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The Bones
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extrem_ist_in
Get sw.amped up
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Dokumentation des angekündigten Beitrages der LeA zur Veranstaltung „20 Jahre Nebenwiderspruch“ am 29.09.2011



20 Jahre Nebenwiderspruch

Teil II

Im letzten CEE IEH erschien ein Text des AFBL zu der Veranstaltung „20 Jahre Nebenwiderspruch“, den wir an dieser Stelle durch unseren Beitrag ergänzen wollen. Bevor wir auf die inhaltlichen Fragestellungen der Veranstaltung eingehen, wollen wir kurz darlegen, wie es zu unserer Beteiligung daran gekommen ist. Als wir die Einladung des AFBL Ende August erhalten hatten, waren wir uns unsicher, ob wir zu dem Thema etwas beitragen können. Zunächst hatten wir deshalb unsere Teilnahme abgesagt. Nach einer eingehenden Diskussion erschien uns das Thema aber zu wichtig, um diese Chance ungenutzt zu lassen. Zudem sahen wir die Veranstaltungsvorbereitung als guten Anlass zur eigenen selbstkritischen Auseinandersetzung. Ausgangspunkt unserer Diskussion war folgende Feststellung: Die Gruppe LeA ist eine antisexistische Gruppe. Eine explizit feministische Position haben wir bisher nicht veröffentlicht. Die LeA hat in mehreren Fällen feministische Positionen geteilt und auch versucht sexistischen Zuständen etwas entgegenzusetzen - vor allem innerhalb von Antifakreisen. Die Gruppe hat verschiedene Diskussionen geführt und sich bei sexistischen Vorfällen entsprechend positioniert. Gruppenintern wurden vor allem eigene Geschlechterrollen und damit einhergehendes Verhalten diskutiert. Diese Diskussionen führten oft auch zu praktischer Politik innerhalb der Gruppe und innerhalb von Antifazusammenhängen.

1. Was ist der eigene Anspruch an eine Gesellschaftskritik und 'linke Politik'? Was hat antideutsch/gesellschaftskritisch mit Feminismus zu tun?

LeA ging aus losen antifaschistischen Bündnissen gegen Naziaufmärsche in Leipzig hervor. Über die Auseinandersetzung mit Nazis hinaus hat sich in den letzten Jahren einiges an Gesellschaftskritik angehäuft, was wir bearbeitet haben, u.a. etwa das Problematisieren des Gedenkens in Dresden. Es gibt kein öffentlich ausformuliertes Gruppenselbstverständnis und wir nennen uns auch nicht explizit „antideutsch“. Gesellschaftskritische Aktionen und Positionen entstehen für uns erstens aus der eigenen Relevanzsetzung. Beispielsweise ist das Abfeiern des alten und neuen Deutschlands einer dieser Zustände, der uns nervt und der bekämpft gehört. Zweitens spielen bei unserer Themenwahl auch die angenommenen Möglichkeiten von Veränderungen in den jeweiligen Bereichen eine Rolle und pragmatische Gründe, wie personelle Kapazitäten, begrenzen den Handlungsradius zusätzlich. Der Anspruch an unsere Gesellschaftskritik könnte salopp wohl lauten: „Lieber praktisch interveniert als theoretisch die Welt gerettet.“
Das ist bei Nazis natürlich einfach, da ist klar wo der Feind steht. Bei Sexismus ist das schon weit schwieriger, da ist der Feind gegebenenfalls ganz tief in uns drin. Es gab bei uns schon von Beginn an relativ hohe antisexistische Ansprüche, vor allem im Verhalten untereinander. Das hat sicher auch damit zu tun, dass in der LeA viele organisiert waren und sind, deren Sozialisation bereits durch andere linksradikale Zusammenhänge geprägt war. Vor langwierigen Diskussionen hat uns das nicht bewahrt – und das ist auch gut so. In den Bündnissen, in denen wir uns bewegen bzw. bewegt haben, konnten wir einige Male antisexistische Standards mit durchsetzen. Bei einer gruppeninternen Diskussion zur Definitionsmacht bei sexuellen Übergriffen konnten wir keinen Konsens finden. Zwar konnten wir uns darauf einigen, die Äußerungen Betroffener grundsätzlich ernst zu nehmen und ihren Wünschen entsprechend Schutzräume zu gewähren. Was Definitionsrecht/-macht darüber hinaus bedeutet, welcher Umgang im Zusammenhang damit gerechtfertigt und nötig erscheint und wie ein Klima geschaffen werden kann, in dem Reflexionsprozesse vor und nach sexuellen Übergriffen gefördert werden können – darüber war kein Konsens herzustellen. Wir können demnach behaupten, in diesem Zusammenhang eine Art Mindeststandard geklärt und weitestgehend auch umgesetzt zu haben. Selbstkritisch müssen wir eingestehen diesen Mindeststandard nie veröffentlicht zu haben, wie wir das etwa bei der Roadmap getan haben.(1) Grundsätzlich ist es unser Anspruch, gesellschaftliche Zustände aus linksradikaler Perspektive zu kritisieren und diese Kritik in praktische Interventionen münden zu lassen.



