Mo Di Mi Do Fr Sa So 
00 00 00 00 00 00 01 
02 03040506070809 10 11121314 15 
16 17 18 192021 22 
23 24 25 26 27 28 29 
30 31 

Aktuelle Termine

CEE IEH-ARCHIV

#201, Februar 2013
#202, März 2013
#203, April 2013
#204, Mai 2013
#205, Juni 2013
#206, September 2013
#207, Oktober 2013
#208, November 2013
#209, Dezember 2013

Aktuelles Heft

INHALT #203

Titelbild
Editorial
• das erste: Gentrifizierungskritiker unter Beobachtung
Das Filmriss Filmquiz
SUB.ISLAND pres. Shu, Full Contact, C U N b2b Proceed
Cafékonzert: The Doppelgangaz, Conikt
Bleeding Through, This or the Apocalypse, Hand of Mercy
electric island: Polo, John Höxter, Miami Müller
Damion Davis, DJ V.Raeter
NIFFA X WSKL aftercontest Showdown!
Johnossi
Pttrns, Fenster, Urban Homes, Map.ache
C L O S E R
WORD! cypher #11 / OPEN MIC
»Los Eastos«-Fest 2
electric island: Optimo aka JD Twitch & JG Wilkes+
• review-corner theater: My Body is poetry!
• interview: Schnitzeljagd in Hitlers Zimmer
• position: Nicht mit und nicht ohne – Teil 1
• politik: Zwangsarbeiter, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeit in Connewitz während des Zweiten Weltkrieges
• doku: Inside Syria: Letters from Aleppo
Anzeigen
• das letzte: das letzte

LINKS

Eigene Inhalte:
Facebook
Fotos (Flickr)
Tickets (TixforGigs)

Fremde Inhalte:
last.fm
Fotos (Flickr)
Videos (YouTube)
Videos (vimeo)



Nicht mit und nicht ohne – Teil 1

Über den Zusammenhang von Gentrifizierung und gesamtgesellschaftlicher Modernisierung

Dieser Artikel stellt einen Beitrag zur Gentrifizierungsdebatte dar, in dem eine alte und zugleich hochrelevante Frage der Linken erneut verhandelt wird: Wie werden soziale Themen zum Inhalt politischer Diskussion und Praxis? Trotz der berechtigten Kritik an den Gentrifizierungsprotesten wollen wir nicht akzeptieren, dass soziale Probleme aus dem eigenen Politikverständnis verdrängt werden. Vielmehr scheint es uns wichtig, das Verständnis über die sozialräumlichen Prozesse zu vertiefen. Der Kapitalismus ist dabei nur angemessen zu kritisieren, wenn seine Ambivalenzen nicht ignoriert werden. Schließlich bedeutet der Kapitalismus sowohl systemische Ausbeutung und Zwang als auch einen Zugewinn an persönlicher Freiheit. Letztere Erkenntnis sollte aber nicht dazu führen, Formen von Kollektivität per se zu verurteilen (Teil 1). Zugleich plädieren wir dafür, eine sozialpolitische Praxis zu betreiben. Dies lässt sich jedoch nicht realisieren, ohne den Widerspruch zwischen Pragmatismus und radikaler Kritik auszuhalten (Teil 2).

