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Aktuelles Heft

INHALT #189

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Editorial
• das erste: Das erste „Das Erste“ seit einem halben Jahr
• teaser: September und Oktober 2011 im Conne Island
Pttrns, My Disco
Art Brut
Can't Sleep!
20 Jahre Conne Island - 16 Jahre Drum and Bass
»The riddles keep slowin us down.«
Conne Island fühlt sich Pudelwohl
"Papst gefälscht"
»nothing can com close ...«
20 Jahre Hip Hop, 40 Jahre Torch
Dear Reader, Marching Band
Heroes in the city of dope …
CIV, Built on Trust
K.I.Z.
Toxpack
ease up^
Kode9 ♣ Mala
I like trains, Nihiling
The Riot Before, Smile and Burn, Diane Parkers Little Accidents
• inside out: Das doppelte Scheitern des Poll 2011
• doku: Noch lange nicht Geschichte
Von den Niederungen des Allerhöchsten
Der Raub- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion
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• neues vom: Sommer 2011

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Leg stest in Gottes Händen den Anfang und das Ende

Von den Niederungen des Allerhöchsten

Eine kurze feministische Betrachtung über Gott und die Welt

Alle Jahre wieder mal sorgen der Papst oder die Standpunkte der katholischen Kirche zur Rolle der Frau, zu Verhütung, zu Abtreibung, zu Ehe und Familie, zu Homosexualität und zum Feminismus für Empörung. Und in der Tat ist schon skurril, dass es eine Institution mit derartigen Positionen bis ins 21. Jahrhundert geschafft hat – und das auch noch relativ unbeschadet. Zwar gibt es vor allem seitens der sog. feministischen Theologien durchaus Gegenwehr. Vielleicht reicht das aber nicht. Denn – so unsere These – Feminismus, der seinen Namen verdient, muss immer religionskritisch sein. Der Papst und die katholische Kirche sind nur ein Grund dafür. Der Artikel unternimmt einen Streifzug durch die Frauenbilder und Geschlechternormen im Christentum aber auch in anderen Religionen, denn die Unterschiede vor allem zwischen den monotheistischen Religionen treten gegenüber ihrem gemeinsamen patriarchalen Kern in den Hintergrund. Die Beispiele sind dabei nur wenige unter vielen, vor allem natürlich eine Auswahl der populärsten und teils bis heute prägenden. Feminismus darf aber bei der Kritik an den misogynen Regeln der Religion nicht halt machen. Vielmehr muss er Religion als solche in den Blick nehmen, um ihren Zusammenhang zum Geschlechterverhältnis zu erfassen und diese Situation überhaupt als veränderbar zu begreifen. Eine feministische oder queere Intervention im Feld der Religion kann also nicht mit ihr, sondern nur gegen sie erfolgen. Das gilt umso mehr, wo die gesellschaftliche Verbindlichkeit von Religion immer noch hoch ist oder gar wieder zunimmt.

Verführte Verführerin

Am Anfang einige Worte zu Adam und Eva: „Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht. Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, sodass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch. Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu.“(1) Schon die Schöpfungsgeschichte in der Genesis macht recht unmissverständlich deutlich, was Frauen zu erwarten haben: „Hilfe“ des Menschen sollen sie sein, nachdem sich unter den Tieren nichts Passendes gefunden hat. Die Frau wurde dem Menschen „zugeführt“ – der hier unumwunden mit dem Mann gleichgesetzt wird – wie vorher die Tiere des Feldes und die Vögel des Himmels damit er sie benenne. Und dann benannte er – der Mensch – die Frau: „Und der Mensch sprach: Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie heißen, denn vom Mann ist sie genommen.“(2) Bekanntlich folgt dem kurzen Lenz, den Adam und Eva zusammen im Paradies verbrachten, sogleich der Sündenfall. Die listige Schlange machte Eva die verbotenen Äpfel des Baumes der Erkenntnis schmackhaft und Eva konnte nicht widerstehen: „Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse. Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß. Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz.“ Gott aber rief Adam und fragte ihn: „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe? Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen. Gott, der Herr, sprach zu der Frau: Was hast du da getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen.“(3)