2. Welche Rolle spielen Antisexismus, Feminismus, Gender in dieser Kritik? Ist eine Gender-Perspektive ein Muss für jedes Thema?

Antifapolitik mit Gender-Perspektive finden wir notwendig und wichtig. Wenn diese nicht mitgedacht wird, können selbst solche minimalen Versuche wie die paritätische Besetzung von Infobüro, Lauti oder Podium scheitern. In der Auseinandersetzung mit Nazis greifen oft geschlechtstypische Verhaltensformen. Dies unreflektiert geschehen zu lassen, bedeutet zur klassischen Antifamackergruppe zu werden. Für uns ist das keine Form emanzipatorischer Organisierung. So gesehen ist eine feministische Perspektive unablässig für emanzipatorische Politik. Für uns ist eine linksradikale Gesellschaftskritik nicht vorstellbar, ohne dabei feministische Perspektiven einzunehmen.
Während wir als LeA in diversen Auseinandersetzungen oft antisexistische Positionen eingenommen haben, gab es bisher keine inhaltliche feministische Schwerpunktsetzung, auch weil wir keine explizit feministische Gruppe sind. Sicher ist, dass wir uns auf diesem Feld nicht gerade einen Namen gemacht haben. Das heißt jedoch nicht, dass feministische Perspektiven bei uns keine Rolle spielen.

3. Wie wird in der Linken mit Feminismus umgegangen und welche Gründe für diesen Umgang könnte es geben?

„Die Linke steht nicht außerhalb der Gesellschaft, auch wenn manche sich das gerne so zurecht reden. Aber es gibt innerhalb der Linken durchaus einen Raum, Sexismus zu kritisieren und überhaupt erst zu thematisieren – etwas, das in der Mainstreamgesellschaft häufig auf völliges Unverständnis und Spott trifft. Die antifaschistische Linke in Leipzig hat einen antisexistischen bis feministischen Anspruch, das sehen wir. Nur leider bleibt dieser häufig ungefüllt.“(2)
Dieser Feststellung des AFBL können wir uns anschließen. Aus unserer Sicht gibt es verschiedene Gründe, warum ein feministischer Anspruch in der linksradikalen Szene so oft unerfüllt bleibt. Die Szene ist männlich geprägt und männlich codiertes Verhalten wird oft honoriert. Daraus folgt, dass sich einige Männer in ihrer Rolle gut einrichten ohne die Rollenmuster zu hinterfragen.
Feministische Interventionen innerhalb linksradikaler Kreise beschränken sich leider dann oft auf „Empowerment“ von Frauen, im Sinne des Übernehmens vermeintlich männlicher Verhaltensweisen. In der Vorbereitung auf diese Veranstaltung konnten wir uns schnell auf die Zielsetzung einigen, dass Menschen nicht stark, cool, selbstbewusst, pöblig, laut etc. sein müssen, um im politischen Kontext bestehen zu können. Demnach ist das „Empowerment“, welches Frauen vermehrt auf die Bühne und in die Öffentlichkeit bringt, zumindest ein zweischneidiges Schwert. Sicher gibt es den positiven Effekt, dass die Szene weniger als männlich geprägt wahrgenommen wird. Nichtsdestotrotz kann „Empowerment“ auch zu dem Zwang führen, diese vermeintlich männlichen Verhaltensweisen übernehmen zu müssen, um überhaupt Gehör zu finden.
LeA ist für gemischte Podien, Lautimoderationen etc. Der Anspruch ist, uns nicht an rein männlich präsentierten Veranstaltungen zu beteiligen – was uns in der Vergangenheit leider nicht immer gelungen ist. Allerdings kommen wir schon in problematische Situationen, wenn die Frauen in der Gruppe sich unter Druck gesetzt fühlen und z.B. ein Podium besetzen, ohne es wirklich zu wollen. Es entsteht dann eine Art linkes Assessment-Center, bei dem Frauen nicht nur auf ihr Geschlecht festgelegt werden, sondern auch noch dazu angehalten sind, selbstbewusst zu sein. Selbst kleinere Punkte wie eben die Quotierung führen zu Auseinandersetzungen, obwohl hier lediglich die Spitze des Eisbergs angegangen wird, nämlich die bloße Verteilung ‚männlicher` und ‚weiblicher` Redeanteile. Queere Ansätze bleiben hierbei vollkommen außen vor. Generell ist es für uns wichtig eine feministische Perspektive mitzudenken und vor allem nicht ohne Selbstreflexion.