Einer der Gründe, warum im vergangenen Jahr die Debatte um Gentrifizierung in Leipzig so hohe Wellen schlug, war die Farbbeutelattacke von selbst ernannten Klassenkämpfer_innen auf das Conne Island im Oktober 2011. Auf einmal waren nicht mehr nur neu gebaute Stadthäuser in Connewitz, sondern auch das sanierte Vorderhaus eines linken, seit zwanzig Jahren bestehenden soziokulturellen Zentrums Ziel einer gegen Gentrifizierung gerichteten Aktion. In einem anonymen Bekenner_innenschreiben wurde dem Conne Island vorgeworfen, ein apolitischer Haufen zu sein, der die Gentrifizierung vorantreibe. Das Schreiben schloss mit den Worten: „Hass, Hass, Hass auf alles und jeden, der das kaputtmacht, was wir lieben!” (nachzulesen bei indymedia unter Connewitzer Kiezkonflikte).
Hinter dieser Art von Gentrifizierungskritik scheint vor allem der Wunsch zu stehen, den Zustand und die Struktur des Viertels unverändert erhalten zu wollen. Der Kiez wird als idyllischer Ort verklärt, weshalb der Zuzug von Familien und Wohlhabenden, die Eröffnung von Geschäften und die Sanierung von Gebäuden verhindert werden müssten. Das Bekenner_innenschreiben wie auch der sonstig sichtbare Gentrifizierungsprotest in Leipzig zeugen von einer verkürzten Analyse. So werden nicht nur alle neu errichteten Einfamilienhäuser, der Supermarkt Netto und Immobilien der Firma Hildebrandt und Jürgens mit Farbe oder Sprüchen versehen, auch hing tagelang in Connewitz ein Transparent mit dem Spruch „Yuppies raus!” . Die Schuld an den Veränderungen eines Stadtviertels wird den Besitzer_innen von Eigentumswohnungen und Häusern, Immobilienfirmen oder so genannten Yuppies gegeben, zu denen auch die Besucher_innen des Conne Island gezählt werden. Dass diese verkürzte und damit auch gefährliche Ursachenanalyse leider keine Ausnahme darstellt, beweisen Geschehnisse aus Berlin, wo sich nicht nur Schriftzüge wie „Schwaben raus” an Wänden finden lassen, sondern in manchen Kneipen sogar Zutrittsverbote für Tourist_innen erlassen wurden. Unserem Erachten nach zeichnen sich die Gentrifizierungsproteste überwiegend durch eine ungenügende inhaltliche Auseinandersetzung mit der Stadtentwicklung im Kapitalismus aus, vielfach reduziert sich die Kritik auf eine Skandalisierung der Verdrängung alteingesessener Bewohner_innen.
In Leipzig entspann sich die innerlinke Debatte über Gentrifizierung insbesondere infolge der oben beschriebenen Farbbeutelattacke. Mehr als in anderen Städten wurde darüber diskutiert, ob Gentrifizierung überhaupt kritikwürdig ist, inwiefern Gentrifizierungskritik und regressives Denken verbunden sind wie auch welche Praxisformen legitim sind. Das Conne Island-Plenum (CEE IEH #190), die Gruppe Contrecœur (#191) sowie Jan-Georg Gerber in der Bahamas (#63) thematisierten richtigerweise die problematischen Personalisierungen und verkürzten Erklärungen. Die im CEE IEH und in der Bahamas formulierte Kritik an den Leipziger Gentrifizierungskritiker_innen, dass dem ans Conne Island gerichteten Pamphlet die Angst vor dem Fremden zugrunde liegt, ist sicherlich treffend. Aber anstatt die Fallstricke einer Gentrifizierungskritik zu antizipieren und sich selbst mit den sozialräumlichen Veränderungen kritisch auseinanderzusetzen, wurden mit den altbackenen sozialrevolutionären Antigentrifizierungspositionen stellvertretend alle kritischen Auseinandersetzungen mit Stadtentwicklung desavouiert. Gleichzeitig wurden auch die aus der kapitalistischen Tauschlogik entstehenden sozialen Folgen und Ungerechtigkeiten schlichtweg ignoriert. Bei der Ausdifferenzierung zwischen Arm und Reich kommt den Städten jedoch eine enorme Bedeutung zu, weshalb der Prozess der Gentrifizierung der gemeinhin die Aufwertung eines Viertels sowie die Verdrängung der alteingesessenen Mieter_innen meint auch als eine Verräumlichung sozialer Ungleichheit verstanden werden kann. Für sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen kommt es zur Schließung von Räumen, indem ihnen beispielsweise der Zugang zu Parkanlagen, Kulturangeboten, lebendigen Vierteln oder schönen Wohnungen erschwert oder ganz verwehrt wird.
Wir wollen daher Gentrifizierung in den kapitalistischen Gesamtzusammenhang einzuordnen, ohne uns über den Begriff als solchen oder seine Anwendung streiten zu wollen. Wo der Prozess der Gentrifizierung anfängt, ob er sich modellhaft abbilden lässt oder nicht, ist uns egal. Indem stadtpolitische, soziale, kulturelle, bauliche und (immobilien-)wirtschaftliche Gründe der Gentrifizierung beleuchtet werden, eröffnet sich ein differenzierter Blick auf die Entwicklungsdynamik des Kapitalismus, der auch Ambivalenzen nicht ignoriert. Besonders soziale und gesellschaftliche Triebkräfte, hier insbesondere die Rolle der eigenen Person in diesem Prozess, werden oft ausgeblendet. Zugleich wollen wir auch ein Blick darauf werfen, warum der Kiez für viele so eine emotionale und soziale Bedeutung hat und möchten dem auf den Grund gehen, was die Gruppe Contrecœur als Phänomen der Dorfgemeinschaft angegriffen hat.
Warum ist es uns so wichtig, das Verhältnis von Kapitalismus und Gentrifizierung zu verstehen? Die Stadt ist mittlerweile der zentrale Ort, an dem sich das ökonomische System reproduziert und transformiert. Die urbanen Zentren wirken zunehmend als Motor des globalisierten Kapitalismus, „indem sie einen effizienten Ablauf von ökonomischer Interaktion in Raum und Zeit ermöglichen, Kapital in materieller Form binden und zu den zentralen Orten ökonomischer Tätigkeiten geworden sind” (Daniel Mullis 2011: Die Stadt im Neoliberalismus). Eine boomende und urbane Stadt ohne Gentrifizierung kann es im Kapitalismus nicht geben. Gentrifizierung ist nicht die Ausnahme im Kapitalismus, sondern dessen erfolgreiche Bestätigung.

