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Aktuelles Heft

INHALT #185

Titelbild
Editorial
• das erste: Immer wieder Selbstbetrug
Vergesst den sich bahnenden Frühling
Boston represent...
AYS, Hang The Bastard, Wayfarer, Slave Driver
Scuba
"Aber wenn ich werd' schreien, wird besser sein?"
Willkommen im „Irrenreservat“a
The Beat Scene's Next Generation
After St.Patricks Day Is Before St.Patricks Day
...And You Will Know Us by the Trail of Dead
Disco Ensemble
Freiheit auf Arabisch
Hercules and Love Affair
Das Filmriss Filmquiz
Veranstaltungsanzeigen
• review-corner buch: (K)eine Rezension
• review-corner film: Verarbeitung über Pornografie
• kulturreport: Die Wahl der Socken
• cyber-report: See No Evil
• doku: Über die Voraussetzungen der Israelsolidarität
• leserInnenbrief: LeserInnenbrief
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• das letzte: Dünnes Eis

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Immer wieder Selbstbetrug

Bismarck

Ohne Frage stellt die derzeitige Entwicklung, die die Leipziger Linke derzeit durchläuft, weder eine außerordentliche, neue noch eine besonders überraschende oder schockierende dar. Bereits in den Jahren um die Jahrtausendwende wurde mit innerlinker Kritik der Ruf laut, das „Problem linker Sozialisation“(1) anzuerkennen. Antifaschistische Praxis, von nun an als für radikale Gesellschaftskritik unbrauchbar entlarvt, wurde im Zuge des sogenannten „Aufstands der Anständigen“ zur Staatsdoktrin erklärt. Als Beitrag zur Modernisierung warenproduzierender Gesellschaft ereilte den revolutionären Antifaschismus das Schicksal seiner Einzelkämpfer, deren Dasein als solche stehts mit dem Abklingen postpubertärer Rebellion und im von Sachzwängen bestimmten Aufgehen in kapitalistischer Realität sein Ende findet.
Ob und warum linke Radikalität, von antisexistischen, antirassistischen und antifaschistischen Gruppen, Initiativen, etc. allzu oft, wenn auch nur über den indirekten Griff auf Ganze(2), beansprucht, lediglich dem Weltverbesserungsbedürfnis derer „von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen“(3) lassender entspringt und damit der Kritik eine endgültige Absage erklärt, ist die Frage, deren Beantwortung die Aufforderung zum konsequenten Verzicht auf jene Verschränkung mit deutscher Gesellschaft und Politik beinhalten muss und nur damit den Rahmen für Radikalität abstecken kann.
Explizit an den Ereignissen und „Neu-“formierungen in Leipzig, die sich durch das Erstarken linksdeutscher Einflussnahme und eine neue Hinwendung der Linken zur politischen Praxis auszeichnet, ist nachzuvollziehen, wie linkes Politikverständnis gegen Kritik und Denken in Stellung gebracht wird.
Dass die Gelangweilten sich an jeden Grund, ihr Treiben fortzuführen, mit allen Kräften krampfhaft klammern, jedem Neonazigroßereignis, das Farbe in den tristen Alltag zu bringen verspricht, freudestrahlend entgegen blicken und sich in zum Teil geschmacklosester Art und Weise an jedem Anlass ergötzen, der geeignet erscheint, ihr Mitmachangebot für alle Altersgruppen weiter auszubauen, verwundet dabei nicht. So schafft es der Online-Blog Diffusionen.de mit der „Frontberichterstattung vom Kiez“(4) doch tatsächlich, die Silvesternacht 2010 zum Politikum zu machen, es sei zwar hier nichts passiert, d.h. Randale blieben aus, handle es sich jedoch bei der Berichterstattung über dieses Ausbleiben des Leipziger autonomen Neujahrstreibens um einen echten Medienskandal; ein Antifabündnis proklamierte letztes Jahr kurzerhand den Roten Oktober – revolutionärer Antifaschismus