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Kritische Theorie nach Adorno

Gerhard Scheit: Quälbarer Leib. Kritik der Gesellschaft nach Adorno, Ça Ira, Freiburg 2011

Adorno gilt heute als Genie und Kritische Theorie als überholt.“ Mit diesen Worten umschrieb Christoph Türcke vor einigen Jahren den Status der Werke Theodor W. Adornos, Max Horkheimers, Leo Löwenthals und ihrer Mitstreiter im Wissenschaftsbetrieb. Eine der erfolgreichsten Strategien zur Abwehr der Kritischen Theorie ist ihre Historisierung. Jürgen Habermas hat es vorgemacht. Er erklärte schon in den achtziger Jahren, dass das Denken Horkheimers und Adornos der einzigartigen „Stimmungslage“ der dreißiger und frühen vierziger Jahre geschuldet gewesen sei. Soll heißen: Die Kritische Theorie war eine Reaktion auf den Untergang der Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und den Stalinismus und kann darum in Rente geschickt werden. Immerhin ist Stalin tot, der Nationalsozialismus überwunden und die Gefahr einer Zusammenbruchskrise spätestens seit der Errichtung der Europäischen Zentralbank gebannt.
Insbesondere die Intellectual History beruft sich bei ihrer Historisierung der Kritischen Theorie oft auf Horkheimer und Adorno selbst. So weigerte sich insbesondere Horkheimer lange Zeit, seine Aufsätze aus den dreißiger und frühen vierziger Jahren wieder zu veröffentlichen. Selbst der Neupublikation der „Dialektik der Aufklärung“, seiner großen, gemeinsam mit Adorno verfassten Schrift von 1944, stimmte er erst nach langen Überlegungen zu. Wie zur Erklärung dieses Zögerns schrieben die Autoren im Vorwort zur Neuauflage von 1969, dass die Wahrheit einen Zeitkern habe: „Nicht an allem, was in diesem Buch gesagt ist, halten wir unverändert fest.“
Diese Formulierungen sind oft als Zurücknahme missverstanden worden. Hinter der Rede vom „Zeitkern der Wahrheit“ verbirgt sich jedoch keine distanzierende Historisierung. Sie meint weniger, dass sich eine ehemals richtige Aussage durch den bloßen Gang der Dinge in eine Lüge verwandelt. Ein Text wird vielmehr dann falsch, wenn er nicht mehr in Beziehung zur Jetztzeit gesetzt wird. Allein dadurch kann sowohl der Blick auf die Vergangenheit als auch auf die Gegenwart geschärft werden. Hinter dem Zögern Adornos und Horkheimers verbarg sich vor allem die Angst, die alten Schriften könnten ihren Wahrheitskern durch ahistorische Aktualisierung verlieren. Als sich Horkheimer schließlich doch für die Wiederveröffentlichung seiner Aufsätze entschied, schrieb er an seinen Verlag: „Wenn die alten Texte heute gelten sollen, hat die Erfahrung in den letzten zwei Jahrzehnten mitzusprechen.“
Von dieser Erfahrung wollte die Protestbewegung der sechziger Jahre jedoch nichts wissen: Die Studenten reflektierten weder darauf, dass der Fortschrittsoptimismus der Arbeiterbewegung, der sich in Horkheimers frühen Texten noch als Restbestand findet, spätestens durch Auschwitz dementiert wurde. Noch wollte ihnen auffallen, dass die Arbeiter inzwischen mehr zu verlieren hatten als nur ihre Ketten. So verkleideten sie sich selbst als Proletarier, imitierten die Kämpfe der zwanziger und dreißiger Jahre und stellten die Debatten der alten Arbeiterbewegung nach.
Im Unterschied zu solchen Simulationen betreibt der Wiener Kulturwissenschaftler Gerhard Scheit in seinem jüngsten, im Freiburger Ça-ira-Verlag erschienenen Buch „Quälbarer Leib. Kritik der Gesellschaft nach Adorno“ Kritische Theorie im orthodoxen, das heißt: besten Sinn. Er überträgt das Werk Adornos und Horkheimers weder unverändert auf die Gegenwart, noch bemüht er sich um eine Historisierung. Ebenso wie die Kritische Theorie den historischen Materialismus auf den Marxismus anwandte, wendet Scheit die Kritische Theorie auf die Kritische Theorie an. So arbeitet er die Spuren des Kalten Krieges und des Postnazismus im Spätwerk Adornos heraus. Damit trägt Scheit dazu bei, die Begriffe der Kritischen Theorie vor ihrer Verwandlung in bloße Parolen zu retten. Er schreibt: „Jeder Begriff, ist er nicht genau an den Bedingungen je spezifischer gesellschaftlicher Konstellationen geschärft, taugt zu einer Art Mantra: unablässig wiederholt, ohne Reflexion auf seinen ‚Zeitkern', lässt er Theorie zum Trancezustand werden und verschleiert die Voraussetzungen des eigenen Handelns, statt über sie aufzuklären; dient nur dazu, den Erfahrungen vorzubeugen, die ihm eben nicht aufgehen.“