Stadt im Kapitalismus

Um sich dem Verhältnis von Kapitalismus und Stadt und damit auch Gentrifizierung anzunähern, bietet es sich an, einen Blick in die Vergangenheit zu richten, und zwar in eine Zeit, in der die Welt noch nicht vom Kapitalismus beherrscht wurde. In diesen vorkapitalistischen Zeiten bestanden klare Unterschiede zwischen Stadt und Land. Dabei handelte es sich nicht einfach um verschiedene Siedlungsformen, sondern zwischen beiden bestanden zum Teil enorme rechtliche, politische und ökonomische Differenzen. Im Mittelalter galten beispielsweise in einigen Städten Europas die Feudalrechte nicht, so dass dort Leibeigene als frei galten. Auf diesen Umstand beruhte etwa der Ausspruch „Stadtluft macht frei” (wobei natürlich nicht vergessen werden sollte, dass „frei” dann auch die Notwendigkeit bedeutete, sich als Arbeitskraft zu verdingen). Zu dieser Zeit existierte mancherorts bereits eine städtische Bevölkerungsgruppe, die in kultureller, politischer und ökonomischer Hinsicht einem späteren Bürgertum glich. Die Händler lebten nicht mehr von den Erzeugnissen aus der eigenen Landwirtschaft, sondern von ihren Umsätzen auf dem Markt und besaßen gewisse politische Autonomierechte. Die hier einsetzende Arbeitsteilung führte zu feudalen ländlichen sowie vorkapitalistischen städtischen Verhältnissen. Ebenjene unterschiedlichen Produktionsweisen werden als sozialhistorischer Grund gewertet, warum sich die europäische Stadt als Keimzelle des Kapitalismus hervortat. Sie lösten eine Dynamik zur Durchsetzung des Kapitalismus aus. Im Zuge der Industrialisierung verlagerte sich quasi die komplette Wertschöpfung in die Städte die Stadt hatte das Land unterworfen.
Im 20. Jahrhundert kamen die Vereinheitlichungsprozesse der ökonomischen und politischen Ordnungssysteme weltweit zum Abschluss. In der westlichen Welt setzte sich das kapitalistisch-demokratische System hegemonial durch, so dass vielleicht noch mentale, aber keine rechtlichen, politischen oder wirtschaftlichen Unterschiede mehr zwischen Stadt und Land bestimmt werden können. Die Stadt, die schon vor dem Kapitalismus existierte, verwandelt sich im Kapitalismus in die kapitalistische Stadt. Die Stadt, die nicht nach kapitalistischen Gesetzen funktioniert, existiert demnach derzeit nicht. Die Stadt ist, wie es Testcard-Herausgeber Roger Behrens ausdrückt, eine architektonisch-räumliche Konkretisierung der Gesellschaft im Kapitalismus. Sie ist somit vielmehr ein soziales Wesen, d.h. ihr Wesen liegt nicht in ihren Gebäuden begründet, sondern in den Konstellationen und Beziehungen, die die Menschen in ihr zueinander einnehmen. Dabei bleiben aber weder die Stadt noch der Kapitalismus einer starren Form verhaftet. Die dynamischen Prozesse, denen der Kapitalismus und seine zugrundeliegenden Arbeitsorganisation und Produktionsweisen unterworfen sind und die im Wechselverhältnis zur gesellschaftlichen Transformation stehen, spiegeln sich in der Stadt.
