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Aktuelles Heft

INHALT #182

Titelbild
Editorial
• das erste: Unsere Insel stinkt
„ …a Mala Beat is a Mala Beat is a Mala Beat is a…“
Springtoifel
Karnivool, The Intersphere
The Creator: Pete Rock & CL Smooth
Napalm Death, Immolation, Macabre
Hot Christmas Hip Hop Lounge
Paperclip Release Night
We can feel the mountains in our skin and bones
Clash of the Monsters
Weihnachts-Tischtennis-Turnier
Man overboard
Caliban
Snowshower
NYE @ Conne Island
Kritik und Ressentiment
Veranstaltungsanzeigen
Großbaustelle Conne Island
Konzertabsage Maroon
Zur Absage der Veranstaltung mit Justus Wertmüller
• doku: Vielfalt tut gut
• doku: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde
Es gibt tausend gute Gründe
Resultat einer infantilen Inquisition
Zu den Texten in diesem Heft
• review-corner film: Keeping it unreal
• doku: Sizilianische Verhältnisse
• doku: Macker, verpiss Dich!
Sind die Dichotomien unser Unglück?
Anzeigen
Punktsieg für den Antirassismus oder Reproduktion rassistischer Ausgrenzung?
• das letzte: Voll leer

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Vielfalt tut gut

Stellungnahme des Bündnis gegen Antisemitismus Leipzig zum Verbot der Veranstaltung mit Justus Wertmüller