im Bürgerbündnis gegen Neonazis, die eher an der eigenen Unfähigkeit als am entschlossenen Widerstand der Volksfront gegen Rechts scheiterten – und einen knappen Monat später übertrifft dies nun der neu gegründete Initiativkreis Antirassismus. Anlässlich eines Mordes in der Leipziger Innenstadt – der 19jährige Iraker Kamal K. wird vom notorisch kriminellen Marcus E. unter Beihilfe seines Knastkumpels und Neonaziaktivisten Daniel K. angeblich im Streit erstochen – gründet sich dieser weitere Interessenverband mit dem Ziel, den Mord, das ein vermutetes rassistisches Tatmotiv sowie den Umgang damit durch Justiz und Medien zu thematisieren.
Die von der Initiative betriebene Instrumentalisierung des Mordes reicht zum Teil bis hin zur Geschmacklosigkeit. Galt es bis in die 90er Jahre in der antirassistischen Linken noch, die Schilderung eines Betroffenen über ein rassistisches Tatmotiv unhinterfragt hinzunehmen und danach zu agieren, so überträgt der Initiativkreis dieses Definitionsrecht jetzt an sich selbst.
Neben zwei eigenen Demonstrationen anlässlich des Geschehens und der Unterstützungsarbeit für die Familie (Spendensammlung, Kooperation mit den RAA,...) fällt der Initiativkreis besonders durch eine intensive Öffentlichkeitsarbeit auf: so wurde eine Textproduktionsmaschinerie angeworfen, die drei Seiten wordpress-Blog voll stopfte, mehrere Radiointerviews sowie andere Statements in diversen lokalen Medien abgegeben. Der Initiativkreis feiert Medienerfolge als „öffentlicher Druck“, will den Fall „skandalisieren“, „politisieren“ und auch „staatliche Diskriminierung“ sowie die Lebensrealität von Migranten in den Fokus rücken.(5)
Diese Zielsetzung den öffentlichen Aufschrei einzufordern, die Berichterstattung geraderücken zu wollen sowie die eigenen Erfolge am Einlenken der staatlichen Stellen zu messen, zielt darauf ab, eben jene Volksfront gegen Rechts herbei zu beschwören. Ein solches Wirken von Antirassismus im „Realpolitischen“ verdeutlicht die Neigung einer Linken, sich letztendlich doch zu Volk und Staat zu bekennen und so ihren eigenen explizit deutschen Charakter zu offenbaren.
Spricht der Initiativkreis Antirassismus vom „beständigen Rassismus der Gesellschaft“(6), bemüht sich um die Thematisierung alltäglicher rassistischer Diskriminierung und benennt die Berichterstattung der LVZ als stetig rassistische, so verbirgt sich darin für antirassistische Arbeit typisches. Zuerst ist festzustellen, dass hier die Forderung der Aufnahme antirassistischer Positionen in die Leitlinien für Medien, Politik, etc. gestellt wird. Zur gleichen Zeit soll aber das vehemente Gerede vom „gesellschaftlichen Rassismus“ oder „Rassismus als gesamtgesellschaftliches Problem“ den linksradikalen Anschein dieser Strömung wahren. Wird Staat und Gesellschaft diagnostiziert, bereits in ihrer Konstitution Rassismus inne zu haben, so wird der politischen Kampf gegen eben jenen zur gesellschaftskritischen Praxis stilisiert. Diese Verschränkung mit dem Staat, als „politische Praxis“ eine staatstragende, wird weder dem Begriff der Kritik gerecht, noch kann sie als radikal bezeichnet werden. Ein Interesse an Gesellschaftskritik geht jeder linken Gruppe ab, sobald sie medienwirksam agiert, als Praxis zur eigenen theoretischen Vorarbeit den Handschlag mit der Öffentlichkeit wagt, ihren Erfolg an der Massentauglichkeit des eigenen Mitmachprogramms misst und Radikalität zugunsten des „Möglichen“ über Bord wirft. Dass gerade antirassistische Linke immer wieder in diese Kerbe schlagen, liegt vor allem an ihrem Verständnis von Ideologie, besonders rassistischer, und der damit verbundenen Zwecksetzung ihrer Arbeit.
