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Aktuelles Heft

INHALT #185

Titelbild
Editorial
• das erste: Immer wieder Selbstbetrug
Vergesst den sich bahnenden Frühling
Boston represent...
AYS, Hang The Bastard, Wayfarer, Slave Driver
Scuba
"Aber wenn ich werd' schreien, wird besser sein?"
Willkommen im „Irrenreservat“a
The Beat Scene's Next Generation
After St.Patricks Day Is Before St.Patricks Day
...And You Will Know Us by the Trail of Dead
Disco Ensemble
Freiheit auf Arabisch
Hercules and Love Affair
Das Filmriss Filmquiz
Veranstaltungsanzeigen
• review-corner buch: (K)eine Rezension
• review-corner film: Verarbeitung über Pornografie
• kulturreport: Die Wahl der Socken
• cyber-report: See No Evil
• doku: Über die Voraussetzungen der Israelsolidarität
• leserInnenbrief: LeserInnenbrief
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See No Evil

Karl Meseberg

Während meiner Kindheit in Israel besuchte uns meine Großmutter Miriam regelmäßig samstags, um gemeinsam mit der Familie Mittag zu essen. Mein kleiner Bruder und ich waren in der Regel viel zu sehr damit beschäftigt, über den Familiencomputer gebeugt, das neueste Spiel zu spielen, als dass wir sie an der Tür begrüßen konnten, so wie es wohl jeder respektvolle Enkel getan hätte. Eines Samstags fand sie uns an unserem üblichen Platz, in der Hand hielt sie Bestechungsgeschenke, Kit Kat-Riegel, um uns davon zu überzeugen, doch eine kurze Pause einzulegen. Als diese Strategie fehlschlug, versuchte sie, mit uns ins Gespräch zu kommen, indem sie uns fragte, was wir denn da spielen würden.
„Das ist Wolfenstein 3D“, antworteten wir, ohne unsere Augen vom Bildschirm abzuwenden.
„Und was tut man in Wolfenstein 3D?“
„Nun ja…“, zögerte ich, „es ist ein Spiel, in dem man Nazis tötet.“
Sie stand eine gefühlte Ewigkeit in unbehaglicher Stille da, betrachtete die Hakenkreuze auf dem Bildschirm, hörte die Geräusche des Mündungsfeuers und die gelegentlichen Schreie eines deutschen Soldaten, wenn er zu Boden ging. Ich war jung, aber die Absurdität jenes Moments ging dennoch nicht an mir vorüber. Hier stand eine Frau, deren gesamtes Leben sich für immer veränderte, als die deutsche Armee ihr Heimatland Polen überfiel, die nun zusah, wie ihre Enkel, ganz nebenbei, ihre ehemaligen Unterdrücker mit einem Mausklick niedermetzelten. Mit leerem Blick sah sie auf den Schirm, murmelte letztlich, „ich glaube, das ist schon in Ordnung“ und entschwand Richtung Küche.
In einer gewissen Weise erlaubte mir dieser Vorfall, weiterhin FPS(1) mit dem Thema Zweiter Weltkrieg über Jahre hinweg zu spielen, ohne jemals einen tiefer gehenden Gedanken daran zu verschwenden. Miriam hatte gesagt, es sei schon in Ordnung, und sie hatte es ja schließlich selbst miterlebt. Wer war ich denn, dem widersprechen zu wollen. Also erschoss ich Nazis aus Pixeln und später, als die Technologie es zuließ, sprengte ich sie in Stücke, die anmuteten wie ein Sortiment aus glasierten Schinken. In meinen virtuellen Kämpfen, kreuz und quer durch ein fortwährend vom Krieg zerrüttetes Europa, habe ich wahrscheinlich mehr deutsche Leben beendet, als die wirklichen alliierten Streitkräfte.
