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Aktuelles Heft

INHALT #195

Titelbild
Editorial
• das erste: Selbstüberschätzung at its best
• das erste: Idealisten am Zügel der Kulturindustrie
Dritte Wahl
Infoveranstaltung zum Antifacamp in Dortmund
Sleep, A Storm of Light
„Many Faces“
Leipzig lebt HipHop
Was kostet die Welt
Rosen für den Staatsanwalt
Blood Red Shoes
Mythos der Stadt
Summerclosing Party
• teaser: Mai 2012 im Conne Island
Editors welcome!
• sport: Flucht vor dem Boykott
Ausstellung: Was damals Recht war
• doku: In Halle werden die Dummen nicht alle!
• review-corner buch: „Wenn der Preis der Revolution die Revolution ist“(1)
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• neues vom: Neues… von der Straße

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Neues… von der Straße

Ist das Kacke oder kann das weg?

Wer heute in einen Hundehaufen tritt, kann veritable Kunst zerstören. Die Scheiße ist einfach überall“, so Franz Zöllner. Wovon der wohl renommierteste Da Vinci-Experte der Republik spricht, ist Shitart. Die hippe Kunstrichtung befasst sich mit dem Formen, Verzieren und Modellieren von – man kann es sich denken – Scheiße. Was ekelig klingt und dennoch immer öfter auf Connewitz` Straßen zu finden ist, nimmt Anlehnung an Pop-Art-Projekte der sechziger, siebziger und achtziger Jahre. Das Triviale tritt ins Zentrum der Kunst und persifliert damit Gesellschaft, Kunst und nicht zuletzt den Gegenstand selbst. Heute wissen wir: Pop-Art-Künstler arbeiteten nie mit authentischem Kot, auch wenn einige ihrer Kunstwerke den Eindruck erwecken, echt Kacke zu sein.


(Vladimir Noobinksy, „Großer Kot“. Installation auf dem Fockeberg zum Anlass des Jubiläums der Leipziger Messe 1980.)

Dass das Arbeiten am Kackhaufen für Unverständnis und Ekel sorgt, darüber kann der Künstler Jürgen Alster nur lachen. Seit Jahren beschäftigt er sich mit dem eigenen und dem Kot anderer: „Die Faszination begann in meiner Kindheit, meine Eltern waren nicht gerade erfreut über mein Spiel. Als ich Künstler wurde, war es plötzlich normal, sich mit einer Menge Mist zu beschäftigen“, erklärt der Virtuose. Heute zieht Alster nachts durch die Straßen Leipzigs, immer auf der Suche nach Hundehaufen, um sie seiner Kunst anzudienen.



(unbekannter Künstler: „Happy Shit“, leicht modellierte Wurst mit Plüschtieraugen aus den frühen, unbeschwerten Tagen der Bewegung, um 2011)

Doch Alster arbeitet mittlerweile unter großen Gefahren. Denn die erste friedliche braune (Kunst-) Bewegung der deutschen Geschichte, geriet ins Fadenkreuz von Kritikern und Randbezirksbewohnern gleichermaßen. „Früher war Kacke ein Ärgernis fürs Establishment, heute macht man uns das Leben in den Szenebezirken schwer“.
Um diese Zusammenhänge verstehen zu können, muss man etwas weiter ausholen. 2011 stellte Alster einige seiner Stücke in der Leipziger Spinnereistraße aus. Zufallsgast an diesem Abend war die Künstlerin und Kunstkritikerin Rosa Loy, Ehefrau von N. Rauch.
„Sie konnte sich sofort in meine Arbeit einfühlen. Vielleicht liegt das ja an ihrem persönlichen Background, aber wir waren sofort ein Herz und eine Seele“, bemerkt Alster verträumt. Loy setzte sich für Alster ein und so folgte eine Ausstellung seiner Werke im Guggenheim LA. Schnell bekam der junge Mann aus Borna (bei Leipzig) eine Öffentlichkeit, verbietet sich aber in eine Reihe mit Streetart-Künstlern wie Banksy gestellt zu werden: „Banksy will Kunst machen, ich will nur aus etwas augenscheinlich Hässlichem etwas Schönes kreieren.



(Unbekannter Künstler: „Die Ratte“, Kot mit Augenapplikation, blauem Feenstaub und Rattenschwanz aus Kunststoff, dazu Zahnstocherfähnchenaufsatz mit kryptischer Botschaft. 2012)

Seine neu erworbene Popularität blieb auch den alternativen Kreisen in Connewitz nicht verschlossen. Denn der Shitartist Alster arbeitet vornehmlich in Stadtbezirken mit einer erhöhten Menge Kot auf den Straßen, vorzugsweise in Plagwitz, Connewitz und Schleußig. Nirgendwo ist die Anzahl der ignoranten Hundehalter höher als in diesen Stadtteilen, nirgendwo wird weniger Hundekot beseitigt. Als sich im letzten Jahr Protest gegen die Gentrifizierung von Wohnvierteln formierte, bekam Alster plötzlich Drohmails: „Mir wurde klar, dass ich nicht unbemerkt blieb. Leute schrieben mir, dass ich die alternativen Viertel der Stadt bekannt machen würde, dass man das nicht länger dulden werde und ich meinen Scheiß doch allein machen soll.
Jahrzehnte konnte man in Connewitz seinen Hund frei von staatlichem Zugriff die Bürgersteige beschmutzen lassen, nun riefen sogar linke Wohnprojekte zur Ordnung auf. In einem Flugblatt heißt es: „Wir wissen, dass wir in einem Dilemma stecken. Jahrelang hielt uns der Kehricht auf den Straßen Yuppies und Wohnspekulanten vom Leib, da aber wo der braune Dreck die Mieten ins unermessliche schießen lässt, wird Widerstand zur Pflicht.



(„Yuppies Raus“, Eingang des Szeneclubs „Zoro“. Gerade hier ist die Angst vorm Gentrifizierungsmotor Shitart groß. Foto(c): Regina Katzer)

In der Tat wird Shitart kommerziell und in der Tat zieht es junge kreative Menschen in die Nähe ihresgleichen. Dass sie Geld mitbringen und Ansprüche an Wohnraum stellen, genügt den eingesessenen Bewohnern der Stadtbezirke zum Ressentiment.
Jürgen Alster will sich die Arbeit jedenfalls nicht madig machen lassen: „Egal was die in Connewitz sagen, ich werde mit Shitart weitermachen.

Ben Romeo Rolf

01.05.2012
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