Bis in die 1970er Jahre dominierte die industrielle Warenproduktion die westliche Welt. Diese als Fordismus bezeichnete Epoche war stark von geregelten Arbeits- und Lohnverhältnissen bei gleichzeitigem Anstieg des Massenkonsums geprägt. Eine fast erreichte Vollbeschäftigung und ein riesiger öffentlicher Sektor waren die Eckpfeiler einer existierenden sozialen Sicherheit, die sich u.a. in Programmen des sozialen Wohnungsbaus ausdrückten. Gearbeitet wurde im Schichtsystem, die Kür des Wohlfahrtsstaates bestand in freien Wochenenden und bezahltem Urlaub. Funktionstrennung und Planung als oberste Logik in der Organisation von Arbeit ließen sich in der hierarchisch gegliederten Stadt wiederentdecken. Die Innenstädte waren der Verwaltung und dem Massenkonsum gewidmet, die Produktionsstätten lagen meist in unmittelbarer Nähe. Somit waren bestimmte Gebiete Industrie und Büros vorbehalten, während andere Stadtviertel als reine Wohnquartiere und somit der Reproduktion dienten. Die teuersten Quartiere zu dieser Zeit waren solche, die im grünen Speckgürtel lagen. Ähnlich klar umrissen wie die Stadtstruktur der westlichen Welt waren auch die sozialen Rollen: Während Männer als Arbeiter und Angestellte die Familie zu versorgen hatten, galt es als Armutszeugnis, wenn Frauen etwas hinzuverdienen mussten. Das Ideal war das der verheirateten und die Kinder versorgenden Frau.
Die Wirtschaftstätigkeit der westlichen Welt geriet in den siebziger Jahren in die Krise. Seitdem wird die fordistische Massenproduktion zunehmend von vielfältigen Formen der Dienstleistung abgelöst, die zu immer größeren Teilen von Selbständigen und nicht mehr von Angestellten einer Firma angeboten werden. Infolge dessen entsteht eine große Vielfalt an neuen Berufen. Insbesondere Tätigkeiten, die ursprünglich in der Sphäre der Reproduktion angesiedelt waren, erleben eine Professionalisierung, wodurch sich neue Berufsfelder wie die soziale Arbeit oder der Wellness- und Sportbereich entwickeln. Zugleich wächst der auf Wissen, Kreativität und Informationstechnologie basierende Berufszweig unaufhörlich. Gerade hier wird deutlich, wie Arbeit zunehmend ihre Bindung an einen Ort und an eine bestimmte Zeit verliert, da viele Tätigkeiten heute theoretisch immer und überall verrichtet werden können. Mit dieser Entgrenzung löst sich auch eine örtliche Funktionstrennung langsam auf. Der private Wohnraum und das Café, in dem man sonst Freund_innen trifft, kann zugleich auch Büro sein. Die Zeit in der S-Bahn wird dazu genutzt, mithilfe des Handys berufliche Emails zu beantworten. Mit den strukturellen Änderungen der Arbeit verfließt die Grenze zwischen Freizeit und Berufstätigkeit.
Generell steigt im Postfordismus das Ansehen der Stadt, denn obwohl die Zahl der Einwohner_innen in Deutschland sinkt, steigt die in den Städten. Die Versorgung mit Angeboten des Konsums und der Kultur, die Anbindung an Infrastruktur und Jobmöglichkeiten werden zum Merkmal von Lebensqualität und damit zum Argument für die Stadt. Während im Fordismus das Haus im Grünen oder die neu errichteten Plattensiedlungen als lukrativ galten, sind heute wieder die lange vernachlässigten städtischen Altbauten begehrt. Die Trennung zwischen Arbeit und Wohnen, die sich früher sogar in Stadtteilen ausdrückte, hebt sich hier zunehmend auf und wird heute unter der stadtpolitischen Kategorie der Mischnutzung verhandelt. Diese Aufhebung findet ihre Überspitzung in all jenen, die als Freischaffende von Zuhause aus arbeiten. Zugleich basieren die neuen und wachsenden Berufszweige der Wissens- und Kreativwirtschaft wie auch des sozialen Bereichs häufig auf prekären Arbeitsbedingungen.

