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Aktuelles Heft

INHALT #179

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„Dumbshit“
Future Islands
„Live-gespielte Clubmusik“
»Voller Entsetzen aber nicht verzweifelt«
Keith Caputo & Band
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Who Knew
Tanzstern Galactica
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Dark Tranquility, Insomnium
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Geschichtsstunde mit Maos Gespenstern

Buchcover

Jens Benicke: Von Adorno zu Mao. Über die schlechte Aufhebung der antiautoriären Bewegung. Freiburg: ça ira Verlag, 2010

Das Buch kann im Infoladen Leipzig ausgeliehen werden

Mit dem vorliegenden Buch liegt nun die Dissertation von Jens Benicke als Veröffentlichung vor. Der Autor beschreibt in dieser Publikation den Zerfall der westdeutschen Studentenbewegung und die daraus hervorgehenden Gründungen der K-Gruppen. Man merkt dem Buch seine akademische Herkunft aus den Politikwissenschaften an. Nicht weniger als 626 Fußnoten, zumeist Literaturangaben, werden aufgeführt – und das bei knapp 180 Seiten Text. Diese umfassende Auswertung von Archivmaterial ist eine der Stärken dieser Arbeit.
Es handelt sich um eine ideengeschichtliche Studie. Weitestgehend folgt diese einem historischen Abriß: nämlich der Frage, wann und von wem welche Positionen vertreten wurden. Synopsis: Die Studentenbewegung mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) als wichtigster Organisationsform bezog sich noch partiell positiv auf die Kritische Theorie; auf ihrem Höhepunkt zersplitterte die Bewegung und es folgte u.a. die Hinwendung zu Marxismus-Leninismus und Maoismus und die Gründung der K-Gruppen sowie ein Verwerfen der Kritischen Theorie.

Der Autor listet dabei verschiedene Strömungen auf (DKP, Spontis, Trotzkisten/Anarchisten, „Marsch durch die Institutionen“-Fraktion, Psychosekten, Frauenbewegung, K-Gruppen), die aus der „Konkursmasse“ der Studentenbewegung hervorgingen (S.99). Schon die Geschichte der Studentenbewegung verlief keineswegs einheitlich. Infolgedessen teilte sich hier auch nicht Eins in viele, denn die Studentenbewegung vertrat keine monolithischen Positionen. Jens Benicke schafft es die regionalen und theoretischen Unterschiede herauszustellen. Hier eine kohärente Erzählung vorzulegen, ohne die Besonderheiten, Brüche und Verwerfungen im Zuge einer Vereinfachung untergehen zu lassen, macht das Buch lesenswert.

Ausgangspunkt ist die Entstehung der Studentenbewegung in Westdeutschland und deren Erstarken in der 2. Hälfte der 1960er Jahre. Das Hauptaugenmerk ist hierbei auf den SDS gerichtet. Dabei fasst der Autor die Studentenbewegung nicht als Fortführung der alten Arbeiterbewegung sondern als „Neue Linke“. Aus dieser antiautoritären Linken gingen die autoritären K-Gruppen hervor. Insofern enstand das historische Paradox, dass Teile der genuin undogmatischen Linken eine Retraditionalisierung herbeisehnten und an orthodoxen Modellen von Marxismus-Leninismus/Maoismus anknüpfen wollten. Was auch zum Teil von den beteiligten Aktivistinnen und Aktivisten selbst eine Abkehr von den alten Positionen erforderte. Der Autor stellt die These auf, dass die K-Gruppen auch personell aus der Studentenbewegung hervorgegangen seien (S.121). Dies bleibt allerdings – wie er selbst angemerkt – empirisch nicht belegbar.

Was an der Stelle ebenso unbelegt bleibt, ist die inhaltliche Bestimmung der verwendeten Klassifikationen. Ein Wandel von antiautoritärer zur autoritärer Linken wird nicht näher erörtert. Der Autor bezeichnet die Wortwahl des Heidelberger SDS hinsichtlich der „Liquidierung der antiautoritären Phase“ als „stalinoid“ (S.89). Nun haben Stalinismus-Vorwürfe eine lange Tradition, sagen aber wenig über das tatsächliche Gebahren der betreffenden Organisation aus. Es bleibt dazu bei vereinzelten Sätzen, die nicht weiter ausgeführt werden: „Intern sind alle K-Gruppen streng hierarchisch und autoritär organisiert.“ (S.121). Man wünscht sich an diesen Stellen eine größere Klarheit bei diesen verwendeten Begrifflichkeiten.
Der Autor liefert implizit einige Merkmale, etwa die Führung des Proletariats durch die neo-leninistischen Kaderparteien (S.102). Allerdings bleiben weitere Merkmale (Personenkult, Diktatur der Partei, interne Hierarchien) unbenannt. Der gemeinte Sinn scheint an einigen Stellen durch, wie im Kapitel zur Rolle der Intellektuellen in den K-Gruppen (S.139ff), wo mit Proletkult eine straffe Organisationsstruktur durchgesetzt werden sollte. Und auch die Organisationsform der Partei wurde ja nicht zufällig gewählt, da eine Partizipation an Wahlen in der Bundesrepublik von den K-Gruppen beabsichtigt wurde.