Statt auf Ideologie als immer wieder in und durch gesellschaftliche Verhältnisse produzierte Denkformen, die als Ausdruck der Unvernunft bereits als solche kritisiert gehören, liegt im Antirassismus der Fokus auf den Lehren des Rassismus, seinen Ausprägungsformen und seinen Folgen für Einzelne. Unfähig, den gesellschaftlichen Zusammenhang zu erkennen, dem Ideologie entspringt, bleibt damit nur die Möglichkeit, eben jene Lehren zu widerlegen, rassistische Erscheinungen auf Werbetafeln und im Sprachgebrauch auszutreiben oder eben das Geschrei über die schrecklichen Folgen von Rassismus anzuführen. Antirassismus verweigert sich jeder Kritik und ist damit für die viel beschriene Überwindung irgendwelcher Zustände schlicht unbrauchbar.
Bezeichnend für den Initiativkreis ist die Verstrickung mit der Leipziger Linkspartei(7). Besonders im Leipziger Süden als Sammelbecken für gelangweilte und unbestätigte Antifas auffallend, nimmt die Linksjugend szeneintern eine wichtige Rolle ein. Rot-Radikal lackiert, immer im revolutionären Gewand gekleidet, gibt man sich gerne gesellschaftskritisch. Parteiintern mit dem Label „antideutsch“ versehen, offenbart sich erst im Dschungel der Realpolitik, was wirklich Phase ist. Aus den Radikalen werden die heimlichen Helfer der Herrschaft, zur Krisenbewältigung und regelmäßigen Generalüberholung herangezogen hängen sie am Staat, wie er an ihnen. Die vorgeblich antideutschen Positionen derer sind nichts weiter als das Bekenntnis zur jugendlich-hippen Antifa der 2000er Jahre und ihrer Mode und ihrer entledigen sie sich dann auch, wenn sie als Agenten der Realpolitik und Bewegungslinke in neuem Gewand der eigenen vorgeblichen Radikalität eine Absage erteilen, indem sie die Konsequenz scheuen, die diese bedingt. Hier steht dem Eingeständnis der eigenen Ohnmacht und der ehrlichen Aussicht auf eine Überwindung der Zustände der persönliche Wunsch, die Welt zu einem schöneren Ort zu machen, entgegen. Die Ausrichtung eines bundesweiten Strategietreffens der Linkspartei, auf dem die Bedrohungssituation durch Antideutsche thematisiert werden soll, indes verdeutlicht eben deren Angst vor dieser Konsequenz und ihrer Entlarvung als Modernisierungshelfer.
Diese Linke und ihr Wirken, ob nun im Antifabreitenbündnis, in Genderseminaren an Hochschule oder Argumentationstrainings gegen Rechts in Schulkassen, sind Teil des Problems. Ihre Radikalität ist ein nicht zu erfüllender Schein, ihre Kritik vom eigenen Wirken aller Mittel beraubt. Deswegen wird die endgültige Absage an jene Linke und ihr Politikverständis zur Voraussetzung dafür, nicht selbst das „Ende der Geschichte“ einzuleiten.

Ferrand

Anmerkungen

(1) CEE IEH #74, Kritik der Antifa.

(2) So vermuten diese alle gemeinsam und allzu gern die sich zum Gegenstand ihrer Kritik gemachten Ideologien häufig in der Konstitution bürgerlicher Gesellschaft verborgen.

(3) Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 22. Auflage 1994, S. 67

(4) http://www.diffusionen.de/2011/01/03/frontberichterstattung-vom-kreuz/

(5) „2 monate nach dem mord an kamal – Das Schweigen brechen, Rassismus bekämpfen!“ Radiointerview mit Juliane Nagel vom 23.12.2010 http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=38122

(6) http://initiativkreis.blogsport.de/demonstration-4-11/

(7) So finden die Treffen im „Linxxnet“ statt, personelle Überschneidungen mit „Die Linke“ gibt es zu Genüge, etc.

24.02.2011
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