidungen z.B. des Staates genommen werden soll. Falls ja, ist das meistens unrealistisch und fast immer inhaltlich fragwürdig. Falls nicht, muss bewusst entschieden werden, ob man das offen zugibt. Es könnte ja sein, dass unsere möglichen Adressat_Innen gerade deshalb vor Ort sind, weil sie z.B. den Staat zu einer anderen Krisenpolitik bewegen wollen. Daraus ergäbe sich dann ein strategisches Problem.
•        Es muss frühzeitig reflektiert werden, welcher inhaltliche Preis für die Intervention zu zahlen ist bzw. wo hier Grenzen des Akzeptablen sind. Das bezieht sich sowohl auf die ideologische Submessage des Gesamtevents (z.B. auf Appellanteile) als auch auf die Verwässerung eigener Positionen in der Bündnisarbeit. Dafür reicht es nicht aus, sich vorzunehmen, einem „antikapitalistischen Standpunkt“ Gehör zu verschaffen. Etwas mehr sollte es dann schon sein: Reflexion hieße hier z.B. Ideologeme zu identifizieren, die aktuell Linke in affirmativen Haltungen bestätigen und die deshalb in Wort oder Tat keinesfalls bestärkt werden dürfen.
•        Es muss ein Konzept geben, wer im Zuge der Intervention wovon überzeugt werden soll. Was müssen diese Leute dafür schon mitbringen? Was genau soll ihnen durch den eher punktuellen Kontakt mit unseren Positionen vermittelt werden? Als Resultat müsste es wenigstens in Ansätzen ein strategisches Briefing unserer Referent_Innen geben und ein strategisches Konzept für schriftliches Material. Und wenn es das vollkaskomäßig überzeugende Flugblatt nicht gibt, sondern eher der längerfristige Diskussionszusammenhang entscheidet, dann müssen Leute von uns vor Ort erkennbar ansprechbar sein – und idealerweise eine Vorstellung davon haben, was sie z.B. mit jemandem aus der Oberpfalz machen, der zu keiner Gruppe gehört, aber Interesse an einer weiterführenden Diskussion hat.
•        Und schließlich: Es muss vorher und nachher im Bündnis reflektiert werden, was die Intervention und ihre Vorbereitung mit unserer eigenen Organisation, mit den Gruppen, mit unseren Leuten macht. Werden sie belastet und müssen hinterher auf Kur? Oder hatten sie Spaß an der Sache? Haben sie Erfahrungen gemacht, für die sich der Stress gelohnt hat? Oder wurden in der scheinbar gebotenen Eile Minderheitenpositionen übergangen und Alphamännchen in ihrer Bedeutung bestärkt? Ziel muss es sein, dass in der Vorbereitung Arbeits- und Kommunikationsformen ausprobiert werden, die sich von einem Schützenverein oder einem Kirchenvorstand wesentlich unterscheiden.

Diese Kriterien bedeuten nicht viel mehr, als dass sich …ums Ganze! auch in einer Intervention selbst ernst nehmen muss. Stattdessen wurde in der Vergangenheit der Schluss, „Natürlich müssen wir da hin!“ oft so schnell gezogen wie der Speichelfaden beim Hund vorm Fresschen – das jeweilige Megaevent war einfach so geil, dass sich scheinbar jede Frage erübrigte – auf den Ausdruck „alternativlos“ hat die Bundesregierung kein Patent. Sofern dann überhaupt strategische Überlegungen angestellt wurden, hatten sie nur die Funktion, eine Entscheidung nachträglich zu flankieren, die aus Bauchmotiven längst gefallen war. Auf diese Weise aber werden selbst die paar Ansatzpunkte, die sich in einer eventorientierten Politik hie und da bieten, vertan.



the future is unwritten

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Anmerkungen

(1) Kaderrealität. Die positive Bewertung von M31 und Blockupy offenbart die Fehlinterpretation der Krise. In: Phase 2 Heft 44, 2012

01.11.2013
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