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Aktuelles Heft

INHALT #198

Titelbild
Editorial
• das erste: Still No Peace with Schrebergarten!
La Dispute
Dominic, Oaken Heart
Das Filmriss Filmquiz
4 Promille, Bonecrusher, Lousy, Strongbow
Negative Approach, Punch
electric island: Roaming & Moomin
Living with Lions, Marathonmann
Roter Salon: Der Firmenhymnenhandel
Blu & Exile
Toxpack, Eschenbach, Boykott
Sub.island: Ill K
The Hundred in The Hands
Schlapphut-Knarre-Hakenkreuz
Inbetween: Shackleton
Workshop: We'll never walk alone?
„Hellnights“-Tour
The Excitements
Blitzkreuz-Tour
Veranstaltungsanzeigen
• inside out: „Das kann man doch nicht für bare Münze nehmen“
• inside out: Unterstützung bei sexistischen Erfahrungen im Conne Island
• review-corner buch: About the Hitch
• review-corner buch: Out of Post
• position: „Grauzone“ – Ein Gespräch
• doku: „Landfrieden“ der Bäume
• doku: Never mind the Adorno, here's the Judith Butler
Anzeigen
• das letzte: Das Letzte

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Roter Salon: Der Firmenhymnenhandel

Firmenhymnenhandel

Gegen eure Selbstverwirklichung! Man kann ja nicht nur deshalb zur Arbeit gehen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das ging – vielleicht – früher einmal. Heute sind Motivation und Identifikation, Kreativität und Alleinstellungsmerkmal, Self-Empowerment, Selbstverwirklichung und Pioniergeist gefragt. Weil das so ist, modernisiert die Junior-Chefin den bislang recht altbacken geführten mittelständischen Betrieb ihres Vaters. Und dazu gehört – im Theaterstück wie im realen Wirtschaftsleben – eben auch, dass eine Firmenhymne angeschafft werden soll. Der Firmenhymnenhändler und sein depressiver Chefkomponist sind also zur Präsentation geladen – und sie haben, wie sie auf der Leinwand zeigen, wirklich gute Leute unter Vertrag. Künstler, die jede Weihnachts- oder Jubiläumsfeier schmücken würden.Für den Geschäftsabschluss muss es kein Nachteil sein, dass die jungen Leute sich aus ihrer Studentenzeit kennen. Ziemlich rebellische Jahre waren das damals; Pläne hatten sie…! Andererseits: Brotlose Kunst macht eben nicht satt…Arbeitskritik – lange ist es her, dass sie in politischen Diskussionen eine echte Rolle gespielt hat. Dem Conne Island, seinem mitunter selbstausbeuterischen Modell von Ehrenamtlichkeit, schlechtbezahlten und prekären Arbeitsverhältnissen würde sie vielleicht mal wieder guttun. Denn hier nimmt seit Jahren die „Professionalisierung der Kulturarbeit“ rasant zu, mitunter zu Recht und folgerichtig, mitunter ohne den eigentlich nötigen Widerspruch. Denn Idealismus, Identifikation und Hingabe mit der „Firma“ funktionieren hier in der Regel nahe an dem, was sich jeder Personalchef wünscht. Sie wird nicht einmal angemahnt, geschweige denn erzwungen. Sie ist einfach da.Zumindest ein Hauch von Hinterfragen scheint angesichts des Pensums der „KulturmacherInnen“ hier, aber auch im Rest dieser Stadt angebracht. „Creative City“ labelt sich die sächsische Kulturmetropole mit stolzgeschwellter Brust und verweist auf das große Potenzial von künstlerischem und kreativen Humankapital in der Stadt. Kreativität, Talent und Ideen reichen aus, um ganz ohne technologische Investitionen und andere klassische Ressourcen einen ganzen Wirtschaftszweig zu kreieren und permanent auszubauen. Hier werden Ideen geboren. Und hier wird das gemacht, was Thomas Ebermann die „Transformation von Fremd- zu Selbstzwang“ nennt und dabei das „totalitäre“ Element des Berufslebens markiert.Hamburg und Leipzig haben an diesem Punkt einiges gemeinsam, schicken sich bisweilen die „Kreativen“ der Stadt in Bussen hin und her, forcieren und unterstützen die am Existenzminimum hangelnden Kreativen mit viel Zuspruch und Lobbyismus und genießen den Imagegewinn, der am Ende rumkommt.