Ich schäme mich, dies zuzugeben, aber ein Teil des Vergnügens dieser Spiele entsprang der Genugtuung, dass ich meine Vorfahren rächen würde. Die Handlanger eines monolithischen und unerklärlichen Bösen zu töten, war immer schon die Grundlage von Videospielen. Für einen jüdischen Menschen allerdings, sollten diese Horden aus Nazis bestehen, war dies poetische Gerechtigkeit. Zumindest glaubte ich das, bis Miriam von uns schied.
Schon bald wird die letzte Generation, welche den Zweiten Weltkrieg noch mit eigenen Augen sah, aufgrund ihres hohen Alters sterben. Holocaust-Gedenkmuseen versuchen verzweifelt jüdische Überlebende aufzuspüren, so dass diese ihre Erlebnisse dokumentieren mögen, bevor sie für immer verloren gehen. Sie bereiten sich auf eine Zeit vor, in der unsere wichtigste Verbindung zu diesem Teil der Geschichte abgebrochen sein wird, was die Aufgabe, die Erinnerung am Leben zu erhalten, nur umso schwieriger macht.
Ich empfand nicht dieselbe Dringlichkeit, bis schließlich meine eigene persönliche Verbindung, meine Großmutter, verschwunden war. Wenn die Pflicht, die Erinnerung an den Holocaust zu bewahren, an meine Generation übertragen wird, haben wir nichts als Bilder, Bücher, Filme und, ja, eine große Anzahl von Videospielen, die sich mit diesen Ereignissen auseinandersetzen. Jedes dieser Medien hat seine eigenen Probleme, aber keines von ihnen führt so gründlich in die Irre wie FPS mit dem Thema Zweiter Weltkrieg.
Nehmen wir zum Beispiel Call of Duty: World at War. Was vermittelt es uns über diesen Krieg? Wir wissen, dass er ausschließlich zwischen uniformierten Männern aus verfeindeten Nationen ausgefochten wurde, denn sogar die Schlachten in den Städten sind völlig frei von Zivilisten. Wir wissen, dass die Vereinigten Staaten und das Vereinte Königreich die unfehlbar Guten waren, dass Russlands Rolle fragwürdig, aber notwendig war und dass Japan und Deutschland jene unmoralischen Nationen gewesen sind, welche um jeden Preis besiegt werden mussten.
All diese Annahmen sind ungenau und verdienen eine individuelle Auseinandersetzung, aber jene, die mich am meisten ärgert, ist die Darstellung der Deutschen als böse, ohne jemals den Holocaust zu erwähnen. Sie sind einfach außerstande, irgend etwas Gutes zu tun, Punkt, Aus, Ende , keine weitere Erklärung notwendig. Sie sind wie die Chimäre, die Heuschrecke oder die Dämonen aus Doom(2). Die Aussage von Call of Duty besteht darin, dass die Nazis nichts als Zombies waren, was uns wiederum erlaubt, sie ohne Reue zu töten und zu verstümmeln. Als wäre dies nicht schon deutlich genug, enthält World at War sogar eine „Nazi Zombies“-Spielvariante, welche uns einen endlosen Ansturm von untoten Deutschen niedermähen lässt.
Ich bin damit nicht mehr einverstanden. Rückblickend betrachtet war der einzige Grund für Miriams Zustimmung, dass sie nicht darüber reden wollte. Nebenbei über den Holocaust zu diskutieren war für ihre Generation unerhört, also entschuldigte sie sich höflich, um uns den Spaß nicht zu verderben, anstatt eine aufrichtige Reaktion zu zeigen. Nur gegen Ende ihres Lebens, als sie sehr krank und wahrscheinlich ein wenig verwirrt war, hörte ich sie irgendetwas darüber sagen. Heimweh nach einem Haus, in dem ich nie war. Namen von Verwandten, von denen ich noch nie zuvor gehört hatte. Als sie gegangen war, begriff ich, was verloren war und was bald meine Pflicht sein würde. Da erkannte ich, dass, sollte niemand in der Videospielindustrie die kindische und unehrliche Betrachtungsweise von Spielen wie Call of Duty überwinden, wir ein Problem haben.
