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Aktuelles Heft

INHALT #198

Titelbild
Editorial
• das erste: Still No Peace with Schrebergarten!
La Dispute
Dominic, Oaken Heart
Das Filmriss Filmquiz
4 Promille, Bonecrusher, Lousy, Strongbow
Negative Approach, Punch
electric island: Roaming & Moomin
Living with Lions, Marathonmann
Roter Salon: Der Firmenhymnenhandel
Blu & Exile
Toxpack, Eschenbach, Boykott
Sub.island: Ill K
The Hundred in The Hands
Schlapphut-Knarre-Hakenkreuz
Inbetween: Shackleton
Workshop: We'll never walk alone?
„Hellnights“-Tour
The Excitements
Blitzkreuz-Tour
Veranstaltungsanzeigen
• inside out: „Das kann man doch nicht für bare Münze nehmen“
• inside out: Unterstützung bei sexistischen Erfahrungen im Conne Island
• review-corner buch: About the Hitch
• review-corner buch: Out of Post
• position: „Grauzone“ – Ein Gespräch
• doku: „Landfrieden“ der Bäume
• doku: Never mind the Adorno, here's the Judith Butler
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• das letzte: Das Letzte

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About the Hitch

Zu Ende seines Lebens avancierte dieser aphoristische Ausspruch wohl zum bekanntesten Zitat des Schriftstellers Christopher Hitchens. Über vier Jahrzehnte widmete sich der messerscharfe Polemiker dem Kampf gegen falsche Heilsbringer aller politischen und religiösen Lager. Einen literarischen Blick zurück wirft die autobiografische Erinnerung: Hitch-22. A Memoir.(1)

