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Aktuelles Heft

INHALT #196

Titelbild
Editorial
• das erste: Fußball statt Deutschland
• inside out: Der heutige Alltag
• doku: Offener Brief gegen Denunziation
• doku: Israelsolidarität oder Pro Israel?
• leserInnenbrief: LeserInnenbriefe
• sport: Distillery Games
(Veranstaltungs-)Anzeigen
• neues vom: Neues… vom Stadtteilmanagement

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Der hier abgedruckte Text ist ein Auszug aus einem Beitrag des Infoladens im Conne Island. Der vollständige Text wird voraussichtlich im Juni in dem neu erscheinenden Buch „Was bleibt? Freie Archive und die Geschichte von unten – Eine Zwischenbilanz“ von Jürgen Bacia und Cornelia Wenzel erscheinen. Das Buch wird nicht nur einen geschichtlichen und theoretischen Abriss freier Archive in Deutschland liefern, sondern lässt neben dem Infoladen im Conne Island noch viele andere ähnliche Projekte zu Wort kommen.
Weil unser Infoladen in der zweiten Etage des Conne Island trotz neuer Räumlichkeiten wenig besucht wird, drucken wir diesen Auszug ab. Vielleicht weckt er ja Interesse mal wieder vorbei zuschauen. Der Infoladen hat Dienstag, Mittwoch und Donnerstag von 17 - 20 Uhr geöffnet.



Der heutige Alltag

– Der Infoladen verfügt zur Zeit über ca. 6.000 Bücher, 250
Zeitschriften, knapp 1.500 Broschüren, 1.000 Filme, 1.000 Plakate, 100
CD-Roms und vieles mehr.
– Alle Materialien, auch die Aufsätze aus Büchern und
Zeitschriften, sind im Onlinekatalog erfasst und verschlagwortet.
– Jährlich geben wir etwa 1.000 Euro für die rund 100
Zeitschriftenabos und 2.000 bis 3.000 Euro für Bücher aus. So haben
wir einen jährlichen Zuwachs von ca. 300 Büchern, 75 Broschüren
und 150 Filmen.
– Die Zahl der ehrenamtlichen MitarbeiterInnen liegt bei ungefähr 10.
Wir haben drei mal die Woche, für jeweils drei Stunden, geöffnet.
Besucher sind auch nach Vereinbarung oder auf gut Glück herzlich
willkommen.

Früher agierte der Infoladen als politische Gruppe, Szenetreffpunkt, Buchladen und Tageszeitungsarchiv und verkaufte Hassis, Aufnäher, Spuckis und sonstigen Kram. Heute kann oder will sich der Infoladen nicht mehr über all diese Dinge definieren, wodurch ihm, heute mehr als früher, der Bezug zur und Bedeutung für die Szene fehlt. Mit Aktivismus, Veranstaltungen und Verkauf von Revolutionsartikeln können die neu gegründeten Infoläden im Leipziger Süden und Westen mehr dienen. Zwar gibt es im Conne Island einen größeren Bestand an Büchern und Zeitschriften als zu Ernestiestraße- und Zoro-Zeiten, und durch die Arbeit mit Dataspace wird das Finden im Bestand erleichtert, doch gilt der Infoladen im Conne Island nicht mehr als Szenetreffpunkt oder gar als politisch agierende Gruppe. Zu den Öffnungszeiten, zu denen zumindest inzwischen ein paar neue Gesichter die Zeit absitzen, kommen kaum BesucherInnen. Die restliche Infrastruktur, das heißt die Computerarbeitsplätze, der Kopierer und die zwei Plenumsräume, werden fast täglich genutzt, was jedoch die Benutzung der Bibliothek nicht vorantreibt. Zwar ist der Infoladen bekannt in Leipzig, wird auch als wichtig angesehen, benutzt wird er dennoch nicht. Alle nötige Literatur können sich Interessierte auch in der Uni, der Deutschen Bibliothek oder im Internet beschaffen. Bei realistischer Einschätzung kommt man wohl auf acht bis zwölf BesucherInnen pro Woche, also etwa Eine/n pro geöffnete Stunde
Immerhin wird der Infoladen in diesem Jahr 20 Jahre alt und alle BetreiberInnen hätten wieder einmal Gelegenheit zu hinterfragen, ob das, was sie tun, sich lohnt oder nur Beschäftigungstherapie ist.
Dabei zeichnet den Infoladen im Conne Island etwas aus, wovon andere Archive nur träumen können und was Grund genug zur Existenz sein sollte: Er ist finanziell unabhängig.

