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Aktuelles Heft

INHALT #198

Titelbild
Editorial
• das erste: Still No Peace with Schrebergarten!
La Dispute
Dominic, Oaken Heart
Das Filmriss Filmquiz
4 Promille, Bonecrusher, Lousy, Strongbow
Negative Approach, Punch
electric island: Roaming & Moomin
Living with Lions, Marathonmann
Roter Salon: Der Firmenhymnenhandel
Blu & Exile
Toxpack, Eschenbach, Boykott
Sub.island: Ill K
The Hundred in The Hands
Schlapphut-Knarre-Hakenkreuz
Inbetween: Shackleton
Workshop: We'll never walk alone?
„Hellnights“-Tour
The Excitements
Blitzkreuz-Tour
Veranstaltungsanzeigen
• inside out: „Das kann man doch nicht für bare Münze nehmen“
• inside out: Unterstützung bei sexistischen Erfahrungen im Conne Island
• review-corner buch: About the Hitch
• review-corner buch: Out of Post
• position: „Grauzone“ – Ein Gespräch
• doku: „Landfrieden“ der Bäume
• doku: Never mind the Adorno, here's the Judith Butler
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• das letzte: Das Letzte

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Im folgenden drucken wir ein Interview ab, welches das Conne Island-Plenum mit der Band Callejon vor ihrem anstehenden Auftritt am 30. Oktober im Conne Island führte. Das Interview zeigt den Umgang des Plenums mit einer Band, welche unter dem Thema Sexismus diskutiert wurde, aber letztendlich doch im Conne Island spielt. Warum diese Band im Conne Island spielt und ein Support nicht, zeigt das Interview.



„Das kann man doch nicht für bare Münze nehmen“

Callejon

Conne Island: Liebe Leute von Callejon, wir freuen uns, dass ihr im Oktober mit der „Blitzkreuz-Tour“ im Conne Island haltmacht und uns einen tollen Abend beschert. Neben Hardcore, Punk, Hip Hop, vielfältiger Clubmusik, kurz, fast allen relevanten Jugend- und Subkulturen, gehört auch politisches Bewusstsein von Beginn an zum Conne Island. Das Conne Island versteht sich als ein aus einer Antifa-Tradition in den Neunzigern entstandenes Zentrum, das seit nunmehr 20 Jahren versucht sein Kulturprogramm unter einem linken politischen Anspruch zu verwirklichen. Dabei hat sich über die Jahre eine Vielzahl von Standards entwickelt, die wir aus politischen und geschichtlichen Gründen als unbedingt notwendig erachten. Antisemitismus, Rassismus und Nazi-Dreck haben im Conne Island nichts verloren. Ebenso versuchen wir seit einigen Jahren dem recht verbreiteten sexistischen und homophoben Backlash in vielen Szenen einen Riegel vorzuschieben.
Unter diesen Prämissen haben wir in den letzten Wochen sehr intensiv über euren Support Eskimo Callboy diskutiert und sind dabei zu dem Schluss gekommen, die Band abzusagen. Satire hin, Überaffirmation her – das Bandkonzept beruht zu großen Teilen auf platten sexistischen, homophoben und verachtenden Lyrics. Auch die Statements der Band, die sie, auf ihr Image angesprochen, z.B. in Interviews zum Besten geben, haben uns in keiner Weise überzeugt. Da wir Transparenz, Auseinandersetzung und eine offene Diskussion immer wichtig finden, vor allem aber auch unser Publikum in unsere Entscheidungen mit einbeziehen wollen, haben wir uns im Zuge der Debatte um Eskimo Callboy entschlossen, euch zu eurem Bandansatz, aber auch zur Kritik an euch und euren Songtexten zu interviewen.

Zuallererst eine Vorstellungsrunde. Euch gibt es schon eine ganze Weile, erzählt mal. Wer seid Ihr und wer macht was? Wie hat sich Callejon gegründet? Wie seid ihr kulturell und kulturpolitisch sozialisiert und verankert?