Christopher Hitchens Signature

Hitchens versus Politics ... and God

Der aus dem konservativen britischen Mittelstand stammende Hitchen war bereits in seinen frühen Zwanzigern eine lokale Berühmtheit Oxfords. Als talentierter Redner war Hitchens in politischen Debatten am Campus genauso beteiligt wie an den Studentenunruhen der Achtundsechziger. Im Buch erklärt Hitchens schon früh Bekanntschaft mit Marx Kapital gemacht und den Anschluss an trotzkistische Aktionsgruppen gesucht zu haben, was ihm einerseits die Möglichkeit bot auf der Straße präsent und andererseits literarisch tätig zu sein. Hitchens sollte die linke Sozialisation seiner Studententage nie vergessen, später aber offensiv mit linken Positionen ins Gericht gehen, wenn diese dazu dienten, autoritäre Regime zu legitimieren. Sein liebster Gegner war und blieb aber die Religion. Marx, der die Kritik der Religion als Voraussetzung aller Kritik ansah, hinterließ in Hitchens Denken einen signifikanten Eindruck.
Dass der Einfluss der Kirche 200 Jahre nach der Aufklärung noch immer die ethisch-moralischen Grundsätze (die sich so häufig als Doppelmoral entpuppen) westlicher Gesellschaften bestimmt, forderte Hitchens heraus. Die Doppelmoral und Selbstbeweihräucherung kirchlicher Würdenträger und geistlicher Symbolfiguren bekämpfte Hitchens in seiner Schmähschrift The Missionary Position: Mother Teresa in Theory and Practice.(2) Darin zeigt er, dass Mutter Teresa weder Heilige noch Retterin der Armen war, sondern Armut als Geschenk Gottes an die Menschheit betrachtete. Als die Friedensnobelpreisträgerin – die sich gern in indischen Armenkrankenhäusern fotografieren ließ, selber aber die Behandlung in kalifornischen Privatkliniken vorzog – Abtreibung als „greatest destroyer of peace“ brandmarkte, reichte dies Hitchens, um Mutter Teresa eine Betrügerin, Fanatikerin und Fundamentalistin zu schelten. Nachdem es Hitchens in den achtziger Jahren aufgrund seiner publizitischen Tätigkeit in die Vereinigten Staaten gezogen hatte, verstärkte sich die ihm entgegengebrachte mediale Aufmerksamkeit. Als Teilnehmer von Fernsehdebatten und Talkshows liebten ihn die konservativen Medien für sein Bashing von post 9/11 Appeasern(3), während ihn liberale Medien herzlich einluden, scheinheilige Erzkonservative argumenativ zu zerstören. Hitchens Axt der Kritik schlug nun immer da ein, wo sich Amerikas politische und religiöse Größen doppelzüngig durch Talkshows und Radiosendung schwatzten. Die breite Besprechung seiner Publikationen war unter anderem auf den Fakt seiner unterhaltsamen TV-Präsenz zurück zu führen. Das Buch God Is Not Great(4) wurde in jeder größeren Zeitschrift der USA besprochen. Hitchens legt in seiner Biografie ausserdem dar, warum er als Redakteur von Vanity Fair, The Atlantic und Gastkolumnist verschiedener amerikanischer Zeitungen und Magazine Henry Kissinger („Kriegsverbrecher“) und Bill Clinton („schamloser Lügner“ und „Frauenhasser“) bekämpfte – denen er später Film und Bücher widmete. Dies, schreibt Hitchens, sei weniger kreative Anstregung als offensichtliches Muss gewesen, habe sich doch niemand um diese politischen Missetäter gekümmert. Wenngleich Hitchens schwer einem politischen Lager zuzuordnen war, so positionierte er sich nach 9/11 außenpolitisch an der Seite der Bush-Administration, begrüßte die Intervention im Irak, nur um daraufhin die Vorgänge in Abu Ghraib und die staatlich ausgeführte Folter in Guantanamo Bay zu geißeln. Im Zuge seiner Recherche besuchte er nicht nur Kuba, sondern ließ sich selber waterboarden.(5) Hitchens, der in der Debatte um den Irak-Krieg niemanden geschont hatte, kritisierte die Linke für ihren falschen Pazifismus; der Frieden unter Hussein war kein Frieden und die Linken hätten gut daran getan sich an die Seite der irakischen Bevölkerung zu stellen, anstatt untätig zu bleiben.(6) Das letztlich die konservative Bush-Regierung Saddam Hussein beseitigt, schien Christopher Hitchens widersprüchlich, hatte er vom Konservatismus eher die Bewahrung des gesellschaftlichen Status quo im Irak erwartet. Hitchens Verhältnis zum Westen war nicht immer so eindeutig wie zu dieser Zeit. Tangierte die politische Debatte den Staat Israel, zeigte er durchaus reaktionäre Denklinien. Hitchens, der, wie sich erst nach dem Tod seiner Mutter herausstellen sollte, selbst Jude war, vertrat antizionistische Positionen. Dies änderte sich durch die Situation in den Palästinensergebieten. Das Erstarken von Hamas, Hisbollah und anderen religiösen Fanatikern, die Bedrohung Israels durch den Terror, die Einflussnahme eines iranischen Präsidenten, der die Vernichtung des jüdischen Staates fordert – dies alles hatte nichts mit dem Verlangen nach einem funktionierenden Palästinenserstaat zu tun, zumal die Unsicherheit besteht, dieser könnte sich zur theokratischen Diktatur nach iranischem Vorbild entwickeln.(7)