Urbanität als gesellschaftlicher Grund für Gentrifizierung

Die Betrachtung des sich stetig modernisierenden kapitalistischen Systems ist für das Verständnis von sozialräumlicher Ungleichheit und ihrer Entwicklung elementar. Zwar ist es richtig, dass die Gentrifizierung in der westlichen Welt durch eine ökonomische Nachfrage ausgelöst wird, aber allein auf diese Ursache lässt sich jene Form der Stadtentwicklung nicht reduzieren. Weder in der Erneuerung der baulichen Substanz noch in der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen oder in stadtpolitischen Entscheidungen lassen sich alleinige Gründe für die Gentrifizierung finden. Erst recht sind nicht einzelne Personengruppen für diesen Prozess verantwortlich. Vielmehr stellt Gentrifizierung die sozialräumliche Folge einer Durchkapitalisierung dar, also einer Zunahme an persönlichen und gesellschaftlichen Bereichen, die nach kapitalistischer Logik ausgerichtet werden. Während bis vor ein paar Jahrzehnten nur die Wirtschaft als solche gewissen Kosten-Nutzen-Abwägungen folgen musste, werden immer mehr Bereiche ökonomischen Prinzipien untergeordnet. Dazu gehören nicht nur soziale Einrichtungen, öffentliche Institutionen und das Bildungswesen, sondern auch die Stadt, das städtische Leben und eben die in ihr wohnenden Menschen. Gentrifizierung ist somit Teil und Folge einer gesamtgesellschaftlichen kapitalistischen Modernisierung, weshalb sie nun mal in metropolitanen Zentren stattfindet, denn an diesen Orten kristallisiert sich diese Entwicklung. Die modernisierenden Entwicklungen beschränken sich jedoch nicht nur auf Veränderungen im Bereich der Arbeit. Bedeutenden Einfluss auf die Umgestaltung der Städte hat darüber hinaus eine mit dem ökonomischen System eng verbundene gesellschaftliche Modernisierung, die sich in der Pluralisierung der Lebensstile ausdrückt. Nur in der Betrachtung beider Phänomene lässt sich die Umgestaltung der Städte und damit auch die Vertiefung der sozialen Ungleichheit verstehen.
Im Zuge der Individualisierung der Gesellschaft und der Auflösung der traditionellen Kleinfamilie findet eine Ausdifferenzierung von Lebens- und Wohnformen statt. Diese entwickeln Auswirkungen auf den sozialräumlichen Entwicklungsprozess, nicht nur weil sie mehr Wohnraum benötigen. Gerade die Vertreter_innen neuer Lebensentwürfe gehören oft zu den gut ausgebildeten Einwohner_innen einer Stadt und sind nicht selten finanziell gut situiert. Der frühere Normalfall einer Familie mit Kindern mit nur einem Haupteinkommen wird seltener, was Auswirkungen auf den Immobilienmarkt hat. Überspitzt ließe sich sagen, dass Leute, die sich gegen Kinder entscheiden, wie auch doppelverdienende Paare die Gentrifizierung vorantreiben, indem sie die Nachfrage ankurbeln und damit höhere Mietpreise, die sie zu zahlen fähig sind, normalisieren. Einerseits stellen diese neuen Lebensformen Errungenschaften einer gesellschaftlichen Modernisierung dar, weil etwa berufstätige Frauen und gleichgeschlechtliche Partnerschaften zunehmend Akzeptanz finden. Andererseits lässt sich nicht abstreiten, dass diese modern lebenden Menschen zugespitzt gesagt mit ihren Leistungen und Konsumbedürfnissen marktkonformer agieren und damit für den Kapitalismus systemrelevanter sind.
Ähnlich ambivalent ist auch die Frage hinsichtlich der Pioniere der Gentrifizierung. Künstler_innen, Kreative und Menschen aus subkulturellen Milieus gelten zwar als Vorbereiter_innen der Gentrifizierung, trotzdem werden sie von einer Verantwortung frei gesprochen. Auch der Stadtsoziologe Andrej Holm entlastet diese Gruppen, schließlich hätten sie keine andere Wahl, als sich billige Nischen zu suchen. Andere, wie die Autor_innen des eingangs erwähnten Bekenner_innenschreibens, gehen zwar berechtigterweise davon aus, dass das Conne Island Bestandteil der Gentrifizierung ist, kommen dabei jedoch gleichzeitig mit einem unangenehmen Pathos und gefährlichen sozialrevolutionären Argumentationen daher. Indem sie ihre eigene politische und kulturelle Bezugsgruppe, seien es die Autonomen oder die antifaschistische Bewegung, außerhalb des ökonomischen Systems stellen, machen sie es sich zu einfach.