Autonom und allein

Der Infoladen im Conne Island ist sozusagen selbstorganisiert und -finanziert. Das liegt jedoch nicht – wie womöglich bei anderen autonomen Infoläden – daran, dass wir Staatsgelder per se ablehnen. Auf Grund unserer Lokalität, nämlich dem Conne Island, welches sich selbst als „Zentrum für Linke, Jugend-, Pop- und Subkulturen“ versteht, fallen Kosten wie Miete, Telefon, Internet und sonstige infrastrukturelle Ausgaben für uns weg. Da das Conne Island uns Räume und Ausrüstung kostenlos zur Verfügung stellt, sind wir sozusagen nicht abhängig vom Staat, aber semiabhängig vom Projektverein. Des Weiteren sind die Personen, welche seit Jahren ehrenamtlich im Infoladen arbeiten, Festangestellte des Conne Islands.
Vergessen werden sollten auch nicht die regelmäßigen Spenden von drei bis vier regionalen Gruppen, von denen wir eine kleine, aber stetige Unterstützung erhalten. Ein größerer und ebenfalls sehr wichtiger Posten macht der „Beitrag zur Bildungsoffensive“ aus. Früher Antifamark genannt, sind das 50 Cent, welche in jedem verkauften Ticket im Conne Island inklusive sind, und welche jährlich an (Laden-)Projekte, wie eben zum Beispiel den Infoladen, verteilt werden. So stemmt indirekt jede/r BesucherIn das Projekt mit, was uns zumindest finanzielle Sorgen ein wenig abnimmt.
Ein großer Vorteil dieser autonomen und eigenständigen Finanzierung ist, dass wir keinem politischen Druck ausgesetzt sind und somit nie Probleme auf Grund der politischen Einflussnahme der Stadt im Raum standen.
Wie an den beschriebenen Geldquellen zu sehen ist, wäre es heuchlerisch zu sagen, der Infoladen könne als völlig autonomes Projekt bestehen. Ohne die große finanzielle und materielle Unterstützung, die freiwillige und sehr aufwendige Arbeit weniger Personen für den Infoladen, sowie die große Gruppenlandschaft der Großstadt, welche immer wieder beteuert, wie wichtig der Infoladen doch für eine Stadt wie Leipzig ist, würde es uns wohl auch nicht mehr geben.

Ein Verhältnis zu politisch ähnlichen Gruppen gibt es trotzdem kaum. War die westdeutsche Linke zu Nachwendezeiten noch das Vorbild des Infoladenprojekts, gibt es heute nur wenig bis gar keine Zusammenarbeit oder sogar gegenseitige Auseinandersetzung. Das mag nicht zuletzt an den inzwischen unterschiedlichen inhaltlichen Ansprüchen der Projekte liegen. Der Infoladen im Conne Island ist, zumindest seinen Büchern und Zeitschriften nach, kein eindeutig antiimperialistischer, sondern inzwischen auch ein antideutscher Laden. Diese inhaltliche Veränderung hat sich in all den Jahren, wohl vor allem durch den Wechsel der MitarbeiterInnen, langsam aber sicher eingeschlichen. Allerdings ist unser Spektrum, vor allem an Zeitschriften, sehr groß, so dass eine Festnagelung auf eine bestimmte politische Ausrichtung Tatsachen verdrehen würde. Bei einem Versuch einer Vernetzung der Leipziger Infoläden im Herbst 2008 kam es trotz dessen zu großen Vorbehalten und Vorurteilen untereinander. Grund waren genannte inhaltliche Differenzen, aber auch fehlende Verbindlichkeiten und Zuverlässigkeit. Um die Jahrhundertwende herum gab es einen noch größer gefassten Versuch der Vernetzung – eine bundesweite Zusammenarbeit war angestrebt. Wir waren Vorreiter des Versuches, doch auch hier müssen wir uns eingestehen, dass alle vorhandenen Kontakte im Sande verlaufen sind. Zusammenarbeit gibt es heute so richtig nur noch über Dataspace.