Die Frau als Mutter…

Die „Mutter aller Lebenden“ ist also leicht verführbar und eine Verführerin zugleich. Auf den Trick der Schlange hereingefallen reißt sie den Mann mit sich ins Verderben und begründet damit, was im Christentum die „Erbsünde“ genannt wird. Fortan müssen die Menschen arbeiten, um sich zu ernähren und die Frauen müssen leiden, wenn der Mensch sich fortpflanzen will. Dass der Frau dieses Missgeschick gerade durch den Wunsch nach Erkenntnis passierte, hat auch nachhaltig auf ihre Rolle hinsichtlich der Produktion von Wissen und Erkenntnis gewirkt. So schreibt der Apostel Paulus im ersten Brief an Timotheus: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot.“(4) Die Frauen in der Bibel wurden – wo nicht als naiv und leichtfertig – denn auch als gehorsam, demütig und hingebungsvoll dargestellt. Die zentrale Rolle jedoch, die Frauen in der Bibel zukommt, ist zweifelsfrei die der Mutter. Betrachten wir ihre Geschichten – korrekter wäre zu sagen ihre Erwähnung, denn im Wesentlichen sind sie Teil der Geschichten ihrer Väter, Brüder, Ehemänner oder Söhne – so wird deutlich, dass der zentrale Sinn, der ihrem Leben gegeben wird, das Gebären ist. Exemplarisch dafür steht die Geschichte von Sarah, die über 90 Jahre darauf warten musste, ihrem Mann Abraham ein Kind zu gebären und damit zur „Erzmutter Israels“ zu werden.(5) Diese Reduzierung der Frauen auf die Gebär-Funktion hat sowohl im Judentum als auch in den christlichen Kirchen zu einer buchstäblich zum Himmel schreienden Misogynie geführt: Im orthodoxen jüdischen Morgengebet beten die Männer: „Gelobet seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der mich nicht als Weib erschaffen.“ Die Frauen hingegen beten: „Gelobet seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der mich nach seinem Willen erschaffen.“(6) Für Thomas von Aquin „ist das Weib dem Manne von Natur aus unterworfen. Denn im Manne überwiegt von Natur aus die Unterscheidungskraft des Verstandes.“(7) Und für Luther ist die „größte Ehre, die das Weib hat (…) daß die Männer durch sie geboren werden.“ Der Tod im Kindbett ist für ihn dann auch „nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes. Ob die Frauen sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts. Lass sie nur [...], sie sind darum da.“(8)