Bernhard: Hi, ich bin Bernhard und spiele Gitarre bei Callejon. Unser Sänger Basti und ich haben die Band vor gut zehn Jahren mit einigen Freunden, damals noch aus der Schulzeit, ins Leben gerufen. Callejon wurde ganz einfach aus der Idee heraus geboren, selber Musik zu machen, es gab weder Vorgängerbands oder andere musikalische Projekte, noch Erfahrungen, was Instrumente, Auftritte oder sonstiges betrifft. Insofern war (und ist) DIY(1) für uns unabdingbarer Bestandteil der Band. Wir haben Demoaufnahmen, Flyer, Konzerte, Touren, etc. in Eigenregie auf die Beine gestellt und in unzähligen AZ's, AJZ's, JuZe's und ähnlichen Locations gespielt, eben da, wo es Strukturen für junge Bands gab. In diesem Zuge kamen wir natürlich mit der damaligen Hardcore (im weitesten Sinne) Szene in Berührung, mit der wir uns natürlich identifiziert haben und der man uns wohl auch zurechnen kann. Nichtsdestotrotz haben wir uns nie wirklich einer bestimmten Szene oder Bewegung zugehörig gefühlt, da wir vor allem musikalisch immer etwas zwischen den Stühlen saßen bzw. sitzen. Und auch wenn der Maßstab heute vielleicht ein anderer ist, hat sich an dem Prinizip des DIY-Gedanken bei uns nichts geändert. Alle künstlerischen, musikalischen, visuellen und lyrischen Inhalte (vom Artwork über Bandfotos und Musikvideos bis hin zu Musik und Texten) werden von uns erstellt.

CI: Ihr habt vor kurzer Zeit ein neues Album „Blitzkreuz“ herausgebracht, inwiefern hebt sich dieses von den ersten ab?

B: „Blitzkreuz“ ist ein extrem wichtiges Album für uns, es markiert einen Neuanfang, und ist eigentlich als Befreiungsschlag entstanden. In der Zeit, bevor und während wir an dem Album gearbeitet haben, haben sich für uns sehr viele Dinge zum Positiven verändert, auch wenn die Umstände, die dazu geführt haben, nicht immer einfach waren. Dieser grundlegende Neubeginn sollte sich im Albumtitel widerspiegeln. Das Blitzkreuz ist unser Logo, das ja auch schon auf unserem Vorgängeralbum „Videodrom“ zu sehen war, und wird von uns eigentlich synonym für Callejon verwendet. Ursprünglich hatten wir eigentlich vor, das Album einfach „Callejon“ zu betiteln, aber der jetzige Titel erschien uns einfach einprägsamer – das Blitzkreuz steht für die Essenz aller Inhalte, die Callejon transportieren.

CI: Was motiviert und inspiriert euch als Musiker? Spielt Politik bei Euch eine Rolle?

B: Es wäre schwer, eine bestimmte Inspirationsquelle zu nennen, denn so etwas haben wir eigentlich nicht. Wir nehmen das Leben und unsere Umwelt wahr, und aus diesen Erfahrungen bildet sich ein kreativer Prozess. Dieser kann sich aus einem Buch oder einem Film speisen, genauso wie aus zwischenmenschlichen Beziehungen, emotionalen Erfahrungen oder sozialen und politischen Entwicklungen und Diskursen. Wir sind keine Band, die programmatisch eine politische Position vertritt, was aber nicht heißt, dass wir keine Meinung zu politischen oder sozialen Themen haben, die ihren Weg auch in unsere Texte finden. Songs wie „Dieses Lied macht betroffen“ oder „Sommer, Liebe, Kokain“ beschreiben beispielsweise Themenkomplexe wie Mediengläubigkeit und die Tendenz der Spaßgesellschaft, soziale Vorgänge vollkommen auszuklammern und sich stattdessen mit inhaltslosen Themen zu beschäftigen, die von der Unterhaltungsbranche als außergewöhnlich und wichtig suggeriert werden. Die Kulturindustrie schlägt alles mit Gleichheit.

CI: Beim letztjährigen Mach1-Festival hat die Hamburger Punkband Captain Planet, die u.a. mit Euch dort gespielt haben, recht scharfe Kritik an Euren Bühnen-Statements erhoben. Es sollen von Callejon-Seite Ansagen wie „Alle Bräute mit dicken Brüsten, ob schön oder hässlich, wollen wir hier vor der Bühne sehen“ oder „Kommt alle nach vorne, insbesondere diejenigen mit Brüsten. Könnt auch blankziehen“ gefallen sein. In einem Interview für das Burnyourears-Webzine sprecht Ihr Euch klar gegen Sexismus aus. Ein Widerspruch, wie wir finden. Könnt Ihr den auflösen?

