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Aktuelles Heft

INHALT #205

Titelbild
Editorial
• das erste: A new one – Skate Island 2013
Roter Salon: Sozialrevolte oder Aufstand der Täterinnen?
Edo G & Reks
Phase 2 präsentiert: „Samstag ist der neue Montag“
KANN Garden
Mock, El Gos Binari, Argument.
• inside out: Jahresbericht Projekt Verein e.V. 2012
• politik: Amnesie im Raum.
• doku: Optimieren statt Überschreiten?
• doku: Wut & Bürger
• doku: Die Notwendigkeit einer kommunistischen Solidarität mit Israel
• doku: Mythos „Nakba“
• leserInnenbrief: Perfides Spektakel
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• das letzte: Das Minimum

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Wut & Bürger

Zur Verfasstheit des konformistisch-liberalen Rebellionsbedürfnisses

von der Gruppe Morgenthau

Zu hoffen, dass Leute, die in anti-israelischer Umgebung für Israel sind und sich sowohl gegen die Verharmlosung islamischer Gewalt als auch gegen den restlos boshaft gewordenen Antikapitalismus linker Provenienz entschieden haben, einigermaßen richtig ticken, liegt nahe. Wie falsch das ist, belegt eine Expedition in die Internetreviere liberal gesinnter Zeitgenossen, deren wutbürgerliche Unterschicht auf Blogs wie Politically Incorrect gegen Sozialklimbim, Linke und Ausländer randaliert, während die Gebildeteren in Springers Welt oder bei der prowestlichen und liberalen Achse des Guten in zumeist gemäßigter Tonlage die Segnungen der offenen Gesellschaft gegen ihre Feinde verteidigen. Ein wenig geschockt zeigten sich Teile des Blogpublikums, als dort, wo sonst weitgehend besonnen über linke Weltanschauungen, rot-grüne Politiksünden und schräge Antisemiten einvernehmlich geschmunzelt wird, plötzlich der politische Nacktflitzer Akif Pirinçci auftauchte und verdeutlichte, dass es ziemlich schmutzig wird, wenn liberale Rebellen die Hüllen fallen lassen. Widerspruch zu Pirinçcis Darbietung folgte prompt: „Dieser Text ist nicht von liberalen Grundsätzen geprägt, er ist journalistisch nicht gedeckt und moralisch nicht haltbar.“ Allein, Tobias Kaufmanns vertrauensvolle Berufung(1) auf das Gute im Liberalen half nichts, weil Henryk M. Broder mit der Mehrheit dieses Landes die Auffassung teilt, dass das Recht auf die Verbreitung bösartigen Schwachsinns ein Kulturgut sei und seinen Leuten dekretierte(2), dass auf der Achse des Guten im Zweifel Meinungsfreiheit herrsche.
Mit seinem Traktat Das Schlachten hat begonnen(3) liefert Pirinçci ein anschauliches Beispiel für die pathogene Psychodynamik des „Spinners“, der in Adornos Studien zum autoritären Charakter einen prominenten Platz hat. Pirinçci behauptet einen schleichenden Völkermord an deutschen Männern, der von adoleszenten Moslems verübt werde. Getrieben von evolutionärem Naturzwang räumten diese ihre deutschen Fortpflanzungs-Konkurrenten aus dem Weg. Die Höhe der deutschen Opferzahlen vermutet Pirinçci im Bereich eines „veritablen Bürgerkriegs“, wobei er sich auf die soziologische Gewähr der Stimmen, die er hört, verlassen muss, denn: „Die Zahl der auf solcherlei Weise ermordeten Deutschen wird von offiziellen Stellen bewußt geheimgehalten.“ Anlass der bürgerkriegsähnlichen Stimmungslage Pirinçcis war die von Türken verübte Tötung eines jungen Deutschen namens Daniel S., deren Skandalisierung durch Lügen der „geisteskranken linken Medienleute“ und der „Migrantenindustrie“ verhindert werde. Weil den Deutschen von früh auf Selbsthass eingebläut werde, fehle ihnen im Erwachsenenalter sowohl die Empathie für ihre vom Genozid bedrohten Landsmänner als auch der Mumm zum handfesten Widerstand. In der Türkei wisse man, wie mit Volksfeinden umzugehen sei. Würde dort ein Türke von Türkenfeinden erschlagen, eilten Vollstrecker spontanen Volkszorns heran, um die Täter „an ihren Eiern an der nächsten Straßenlaterne“ aufzuhängen. Die duckmäuserischen Deutschen hingegen ließen sich nicht nur widerstandslos ficken, sondern küssten und leckten gar noch den „Schwanz des Vergewaltigers“.
Pirinçci könnte den Versuch wagen, seine These vom widerstandslos fickbaren Deutschen zu verifizieren, indem er ein beliebiges Volksfest aufsuchte und in Gruppen trinkende deutsche Jungmänner aggressiv und in beispielsweise türkischem Akzent beleidigte. Er müsste wahrscheinlich nicht einmal bis in die ostdeutsche Provinz reisen, um festzustellen, dass die Realität manchmal komplexer ist, als man glaubt. In Pirinçcis Welt wird ohne Unterlass domestiziert, gefickt und gequält. Das zwanghafte Ausagieren phallischer Impulse, seine Begeisterung für Lynch-Phantasien und sein fremdschamweckendes Großmaulgetue erinnern an die phallozentrische Spezifik des Islam. Die Absichten der jungen Muslime, die er zu fürchten vorgibt, scheinen ihm selbst indes nicht ganz fremd zu sein. Was Pirinçci und seine Anhänger antreibt, ist die narzisstische Gratifikation, die ihnen zuteil wird, wenn sie den Bescheidwisser, den Aufmuckenden, den Tabubrecher mimen. Mithilfe des anti-autoritären Gestus setzen sie sich absolut gegen eine Außenwelt, die ihnen als Meinungsdiktatur linksgrüner Gutmenschen erscheint.