… und Dämon

Auch wenn die Frau als minderwertiges Geschöpf betrachtet wird, so ist sie also doch für die Reproduktion des Geschlechts oder Volkes von entscheidender Bedeutung. Neuralgischer Punkt ist hierbei die genaue Bestimmung des Kindvaters, denn die Abstammung von der richtigen Frau ist vor allem in patrilinearen Gesellschaften nicht ausreichend für das Überleben des Stammes oder die Weitergabe der Religion.(9) Die Sexualität der Frau ist also zum einen notwendig für die Reproduktion, zum anderen aber auch eine potentielle Gefährdung der Erbfolge und daher bis heute Objekt zahlreicher Reglementierungen. Hierzu zählen neben den zahlreichen Reinheitsvorstellungen die Idee der Treue und der Jungfräulichkeit oder aber auch die Ablehnung von Verhütung und Abtreibung, die aus diesen Vorstellungen abgeleitet wurden. Während bspw. das Verbot des Ehebruchs zumindest in monogamen Gesellschaften eigentlich auch für den Mann gilt, wird es doch oft weit weniger restriktiv umgesetzt. Weder wird von ihnen erwartet „jungfräulich“ zu sein, noch stellt ihr außerehelicher Verkehr eine Gefahr für die Reinheit des Stammes dar. Die gerade vor allem im islamischen Kontext diskutierte „Familienehre“ – die Frauen oft sogar verbietet, ohne männliche Begleitung auch nur das Haus zu verlassen – beschränkt Männer diesbezüglich nicht. Die wohl grausamste Methode, die weibliche Sexualität zu kontrollieren, ist die Genitalverstümmelung, euphemistisch auch „Beschneidung“ genannt, bei der der Frau ihre Lust am Sex (mit anderen, aber natürlich auch mit dem eigenen Ehemann) genommen wird, indem Teile der Geschlechtsorgane entfernt werden.(10) Eine selbstbestimmte weibliche Sexualität stellt immer schon eine Gefährdung der patriarchalen Ordnung dar. Dem entspricht das in der Bibel tradierte Bild der Frau als „Verführerin“. An vielen von den wenigen Stellen, in denen Frauen eigenmächtig handeln, verführen sie zum außerehelichen Geschlechtsverkehr. Und so erwächst den Gläubigen aus ihnen beständig Gefahr. Im Alten Testament ist von Kohelet überliefert: „Immer wieder finde ich die Ansicht, stärker als der Tod sei die Frau. Denn: Sie ist ein Ring von Belagerungstürmen und ihr Herz ist ein Fangnetz, Fesseln sind ihre Arme. Wem Gott wohlwill, der kann sich vor ihr retten, wessen Leben verfehlt ist, wird von ihr eingefangen.“(11) Marias „Jungfrauengeburt“ war daher die (wenn freilich auf äußerst hypothetischen Annahmen beruhende) Auflösung der aporetischen weiblichen Sexualität. Mit ihr wurde die eigentlich an Sex gekoppelte Reproduktionsfunktion der Frau zum Ideal der „nur noch Mutter“. Das „unkontrollierbare“ sexuelle Bedürfnis wurde der völligen Unterwerfung unter Gott und seinen Sohn geopfert. „(Z)um ersten Mal in der Geschichte der Menschheit kniet die Mutter vor ihrem Sohn nieder und erkennt von sich aus ihre Unterlegenheit an. […] (Der Marienkult) ist die Rehabilitierung der Frau durch das Besiegeln ihrer Niederlage.“(12)

Universales und Partikulares

Sowohl das Bild der Mutter, als auch das der Verführerin verweisen auf Sinnlichkeit und Körper anstelle der Ratio und des Geistes. Dem entspricht die klare Arbeitsteilung in Emotionalität, häusliche Fürsorge und Gehorsam auf der einen weiblich konnotierten Seite und Rationalität, öffentliches Wirken und Herrschaft auf der anderen männlich konnotierten Seite. Diese Dichotomie bringt auch für Männer sehr restriktive Verhaltensnormen mit sich, dennoch sind sie grundsätzlich gegenüber den Frauen privilegiert. Denn diese Aufspaltung ist nie neutral, sondern immer hierarchisch. Wenn Religionen behaupten, Frauen und Männer seien zwar „andersartig“ aber „gleichwertig“, da sie dieselbe „Würde“ vor Gott besäßen(13), so wird dies immer schon dadurch konterkariert, dass die Würde der einen Seite gerade durch Gehorsam gegenüber der anderen hergestellt bzw. gewahrt werden muss. Höhepunkt der Dämonisierung der weiblichen Sexualität durch die Kirche waren die Hexenverfolgungen des Mittelalters und der frühen Neuzeit, der ganz überwiegend Frauen zum Opfer fielen. Die Vorwürfe lauteten meist Magie und sexueller Verkehr mit dem Satan; Anschuldigungen, deren Wahrheitsgehalt die Phantasie der Kirchenmänner in unendlichen Stunden der „peinlichen Befragung“ herausstellte. Die vollkommene Religion, die reine Liebe zu Gott wird erreicht, indem was diese Reinheit gefährden könnte – Natur und Sexualität – der Frau zugeschrieben wird, die damit zur Projektionsfläche der Verfehlung wurde, an der die Männer des wahren Glaubens ihre unterdrückte Lust abreagieren konnten. Die „Hexen“ waren damit das letzte große Opfer, das der Monotheismus der vermeintlichen Natur abringen musste, um das Prinzip des Universalen zu inthronisieren. Den vielfältigen „magischen“ Praktiken, die hier ausgemerzt werden sollten, steht der eine Gott, der Herr, der Vater gegenüber, der gegen die partikularen und oft weiblichen Gottheiten im Polytheismus durchgesetzt werden muss. Dem Dualismus zwischen dem Universalen und dem Partikularen entspricht der Androzentrismus in der patriarchalen Welt. Zumindest die monotheistischen Religionen sind also in ihrem Kern, in der Vorstellung des einen Gottes, aufs Engste verknüpft mit der Geschlechterdifferenz und ihrer Herstellung.