A Note On Friendship

Nach einem Witz heißt es: Gott schuf Freunde, um sich für das Dasein von Familien zu entschuldigen.
Freundschaft hatte eine grundlegende Bedeutung in Hitchens Biografie, sie stand auf einer Stufe mit der Literatur: ohne sie lohnt sich kein Leben. Salman Rushdie fand nach der Fatwa Khomeinis Unterschlupf bei Hitchens, mit den bekannten Romanciers Martin Amis, Ian McEwan und dem Lyriker James Fenton verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Durch diese Autorenfreunde entwickelte sich nicht nur sein Schreibstil, sie ermöglichten ihm einen breiten Austausch und Diskussionsrahmen. Ihnen allen widmete Hitchens ein eigenes Kapitel seiner Autobiografie. Bis zum Tod waren sie an seiner Seite. Ein Freund, der Hitchens ebenfalls bis in den Tod begleitete war Johnny Walker (Black). Alkohol gehörte schlichtweg zu seinem bohemian lifestyle. Alkohol mache weniger langweilig und attraktiver, lässt Hitchens wissen, und liefert in seinem Buch gleich noch ein paar Tipps zum Umgang mit Wein und Spirituosen. Dass der Alkohol eines Tages zur Krankheit werden und die Krankheit zum Tode führen kann, kommentierte er lakonisch mit der Frage, wieviele Leben denn der Alkohol nicht schon verlängert und gerettet habe. Kaum verwunderlich, dass Hitchens weiter schrieb und vor allem trank, nachdem ihm Speiseröhrenkrebs diagnostiziert wurde.
Christopher Hitchens scheute keine Auseinandersetzung, er ging mit jedem in den Ring. Er betrachtete das Leben als verlorenen Kampf, der durch seine finale Zwecklosigkeit nicht ins Absurde abdriftet, sondern an Reiz gewinnt. Als er im Dezember 2011 starb, arbeitet er an seinem neuen Buch, mittlerweile im englischen Original verfügbar. Es heißt: Mortality.(8)


Ben Romeo Rolf

Anmerkungen

(1) Christopher Hitchens: Hitch-22. A Memoir. Twelve 2011

(2) Christopher Hitchens: The Missionary Position: Mother Teresa in Theory and Practice, Verso 1995

(3) Hier sind jene gemeint, die sich aus vorauseilendem Gehorsam gegenüber wütenden Islamisten so schändlich an der Meinungsfreiheit vergingen: Das Central Comedy Network, als es verbot, den Propheten Mohammed in den Serien South Park und Family Guy zu zeigen und die vielen westlichen Zeitungen, die es vorzogen, sich nicht hinter die dänischen Karikaturisten zu stellen, als diese verfolgt wurden. Und all jene eben, die die Meinungsfreiheit kritisieren, anstatt sie gegen einen beleidigten islamistischen Mob zu verteidigen.

(4) Christopher Hitchens, God Is Not Great: How Religion Poisons Everything, Twelve 2007

(5) Als Video zu sehen unter: http://www.youtube.com/watch?v=4LPubUCJv58

(6) Die mangelnde Solidarität der Linken gegenüber Salman Rushdie hatte Hitchens bereits 1989 schockiert, war doch Khomeinis Fatwa ein Angriff gegen die Meinungsfreiheit und damit gegen die Möglichkeit gesellschaftlichen Fortschritts überhaupt.

(7) Hitchens hatte den Zionismus als „silly, messianic, superstitious idea“ bezeichnet, die zur Vertreibung der Palästinenser geführt habe. (Vgl: Interview mit Charlie Rose: http://www.youtube.com/watch?v=VQxhyy9Wpb4, 2001). Er betonte aber, dass der Fakt der Existenz Israels nicht zu diskutieren sei. Das Unrecht was man den Palästinensern durch deren Vertreibung angetan habe, legitimiere nicht die Irrationalität von Hamas und Hizbollah, die Anfang der Neunziger Spanien als Kalifat forderten, Sozialisten in Gaza umbrachten und die antisemitischen Protokolle der Weisen von Zion auf ihrer Homepage veröffentlichten. Das unterscheidet Hitchens dann auch von seinem alten Freund Edward Said, der sich nur halbherzig von diesen Gruppen distanzierte. (Vgl. Christopher Hitchens, The Hitch – Geständnisse eines Unbeugsamen, Karl Blessing Verlag 2011, S. 612 ff.)

(8) Christopher Hitchens, Mortality, Twelve; First Edition edition 2012

02.10.2012
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