Scheit kann zeigen, dass sich die Spuren des Kalten Krieges insbesondere im Begriff der „verwalteten Welt“ finden. Diese Formel benutzten Horkheimer und Adorno nach 1945 so häufig wie kaum eine andere. Mit ihr versuchten sie der Gefahr zu entgehen, sich durch den Ost-West-Konflikt und die Gegenüberstellung von Demokratie und Totalitarismus dumm machen zu lassen. Während sich alle Welt auf einer der beiden Seiten des Eisernen Vorhangs positionierte, rettete sich die Kritische Theorie durch den Verweis auf die „verwaltete Welt“ vor dem Überlaufen zum Liberalismus, von dem sie wusste, dass er dem Nationalsozialismus Tür und Tor geöffnet hatte. Zugleich bewahrte sie sich vor der Verdummung durch den Marxismus der Linken, die sich trotz aller Kritik regelmäßig an der Seite des Stalinismus und seiner Nachgeburten wiederfand. Im Begriff der „verwalteten Welt“ wurde die Erkenntnis aufbewahrt, dass es nur eine Totalität, die Totalität des Kapitalverhältnisses, gibt, der niemand entkommen kann: auch nicht im Kampf gegen die totalitären Regimes im Ostblock.
Totalität ist jedoch, daran lässt Scheit keinen Zweifel, keine affirmative, sondern eine kritische Kategorie. Kritische Theorie möchte, wie Adorno einmal erklärte, „retten oder herstellen helfen, was der Totalität nicht gehorcht, was ihr widersteht oder was, als Potential einer nicht seienden Individualität, sich erst bildet“. Vor diesem Hintergrund verwundert es ein wenig, dass Scheit am Rande seines Buches auf Jean-Paul Sartre zurückgreift. Mit Hilfe Sartres und seiner Philosophie der freien Entscheidung versucht er einer alten Frage nachzugehen: Wenn das Handeln der Menschen gesellschaftlich bedingt ist, wie können sie dann für ihre Taten verantwortlich gemacht werden? Fragen dieser Art wurden von Adorno und Horkheimer stets zurückgewiesen, weil sie falsch gestellt sind. Sie zielen auf die theoretische Auflösung eines Dilemmas, dem Denken nichts anhaben kann: Widersprüche, die von der Realität vorgegeben werden, können durch Reflexion nicht geschlichtet werden. Im kritischen Begriff der Totalität, wie ihn Adorno und Horkheimer verwendeten, hat diese Antinomie durchaus ihren Platz. Die Kritische Theorie ist ein denkbar schlechtes Mittel, um etwa die Verbrechen der Deutschen zu relativieren oder unter Verweis auf „die Verhältnisse“ zu rechtfertigen.
Entwicklungen, die der Totalität nicht gehorchten, fand die Kritische Theorie gerade dort, wo die Studenten der sechziger Jahre am ehesten einen neuen Faschismus erwarteten: in Amerika. Als Adorno und Horkheimer im amerikanischen Exil an der „Dialektik der Aufklärung“ arbeiteten, befürchteten sie auch in den Vereinigten Staaten eine Entwicklung hin zur „totalen Integration“. Insbesondere dem Kulturindustriekapitel des Buches ist deutlich anzumerken, dass es vor dem Hintergrund der amerikanischen Erfahrung geschrieben wurde. Spätestens mit Kriegsende gewannen die Kritischen Theoretiker jedoch neues Vertrauen in die Stabilität der amerikanischen Gesellschaft. Horkheimer und Adorno wurde vollends bewusst, dass sie in den Vereinigten Staaten vor dem hatten warnen können, was in Europa längst Realität geworden war. Amerika hatte sich als letzter Hort eines Mindestmaßes an Bürgerlichkeit erwiesen, das zu den Voraussetzungen kritischen Denkens gehört.