Auch wenn Gott eine Frau wäre…

Natürlich sind die misogynen religiösen Bilder weder im Christentum noch in anderen Religionen unbestritten geblieben. Wie in Europa die feministischen Bewegungen von frauenfreundlicheren Auslegungen der kanonischen Schriften seitens der sog. feministischen Theologie begleitet wurden, so versuchen gerade islamische Frauenrechtlerinnen(14) die frauenfeindlichen Regeln des Korans zu re-interpretieren. Die Wirkung dessen ist jedoch ambivalent. Nicht nur, dass islamophile (Post-)FeministInnen nun behaupten, dass der Islam keinerlei Problem auf dem Weg zur Emanzipation darstelle, und damit denjenigen Frauen, die unter der Übermacht der konservativen Theologien und ihren frauenfeindlichen Vorstellungen leiden, im Namen des globalen Multikulti ganz selbstkritisch die Solidarität aufkündigen.(15) Vor allem besteht innerhalb der islamisch geprägten Gesellschaften die Gefahr Feigenblatt für ein extrem restriktives Geschlechterregime zu werden.(16) Zudem dürfte die Wirkung eines solchen Unterfangens begrenzt sein. Auch die Neu-Interpretation durch Historisierung hat ihre Grenze letztlich am Gehalt des Textes. Und der ist in Bezug auf die Rolle der Frau mitunter sehr eindeutig: „Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie (von Natur vor diesen) ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die diese von ihrem Vermögen (…) gemacht haben. […] Und wenn ihr fürchtet, daß (irgendwelche) Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie! Wenn sie euch (daraufhin wieder) gehorchen, dann unternehmt weiter nichts gegen sie! Gott ist erhaben und groß.“(17) Daher ist eine Berufung auf die Religion immer auch mit der Gefahr verbunden, am Ende auf die Religion zurückverwiesen zu werden. Und Interpretationshoheit über diese haben nach wie vor die konservativen Theologen. Es bleibt also zu befürchten, dass der Rückgriff auf theologische Quellen und damit der Verzicht auf eine Opposition gegen die Ansprüche der Religion letztlich affirmativ wirkt. Die Zurückweisung von misogynen Rollenbildern in der Religion gleicht einer Sisyphusarbeit. Der angestrebte Wandel bleibt jedoch selbst noch hinter den bürgerlichen Freiheiten, zu denen auch die Religionsfreiheit – als positive und negative, also als die Freiheit eine Religion auszuüben, aber auch als die Freiheit Religion nicht auszuüben und auch nicht dazu genötigt zu werden – gehört, zurück. Feministische Kritik muss deshalb jede religiöse Normierung – die immer schon Rollenbilder und Zweigeschlechtlichkeit beinhaltet – als solche zurückweisen, und nicht nur alte Bilder durch neuere ersetzen.