Sicherlich ist es richtig, dass die Menschen in den subkulturellen und kreativen Milieus wenig bis gar nicht beeinflussen können, inwieweit sie auf einer gesellschaftlichen Ebene die Gentrifizierung vorantreiben. Aber indem nur Immobilienfirmen, Stadtverwaltungen und Besitzer_innen von Wohneigentum als Übeltäter_innen gebrandmarkt werden, ignoriert man die komplexen und vielfältigen Transformationskräfte eines ökonomischen Systems wie des Kapitalismus. Vielen Bewohner_innen der von Gentrifizierung betroffenen Gebiete ist ein subkulturelles, politisch linkes oder alternatives Selbstverständnis sehr wichtig. Doch auch wenn diese Lebensstile vermeintlich dem Mainstream entgegenstehen, sind sie Ausdruck einer gesellschaftlichen Pluralisierung im Kapitalismus und diesem immanent. Wenn es neben dem althergebrachten nun auch einen Erotik-Shop für vegane Feminist_innen gibt, mag dies zwar ein Gewinn an Freiheit sein, gleichwohl folgt dieser ebenfalls der herkömmlichen ökonomischen Verwertung. Indem sie auf spezielle Bedürfnisse reagieren, befriedigen Subkulturen oder die alternative politische Szene ein Abgrenzungsbedürfnis, mithilfe dessen sich die eigene Identität formen lässt. Aber damit stehen sie in keiner Weise dem Kapitalismus entgegen, vielmehr dient die Adaption ihrer Ideen und Produkte einer gesellschaftlichen und ökonomischen Innovationskraft und damit der Erneuerung des Kapitalismus.
Teil dieser Entwicklung sind in Leipzig eben nicht nur das Conne Island oder das UT Connewitz, sondern auch klassisch alternative DIY-Läden wie das Zoro und die Liwi. Auch wenn sich der Konzertbetrieb letzterer deutlich weniger an Fragen der Rentabilität orientiert und die Eintrittspreise niedriger sind, tragen sie allesamt zur Steigerung des kulturellen Werts des Stadtteils bei. Denn dank solcher Orte steigt die Lebensqualität dieser Stadt und wird für viele andere Leute attraktiv. Die Anziehungskraft entsteht nicht nur unmittelbar, in dem das kulturelle Angebot der Stadt vielfältiger und den Gästen solcher Läden ein hippes Gefühl vermittelt wird, sondern auch vermittelt. Selbst Menschen, die nicht zu den Besucher_innen zählen, erfahren etwas von dem urbanen Lebensgefühl, das diese Orte durch ihre Andersartigkeit im Vergleich zum Rest der Stadt vermitteln. Nicht ohne Grund wird häufig auf die Bedeutung der Kultur und Kreativwirtschaft für die Ökonomie verwiesen. Mittlerweile werden die szene-kulturellen Angebote nicht länger nur indirekt verwertet, indem sie als Steigerung der Lebensqualität eingestuft und somit als Stimulanz für die hiesigen Immobilienwerte angesehen werden. Stattdessen gelten die kreativen und wissensintensiven Branchen zunehmend als eigenständiger Wirtschaftsfaktor. Gerade in Städten, in denen es keine großen Unternehmen gibt oder alte Wirtschaftszweige ganz weggebrochen sind, haben sich derartige Anreize oft ausgezahlt: Die Investitionen für diese Branche sind im Gegensatz zur Unterstützung der Ansiedlung von Großunternehmen marginal. Die sich als autonom verstehenden Selbstverwirklicher_innen beuten ihre Kreativität, Fähigkeiten und ihr Talent aus, während die Städte Abschöpfung von Humankapital in Reinform betreiben. Sie vermarkten die kreative Szene, indem sie wie in Berlin und Hamburg Imagekampagnen entwerfen, um damit erfolgreich Standortpolitik zu betreiben. Mittlerweile schmückt sich auch Leipzig nicht mehr nur mit dem Slogan „Leipziger Freiheit” , sondern werben Kulturschaffende neuerdings auch mit dem Versprechen „Leipzig - the better Berlin” .
Die lebensweltliche Modernisierung geht einher mit neuen Arbeitsverhältnissen, wie zahlreiche Biographien von linken Bewohner_innen der Szeneviertel belegen, die von krasser Flexibilisierung und Selbstausbeutung zeugen. Besonders in den selbstverwalteten Projekten, kleineren Initiativen oder auch Läden im Kiez lässt sich der Wandel der Arbeit entdecken. Für extrem niedrige Löhne oder auch einfach ehrenamtlich wird Kultur organisiert, Antidiskriminierungsarbeit und kritische Wissenschaft geleistet. Es wird zu Hause und auch am Wochenende gearbeitet, man lebt prekär und ist in keinerlei sichere oder feste Einkommensstrukturen eingebunden. Indem sich die im linken oder subkulturellen Milieu agierende Person daran gewöhnt hat, anspruchsvollen Tätigkeiten nachzugehen, sich gleichzeitig hundertprozentig mit dem Job zu identifizieren und permanent in finanzieller Unsicherheit zu leben, wird sie zur/zum Vorzeigearbeiter_in. Das heißt, auch wenn sich der Anspruch solcher Einrichtungen von üblichen Unternehmen unterscheiden mag, lässt sich hier eine Etablierung neoliberaler Arbeitsstrukturen beobachten. Gleichzeitig werden dank der grenzenlosen Selbstausbeutung die Rahmenbedingungen einer im Kapitalismus eingerichteten Stadt verbessert, indem man zur Modernisierung und Urbanisierung beiträgt.