4. Antifeminismus in der Linken – alte und neue antifeministische Motive und Stereotype

Feminismus ist etwas, was die radikale Linke im Positiven wie im Negativen umtreibt. Etwa in Form inhaltlicher Auseinandersetzungen über althergebrachte Unterstellungen und Stereotype, die gegenüber Feminist_innen gedacht und geäußert werden. LeA war nicht nur in eine Debatte verwickelt, deren Ausgangspunkt die unverschämte Annahme war: „Das macht die doch nur, weil sie privat mit dem Typen Probleme hat“. Wenn antisexistische Positionen in der Praxis greifen und umgesetzt werden, dann heißt es oft „das ist doch deren Privatsache“ und auch hier vermuten wir grundsätzlich das gleiche Problem. Es ist halt unangenehm und schwierig, sich in der Reflexion auch mal selbst als Arschloch wahrzunehmen und die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Es gibt derzeit häufig den Versuch, das Feld des Feminismus als abgehakt und erledigt hinzustellen – auch in linksradikalen Kreisen. Dies zeigte sich etwa 2010 in der Auseinandersetzung um die Absage des Auftritts von Justus Wertmüller im Conne Island. Beispielhaft sei hier nur angefügt, dass im damaligen Kontext alle Frauen des Conne Island-Plenums, die sich gegen Justus Wertmüller ausgesprochen hatten, automatisch dem AFBL zugeordnet wurden. Auch daraus entstand die abstruse Verschwörungstheorie, der AFBL hätte das Conne Island-Plenum unterwandert und/oder würde dieses fernsteuern. Bei ehemals Linksradikalen wird Feminismus als inzwischen schon rückschrittlich dargestellt. Das geht soweit, Männer als Opfer des Feminismus zu bezeichnen. Frauen werden dann als Trägerinnen von Verschwörungstheorien herangezogen. Diese Auseinandersetzung hat gezeigt, dass antifeministische Tendenzen in Leipzig keine Randerscheinungen sind.

Zum Schluss

Wir wurden in dieser Veranstaltung stark dafür kritisiert, bisher keine öffentliche, feministische Position bezogen zu haben. Daraus werden wir Konsequenzen ziehen. Die berechtigte Kritik an unserer Gruppe wurde wohlwollend und offen vorgetragen und diskutiert. Dies ermöglicht uns eine noch stärkere Selbstkritik. So wurde offensichtlich, dass wir gerade in der Diskussion um die Wertmüller-Absage eine Stellung hätten beziehen müssen – nicht nur um Solidarität offen zu bekunden, sondern auch um den antifeministischen und sexistischen Anfeindungen etwas entgegenzusetzen.
Etwas gibt es jedoch auch von uns an dieser Veranstaltung zu bemängeln: Das Publikum unterschied sich, wie wir schon vermuteten, stark von anderen Politveranstaltungen im Conne Island. Eine Mehrheit von Frauen und die Abwesenheit der üblichen verdächtigen Männer war augenscheinlich. Dies ist ein weiteres Indiz für die Relevanz des Themas in der Szene. Wir sind deshalb besonders auf Beiträge von denjenigen gespannt, die nicht bei der Veranstaltung anwesend waren und sich jetzt aufgefordert sehen, das Thema Feminismus zu bearbeiten.

LeA

Anmerkungen

(1) Die Roadmap beinhaltet unsere Mindeststandards gegen linken Antizionismus. Vgl. CEE IEH #136.

(2) Vgl. AFBL: 20 Jahre Nebenwiderspruch. Die Linke und der Feminismus, in: CEE IEH #191.

26.01.2012
Conne Island, Koburger Str. 3, 04277 Leipzig
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