„Für jede Großstadt ist Kultur ein wichtiger Standortfaktor. Kultur lockt Leistungsträger an; Kulturangebot beeinflusst wo investiert wird, Kultur hilft bei gesunder Balance von Berufsleben und Freizeit […] Der Spinner ist der Künstler, der glaubt, das unterlaufen zu können. Subversiv unterlaufene Staatsförderung […]“ sagt Robert Stadlober über die Abgründe moderner Arbeitsbeziehungen im „Segment der Kreativen“ und fragt sich vielleicht auch, wie man dem allgemeinen ökonomischen Leitbild mit allen reklamierten Bezugsgrößen – Verwirklichung, Individualität und Selbstständigkeit – irgendwie doch entkommen kann.Wie absurd der motivationsgestützte Kapitalismus manchmal ist, zeigen die vielfältigen Konzern-Kompositionen, mit denen Thomas Ebermanns Stück titelt. Denn immer mehr Firmen schaffen sich eine solche Hymne an. Diese soll das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und die Arbeitseinstellung der Mitarbeiter fördern. Firmenhymnen sind Bestandteil einer sich allgemein auf dem Vormarsch befindenden Ideologie, die das Arbeitsleben zur höchsten Form der Selbstverwirklichung erklärt; die Trennung von Arbeitszeit und Freizeit (auf die man sich früher freute) aufzuheben trachtet. Die Degradierung zum Humankapital findet ihre Zuspitzung im Besingen der Schönheiten der Firma, deren Lohnarbeiter man eigentlich ist.Das Stück zeigt den Besuch eines Firmenhymnenhändlers (Robert Stadlober) und seines „Chefkomponisten“ (Tillbert Strahl-Schäfer) bei einem mittelständischen Unternehmen. Hier „modernisiert“ die Tochter (Pheline Roggan) des Besitzers (Rainer Schmitt) den Betrieb gerade nach allen Regeln des „neuen Geist des Kapitalismus“. Die Firmenhymne, die eingekauft werden soll, ist also nur ein Mosaikstein. Der Seniorchef steht dem Ausmaß der Neuerungen zwar skeptisch gegenüber, freut sich aber, dass seine Tochter in den Schoß der Familie zurückgekehrt ist – und lässt ihr entsprechend „freie Hand“. Der Hymnenhändler zeigt während des Verkaufsgesprächs auf der Leinwand, welche Künstler er unter Vertrag hat. Und schon intoniert Schorsch Kamerun als Referenz auf der Leinwand den exklusiven Song aller Kaufland-MitarbeiterInnen: „An so einem Tag ist alles drin… Mein Chef steht zu mir … Weil ich bin… Wie ich bin… Spaß muss sein… Sonst kommt kein Kunde rein.“ Wenn das mal kein Ansporn zum Schuften ist.

Roter Salon



Tönt wie die Gassenhauer „Das junge Blut von Hitachi strömt durch unsere Adern.“, „Ein Lächeln ist mehr wert, als du denkst. Ein Lächeln ist Gold, das du verschenkst. Ein Lächeln ist billig, kostet gar kein Geld, und erobert dir trotzdem die Kundenwelt.“ und „Ja, zum Glück gibt's die Packstation, und sie hat immer für mich Zeit“ durch das neueste Off-Theater der Stadt

02.10.2012
Conne Island, Koburger Str. 3, 04277 Leipzig
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