Das Conne Island hat dem Bündnis gegen Antisemitismus verwehrt, eine Veranstaltung mit Justus Wertmüller in seinen Räumen durchzuführen. Der Autor und Redakteur der Zeitschrift Bahamas ist u.a. durch seine Texte zu den antisemitischen Angriffen auf das World Trade Center, der Ermordung Theo van Goghs und jüngst durch seine Kritik an Sarrazin und dessen Kritikern bekannt.
Wir wollen mit ihm eine Veranstaltung zum Thema Integration durchführen, weil er dem Islam nicht mit antirassistischer Vorsicht und multikultureller Toleranz begegnet, sondern dessen individualisierungs-, säkularisierungs- und integrationsfeindliche Stoßrichtung benennt. Wertmüllers Religionskritik ergreift dabei gerade Partei für jene, die in erster Linie betroffen sind: jene, die durch die islamische Ordnung unterdrückt und gefangen gehalten werden.
Einige fragen sich, was geschehen muss, damit eine Veranstaltung im Conne Island nicht stattfinden darf. Diskussionen im Plenum des soziokulturellen Zentrums, ob die eine oder andere Band aufgrund ihrer Texte auftreten darf, sind keineswegs neu und schlagen sich hin und wieder in Stellungnahmen des Plenums nieder. Ein bisher einmaliger Vorgang ist es allerdings, dass uns das Plenum eine Diskussionsveranstaltung im Conne Island verbietet.
Das Plenum begründete dies nicht zuletzt damit, dass die Messlatte bei politischen Veranstaltungen höher liege als bei kulturellen. Ansonsten wäre der Konzertbetrieb des Ladens wohl auch ernstlich in Gefahr. Den Reigen eröffneten Mitglieder des „Antifaschistischen Frauenblocks Leipzig“ (AFBL) mit den Vorwürfen „Rassismus“, „Sexismus“ und „mangelnder Diskussionskultur“. Als Beleg wurden einige aus dem Zusammenhang gegoogelte Zitate von Justus Wertmüller angeführt. In einem dieser Zitate war die Rede von den „Ziegenfickern des Propheten“ (Bahamas 46/2005). Wenn man Texte nach alter Schule liest – von Anfang bis Ende – hätte man wissen können, dass Wertmüller hier schlichtweg Theo van Gogh zitiert. Wertmüller verwendete sich in einem Artikel für den niederländischen Filmemacher, der aufgrund seiner Islamkritik von einem eifrigen Moslem ermordet wurde. By the way, van Goghs Film „Submission“ wurde seinerzeit von uns im Conne Island gezeigt. Aber wahrscheinlich hatte da einfach jemand vergessen, vorher Google zu bemühen.
Weiterhin wurde vorgebracht, dass Wertmüller die Bezeichnung „Kopftuchmädchen“ affirmiere. Der ganze Satz bei Wertmüller heißt dann aber: „Dass aber die Bezeichnungen >>Kopftuchmädchen<< und >>Importbraut<< nicht, wie die Antifa meint, eine >>Abwertung muslimischer Frauen<< von Seiten Sarrazins darstellen, sondern die real existierende, von der community und den Familien verbrochene Abwertung von Frauen zu patriarchalem Eigentum auf den Begriff bringt, wollen die Freunde des Respekts vor anderen Kulturen nicht verstehen.“
Dass in einer Veranstaltungsankündigung von „Genderquatsch“ die Rede war, diente als Beleg für „Sexismus“. Hier der Vollständigkeit halber das ganze Zitat: „Das Schicksal von Türken oder Arabern, die man gelernt hat, >>Muslim_innen<< zu nennen, als ob der Genderquatsch auch nur irgendeinen türkischen Schwulen oder ein arabisches Mädel vor dem Zugriff ihrer Väter, Brüder und Ehemänner schützen würde, ist den linken Gegnern Sarrazins also vollkommen egal“. Es ist unschwer zu begreifen, dass angesichts eines patriarchal strukturierten Zwangssystems, unter dem Frauen zugerichtet und verstümmelt werden, die Verwendung einer Gleichheit suggerierenden Wortschöpfung wie „Muslim_innen“ zynisch ist.
Wenn sich die Vorwürfe nicht aus zitierten Zitaten speisten, dann wurde ein Gerücht aus irgendeinem Internetforum hervorgekramt – mit Sicherheit einer „vertrauenswürdigen Quelle“: Justus Wertmüller habe angeblich auf einem Vortrag von „arabischen Hackfressen“ geredet. Um ihn aus dem Conne Island auszuschließen, ist offenbar kein Mittel zu peinlich. Die Begriffe Sexismus und Rassismus wurden in aller Ungenauigkeit verwendet, da: „so viele verschiedene Begriffe von Rassismus und Sexismus extistieren“ (Eine Teilnehmerin im Plenum). Statt gesellschaftliche Verhältnisse zu kritisieren, verkommen diese Begriffe zu Tickets und werden ihres Gehalts beraubt. Der bloße Vorwurf, jemand sei Rassist oder Sexist, reicht schließlich in der linken Szene aus – und nicht nur da –, um ihn für vogelfrei zu erklären. Es handelt sich um Rufmord, wird der Vorwurf leichtfertig gebraucht und nicht argumentativ belegt. Das Plenum stellt sich in seiner Stellungnahme zwar nicht geschlossen hinter den Vorwurf, verbreitet ihn dann aber doch unbegründet und schwarz auf weiß in der Öffentlichkeit: Einige Plenumsteilnehmer hätten ihn erhoben.