B: Ein Widerspruch für diejenigen, die es für möglich halten, wir würden solche Aussagen ernst meinen. Auf die Idee, dass diese Möglichkeit besteht, wären wir eigentlich gar nicht gekommen, weil für uns absolut klar ist, dass so etwas ironische Seitenhiebe auf das Klischee des Rockstartums sind, und nichts anderes. Mal im Ernst, einen Kommentar wie „Alle Bräute mit dicken Brüsten, ob schön oder hässlich, wollen wir hier vor der Bühne sehen“ kann man doch nicht für bare Münze nehmen. Uns ist vollkommen klar, dass geschlechterspezifische Rollen- und Verhaltenszuschreibungen soziokulturelle Konstrukte sind, die durch Konditionierung verinnerlicht werden. Deshalb intendieren solche Aussagen ja auch einen ironischen Bruch, und so viel kritisches Bewusstsein, diesen auch als solchen zu erkennen, haben wir bei unseren Fans immer vorgefunden. Was Captain Planet anbelangt, kann ich keine wirkliche Aussage treffen, wir kennen die Band nicht (und sie uns anscheinend auch nicht), jedenfalls haben sie mit uns kein Gespräch gesucht, was zu einer Klärung hätte führen können.

CI: Seit einiger Zeit arbeitet ihr auch mit KIZ, die bereits mehrmals im Conne Island gespielt haben zusammen. Wir haben am Laden recht intensiv anhand von KIZ über Ironie, „subversive Affirmation“ und „Überidentifizierung mit dem Kritikobjekt“ in der Hip-Hop-Szene diskutiert. (siehe auch: http://www.conne-island.de/nf/190/10.html). Viele Leute am Conne Island finden, dass das Konzept von KIZ – wenn auch nicht in jedem Falle – ganz gut hinhaut. Bei Euch gibt`s ja auch ähnliche „Anleihen“. Wollt ihr die Metalszene – ähnlich wie KIZ im Hip Hop – mit ihren Ressentiments konfrontieren? Welche Intention steht hinter den Texten von „Porn from Spain I und II“? Wen meint Ihr, wenn ihr z.B. von „Schlampen“ singt?

B: KIZ sind ein sehr gutes Beispiel, denn ihre Inhalte beruhen auf der Ironisierung und Überhöhung der für ihre Szene spezifischen Konventionen und Klischees. Das ist auch der Grund, aus dem wir bei „Porn from Spain“ ein Feature mit Nico von KIZ, bzw. bei „Porn from Spain II“ eines mit der kompletten Band haben. Vor allem der erste Song ist eine Reaktion auf Anfeindungen bestimmter Leute aus der „Szene“, die sich daran stören, dass wir nicht „true“ seien, das heißt, nicht den Konventionen und der Auffassung, die diese Leute über bestimmte Musikstile und Inhalte haben, entsprechen. In diesem Zusammenhang gibt es die Textzeile „Du bist die wahre Schlampe“, die darauf abzielt, dass ebendiese Leute eine dogmatische Haltung einnehmen, im nächsten Moment aber wieder dem nächsten Trend hörig sind.

CI: Auch in diesem Zusammenhang: Ihr geht ja mit Eskimo Callboy auf Tour. Wie kam es dazu? Ist euch die Kritik gegenüber der Band bekannt? Das Conne Island ist ja nicht der erste Veranstalter, der vehemente Probleme mit der Band hat. Was sagt ihr dazu, habt Ihr als Band darüber diskutiert?

B: Natürlich wissen wir, dass man Eskimo Callboy nicht nur wohlwollend gegenübersteht. Grundsätzlich sind wir der Auffassung, dass die Band, unabhängig von der musikalischen und inhaltlichen Ausrichtung, aus eigener Anstrengung heraus eine Menge geschafft hat, was bei deutschen Bands ja auch nicht allzu oft der Fall ist. Textlich würden wir Eskimo Callboy wohl im weitesten Sinne als Satire einstufen, auch wenn wir nachvollziehen können, wenn diese als platt, albern oder geschmacklos tituliert wird. Letztendlich scheint es doch so, dass hier eher ein Image geschaffen werden soll, als dass Inhalte transportiert werden, denn ernst nehmen kann man die Texte so oder so nicht.

CI: Wie stellt ihr euch die Zukunft der Band vor?

B: Eigentlich sind unsere Gedanken noch nicht über die unmittelbare Zukunft hinausgekommen, weil mit dem Album und der anstehenden Tour so viel zu tun war. Ich denke aber, wir werden einfach weiterhin Alben rausbringen und auf Tour gehen.

Anmerkungen

(1) Dass man zum Sinn und Unsinn des Do It Yourself-Konzepts unterschiedlicher Ansicht sein kann, vermittelt u.a. der Text „Resignation“ von Theodor W. Adorno aus CEE IEH #80 (http://www.conne-island.de/nf/80/29.html) – Die Redaktion

 

02.10.2012
Conne Island, Koburger Str. 3, 04277 Leipzig
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