Dennoch verzichteten Horkheimer und Adorno auf die Auseinandersetzung mit der Frage, warum die Dialektik der Aufklärung in den Vereinigten Staaten reflektiert werden konnte, während Europa in Barbarei versank. Sie unterließen es also, wie Scheit mit Blick auf die Produkte der Kulturindustrie ausführt, Veit Harlans „Jud Süß“ mit „Casablanca“ von Michael Curtiz oder Paula Wessely in „Heimkehr“ mit Greta Garbo in „Ninotchka“ zu konfrontieren. Der ursprünglich geplante zweite Band der „Dialektik der Aufklärung“, der nicht zuletzt diese Unterschiede thematisieren sollte, wurde nicht geschrieben.
Auch dieser Verzicht war wohl vor allem dem Kalten Krieg geschuldet. Denn um den Unterschieden zwischen „Casablanca“ und „Jud Süß“, Greta Garbo und Paula Wessely oder, für die postnazistische Epoche, Elvis Presley und Peter Kraus auf den Grund gehen zu können, wäre eine kritische Theorie politischer Souveränität nötig gewesen. Wer nicht auf die fragwürdige Kategorie des Nationalbewusstseins zurückgreifen will, muss nach dem Verhältnis der Staatsbürger zu den jeweiligen politischen Instanzen fragen. Eine solche Kritische Theorie politischer Souveränität, die Scheit zuletzt in seinem Buch „Der Wahn vom Weltsouverän“ umrissen hat, gab die politische Situation der fünfziger und sechziger Jahre allerdings nicht her. Im weltpolitischen Maßstab schien die Frage nationaler Souveränitäten durch den Kalten Krieg stillgelegt zu sein. Die beiden Supermächte regulierten in ihrem Einflussbereich alles Politische, als würden sie die beiden Hälften eines Weltsouveräns bilden.
Wenn sich das Bewusstsein des Unterschieds im Werk Horkheimers und Adornos insofern auch nur am Rande niedergeschlagen hat, war es in ihrem Handeln stets deutlich präsent. So war Horkheimers Zögern bei der Neuherausgabe der „Dialektik der Aufklärung“, wie Scheit schreibt, auch der Angst geschuldet, Amerika und den Westen zu schwächen, wenn Kapitalismus umstandslos mit Faschismus, Hollywood mit der UFA oder der New Deal mit der Volksgemeinschaft gleichgesetzt wird. Im Vorwort zur Neuauflage seiner Texte aus den dreißiger und frühen vierziger Jahren vom April 1968 hielt Horkheimer daher sowohl das Bewusstsein des Unterschieds als auch die Erkenntnis vom ideologischen Charakter des Liberalismus fest: „Die sogenannte freie Welt an ihrem eigenen Begriff zu messen, kritisch sich zu ihr zu verhalten und dennoch zu ihren Ideen zu stehen, sie gegen Faschismus Hitlerscher, Stalinscher und anderer Varianz zu verteidigen, ist Recht und Pflicht jedes Denkenden.“ An diesen Ausspruch knüpft Scheit unmittelbar an, wenn er erklärt, „dass Kritik, die von ihren eigenen Voraussetzungen weiß, der bürgerlichen Gesellschaft ebenso beizustehen wie sie anzugreifen“ hat. Prägnanter lässt sich das Programm Kritischer Theorie kaum umreißen.

Jan-Georg Gerber

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Das Buch kann im Infoladen Leipzig ausgeliehen werden.

27.03.2012
Conne Island, Koburger Str. 3, 04277 Leipzig
Tel.: 0341-3013028, Fax: 0341-3026503
info@conne-island.de, tickets@conne-island.de