Soziale und gesellschaftliche Folgen von Urbanität

An der Kritik an der Gentrifizierung lässt sich häufig ein positiver Bezug auf das eigene Viertel ablesen. Die Gruppe Contrecœur und Bahamas-Autor Jan-Georg Gerber wollen hierin ein stark regressives und antimodernes Element entdecken. Für sie stellen die Leipziger Gentrifizierungsproteste eine von Mob und Dorfgemeinschaft ausgehende Verteidigung des Kiezes dar, die in einer Reihe mit der Migrant_innen jagenden deutschen Volksgemeinschaft stehen. Den Gentrifizierungskritiker_innen wird vorgehalten, sie hätten die positiven Seiten des Kapitalismus nicht erkannt, denn sie würden nicht nur den Wohlstand, insbesondere in Form renovierter Häuser, sondern auch den durch die bürgerliche Gesellschaft ermöglichten Individualismus ablehnen. Den modernen Geist der Urbanität hätten sie somit generell nicht verstanden. Zur Begründung wird im Text „Dorfgemeinschaft Connewitz” folgende Erklärung angeboten: In vormodernen Zeiten wurde in Dörfern, auf Schollen oder im Stamm in einer Gemeinschaft zusammengelebt, in der Schutz und Versorgung für den Preis der persönlichen Unabhängigkeit gewährleistet wurden. Die Individualität, die in der Gemeinschaft durch die soziale Kontrolle noch unterdrückt wurde, gelangt erst mit der Durchsetzung der Gesellschaft in der Moderne zu ihrer Entfaltung. Somit wurden die Menschen in der modernen Stadt aus ihren ehemaligen sozialen Kontroll- und Beziehungsgefügen befreit und ihrer Individualität überlassen. Idealerweise treten sich dann Fremde als Fremde und damit gleichberechtigt gegenüber. Wenn auch als Utopie, so wirke Urbanität im Zusammenhang mit dem Kapitalismus, indem sie fähig ist, ehemals essenzialistische Kategorien wie Stand und Klasse aufzuheben.
Die Bestimmung von Stadt, Gesellschaft und Fortschritt auf der einen sowie Dorf, Gemeinschaft und Regressivität auf der anderen Seite sowie auch die Suggestion des Artikels, dass Gentrifizierungskritik quasi mit der Bejahung regressiver Lebensweisen einhergeht, greifen viel zu kurz. Die Reduzierung der Entwicklung der Menschheit in den letzten 300 Jahren auf diese Binarität mag der Kürze des Textes geschuldet sein, doch die Verteidigung der Moderne wirkt hier wie eine unreflektierte Plattitüde.
Unzweifelhaft hat der Kapitalismus in progressiver Art und Weise die Beziehungen und Möglichkeiten der Menschen neu definiert und sie somit von alten Bezugssystemen befreit. Einstige Kriterien für die Verhinderung der Teilhabe an Gütern und Entscheidungen wie Standesschranken oder das Geschlecht haben für das befreite Individuum an Bedeutung verloren. Aber weder die Urbanität noch die bürgerliche Gesellschaft sollten deswegen unkritisch gefeiert werden. Alle Zugewinne an persönlicher Autonomie und Freiheit sind in einer strukturellen Art und Weise an negative Konsequenzen wie neu entstandene Ungleichheiten, Armut oder auch Verschwendung natürlicher Ressourcen gebunden. Ebenso bauen sich mit dem Kapitalismus neue Hindernisse der Partizipation auf, beispielsweise die der persönlichen Leistungsfähigkeit. Zwar ermöglicht die Moderne die Konstitution eines Individuums, aber eben nur von eines solchen, das in der Konkurrenzlogik mithalten kann, da der Kapitalismus auf die Ausbeutung von anderen oder der eigenen Person angewiesen ist. Dabei wird der berufliche oder finanzielle Erfolg oder Misserfolg zunehmend der individuellen Person überantwortet. Gleichzeitig erhöhen befristete Stellen, prekäre Löhne und eine steigende Zahl von Selbständigen den Druck auf das Individuum. Es wird ein flexibles Individuum gefordert, das sich lebenslangem Lernen, der ständigen Selbstoptimierung wie auch einer zunehmenden technischen und ökonomischen Rationalisierung unterwirft.
Vor diesem Hintergrund wirkt es wie eine Rückkehr zu ur-liberalen Positionen, wenn das Bekenntnis zur modernen Gesellschaft auf den Glauben an Individuum, persönliches Glück und Fortschritt reduziert wird. Vielmehr bedeutet doch eine Verteidigung der Moderne, die in ihr wohnenden Ambivalenzen wahrzunehmen und dabei anzuerkennen, dass die mit dem Kapitalismus verbundenen positiven und negativen Folgen auf den Menschen nicht separat verhandelt werden können. Das eine kann ohne das andere nicht existent sein. Ebenjene Zwiespältigkeit der Moderne „zeigt sich gerade in den Städten, wo die subjektive Ohnmacht der Menschen mit der objektiven Macht des Kapitals, mit Armut, Not und Elend, zusammentrifft” (Roger Behrens). Die moderne Stadt wird zu dem Ort, an dem die Ausdifferenzierung anhand struktureller Ungleichheiten sichtbar wird. In diesem Sinne lässt sich Gentrifizierung als die sozialräumliche Folge einer Durchkapitalisierung verstehen, nach der die Gesetze des Neoliberalismus die Wirkungsebene der Ökonomie im engeren Sinne verlassen haben und sich der Druck der Wirtschaftlichkeit stetig, bis hin auf den einzelnen Menschen, ausweitet. Angesichts dessen wäre es politisch notwendig, die sozialen und gesellschaftlichen Schattenseiten nicht einfach beiseite zu schieben, sondern in eine Analyse der kapitalistischen Stadt zu integrieren.