Kernstück des Buches ist das Abklopfen von Studentenbewegung und K-Gruppen auf Rezeption der Kritischen Theorie. Den Wandel von Orientierung an Kritischer Theorie zu ML/Maoismus beschreibt der Autor pessimistisch als Zerfallsgeschichte – bzw. wie im Untertitel des Buches angedeutet, hegelianisch als schlechte Aufhebung. Dabei differenziert er zwischen den Positionen von Marcuse, Habermas, Horkheimer, Adorno und deren Relevanz innerhalb der Bewegung. Insbesondere die Fokussierung auf Randgruppen unter der Berufung auf Marcuse verfügte über weiten Zuspruch, wurde dann aber innerhalb der „proletarischen Wende“ spätestens ab 1970 zugunsten des revolutionären Subjekts „Proletariat“ aufgegeben – da sich selbst die auf der Randgruppenkonferenz versammelten Organisation lieber dem Industrieproletariat anstatt Heimkindern zuwenden wollten (S.94ff).

Weiterhin zentral ist die Auseinandersetzung mit Theorien zu Faschismus und Nationalsozialismus, die Beurteilung der damaligen politischen Lage in Deutschland sowie das Verhältnis zu Israel. Das Meiste davon dürfte bekannt sein. Stichworte: Antizionismus der Linken nach dem Sechs-Tage-Krieg, Reaktionen auf Entebbe, Entstehung des Antiimperialismus. Am Beispiel der Studentenbewegung wurde dies schon mehrfach abgehandelt, aber auf K-Gruppen bezogen liegt hier der Erkenntnisgewinn, der neue Facetten des Gegenstandes beleuchtet.

Das Buch vermittelt den Nachgeborenen einen Einblick in die fremde Welt der politischen Auseinandersetzungen der damaligen Zeit. Nur erklärt das Buch nichts. Man wird hier keine Begründung finden, warum seit Mitte der 1960er Jahre westdeutsche Linke zunehmend begannen, sich positiv auf Ideen aus China zu beziehen. Was den Maoismus gerade für deutsche Linke so attraktiv machte, beantwortet der Autor nicht – ist aber auch nicht seine Fragestellung. Das Kapitel über „Faszination Kulturrevolution“ umfasst gerade einmal zwei Seiten und listet hier eher lapidar die beiden Gründe Kulturrevolution als Revolution der Jugend gegen die alte Herrschaft sowie die Befreiung vom entfremdeten Dasein der westlichen Konsumgesellschaft auf (S.82f). Aus heutiger Sicht ist dies alles kaum nachzuvollziehen beim Gedanken an die Konterfeis des greisen Mao Tse-tungs. Warum also gerade Maoismus in der Bundesrepublik der damaligen Zeit? Dass der Rekurs auf Theorie anders verlaufen kann, zeigt der Blick nach Italien, wo etwa zur gleichen Zeit ab Ende der 1960er Jahre aus der Erfahrung der massenhaften Streiks operaistische Ideen innerhalb der antiautoritären Linken hegemonial wurden.
An dieser Stelle liefert der Autor ebenso keine überzeugende Antwort auf das Warum der Transformation von Studentenbewegung zu K-Gruppen: Er stellt die Unsicherheit der Studentenbewegung gegen die Sicherheit des geschlossenen Weltbild der K-Gruppen (S.190).

Ebenso scheint teilweise die Trennung zwischen Marxismus-Leninismus und Maoismus wenig trennscharf. Wobei dies weniger dem Autor als den K-Gruppen zuzuschreiben sein dürfte, die selbst ein diffuses Gemisch an unterschiedlichen Theorieansätzen verwendeten. Am Beispiel der RAF wird dies deutlich, die in ihrer inhaltlichen Ausrichtung eine Metamorphose durchlief von ML/Maoismus über Antiimperialismus hin zur Orientierung an sozialen Bewegungen (S.127ff).

Zusammenfassend: Das vorliegende Buch ist in einem nüchternen Tonfall geschrieben und liefert eine sachlich gehaltene Beschreibung. Gerade die Darstellung der Organisationen und der dort rezipierten Theorien ist gelungen. So wirft der Autor selbst bei dem Befund Intellektuellenfeindschaft nicht pauschal antisemitisches bzw. völkisches Denken vor, sondern differenziert hier. Feindschaft gegen Intellektuelle ist bei ihm in erster Linie Feindschaft gegen Intellektuelle und eben nicht Antisemitismus (wenngleich diese auch Elemente von letzterem aufweist). Diese deskriptive Methode mit ihrer analytischen Klarheit ist Stärke der Publikation.

Allerdings dürfte genau dies auch potentiell interessierte Leserinnen und Leser abschrecken. Denn es gibt nichts zu lernen, nichts mitzunehmen und nichts für die Gegenwart zu verwerten. Das Buch sperrt sich gegen einen instrumentellen Zugriff der Jetztzeit auf die Vergangenheit. Es ist dem Autoren hoch anzurechnen, dass er nicht mit der üblichen linken Nutzbarkeitsabwägung den Gegenstand zerklaubt. Das Recycling der Geschichte anhand des Erkenntnisinteresses „was denn heute noch von damals zu gebrauchen sei“ bleibt außen vor. In dem Sinne handelt es sich bei dieser Arbeit um keinen Bannfluch, der eine erneute Materialisierung von „Maos Gespenstern“ verhindern will. Denn dafür erscheinen die beschriebenen Phänomene zum einen als zu trivial und nicht bösartig genug, zum anderen deren Wiederkehr als gänzlich unwahrscheinlich (als hätte sich der Spuk des Mao-Kults mit dessen Ableben 1976 für immer erledigt). Somit taugt das Buch weder als ideologische Munition in der Verwertung der Post-1968er-Geschichte noch als als Beitrag in der Debatte zum aktuellen deutschen China-Komplex.

Für eine weitergehende Beschäftigung mit dem Maoismus dürfte ein Blick in das Buch „Maoismus“ von Henning Böke (siehe Review in CEE IEH #151) lohnen.

Unkultur Blog (http://unkultur.olifani.de)

23.08.2010
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