Um den Rauswurf abzusichern, verlegten sich die Gegner der Veranstaltung auf dem Plenum darauf, das Diskussionsverhalten von Justus Wertmüller anzuprangern und das war schließlich der Zug, auf den andere Plenumsteilnehmer aufspringen konnten. Jene, die Veranstaltungen mit ihm besucht haben, wissen wovon die Rede ist: Er polemisiert, poltert und lässt kein gutes Haar an seinem Gegner. Ein beredtes Zeugnis legt ein Interview mit dem Radio Corax ab, in dem er hinsichtlich Aussehen und Gesinnung behauptet: „Linke sind hässlich.“ Man könnte sich – wie wir im Bündnis – streiten, ob dies als Beschimpfung oder als Zuspitzung einer Analyse zu gelten hat. Einig sind wir uns darin, dass wir seinen Thesen zum Thema Integration in Leipzig Gehör verschaffen wollen und Wertmüllers Rhetorik kein Vorwand sein darf, eine Veranstaltung mit ihm zu unterbinden.
Von wegen Beschimpfung: Wie hält es eigentlich die linke Szene selbst damit? Auf linken Demonstrationen im Umland von Leipzig ist es beispielsweise üblich, „Kühe, Schweine, Ostdeutschland“ zu rufen, um alle Umstehenden pauschal als provinziell zu verurteilen, bevor man mit Wochenendticket und Regionalbahn zurück in die Metropole an der Pleiße fährt. Die Überschrift einer Conne-Island-Stellungnahme ist mit „Cosmopolitan Krauts? Fuck off!“ auch nicht gerade zimperlich und schafft cool den sprachlichen Spagat zwischen Kosmopolitismus, Sauerkraut und Ficken. Der AFBL attestierte an anderer Stelle gleich der ganzen „Normalbevölkerung“, genauso antisemitisch und rassistisch wie Nazis zu sein.
Die linke Szene beleidigt die immer schon durchweg antisemitische, rassistische und sexistische Mehrheitsgesellschaft, die sie jeder gesellschaftlichen Verbesserung zum Trotz immer wieder heraufbeschwören muss und die sie so bitter benötigt, um sich als das bessere Kollektiv zu konstituieren. Justus Wertmüller hingegen trifft die linke Szene selbst. In diesem Sinne machte auch ein Teilnehmer des Plenums geltend, sich in seinem „eigenen Laden nicht mehr wohlfühlen“ zu können, wenn Wertmüller käme.
Als Gegenentwurf zur bösen Gesellschaft stiftet sich die linke Szene als gute Gemeinschaft. Man versteht sich auf die politisch korrekte Redeweise, hat mindestens ein Plenum, kleidet sich szenekonform und grenzt sich vom Pöbel ab. Die Harmonie und der innere Frieden darf in diesem Entwurf nicht von außen gefährdet werden. Nur so ist es nachzuvollziehen, wenn Justus Wertmüller der zentnerschwere Vorwurf gemacht wird, er sei anti-links.
Früher waren Veranstaltungen mit Justus Wertmüller auch im Conne Island möglich. Auch wenn der „Laden“ einer linken Szene nahestand, war er nicht identisch mit ihr, was im Vergleich zu traditionellen linken Jugendzentren ein höheres Maß an Offenheit erlaubte. Aber das Conne Island entwickelt sich offenbar von einem Ort der Kontroverse zu einem klassischen autonomen Zentrum, in dem es um Konsense, diffuse Standards und Wohlfühlatmosphäre geht. Das Conne Island verkommt so zum zweiten Wohnzimmer, aus dem man denjenigen rauswirft, der mit seinen dreckigen Schuhen über den Teppich läuft und seine Füße auf den Tisch legt. Das kuschelige Wohnzimmer soll unter Kontrolle bleiben. Derjenige, der verdächtig ist, sich nicht an die Hausordnung zu halten, wird gar nicht erst reingelassen.
Veranstaltungen sind nicht dazu da, um den Betriebsfrieden zu wahren. Eine kritische Auseinandersetzung hat nichts mit Wohlfühlen zu tun. Wer sich wohlfühlen möchte, dem sei ein Spaziergang oder die Lektüre eines gefälligen Romans angeraten. Unsere Absicht ist es, eine Diskussionsveranstaltung durchzuführen, die Standards in Frage stellt und zum Streit nötigt. Für Veranstaltungen dieser Natur ist im Conne Island offensichtlich kein Raum mehr.

Bündnis gegen Antisemitismus

 

30.11.2010
Conne Island, Koburger Str. 3, 04277 Leipzig
Tel.: 0341-3013028, Fax: 0341-3026503
info@conne-island.de, tickets@conne-island.de