Regressive Modelle des Zusammenlebens wie die der völkischen Gemeinschaft oder des Dorfs zurückzuweisen, so wie es Contrecœur tut, ist vollkommen richtig. Aber ebenso wie der Moderne nicht pauschal das Wort geredet werden kann, sollten im Gegenzug nicht alle kollektiven Formen des Zusammenlebens, Wirtschaftens und Arbeitens grundsätzlich als antimoderne und reaktionäre, die Individualität vernichtende Gemeinschaftssuche delegitimiert werden. Der Wunsch nach dem Persönlichen, Unvermitteltem, Bekanntem oder vielleicht sogar nach dem Kollektiven wird vorschnell lächerlich gemacht, ohne zu fragen, wie mit diesen möglichen Bedürfnissen umgegangen werden kann. Denn Urbanität meint nicht nur ein Ideal vom gleichberechtigten Leben ohne Fesseln in der Stadt, sondern sie geht mit Entfremdung einher, weshalb der Begriff inhärent mit einer vollständig vom Kapitalismus erfassten Gesellschaft verbunden ist. Wenn man also der These der Durchkapitalisierung des Lebens zustimmt, bleibt folgende Frage bestehen: Wie kann eine angemessene Reaktion auf die Vereinzelung, die auch eine Überforderung der Menschen ist, aussehen? Reicht es aus, kritiklos für ein kapitalistisches Versprechen auf Glück und Selbstverwirklichung einzutreten? Oder wäre es nicht sinnvoll, nach emanzipatorischen Varianten des sozialen Ausgleichs zu suchen?
Lange Zeit wurden die Bedürfnisse nach Kontinuität und die Notwendigkeit der Reproduktion mit der bürgerlichen Kleinfamilie ausgeglichen, doch aus berechtigten Gründen ist sie nicht mehr das Maß aller Dinge. So entsteht der Eindruck, dass in der subkulturellen und alternativen Szene die Zentren oder gar der Kiez das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ersetzen. Unabhängig von dem Fakt, dass immense Unterschiede im politischen Anspruch zwischen den polit-kulturellen Läden wie dem Zoro oder dem Conne Island und erst recht im Vergleich zu einem Hausprojekt bestehen, lassen sich diese Orte überspitzt als autonom gewählte Familien beschreiben. Diffuse Bedürfnisse nach einem Gemeinschaftsgefühl können hier befriedigt werden. Gleichzeitig besteht die reale, wenn auch nicht uneingeschränkte Freiheit, den Kreis wieder zu verlassen. Ferner offerieren diese Orte im Gegensatz zur Ohnmachtsgefühle auslösenden gesellschaftlichen Realität Möglichkeiten kollektiven Handelns und Gestaltens. Dabei darf jedoch nicht ignoriert werden, dass diese Orte keine Inseln des hierarchiefreien und solidarischen Miteinanders sind, geschweige denn, dass hier Ausbeutung oder Kommerz gegenstandslos wären. Zudem besteht immer die Tendenz, sich einzuigeln und politisch befrieden zu lassen, oder das politische Verständnis schrumpft gar darauf zusammen, den Kiez zu verteidigen oder das eigene oberspießige Hausprojekt in Ordnung zu halten.
Der Wille, in einem sozialen und emotionalen Bezugssystem zu agieren, das nicht im kapitalistischen Selbstzweck aufgeht, ist nicht gleichbedeutend damit, dass gesellschaftliche Errungenschaften der Moderne wie die Freiheit des Individuums nicht ausreichend honoriert werden würden. Es geht nicht darum, eine Volksgemeinschaft im Großen oder im Kleinen zu verteidigen. Die Suche nach Alternativen des sozialen Zusammenhalts, in denen solidarisches und kollektives Handeln und soziale Empathie erfahrbar werden, in denen die Vergemeinschaftung nicht auf essenzialistischen Kategorien, sondern auf bewussten Entscheidungen beruht, darf nicht grundsätzlich abgetan werden. Die Frage nach nicht-totalitären Formen von Kollektivität sollte Teil einer Diskussion über die emanzipative Gesellschaft werden.


disneyland des unperfekten
[Kooperation von INEX und der AG Gentrifizierung des Conne Islands]

19.jpg

03.04.2013
Conne Island, Koburger Str. 3, 04277 Leipzig
Tel.: 0341-3013028, Fax: 0341-3026503
info@conne-island.de, tickets@conne-island.de