Paradies der Patres

Denn es greift zu kurz, das Verhältnis von Religion und Geschlechterverhältnis nur über die vermittelten Bilder zu betrachten. Vielmehr sind diese Bilder Äußerungsformen der Menschen, die aus ihrem tatsächlichen Lebenszusammenhang und damit aus gesellschaftlichen Machtverhältnissen entstehen, sie sind Ausdruck ihrer Welt und Projektionen in eine andere. Das Feuerbachsche Diktum, dass der Mensch die Religion macht, birgt daher auch den Schlüssel für die religiösen Restriktionen gegenüber weiblicher Sexualität. Wer die Möglichkeit hat religiöse Gebote zu kanonisieren ist auch geschlechtlich determiniert. Die Stellung, die der Frau in der Religion zugedacht wird, entspringt männlichen Wünschen nach Verfügung über die Frauen zur Befriedigung männlicher Bedürfnisse und deren real unterdrückten Möglichkeit zur wirksamen Formulierung eigener Wünsche. Beinahe überdeutlich wird dies in den Vorstellungen, die in den monotheistischen Religionen für das Paradies tradiert wurden. Das Reich Gottes, in dem die guten Schäfchen mit ihm herrschen werden, ist „bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.“(18) Und der Koran verspricht den wahrhaft Gläubigen Jungfrauen im Paradies: „(In den Gärten) befinden sich (auch), die Augen sittsam niedergeschlagen, weibliche Wesen, die vor ihnen (…) weder Mensch noch Dschinn entjungfert hat.“(19) Mit solchen Aussichten lässt sich die Mühsal des irdischen Lebens auch gleich viel besser ertragen oder der Weg ins Paradies qua Martyrium beschleunigen. Religion „ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes“(20) fasste Marx es bekanntlich. Als notwendig falscher Ausdruck falscher Verhältnisse steht sie der Bewusstwerdung des Menschen über seine wirklichen Verhältnisse im Wege und wurde daher auch von den Herrschenden gerne benutzt um ihre Macht zu stützen. Aber nicht allein dieser „Missbrauch“ der Religion ist das Problem. Vielmehr ist die Idee eines allmächtigen Gottes selbst von Grund auf patriarchal. Die Hierarchie der katholischen Kirche mit einem unfehlbaren Papst an der Spitze und ihrem Ausschluss von Frauen von den Weihesakramenten ist nur der augenfälligste Ausdruck dessen. Das alles lenkende Prinzip ist die universale Herrschaft, der sich die partikularen Menschen als allgewaltige Macht gegenüber sehen und die sich ihrem Wirken – scheinbar freilich, dennoch sehr wirkungsvoll – entzieht. Sofern das Ziel des menschlichen Lebens nicht in sich selbst gesehen wird, sondern in der Erfüllung eines göttlichen Plans, kann es nie den Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Aber obwohl sich dieses Problem grundsätzlich für alle stellt, ist es in sich noch einmal geschlechtlich differenziert. Denn wo die Religion für Frauen, auch wenn sie in Reichtum leben, mitunter nicht mehr als die Freiheit einer Sklavin bereithält, gewährt sie den Männern, selbst wo ihnen sonst wenig bleibt, zumindest noch die Herrschaft über die Frauen. Daher muss eine feministische Kritik immer beides: Sie muss die konkrete religiös legitimierte Benachteiligung von Frauen kritisieren und sie muss darüber hinaus die Religion als die Verhältnisse legitimierende Ideologie angreifen. Damit ihr Wille geschehe, nicht im Himmel, sondern auf Erden!