Die organisierte Gedankenflucht Pirinçcis, der auf das Assoziationspotential baut, das die Rede vom Genozid verspricht, hat ihr Fundament in einer Gesellschaft, deren Mitglieder als Konkurrenten gesetzt sind, die sich im Zweifelsfall auch mal totschlagen. Das gilt auch für die handfeste Asozialität islamischer Jungmänner, die ziemlich oft zuschlagen. Nur treibt sie dabei weder ein Evolutionsprogramm, noch die Suche nach Anerkennung, die der Sozialarbeiter sehen will, sondern die Identifikation mit der gesellschaftlichen Aggressivität, die durch die islamische Lizenz zur Destruktivität angeheizt wird. Nicht ganz nutzlos wäre folglich die Anstrengung, das Verhältnis von objektiver Irrationalität und islamischer Subjektivität darzulegen und die Rolle des Islams als Katalysator einer Gewalt zu benennen, die gegen alles wütet, was als schwach, unmännlich und westlich erscheint. Das was Pirinçci und andere Hetzer hervorbringen, hat mit Islamkritik jedoch nichts zu tun. Auf fremdenfeindliche Impulse des Mobs zu setzen und den zur Staatsraison erhobenen Kulturrelativismus mit paranoiden Phantasien über mordende Migranten bekämpfen zu wollen, befördert lediglich die Produktion von Panik in einer von Grund auf destruktiven Gesellschaft. Pirinçcis nahezu wollüstig vorgetragene Entrüstung über den Schmutz der Straße ist in Wahrheit nur eine sehr dünne und vor allem „willentlich durchsichtige Rationalisierung des Vergnügens“ (Adorno), das sexuell aufgemotzte Gewaltfantasien ihm und seinen Zuhörern bereiten.
Beachtenswerter als die fixen Ideen narzisstisch motivierter Einzelspinner jedoch ist das Milieu, das die Pirinçcis stimuliert und die sozialen Mittel zur Verfügung stellt, akuter Geisteskrankheit durch Kollektivierung zu entgehen. Zu diesem gehört auch jener Teil der israelsolidarischen Szene, der nach dem liberalistischen Turn zum Sammelbecken für (anti-)autoritäre Spinner aller Art verkommen ist. Kein Zufall, dass Pirinçci seinen Müll auf dem bedeutendsten Weblog dieser Szene abladen kann und in den entsprechenden Kommentarspalten des Internets regen Zuspruch findet. Was Pirinçci zur manifesten Schlachtphantasie radikalisiert hat, gehört in abgeschwächter Form zum Repertoire der „asozialen Netzwerke“ (Béla Réthy(4)) des deutschen Liberalismus. Die Kritik, die sich in der Folge der Anschläge vom 11. September gegen die antisemitische Internationale richtete, dann aber recht schnell zu einer Gesinnungsgemeinschaft im Dienste der kapitalistischen Wirtschaftsordnung herabsank, ist davon nicht ausgenommen. Weil mit Kritik allein kein Verein zu machen ist, hat man unter dem Banner des Liberalismus sehr schnell einen ebensolchen gegründet, in dem die Feinde Israels nicht mehr Gegenstand gelungener Polemik sind, sondern willkommene Feindbilder zur Kultivierung der eigenen Identität. Zugegeben, Broders Engagement gegen Augstein und andere Scheußlichkeiten ist auch dann zu verteidigen, wenn der Rest seines zumeist komödiantischen Programms läppisch ist. Dass es neben der banalen Abfeierei des Kapitalismus und der sukzessiven Verabschiedung von Selbstreflexion auch immer wieder sinnvolle Interventionen gibt, ändert indes nichts an der beschriebenen Verfallstendenz. Der sympathische Versuch, das Beste aus seinem Leben zu machen, anstatt alle möglichen Opferpositionen durchzuproben, gerät unterm liberalen Optimismuszwang zum verbitterten Lob kapitalistischer Vergesellschaftung. Verdrängt wird die Tatsache, dass die kapitalistischen Errungenschaften die Hinnahme permanenter Entwürdigung, stupider Arbeit und Trostlosigkeit in einem Teil der Welt zur Kehrseite haben, während im andern Hunger und blanker Schrecken herrschen.
Dabei scheinen die ehrenamtlichen Marktschreier fürs Kapital selber noch in der Warteschlange fürs große Geschäft zu stehen. Andernfalls wäre die Zeit fürs Bloggen und Tastaturheldentum knapper, weil man unternehmerisch für den Erfolg wurschtelte oder wie Familie Geißen im teuren Ambiente das Warten aufs Ende genösse. Ohne Zweifel gehören die Freiheiten, die in einer liberal verfassten Gesellschaft garantiert werden, zu den Voraussetzungen von Mündigkeit und Befreiung. Jedoch: Die historische Unzulänglichkeit des Liberalismus steckt in seinem selbstdestruktiven Potential. Davon will der Liberale nichts wissen. Er reagiert beleidigt bis wütend, wenn man ihn darauf aufmerksam macht, dass die Wirklichkeit sich zu seiner Theorie wie eine wenig schmeichelhafte Karikatur verhält. Die Selbstzerstörung der Vernunft auf kapitaler Grundlage wird in der Ersatzreligion des neuen Liberalismus daher von den gesellschaftlichen Grundlagen abgespalten und auf die sogenannten Feinde der offenen Gesellschaft verschoben. Der permanente Aufstand gegen Produktivitätshindernisse ist eine besonders deutsche Angelegenheit, die in letzter Konsequenz zur Ausrottung alles Unproduktiven wie zur Harmonisierung von gesellschaftlichen Interessenkonflikten drängt. Der marktaffin argumentierende Volkszorn gegen biertrinkende statt manisch arbeitsuchende Bezieher von Alg 2 verdeutlicht die Bereitschaft, den Einzelnen zugunsten eines besinnungslosen Effizienzwahns zu opfern. In der deutschen Ideologie verschränken sich Autoritarismus und Liberalismus. Ein postnazistischer Hit der Sechziger(5), der auch heutige Liberale zum Mitschunkeln animieren dürfte, fasst die deutsch-liberale Gefühlslage zusammen:

„Ihr lungert herum in Parks und in Gassen,
wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen?
Wir! Wir! Wir!
Wer hat den Mut, für euch sich zu schämen? Wir!
Wer lässt sich unsere Zukunft nicht nehmen?
Wir!“

Wenn heutige Liberale die Faulheit und Weltfremdheit Linker und Grüner denunzieren, dann schwingt immer auch etwas vom Groll der postnazistischen Produktionsgemeinschaft gegen Verweigerer mit, auch wenn der autoritäre Gestus eines Freddy Quinn dem narzisstischen Gepolter des zynisch-lässigen Liberalen gewichen ist. Der verleugnete Zusammenhang von Liberalismus und Autoritarismus tritt dennoch immer wieder zutage. Die Verlumpung der Menschheit ist multikulturell und schichtenübergreifend. Im Unterschied zum jugendlichen Vorstadtschläger fehlt dem liberalen Internetpöbel, der sich mit verbaler Randale im virtuellen Raum begnügt, indes die letzte Konsequenz – sei es, weil man noch ein bisschen mehr zu verlieren hat oder weil zum Losprügeln schlicht die körperliche Spritzigkeit fehlt. Wenn die junge und dynamische Jennifer Nathalie Pyka, die um Nazivergleiche nicht verlegen ist(6) und in jeder Umverteilungsaktion den autoritären Staat wittert, im Glauben an die Unendlichkeit der Akkumulation mit der Binsenweisheit, dass die moderne Marktwirtschaft kein Nullsummenspiel sei, hausieren geht und zartfühlig fragt, welche Partei man wählen müsse, um „die Bedingungen dafür zu schaffen, dass einfach alle, vom Hausmeister bis zum Manager, mehr verdienen, anstatt nur die Reichen ärmer zu machen“, so ist ihr wohl nicht anders auf die Sprünge zu helfen als mit einer Nachhilfestunde in Sachen deutscher Wohlfahrtspolitik:

„Wenn das soziale Programm der Bewegung nur darin bestände, die Persönlichkeit zu verdrängen und an ihre Stelle die Masse zu setzen, dann wäre der Nationalsozialismus selbst bereits vom Gift des Marxismus angefressen, wie unsere bürgerliche Parteienwelt dies ist. Der völkische Staat hat für die Wohlfahrt seiner Bürger zu sorgen, indem er in allem und jedem die Bedeutung des Werts der Person anerkennt und so auf allen Gebieten jenes Höchstmaß produktiver Leistungsfähigkeit einleitet, die dem einzelnen auch ein Höchstmaß an Anteil gewährt.“ (Adolf Hitler)

Die Verfasstheit des neueren Liberalismus, die durch die Ausweitung von diskursiven Spielzonen für Leute mit Hang zur politischen Meinung immer deutlicher zutage tritt, präsentiert sich nicht nur in beschränkten Inhalten, sondern auch in einer Sprache, die auf die begriffslose Ansammlung sich wiederholender Parolen und Pointen reduziert ist. Die gesellschaftliche Tendenz zu permanentem selbstdarstellerischem Gequassel, im Berufsleben kommunikative Kompetenz genannt, kommt auch in der sprachlichen Diarrhoe des Liberalen 2.0 zum Vorschein. Während weniger politisch ausgerichtete Leute je nach Fixierung permanent Gefühle bequatschen, halbgares Kunst- und Kulturgelaber absondern oder ihre öden Hobbys zum Dauerthema auswalzen, produziert die liberale Quasselstrippe Meinung am laufenden Band. Der Jargon der Liberalen ist aufmüpfig, rechthaberisch und bemüht darum, den Gegener lächerlich zu machen. Ergänzt wird er durch das Bekenntnis zum Konsum. Den schönen Schein des Warenmarktes gegen linke Lustfeinde zu verteidigen ist als Provokation und als Hinweis darauf, wie überlegen das westliche Modell den islamischen Gebetsgesellschaften ist, vielleicht ein sinnvolles Unterfangen. Wenn es dabei bleibt, wird die Pose des glücklichen Burger-Beißers indes armselig. Schlimmer noch: Zur schnöden Provokationsgeste gesellt sich eine anti-utopische Aggression. Weil die schwer zu leugnende Ahnung, dass der Mensch im Spätkapitalismus zu Ohnmacht und Verblödung verdammt ist und selbst finanzieller Komfort in der Regel nicht verhindert, dass man im Dienste irgendwelcher Sachzwänge hektisch rumhampeln muss, auch dann nicht ganz verschwindet, wenn man sich den Positivismus als Lebenshilfe selbstverordnet hat, ist der Ton gereizt. Besonders dann, wenn die Anstrengung mitzumachen mit der bedrohlichen Aussicht konfrontiert wird, dass es unter den herrschenden Verhältnissen so oder so ziemlich glücklos ablaufen wird. Man will zwar durchblicken, zupacken und aufrütteln, aber doch nur im Rahmen festgeschriebener Grenzen. Die Möglichkeit, dass das Leben anders und besser sein könnte, wird im Gag gegen Weltverbesserer abgewehrt. Am Linken bekämpft der deutsche Liberale das Andere, Transzendente, das man sich selbst abgewöhnt hat und darum bei ihm vermutet. Die zwanghaft verwendeten Signalwörter „Gutmensch“ oder „Gesinnungsdiktator“ erleichtern den Eingeweihten die Identifikation und geben das Gefühl, wahlweise zu den Abgeklärten oder den Widerständigen zu gehören. Unglaublich schlechte Zoten über allbekannte Feindbilder mit hohem Fremdschämfaktor animieren zum kollektiven Dauergelächter und legen die Vermutung nahe, dass Demenz nicht erst dann beginnt, wenn im Heim das Gebiss verlegt wird. Wenn Margot Käßmann, Claudia Roth oder Ruprecht Polenz in die Manege geführt werden, bleibt kein liberales Auge trocken. Und wenn zu guter Letzt die „Kostümjüdin“ Irena Wachendorff, an deren tragischer Gestalt die Szene sich seit Monaten labt, ins Visier genommen wird, steigt der humoristisch überwältigte Liberale auf seinen Schreibtischstuhl und begibt sich in akute Einnässgefahr. Das kollektive Hohngelächter, das auf die standardisierten Verächtlichmachungen von ohnehin Angezählten folgt, ist Doping für alle, die nach oben buckeln und nach unten treten. Gleichen Geistes ist das Gezeter gegen Sozialschmarotzer und Steuergelder verschwendende Politiker. Die Tiraden eines Rainer Brüderle gegen „Zinssozialismus“, „ökosozialistischen Gleichschritt“ und Jürgen Trittin, den „Graf Dracula“ der deutschen Politik, der der Mittelschicht an die Gurgel wolle, sind vom Antisemitismus weniger weit entfernt als die israelsolidarischen Liberalen werden zugeben wollen. Wirklich nichts spricht für evangelischen Predigtton, grüne Ideologie oder christlich-konservative Kollaborationen mit Islamisten und anderen Israelhassern. Wenn jedoch im politischen Kabarett fürs Kapital die Lacher für die Gemeinde lediglich der reviermarkierenden Triebabfuhr dienen und den Appell zur Steigerung des Bruttosozialprodukts beinhalten wird’s nicht polemisch, sondern peinlich.
Ein junger Liberaler, Gideon Boess, der schon in jungen Jahren so schreibt, als bestünde sein sehnlichster Wunsch darin, im Springerverlag unterzukommen(7), ärgerte sich vor nicht allzu langer Zeit über linke Studenten, die an der Humboldt Universität in Berlin dafür sorgten, dass Verteidigungsminister de Maizière einen Vortrag abbrechen musste:

„Da ich selbst Soziologie studiert habe, habe ich die Revolutionäre aus der Nähe kennenlernen dürfen. Sie sind, und ich sage das mit allem gebührenden Respekt, genau das, was sie ihren Gegnern vorwerfen: Autoritäre Irre, die ihre Herrenmenschen-Fantasien an der Universität ausleben, anderen ihre Weltsicht aufdrücken wollen und darum versuchen, eine Meinungsdiktatur durchzusetzen. Eines ihrer wichtigsten Worte lautet ‚irgendwie‘, das immer da eingesetzt wird, wo eigentlich Fakten und Argumente kommen müssten: Irgendwie ist der Kapitalismus böse und die Globalisierung auch.“

Boess, dessen Studium in Berlin ziemlich lange zurück liegen muss, wenn er es in der Nähe von Revolutionären verbracht haben will, gibt hier exemplarisch Auskunft über die Nöte junger Liberaler in einer von studentischen Meinungsdiktatoren bedrohten Welt. Boess macht seine Gegner auffällig groß und böse, wohl um mitzuteilen, wie heroisch sein Widerstand ist. Gut möglich, dass Studenten der Sozialwissenschaften zumeist politisch ideologisierter sind als Studenten der Pflegewissenschaft und sicherlich gehört es zum guten Ton dieses Studiums, theoretische Texte, die nach Aufstand klingen, als Lebenshilfe zu missbrauchen. Letztendlich jedoch landen noch die politisch umtriebigsten Sozialwissenschaftler nach ihrem Studium ganz brav auf dem Arbeitsmarkt statt auf der Barrikade und feuern dort mit nichts anderem als mit Statistiken, Werbesprüchlein und Informationen darüber, wie Menschen reibungslos funktionieren. Genau dies, die Integrationskraft des Systems, neben dem linke Revolutionsmarotten zwingend lächerlich erscheinen, nicht zu erwähnen, sondern eine Bedrohung zu erfinden, obwohl jeder weiß, dass linke Studenten zwar nervig, aber doch vom Errichten der Meinungsdiktatur so weit entfernt sind wie Boess vom gelungenen Sprachwitz, macht ihn zu einem Ideologen, der im Stile der antifaschistischen Berufsjugend kräftig skandalisiert, um seiner Empörung die Wichtigkeit anzudichten, die sie in Wahrheit nicht hat. Die Behauptung, dass grölende Studenten, bei denen chronische Phantasielosigkeit vorausgesetzt werden darf, Herrenmenschen-Phantasien ausleben, ist wahrscheinlich – wie das meiste von Boess – dahingesagt, um beim einfach gestrickten Leser eingeschliffene Assoziationen freizusetzen. Jemand, der wie Boess das Sensibelchen gibt, welches im Studium einen politisch schweren Stand hatte, sollte in der Lage sein, zwischen solchen, die in der jüngeren Geschichte dieses Landes gen Osten zogen und ihre bekundeten Herrenmenschen-Phantasien auslebten, indem sie Wehrlose aus ihren Häusern zerrten und erschossen oder erschlugen, und solchen, die den Verteidigungsminister der BRD ausbuhen, zu unterscheiden.
Da diese Welt von Leuten wie Boess und Gleichgesinnten dank enormer Verdrängungsanstrengung von jeglicher Negativität befreit bleiben muss, sorgt jemand wie Adorno, der bekanntlich keine motivierende Lebenshilfeprosa geschrieben hat, bis heute immer wieder für wütende Abwehrreaktionen. Dabei war Adorno gar nicht so düster oder zivilisationsfeindlich wie Richard Herzinger meinte, als er sich beim Versuch einer Adorno-Kritik endgültig blamierte. In Adornos Studien zum autoritären Charakter gibt es neben den bereits Erwähnten, den Autoritären, den Rebellen oder den Spinnern schließlich auch die so genannten „Vorurteilsfreien“:

„Die Befragten dieses Typs besitzen einen starken Sinn für Autonomie und Unabhängigkeit. Einmischungen von außen in ihre persönlichen Überzeugungen vertragen sie nicht, und sie wollen sich auch nicht in die der anderen einmischen. Ihr Ich ist gut entwickelt – sie sind selten ‚narzißtisch‘. Nichtsdestotrotz zögern sie nicht, Es-Tendenzen zuzugeben und daraus die Konsequenzen zu ziehen – wie es bei Freuds erotischem Typ der Fall ist. Ein hervorstechendes Merkmal ist Zivilcourage, die oft alle rationalen Bedenken hinter sich läßt. Sie können nicht schweigen, wenn Unrecht geschieht, auch wenn sie das ernsthaft in Gefahr bringt. So wie sie selbst ausgeprägte Individualisten sind, sehen sie auch die anderen als Individuen und nicht als Vertreter einer Gattung. […] Seine Liebe ist auch Mitgefühl, nicht nur Verlangen, so daß man ihn fast den ‚mitfühlenden‘ nennen könnte. Wie der ‚Protestierende‘ identifiziert er sich energisch mit den Benachteiligten, doch ohne Zeichen von Zwang und Überkompensierung; er ist kein Philosemit. […] Ästhetische Interessen scheinen häufig zu sein.“

Die Befragten dieses Typs wurden als „genuine Liberale“ typisiert. Die Untersuchungen fanden in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts in den USA statt und sind mit Blick auf die deutschen Liberalen von heute also lange her und weit weg. Das einzige, was das Umfeld der Achse des Guten mit dem genuinen Liberalen teilt, ist die Unfähigkeit zum Schweigen. Das trostlose Einverständnis mit den herrschenden Verhältnissen setzt Empathielosigkeit, Zynismus und ästhetisches Desinteresse voraus. Die hedonistischen Aufmunterungsübungen, mit denen heutige Liberale kokettieren, sind die Begleiterscheinungen permanenter Anpassung und latent todessehnsüchtiger Utopielosigkeit.


Gruppe Morgenthau

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Artikel der Gruppe Morgenthau:
gruppemorgenthau.com

Link zum Artikel:
gruppemorgenthau.com/2013/05/09/wut-burger

Anmerkungen

(1) www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/widerspruch
(2) www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/ich_sage_im_zweifel_fuer_die_meinungsfreiheit._punkt
(3) www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/das_schlachten_hat_begonnen
(4) welt.de/sport/fussball/article115808202/ZDF-Repor-ter-Rethy-wehrt-sich-gegen-Internet-Hetze.html
(5) www.youtube.com/watch?v=pA6IPJB5_Vg
(6) www.theeuropean.de/jennifer-pyka/6838-umvertei-lungsideen-im-bundestags-wahlkampf
(7) boess.welt.de/2013/04/11/blockwarte-der-guten-gesinnung/

13.06.2013
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