Dataspace

Zumindest hier lassen sich einige Erfolge verzeichnen. 1995 fingen wir an, unseren Bestand zu zählen und zu kategorisieren, denn mit den Unmengen an Material war ohne Systematik kaum etwas anzufangen. Wir benutzten Schlagworte, um Bücher und Zeitschriftenartikel leichter zu finden. 1997 wurde alles in eine Datenbank eingeführt. Im Laufe der Zeit konnten auch alte Bestände des Infoladens aufgearbeitet werden und es fanden immer mehr Zeitschriften Eingang in die Datenbank. Das stellte sich bei vielen Recherche-Anfragen an den Infoladen als sehr sinnvoll heraus, da anderweitig die meisten Materialien nicht auffindbar gewesen wären.
Wir waren überzeugt, dass unsere Zeitschriftenaufsätze mit Schlagwort-Suchfunktion auch andere Infoläden interessieren könnte, und so gab es seit 1999 Überlegungen, die Datenbank ins Internet zu stellen. Da wir jedoch bezüglich des Umfanges, der nicht bibliothekskonformen Erfassung und der kruden Schlagwortlisten um die Unzulänglichkeit unserer eigenen Datenbank wussten, begaben wir uns auf die Suche nach vergleichbaren Datenbankprojekten linker Infoläden oder Archive. Die diesbezüglichen Anfragen ergaben allerdings, dass es bislang kein vergleichbares Projekt (verschlagwortete Zeitschriftenaufsätze) gab und die meisten Datenbanken der Infoläden und Archive auch noch nicht online waren. Also entschlossen wir uns, unsere Datenbank ins Internet zu stellen. 2000 ging unser gesamter Bestand Online – die Programme waren selbst programmiert, alles kommerzielle, herkömmliche war nicht brauchbar.

Heute verzeichnet die Datenbank Dataspace alle Bücher, Broschüren, Videos und CD-Roms des Infoladens im Conne Island. Dabei werden AutorIn, Titel, Untertitel, Verlag/Zeitschriftentitel, Jahr, Umfang (Seitenzahl, Länge), Publikationsform, Anmerkungen, Standort, Signaturen, Schlagworte und Internetadresse erfasst. Inzwischen nutzen ca. zehn andere Infoläden und Archive in Deutschland unsere Datenbank, um ihre Bestände online zu stellen. Dafür eignet sich Dataspace außerordentlich, denn alle Bücher, welche einmal eingegeben sind, müssen kein weiteres Mal ins Internet gesetzt werden. Der Infoladen/das Archiv klicken das einzugebende Buch einfach an und können es somit in ihren Onlinebestand mit aufnehmen. Bei dem Neuaufbau eines Archivs oder der Neuanschaffung vieler Bücher spart das erheblich Zeit. Des Weiteren passt die Dataspace-Schlagwortliste auf linke Themenbereiche und ist somit für Linke unglaublich attraktiv. Der größte Vorteil ist natürlich, dass jedes noch so kleine Archiv ihren Bestand ins Internet stellen kann und somit von jedem Suchenden gefunden und genutzt werden könnte.

Ein Ausblick

Nachdem der Infoladen im Conne Island in Leipzig 20 Jahre bestehen konnte, wird er wohl hoffentlich auch noch eine ganze Weile weiter zu besuchen sein. Die NutzerInnenzahlen werden wohl nicht steigen und auch die Mitarbeit einzelner Leute wird wie immer schwanken, Hochs und Tiefs erleben. Dass wir uns zumindest über die Zahlung von Miete keine Gedanken machen müssen, wird wohl immer unser großes Glück sein. Trotzdem kosten Bücher, Technik und unser Luxusgut Schokolade viel Geld, so dass Finanzierung auch ohne Miete immer ein Thema sein wird. Mit dem Infoladenboom in Leipzig sind wir inzwischen schon nur noch einer unter vielen. Unsere Infrastruktur wird hoffentlich auch weiterhin von politischen Gruppen genutzt werden, was uns zumindest ein bisschen Motivation gibt, das Projekt Infoladen nicht aufzugeben. Und auch wenn in Zeiten von Multimedia alles und jeder im Internet gefunden werden kann, so sind wir trotzdem davon überzeugt, dass Bücher einen ganz eigenen Wert haben und auch weiterhin viel Platz für sie zur Verfügung stehen sollte. Bestätigt wird man dann, wenn doch mal jemand aus purem Interesse oder wegen einer Hausarbeit vorbei kommt, und nicht nur eins, sondern gleich mehrere Bücher mitnimmt – dann muss man nur noch hoffen, dass sie auch wieder ihren Weg in unser Regal zurück finden.

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23.07.2012
Conne Island, Koburger Str. 3, 04277 Leipzig
Tel.: 0341-3013028, Fax: 0341-3026503
info@conne-island.de, tickets@conne-island.de