„Nazi Zombies“ würden nicht existieren, hätte es nicht die Gräuel in den Vernichtungslagern gegeben. Die unvorstellbaren Verbrechen, welche in Auschwitz, Treblinka und den anderen Lagern begangen wurden, verschaffen uns nun die Lizenz, Nazis offen und kühn in einer Art und Weise zu dämonisieren, welche wir nicht auf den Vietcong oder die Aufständischen im Irak anwenden würden. Selbstverständlich ist Fremdenhass eine Komponente aller internationalen Konflikte und alle Nationen imaginieren ihre Feinde als Monster, damit sie sie als solche bekämpfen können. In Europa gab es den gierigen Juden. In Israel gibt es die Furcht vor dem blutrünstigen Araber. In Amerika beherrschen wir die Produktion dieser Stereotypen fast genauso gut, wie die Kunst, uns im Nachhinein dafür zu entschuldigen: der wilde Indianer, der minderwertige Afrikaner, der verschlagene Japaner. Heutzutage verurteilen wir diese rassistischen Verunglimpfungen. Aber wenn es um Nazis geht, fühlen wir uns offensichtlich wesentlich wohler damit, sie uns als alles andere außer als menschlich vorzustellen.
Es ist nicht meine Aufgabe, über die Darstellung der Nazis in unserer Kultur zu streiten und in welcher Form diese Darstellung womöglich problematisch für das heutige Deutschland sein könnte. Die grauenhafte und heuchlerische Art, in welcher Deutsche, Japaner und andere Gruppen in diesen Spielen behandelt werden, sollte von den Betroffenen selbst angesprochen werden. Was mich am meisten beunruhigt an der Geschichtsschreibung, wie sie von Videospielen gewoben wird, ist, dass Fremdenhass alles ist, was bleibt. Jedes Sandkorn an den Stränden der Normandie ist abgezählt. Jedes ausgebombte Gebäude in Stalingrad ist dokumentiert. Jeder Nazisoldat ist erschossen, erstochen und verbrannt. Aber nicht ein einziges Mal stolpern wir über die Überreste eines der vielen jüdischen Ghettos oder eines Konzentrationslagers, welche nur unmittelbar entfernt liegen von dem nächsten Ziel auf unserer mini map(3). Diese Version von Geschichte, in welcher der Holocaust niemals Erwähnung findet, ist heimtückisch. In einer Zeit, in der unsere kollektive Erinnerung verblasst, können wir es uns nicht leisten, diese Erzählweise zu akzeptieren, welche die Todeslager außen vor lässt. Dies würde unsere Anstrengungen, diese Geschehnisse in den Geschichtsbüchern zu bewahren, untergraben. Es bringt uns jenem Tage näher, an welchem Leugner nicht mehr so einfach zu verurteilen sein werden.
Es ist weder mein Wunsch, Entwickler und Herausgeber mit der Bürde zu beladen, ihr Zielpublikum erziehen zu müssen, noch will ich den Fans des Genres den Spaß verderben. Aber wenn diese Spiele weiterhin die Prämisse des Zweiten Weltkrieges nutzen wollen, ohne als heuchlerisch wahrgenommen zu werden, müssen sie womöglich mehr beinhalten als nur seine oberflächlichen Aspekte.
Ich sehe zwei naheliegende Entwicklungsmöglichkeiten. Die erste wäre, jenen Leuten zuzustimmen, welche glauben, dass Videospiele nichts weiter sind als extravagante Spielzeuge, unfähig, Themen zu behandeln, wie dies andere Medien tun, und das Setting von FPS auf Fantasy oder Science Fiction zu beschränken, wo eine simple Teilung der Welt in Schwarz und Weiß ungefährlich ist. Die zweite wäre, das Setting zu überprüfen und etwas zu erschaffen, das ein entscheidendes Moment in der menschlichen Geschichte nicht trivialisiert. Es wird immer einen Platz geben für Spiele wie Wolfenstein 3D, aber es gibt auch einen dringenden Bedarf an Mannigfaltigkeit, welche in anderen Medien zu finden ist, die sich mit diesen Themen beschäftigen.