AFBL - Antifaschistischer Frauenblock Leipzig

Anmerkungen

(1) Gen 2, 19-22. Hier wird die in der katholischen Kirche übliche Einheitsübersetzung zitiert, die sich von der Luther-Bibel in der Wortwahl teils unterscheidet. Luther nannte die Frau „Männin“ und übersetzte sie als „Gehilfin“ des Mannes.
(2) Gen 2, 23. Die Erschaffung des Menschen durch Gott wird in der Genesis zweimal beschrieben. In Gen 1, 27 heißt es: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ Dies sei hier nur um der Vollständigkeit Willen erwähnt, widerspricht diese erste „gleichberechtigte“ Schöpfungsgeschichte doch nicht der zweiten; vielmehr erscheint die zweite als Konkretisierung der ersten. Zwar gibt es durchaus viele Widersprüche im biblischen Text – und auch solche, die für Frauen durchaus vorteilhaftere Rollen begründen könnten – eine Exegese derselben wäre jedoch streng genommen selbst theologisch und soll daher hier unterbleiben.
(3) Gen 3, 1-13.
(4) 1 Tim 2, 11-14.
(5) Gen 17-21.
(6) Zitiert nach: Alois Payer, Judentum als Lebensform, Gebete, in: Ders.: Materialien zur Religionswissenschaft, http://www.payer.de/judentum/jud507.htm , 1999.
(7) Thomas von Aquin, Summa Theologica I/92/2.
(8) Martin Luther, Werke, Weimarer Ausgabe, Bd.10,2, Weimar, 1907, S. 296.
(9) Während Stammfolgen in Bibel und Thora über die männliche Erbfolge überliefert wurden, sieht das bei der Religion teilweise anders aus: Als Jüdin oder Jude wird – nach traditioneller Auffassung – geboren, wer eine jüdische Mutter hat. Christlich wird man durch die Taufe, also im besten Falle aufgrund der Entscheidung beider Eltern. Und als zum Islam gehörig wird betrachtet, wer einen muslimischen Vater hat.
(10) Man kann hier darüber streiten, ob dies eine im strengen Sinnen religiöse Praxis ist, da sie in Afrika sowohl von Muslimen als auch von Christen, also von verschiedenen Religionen praktiziert wird. Die Trennung von Religion und Kultur, auf die damit abgezielt wird, ist hier jedoch ein äußerst problematisches Unterfangen, zeichnen sich die betreffenden Gesellschaften doch gerade durch eine fehlende Säkularisierung im umfassenden Sinne aus.
(11) Koh 7, 26.
(12) Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht – Sitte und Sexus der Frau, Reinbek bei Hamburg ,2004, S. 229.
(13) Mit „gleicher Würde“ bei unterschiedlichen Rechten und Pflichten argumentieren gerade viele islamische Theologen und einige der wenigen Theologinnen vor allem als Reaktion auf den Vorwurf der Benachteiligung der Frau. Siehe z.B. Artikel 6 der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam, die 1990 von der Organisation der Islamischen Konferenz herausgegeben wurde. Die unterschiedlichen Rechte und Pflichten von Männern und Frauen verpflichten die Männer laut der Scharia, auf die sich die Erklärung ausdrücklich bezieht, für die Familie zu sorgen, die Frauen hingegen zu Gehorsam.
(14) Der Begriff Feminismus wird von muslimischen Frauenrechtlerinnen überwiegend abgelehnt. Das hat teilweise taktische Gründe, da man sich damit immer – selbst im Westen – dem Vorwurf der „Verwestlichung“ aussetzt; ist oft aber auch inhaltlich begründet, da andere Versionen von Emanzipation angestrebt werden. Das reicht soweit, dass einige als dezidiert antifeministisch zu bezeichnen sind.
(15) Ein Beispiel dafür sind etwa Christina von Braun und Bettina Mathes, die von der frauenfreundlichen Koran-Exegese von Leila Ahmed ausgehend, zu einer umfassenden Affirmation des Islam hinsichtlich der Geschlechterfragen gelangen. Diese Vertauschung von theologischer Re-Interpretation und sozialer Wirklichkeit in den entsprechenden Gesellschaften macht damit ihrem Namen alle Ehre. Vgl. Dies.: Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen, Bonn, 2007.
(16) Sehr pointiert bringt dieses Problem etwa die iranisch-stämmige Feministin Haideh Moghissi auf. Vgl. Dies.: Feminism and Islamic fundamentalism, the limits of postmodern analysis, London, 1999.
(17) Der Koran, Sure 4: 34. Übersetzung von Rudi Paret.
(18) Offb 21, 2.
(19) Der Koran, Sure 55: 56. Übersetzung von Rudi Paret.
(20) Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, MEW 1, S. 378.

 

07.09.2011
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