Wir wissen, dass Spiele in der Lage sind, sinnstiftende Erfahrungen zu erschaffen. Ironischerweise fällt einem hier Infinity Ward's(4) Call of Duty: Modern Warfare ein. Trotz seiner vielen Schwächen bei der Darstellung des Krieges gelingt es dennoch, einige tiefgreifende Momente zu präsentieren und dem Spieler verstörende und nachdenklich stimmende Situationen aufzuzwingen, in einer Weise, wie es nur Videospiele vermögen. Eine Exekution, eine nukleare Explosion, ein Verhör; in dem lächerlichen Kontext des „Wir“ gegen ein nicht eindeutiges, aber immer osteuropäisches ,,Sie“ wird die Bedeutung dieser Momente verwässert. Aber unabhängig vom Plot sind sie ausgezeichnete Beispiele für das Potential, wichtiges Gedankengut durch Interaktion zu vermitteln.
Ich kann nur vermuten, wie Leute reagieren würden, wenn zum Beispiel der Nazi Zombie Modus in World at War, welcher sich darum dreht, dass eine Gruppe von Spielern versucht (aber unausweichlich scheitern muss), ihre Position gegen einen endlosen Strom von Feinden zu halten, in einem Kontext stattfinden würde, der tatsächlich Sinn macht. Was wäre, wenn die Spieler jüdische Kämpfer während des Aufstandes im Warschauer Ghetto wären oder, Gott bewahre, alte und junge Deutsche, welche ihre Wohnungen in Berlin verteidigten. Die Emotionen, welche dieses gameplay(5) hervorruft, sind schon vorhanden – Panik, Verzweiflung, Furcht. Es muss nur in einer Weise optimiert werden, welche uns mit den historischen Realitäten des Settings konfrontiert, anstatt um alles herumzuschleichen, das uns unbequem erscheinen mag.
Es gilt weder unsichtbare Grenzen zu überschreiten noch neue und welterschütternde Kontroversen zu erzeugen. Spieler übernehmen schon jetzt die Rolle der Wehrmacht und hissen mit Hakenkreuzen geschmückte Flaggen in multiplayer matches(6). Spieler feuern mit Flammenwerfern auf japanische Soldaten und sehen ihnen beim qualvollen Verbrennen zu. Wenn wir für diese Art von Bildern bereit sind, sollten wir auch für ein Spiel bereit sein, das Geschichte in einer Art und Weise behandelt, die ihrem Namen auch gerecht wird. Denn wenn der Tag kommt, an dem ich meine Kinder dabei erwische, wie sie mit Lasern auf einen Cyborg-Hitler schießen, werde ich nicht so höflich sein wie Miriam.

Emanuel Maiberg

zuerst veröffentlicht auf http://www.escapistmagazine.com
Übersetzung und Fußnoten: schlaubi

Anmerkungen

(1) First Person Shooter: Spiele, ablaufend in der Ich-Perspektive, bei welchen man, ausgerüstet mit einem respektablen Waffenarsenal, unablässig virtuelle Gegner tötet.

(2) Der wohl bekannteste und technisch wegweisendste First Person Shooter. 1993 veröffentlicht, steht er in Deutschland noch immer auf dem Index.

(3) Mini Maps sind kleine Karten, welche bei FPS zur Orientierung in der virtuellen Welt dienen.

(4) Das Unternehmen, welches das genannte Spiel entwickelte.

(5) Grob: der interaktive Ablauf oder Inhalt eines Spiels

(6) Wettkämpfe, welche die Spieler über das Internet miteinander verbinden.

24.02.2011
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